ES KENNZEICHNET die zeitgenössische Gesellschaft, dass sie im «Prinzip Risiko» Zeit und Zukunft thematisiert. Wie relativ und kulturspezifisch das Risikobewusstsein ausgeprägt ist, zeigt derzeit der unterschiedliche Umgang mit dem Problem des Rinderwahnsinns. Während Europa das grösste Blutopfer seit der Einführung des industriellen Schlachtens veranstaltet und die Deutschen vor den Reformhäusern Schlange stehen, wirbt das Pariser Billigkaufhaus Tati für seine Dumpingpreise auf riesigen Plakatflächen mit dem Slogan «C'est folle, la vache». Spinnen die Gallier? Mag sein. Vielleicht fällt ihnen aber auch die Einsicht leichter, dass der Ruf nach Taten oder die Forderung nach einer ethischen Lösung keinen Ausweg aus der Risikofalle bietet.
Was man auch tut oder unterlässt, die Entscheidung selbst bleibt riskant. Hätten wir die Genforschung aus prinzipiellen Bedenken gestoppt, müssten wir heute auf lebensrettende oder lebensverlängernde Arzneimittel verzichten. Aber geht es uns deshalb schon besser? Wir wissen es nicht. Es hat sich indes bestätigt, was Dürrenmatts «Physiker» bereits in den sechziger Jahren wussten: Was einmal gedacht ist, kann nicht zurückgenommen werden. «Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein. Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.»
Seit wir an nichts mehr glauben, müssen wir gegen alles versichert sein. Auch das aufgeklärte Individuum bleibt offensichtlich ohne ein schützendes Dach über dem Kopf eine unbehauste Existenz. Unsicherheit fürchtet der in die Selbstbestimmung entlassene Mensch mehr als der Teufel das Weihwasser. Theologische Begriffe wie Vorsehung, Gnade oder Fügung hatte das aufgeklärte Zeitalter schon aus seinem Apparat gestrichen, als die Moderne Gott für tot erklärte. In der untergehenden Sonne der Theologie werfen die Paläste der Versicherungsgesellschaften lange Schatten.
Wie das Erlösungsversprechen der Religion vom Horizont der modernen Gesellschaft verschwand und einem System von Versicherungsleistungen Platz machte, stellte sich das Bewusstsein, innerhalb einer festen kosmologischen Ordnung stets eines Unheils gewärtig zu sein, auf das Kalkulieren mit verhandelbaren Schadensgrössen um. Vermochte die Religion dem auf Gott bezogenen Menschen ein Programm der Lebensführung mit Aussicht auf einen Platz im Himmelreich bereitzustellen, bietet das Assekuranzsystem ein umfassendes Versicherungspaket zur innerweltlichen Gefahrenbewältigung an. Risikokalkulation ist, wie der Soziologe Niklas Luhmann sagt, der «säkulare Gegenfall» zur Beichte. Jeder Sünder ist tendenziell unterversichert. Wer aber seine Prämie rechtzeitig bezahlt, hat keinen Grund zur Reue. Wo keine Ablassbriefe mehr helfen, müssen Versicherungspolicen her.
Indem sie ständig neue Risikobereiche erschliessen, regulieren die findigen Assekuranzen die Sinn- und Seinsdefizite der modernen Gesellschaft. Mit immer höheren Sicherheitsstandards hat der wachsende Markt für Risikobewältigung das verunsicherte Individuum in eine «Rundum sorglos»-Mentalität getrieben und damit tief in das subjektive Risikoempfinden eingegriffen.
Als gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Italien die ersten Prämienversicherungen gegen die Gefährdungen der Seefahrt entstanden, war Risikoabschätzung noch wenig verbreitet. Heute ist «Fortschritt» der Name des Bootes, auf dem wir in See stechen. Doch die treibenden Kräfte, die uns befähigen, vom Ufer loszumachen, bergen zugleich tödliche Gefahren. Der Physiker Werner Heisenberg hat das Boot mit Namen «Fortschritt» als eine mit Technologie aufgeladene Fregatte beschrieben, deren Magnetnadel im Kompass keine Himmelsrichtung mehr anzeigt, sondern auf den Stahlkörper des Supertankers selbst weist. Mit Luhmann wissen wir, dass sich in Paradoxien der Zustand moderner Gesellschaften noch am treffendsten fassen lässt. «Je mehr man weiss, desto mehr weiss man, was man nicht weiss, und desto eher bildet sich ein Risikobewusstsein aus.»
