ALS KLEINER JUNGE entschloss ich mich einst, Gott von Angesicht zu Angesicht ins Auge zu sehen, und sei es um den Preis meines Lebens. Mir war eingeschärft worden, in der Synagoge des Vororts von Boston, Massachusetts, wo meine Familie sich jeden Sonnabend zum Gebet versammelte, während der Segnung gegen Ende des Gottesdienstes den Kopf stets gesenkt zu halten. Es sei wichtig, dass ich meine Augen zu Boden richte, weil Gott in diesem Augenblick durch die Synagoge gehe, und wie ich aus der Bibel nur zu gut wusste, konnte niemand Gottes Antlitz schauen, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen. Selbst Moses, der grösste unserer Führer, hatte nur einen kurzen Blick auf den Rücken der Gottheit erhascht; ein Gegenübertreten von Angesicht zu Angesicht hätte den sicheren Tod bedeutet.
Wochenlang kämpfte ich mit dem unwiderstehlichen Impuls, dieses machtvolle Tabu zu durchbrechen, ein Tabu, das in meinem Verstande aufs engste mit dem Verbot verknüpft war, Gott beim Namen zu nennen. Wenn wir dem göttlichen Tetragramm - J-H-W-H - begegneten, durften wir den Laut, den diese vier hebräischen Buchstaben zusammen ergaben, nicht aussprechen, sondern mussten uns mit einem anderen Wort, Adonai oder Herr, zufriedengeben. In der Einsamkeit meines Schlafzimmers experimentierte ich mit den Möglichkeiten, den mystischen Namen auszusprechen, aber ich konnte mir nie sicher sein, ob ich die richtige Variante getroffen hatte. Offenbar war der geheime Laut schon für immer verloren. Das wunderbare Angesicht Gottes zu erblicken schien jedoch nach wie vor eine reale Möglichkeit, wenngleich mir dafür eine schreckliche Strafe drohte. Ich brauchte nichts anderes zu tun, als meinen Kopf zu heben und aufzuschauen. An meinem sofortigen Tod bestand kein Zweifel, aber erst nachdem ich die Erscheinung gesehen hätte.
Meinen Eltern mochte ich von meinem inneren Ringen nichts erzählen, da ich wusste, dass sie alles daransetzen würden, mich von dem höchsten Opfer abzuhalten. Meinem älteren Bruder gegenüber deutete ich mein Vorhaben zwar an, aber der sah nur leicht amüsiert und verächtlich auf mich herab, wie es ältere Brüder eben zu tun pflegen, und ich schloss, dass er das ganze Ausmass meines tollkühnen Wagnisses nicht ermessen hatte und insgeheim an meiner Entschlossenheit zweifelte, mich um jeden Preis in den Besitz des wunderbaren Anblicks zu bringen.
Und so schritt ich denn eines Samstagmorgens zur Tat, es war vielleicht das einzige Mal, dass ich in meinem Leben wirklich Mut bewiesen habe. Der Rabbi in seiner schwarzen Robe streckte die Arme aus und stimmte den Segen an. Ich senkte mein Haupt, befahl mich dem Schicksal und zwang mich dann, Millimeter für Millimeter den Blick zu heben. Und was sah ich? Ich und einige andere irregeleitete Kinder waren die einzigen Menschen in der ganzen Synagoge, die tatsächlich zu Boden sahen. Alle anderen schauten sich um, zwinkerten ihren Nachbarn oder Freunden zu, grüssten verstohlen, lächelten, streckten ihre Glieder oder gähnten still vor sich hin. Keine mysteriöse Gegenwart Gottes, kein Blick in die Transzendenz, kein Wunder. Selbst heute, Jahrzehnte danach, stehe ich noch immer fassungslos vor der empörten Erkenntnis: ICH WAR BELOGEN WORDEN.
