Sie halte sich, zusammengefasst, für eine vom Schicksal privilegierte Person, sagt die kleine, schlanke Dame und guckt dabei freundlich durch dicke Brillengläser. Eva Uhlmann ist eine begeisterte Zürcherin. Sie wuchs am Römerhof auf, und im Römerhof-Quartier ist sie bis heute geblieben. Mit dreissig zog sie von zu Hause aus und wechselte mit vierzig dann noch einmal die Wohnung, die ein paar hundert Meter weiter weg lag. «Ich bin jeder Veränderung abhold, bin privat und beruflich extrem stabil. Das mag von aussen langweilig aussehen.» Und von innen? Eva Uhlmann ist zeitlebens ohne Partner geblieben. Und schon gilt es zu relativieren: ohne sogenannten Lebens- und Liebespartner.
Aufgewachsen ist Eva Uhlmann in einer künstlerisch-intellektuellen Familie. Die Ahnengalerie wimmelt von Pfarrern, Ärzten, Musikern. Der Grossvater hatte sechs freche, emanzipierte Töchter, das Pfarrhaus in Winterthur war als «Amazonenkaserne» bekannt. Der Vater war Pianist, Chordirigent und Komponist, die Mutter studierte Psychologie und wurde Graphologiedozentin. Zwei Jahre nach der Hochzeit kam Eva zur Welt. «Ich war Einzelkind, war wohlbehütet und wurde wohl auch verwöhnt, auch von meinen vielen Tanten. Nach der Primarschule kam ich ins Gymi. Das verliess ich aber nach drei Jahren. Ich wollte nicht studieren, was meine Verwandtschaft bedauerte.» Also wechselte sie in die Töchterhandelsschule, danach suchte sie Arbeit.
Das war 1954. Beim Zürcher «Tages-Anzeiger» war eine Stelle als Redaktionssekretärin frei. «Ich meldete mich beim Chefredaktor, Dr. Syfrig, der dann mit meiner Mutter verhandelte. Ich wusste, dass sich auch Kolleginnen gemeldet hatten, und ich war sicher nicht die keckste. Ich fand mich eher ungeschickt, scheu, ziemlich lebensuntüchtig.» Trotzdem erhielt sie die Stelle. Eva Uhlmann war 19 Jahre alt.
Zwischenfrage: Hatte sie da schon eine Bekanntschaft? «Nein. Aber ich dachte, das kommt dann schon. Ich dachte damals ganz in den normalen Kategorien, nahm an, ich werde etwa zwei, drei Jahre arbeiten, dann heiraten und Kinder bekommen.»
Die Arbeit in der hektischen Redaktion machte Eva Uhlmann anfänglich angst. «Ich habe mich die ersten zwei Jahre ziemlich gefürchtet. Dauernd klingelte das Telefon, Leute rannten herein und hinaus, und alles pressierte.» Die wichtigen Herren mit ihren dringenden Aufträgen - sie stürmten um sie herum und an ihr vorbei. Sie fragte sich, ob sie dem wohl auf die Dauer gewachsen sei. 1956, als Russland Ungarn besetzte und der «Tages-Anzeiger» eine Zeitung für die Ungarn-Flüchtlinge herausgab, an der Eva Uhlmann mithalf, ging ihr plötzlich der Knopf auf. «Da machte mir die Arbeit aufs Mal Freude, ich erkannte immer mehr Zusammenhänge. Da nahm es mir den Ärmel hinein.»
Dass mittlerweile drei Jahre um und gemäss Normalprogramm Ehe und Kinder angesagt waren, entging ihr in ihrem neuen Enthusiasmus. Sie versucht sich das heute zu erklären: «Es war ja immer etwas los. Erst der Neubau, da musste ich dabeisein. Und 1963 die Umstrukturierung der Zeitung, auch das wollte ich doch miterleben. Schliesslich merkte ich, dass ich mit der Redaktion ganz und gar verwachsen war.»
Mitte der sechziger Jahre machte man Eva Uhlmann zur Chefsekretärin. Sie war nun seit bald zehn Jahren im Haus, genoss Respekt, kannte die alten und jungen Journalisten - «alle meine missratenen Kinder», wie sie sagt. Die Redaktion wurde ihr immer mehr zur Familie, die Arbeit interessanter und anspruchsvoller.