Mit den gegenwärtigen Bedrohungsszenarien ist der Sündenfall an den Ernstfall gekoppelt. Die Figur der Katastrophe hat die panische Moderne in eine Endlosdebatte verstrickt. Im Bann des Unkalkulierbaren streiten Experten über Fragen, die sie nicht beantworten können, über Gutachten, die mit Vermutungen operieren, und über Risiken, für die sie keine Vergleichsgrössen haben. Sie alle wissen definitiv nur eines: dass es keine Sicherheit gibt. Es kommt, wie es kommt. Wer morgen aufhört zu rauchen, dem kann übermorgen ein morscher Baum auf den Kopf fallen
Sollen wir also den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und uns schicksalsgläubig dem, was da kommen mag, fügen? «Wo bleibt ein naturwissenschaftlicher Luther», fragt der Soziologe Ulrich Beck, «der den Wissenschaftspäpsten ihre Sünden wider den Geist von Erfahrungswissenschaft und Humanität vorhält und damit den bitter nötigen Streit um eine durchgreifende Erkenntnisreform der Wissenschaft vom Zaun bricht?» Ulrich Becks Studie über die «Risikogesellschaft», deren Titel wie ein Fanal binnen kurzem das Vokabular der Alltagssprache erobert hat, erschien im Jahre 1986; im Jahr der Reaktorhavarie von Tschernobyl. In Luhmanns «Soziologie des Risikos», die fünf Jahre später herauskam, wird die Beschreibung der Lage, in die wir uns manövriert haben, weiterentwickelt. Es charakterisiert moderne Gesellschaften, dass sie Gefahren in Risiken verwandeln. Wenn man nicht mehr beten kann oder will, muss man sich anderweitig versichern.
Wer die Bedrohung der eigenen Lebenswelt nicht mehr als etwas Externes, von aussen an den Menschen Heranreichendes begreift, sondern zunehmend als etwas Internes, aus selbst produzierten Zusammenhängen Entstehendes erfährt, der spricht von Risiken statt von Gefahren. Mit der Gefahr, krank zu werden, müssen wir leben, das Risiko können wir indes mit einer vernünftigen Lebensweise beeinflussen. Die Gefahr, Opfer eines Autounfalls zu werden, können wir nicht ausschliessen, das Risiko schwerer Verletzungen aber mit Sicherheitsvorkehrungen reduzieren.
Mit der Umstellung von Gefahren auf Risiken hat das moderne Katastrophenmanagement auch den Übergang von «Unheil» zu «Schaden» vollzogen. Ein Unheil kommt über uns, ein Schadensfall rechnet bereits in kalkulierbaren Grössenordnungen. Aus dem demütigen Sünder ist ein abwägender Risikobürger geworden. Der Stachel der Unsicherheit steckt indes noch tief in seiner Seele. Das Sündenregister des alten Christenmenschen ist in der katastrophischen Moderne in Form der Endzeitängste zurückgekehrt. Da wir nicht mehr in der Risikokonstellation von Seefahrern und Pilzsammlern leben, sondern mit dem Industriezeitalter die Überführung von Gefahren in Risiken im grossen Stil entfesselt haben, sehen wir uns mit immer mehr Bedrohungspotentialen konfrontiert, die wir als Folgen verhängnisvoller Fehlentscheidungen interpretieren. Aber was wissen wir wirklich, und was können wir wissen?
Die Lage ist unübersichtlich. Apokalyptische Bilder und hysterische Aufgeregtheit begleiten den fahrlässigen Zweckoptimismus der Macher. Staat und Gesellschaft erweisen sich als Dauerproduzenten von Risiken und setzen zur Problembewirtschaftung ein Debattenkarussell in Bewegung, das die Krise als permanentes Palaver inszeniert. Wo Reflexion angezeigt wäre, dominiert Panik. Auch die wohlfeile Forderung nach einer ethischen Lösung zielt, wie Luhmann sagt, am Ernst der Lage vorbei. «Wir kategorisieren Störungen als Irrtümer, so als ob wir das richtige Wissen oder seine Anwendung nur verfehlt hätten.» Diese Fehleinschätzung zementiert die Spaltung der Gesellschaft in Befürworter und Gegner, Verursacher und Betroffene, Zyniker und Moralisten, Helden und Hasardeure. Oft scheint es, dass die Aufrechterhaltung des Freund-Feind-Schemas für das Weltbild der Kontrahenten wichtiger ist als die vorgebliche Sorge um die Welt selbst.
Die Geschichtsphilosophie des Prinzips Hoffnung, das den Aufbruch in diesem Jahrhundert markierte, ist an dessen Ende in die Open-end-Dramatik des Prinzips Risiko eingetreten. Das klassische Modell des Lernens aus Schaden sieht der Philosoph Peter Sloterdijk als gescheitert an. «Alle künftigen Lernprozesse auf Gattungsebene werden von einem fast unlösbaren Transmissionsproblem belastet sein - der Frage, wie sich erworbene und verkörperte Intelligenz von klug Gewordenen auf Unkluge übertragen lässt, allgemeiner gesprochen, wie sich individuierte Einsichten in soziale Institutionen und technische Systeme einbauen lassen.»
Aber Systeme sind nicht lernfähig. Technische Störungen haben eine andere Dynamik als menschliche Irrtümer. Und die Politik sieht sich heute dem Dilemma ausgesetzt, dass Risikokontrolle hinter der fortschreitenden Risikoproduktion zurückbleibt. Der Gefahrentransport rollt, während die Experten im letzten Wagen sitzen und diskutieren. Keiner weiss, ob die Fracht sicher ihren Zielort erreicht. Genausowenig wissen wir, was passiert, wenn wir den Zug auf offener Strecke anhalten. Wir können der Bedrohung nur begegnen, indem wir die Lage erkennen, angemessen analysieren und nüchtern diskutieren. Alles andere ist panische Betriebsamkeit oder, wie Sloterdijk sagt, «Biedermeier mit Raketen».
Stephan Krass ist Kulturredaktor beim Südwestfunk. Er lebt in Freiburg im Breisgau.