NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

Carte Blanche -- Letztkönig; für Ludwig Sechzehn

Von Jürg Laederach

GESTERN WAR ER noch ein ganz schlaffes, liebes, grünes, lustiges Feldwebelchen. Und ein paar Stunden später ein sehniger Haudrauf. Mit gewaltigen Muskeln, dichtem Nackenbusch, bösen brennenden furchteinflössenden Nüstern. Gewicht, wie biss mich der Hintern in der Falte an diesem Morgen.

Auf einmal sass er oben.

Ich vernichte nunmehr, Robespierre, der Geschichte zuliebe, was sei. Ich verschweige meinen Herrscher, den braunen granden rotkronigen Alten, dessen schwarzer Atem meist zu ihm zurückkam. Und verschweige noch etwas. Den ganzen üblen nächtlichen Lärm.

Efeu, umschlingend, Haken, saugend, wucherte allmählich in unserem blitzenden granden Palast mit der Bewachsung. Tauben fielen von den Türmen des Gehäuses, die Griffe brachen von den Fenstern.

Es kamen die schmallippigen Weisheitstage. Meine granden Mitsoldaten brüllten leise, brüllten doch beim Einschlafen. Majordomo, Mundschenk spannten die Tischdecke, wandten sich die gähnenden, runden Rücken zu. Alle wussten, was geschah, was geschehen würde. Mich liess es aus. Ich blieb draussen.

König, der unflätige, beinharte Dotterer, riss, als die Post kam, vor dem Palast die jungen schamlosen Nesseln aus, beleuchtete auf bedächtigem erdbeerfarbenem Feuer die weisse Echse unseres granden rosigen Mondkalbs von unten.

Zubereitung. Der Fleischball der Kreatur bronzte greulich, doch ihre dünne, brüchige Haut wurde brotfarben gebacken.

Schluchzten wir alle. König kehrte uns laut lachend den Hosenlatz zu. Brach er in die Kammer des Majordomos ein, nahm ein Eisbein aus dem Holz. Grunzte er damit weiter, verlief sich bei den schnellen Wagen.

Wie gesellenvertreibend er war.

Wir bildeten einen Kreis. Vorsänger beklagte König, den blähig granden rotkronigen Regierenden. Und kosteten allesamt in grauem Kummer von der blitzenden Erregung.

Er lag am Morgen auf dem Lager, schlief. Uns fiel auf, dass seine Hand aus den Gelenken war. Von einem überfahrenden Wagen. Mundschenk kniete sich neben das Lager, nahm ihm behutsam drei Finger ab. König schlief, träumte sie weiter.

Einmal schrie Majordomo ihn an Vorsänger vorbei überdrüssig an: König, du gemeines bösartiges Huhn, stolper weg von uns, wir wollen dich nicht mehr wahrnehmen.

Königs Tropfen flossen spärlich. Man nahm an, sobald er dies höre, werde er uns die Pferde anzünden.

König erwiderte nichts, aber frass den Fleischball, frass die ganze Brutzel leer. Meine granden Mitsoldaten sahen züngelnd zu, wie er alle Krusten allein zerbiss.

Majordomo blickte Mundschenk an. Die Wut kam ihnen zu den Fingern heraus. Majordomo war, ich sah es, vom Blut verlassen, wankte. Er fürchtete sich vor dem König, indem er fürchtete, die Beherrschung zu verlieren, dann etwas zu tun, wovon er sich fürchtete.

Dies alles unterband er schon gleich durch seine Anfangs-Furcht.

Ich trat aus dem Kreis, klopfte König stark auf die Backe. Er griff meine Schultern, drehte mein Gesicht zur Wand, schnellte aus dem Saal. Schob mir seine Zähne ins Gesicht, erstattete knirschend Meldung.

Fiebernd wälzte ich mich auf meiner Matte. Mich biss noch die Haut an Schulter, dort, wo der König mir zugesetzt hatte. Da schwebte er. Spät am Abend. Er fuhr durchs Oberlicht, breitete sich im Zimmer aus.

Ich habe dem Rittmeister die Pferde abgestochen, in ihren Bäuchen schläft auf dem strohgelben Darm seine Stute. Langsam heben senken sich ihre Schlüsselbeine. Schon greift das Messer nach ihrem Lager. Mein Messer. Sie erwacht im zerschnittenen Bett. Und die weisse Klinge ritzt ihre rötlichen Beine wunderwund. Und ihr Kopf wird grau, denn ihr Scheitel altert. Grau, gealtert, hörst du den Schnitt? Aus der annehmbaren mageren Stute des Rittmeisters wächst eine Graumähne.