Aber mit dieser Enttäuschung, so unwiderruflich sie auch sein mochte, war die Geschichte noch nicht zu Ende. Als ich meine Mutter wütend zur Rede stellte und wissen wollte, warum sie mich getäuscht habe, erklärte sie mir seelenruhig, es sei wichtig, so zu tun, «als ob» Gott durch den Raum gehe. Diese Formulierung war keine blosse Ausrede, sie ist vielmehr ein alter und lebendiger Bestandteil der jüdischen Tradition. Die Haggada, die alljährlich an Passah zum Seder, der Mahlzeit zum Gedächtnis an den Auszug aus Ägypten, verlesen wird, zielt auf die beständige Erneuerung einer uralten Erfahrung: «In jedem Geschlecht und Zeitalter ist jeder verpflichtet sich vorzustellen, als ob er gleichsam selbst aus Ägypten gegangen wäre, denn so sagt die Schrift: <Du sollst deinem Sohne an jenem Tage erzählen und sagen: Um dessentwillen, was der Ewige mir getan, als ich aus Ägypten ging.>»
Selbst in sehr jungen Jahren war mir vollkommen bewusst, dass mein Vater in Boston und nicht in Kairo geboren worden war, dass mein Onkel Abraham als halb-professioneller Baseballspieler in Cheyenne arbeitete und nicht als Sklave der Pharaonen und dass mein Onkel Moses, trotz seinem Namen, nicht eigenhändig das Rote Meer geteilt hatte. Die Aufforderung der Haggada ist zweideutig. Wenn man sich begreift «als ob», stellt man zumindest teilweise etwas vor, was man gar nicht ist - der Ausdruck anerkennt eine gewisse Distanz zwischen der wirklichen und der eingebildeten Identität; aber der Ausdruck anerkennt auch die Existenz einer Identität, die man vielleicht noch gar nicht verstanden hat, einer Identität, zu deren Wurzeln und Schicksal man womöglich keinen rechten Zugang hat, die man von seinem Vater ererbt hat und dieser wiederum von seinem Vater. Das Essen ungesäuerten Brotes namens Matze und das Trinken des Weins während des Passahmahls stellt die praktische Umsetzung der Forderung nach einem lebendigen Gedächtnis dar, insofern dieses Gedächtnis dabei dem eigenen Körper einverleibt wird, der selbst wiederum ein Teil der Gemeinde ist, die das Essensritual vollzieht.
Dieses Ritual ist, wie mir später klar wurde, eng mit der Eucharistie verknüpft, die ja vermutlich während eines Passahmahls eingeführt wurde: «Da sie aber assen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset, dies ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; dies ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.» (Matthäus 26, 26?28) In dem wahrscheinlich ältesten Teil des Passahrituals wird die Matze erst enthüllt und dann hochgehalten, während auf aramäisch die folgenden Worte rezitiert werden: «Dies ist das Brot der Not, das unsere Väter assen im Lande Ägypten.» Inwiefern unterscheiden sich diese Worte von den Worten Jesu - «Dies ist mein Leib» -, bei denen in der katholischen Messe das Brot in die Höhe gehalten wird? Wenn beim Seder das Brot hochgehaltenwird, kommt es zu einer drastischen Verkürzung der historischen Zeit; die Gegenwart wird in diesem Augenblick so stark von der fernen Vergangenheit durchdrungen, dass die materielle Welt hier und heute in ihren Bann gerät. Aber die Worte Jesu und die kultischen Handlungen, die darum herum entstanden sind, gehen weit über alles hinaus, was die Rabbiner bei der Abfassung der Haggada beabsichtigten; sie überschreiten die Grenze von der Erinnerung zum Wunder.
Im jüdischen Ritual bleibt die Matze, was sie immer war, ein Stück Brot, das auf bestimmte Weise zubereitet wurde. Es kommt zu keiner wundersamen Verwandlung, im Gegenteil, das Brot besitzt nur deswegen eine symbolische Macht, weil es genau das ist, was es ganz offenkundig und buchstäblich auch zu sein scheint. Der Anspruch, ein unmittelbares persönliches Erlebnis der Knechtschaft und der Befreiung zu aktualisieren, wird durch den Satz «Dies ist das Brot der Not, das unsere Väter assen im Lande Ägypten» bekräftigt und konkretisiert. Die Worte oszillieren zwischen Identifikation und Erinnerung, Nähe und Distanz. Dagegen sind in dem Satz «Dies ist mein Leib» sämtliche Spuren des rabbinischen «als ob» getilgt, und die tatsächliche Substanz des Weines verwandelt sich laut katholischem Dogma auf wundersame Weise in Blut.
Es hat natürlich immer Christen gegeben, die dieses Wunder nur schwer verdauen konnten und die, wie ich als Kind in der Synagoge, alles daransetzten, ein sichtbares Zeichen der Wahrheit zu erlangen. Im sechzehnten Jahrhundert stellte sich bei einer wachsenden Zahl von enttäuschten, empörten und verärgerten Zeitgenossen das Gefühl ein, sie seien belogen worden. Die grossen Theologen der Reformation in Zürich und Genf, Zwingli und Calvin, denunzierten öffentlich die Lüge und erklärten, das Brot in der Messe bleibe, was es immer gewesen sei, ein Stück Teig, der auf bestimmte Weise gebacken wurde. Ein physisches Wunder finde nicht statt. Statt dessen vertraten sie die Ansicht - und hier klingen mir die Worte meiner Mutter und des Seder im Ohr -, das Ritual des Abendmahls verfahre, «als ob» Gottes Leib gegenwärtig sei.
Stephen Greenblatt lehrt englische Literatur an der University of California in Berkeley.