Aber die grosse Liebe? Das Glück zu zweit?
Eva Uhlmann behauptet nicht, es habe ihr nie an etwas gefehlt. «Nie ein Bébé in den Armen zu halten, dieses Glück nicht zu haben, da war manchmal schon eine leise Trauer.» Auch Liebesfreud und Liebesleid hat es natürlich gegeben. Aber die Beziehungen blieben eher kurz und folgenlos. Und vielleicht war da auch einmal einer, den man nicht haben konnte. «Schlimme Enttäuschungen habe ich aber keine erlebt. Ich sagte mir: Ich habe es hier viel lustiger, habe dreissig, vierzig Männer um mich - statt nur einen missgelaunten zu Hause. Je länger, desto weniger konnte ich mir vorstellen, am Abend nach Hause zu kommen und dort noch jemanden zu haben, der dann auch noch . . .» Sie macht eine wegwerfende Handbewegung und lacht.
Dafür gab es viele Freundschaften, die während der Arbeit entstanden sind und sogar nach Stellenwechseln bestehen blieben. Es gab Besuche, ein kulturelles Leben, Konzerte, Theater - aber meist nur am Wochenende. Unter der Woche stand sie früh auf, las zu Hause die Zeitung, arbeitete dann von 9 bis 19 oder 20 Uhr. «Danach war ich für nicht mehr viel zu gebrauchen.»
Eva Uhlmann formuliert sorgfältig in langen Sätzen, ihre Stimme wechselt von beschwichtigend tiefen Tönen zur Kopfstimme. «Sicher ist aber auch der Richtige nicht gekommen.» Man sagt ihr eine gewisse Distanziertheit nach. «Vielleicht lasse ich andere Menschen nicht nah genug an mich heran, darüber habe ich jedenfalls oft mit meiner Mutter psychologisiert. Ich habe mich aber nie frustriert gefühlt, ich beklage mich nicht.»
Heute ist sie ohne Verwandtschaft. Eltern, Onkel und Tanten sind gestorben, es gibt nur Cousins zweiten Grades, die sie kaum kennt. «Ich bin also das letzte Glied einer - wenn Sie so wollen - originellen, begabten und wohl auch schwierigen Familie. Das gibt mir manchmal zu denken, es ist ein dunkler Punkt, dass da nichts mehr weitergeht. Mag sein, dass ich so etwas wie der Angsttrieb einer aussterbenden Familie bin.»
Die Grossmutter hatte immer wieder gesagt, es sei doch schade, dass die Eva nicht heiratet. Aber die Mutter drängte sie nicht und verteidigte sie, wenn Leute schiefe Bemerkungen machten. «Ich selbst hatte gar nie das Bedürfnis, mich zu erklären. Ich finde andere Leute ja auch manchmal gschpässig.» Als 1980 ihr Vater starb, kam sie der Mutter noch näher. Das Verhältnis zu ihr war schon immer sehr gut gewesen. «Ich hatte von ihrem späten Psychologiestudium profitiert, hatte sozusagen mitstudiert, ihre Arbeiten getippt und mit Studienkolleginnen und -kollegen diskutiert.»
Vielleicht, meint Eva Uhlmann, habe sie einfach Angst gehabt, sich einem einzigen Menschen anzupassen. Sie liebe das Kollektiv, sie war es auch, die 1966 im «Tages-Anzeiger» die Hauszeitung ins Leben rief und heute in Halbtagsanstellung immer noch betreut. An ihrem Schreibstil fällt die sorgfältige, zurückhaltend herzliche Art auf. Die A4-Seiten im Kirchenblättli-Layout sind eines der Elemente, die die Redaktion zusammenhalten. «Wenn es intern rumort, versuche ich, das klar oder zwischen den Zeilen wiederzugeben.»
Sie blieb in ihrer Grossfamilie bis über die Pensionierung hinaus. Ihr Leben lebt sie anders als die meisten - sie macht es mit sich selbst aus. Dass Eva Uhlmann Liebe gibt und Liebe empfängt, daran besteht kein Zweifel. Es geschieht exakt auf ihrer Wellenlänge, sorgfältig, umsichtig, in Zeitlupe. «Sehen Sie, ich habe das alles weder geplant noch bewusst entschieden. Ich habe einfach nur gelebt.»
Albert Kuhn, freier Journalist, lebt in Ennetbaden.