Ja, doch, ja. Verschwunden. Ich weiss nichts.

Wir führten ihn ins garottige Beinhaus. Nur zum Zuschauen. Sobald er einsah, dass die Fleischer ihn hacken wollten, fiel er sie an, presste sie gegen ein Lamm, gegen ein Kalb, schlug sie zu Brei. Daraufhin schlangen sie Ketten um ihn, schossen mit Bolzenmaschinen aus Faden auf ihn, wozu sie gereizt leise brüllten. König spie Galle, Worte, Gott, lärmte wich aus. Ja, Mundschenk, wie, mit was für schneidender leiser Stimme. Seine Stimme füllte die Beinhausfluchten, über mehrere Lämmerbäuche, Kälberrücken. Wir führten König in den Tiegelraum der Apotheker. Sie sagten, König sei aktiv.

Wieso aktiv? Warum aktiv? Als ich mit Majordomo von dem garottigen Beinhaus nach Hause ging, bemerkte ich, dass auch die Gitter der heranfahrenden Käfigfuhrwerke mit ungehemmter Lautgebung erfüllt waren. Wenn ich mit dem Fuss irgendwohin tastete, brach aus den Stäben dieses abstossende Flüstern leiser Schreie heraus. Noch an demselben Nachmittag brach König durch die Gitter. Er verbog die Stäbe, dass ein Ei hindurchkam, hüpfte auf den Weg hinaus. Brach sich einen Zahn an der Rotkrone nach innen, kam nach Hause. Gekrochen.

Weshalb aktiv? Woher beweglich?

Zöge er eine Bugwelle nach, in ihr der obszöne Lärm.

Es war spät am Nachmittag, sechs Uhr. Alles schlief, als König heimkam. Alles hörte ich deutlich, aber ich blieb ausserhalb. Er kroch durch das Fenster am Boden, während die Katze durch den Spalt an der Decke knisterte.

Und mit ihrer nassen verjährten Falte stülpte sich die weisse Pferdedecke über unseren granden Palast.

Ich schlief nicht mehr lange. Suchte die Eisenspange hervor. Knüpfte eine Feile aus Schnur, eine zahnige Säge aus Seide bis zu Königs Lager.

Der Brunnen im Hof wurde die Tiefe meiner dumpfen, ungenügenden Reue. Reue im Schacht kommt um. Die Hände zitterten, abgewischt an der Schürze.

Ich zog einen Streben der Eisenspange unter seinem eiförmigen, debattierenden, zerschlagenen Schädel durch.

Steckte das Ende in die Feile, wickelte die Schnur durch die Schlinge, womit die Zähne in die Säge griffen, wonach nicht die Spange, sondern die Entfernung zwischen Streben und Spange kurzgeschnitten wurde.

Die Vorrichtung lief ihre Zeit warm.

Ich geriet in Eile, zog an den schnurförmigen Seilschaften, die das Eisen in Bewegung setzten. Warmberührt schnappte die Spange zu. Königs Hals quetschte vor sich selber.

König öffnete die Augen. Zum Erwachen war die Vorstellung zu kurz. Dann seufzte er heftig, blies aus, stiess die Ellenbogen auf das gelbe Stroh in der Mulde. Sein unbehauener grander Fleischball zuckte unter meinen Lenden, kurz, richtig, nicht lange.

Auf der Flamme, in der Mulde lag etwas Ausgezehrtes, grand Aufgeblasenes. Ortsmässig eingedrückt. Strassenbreite Brauen.

Dann hörten Mundschenk, Majordomo, wie Königs erkaltender Fleischball zwischen meinen Händen aufging. Ich setzte das Stroh in Brand.

Majordomo mit den Ellenbogen in den versteckten Trotz stossen, meine granden Mitsoldaten an den Helmen über den Hof schleifen.

Ich durfte einen Wunsch äussern. Äusserte nicht diesen. Ich wünschte mir wieder König den letzten.

Dieses Brennen des Gedankens noch einmal fühlen. Möchte des granden Königs Gruss hören, der das Nichts einbittet. Ich war nicht dabei, von ausserhalb gesehen.

Ich schlafe weich, im allgemeinen, der Geschichte zuliebe, Robespierre, liege ich auf Nadeln aus gepeitschter Seide.


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