NZZ Folio 01/93 - Thema: Verschwunden   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Ferne Schicksalsgenossen

Von Lilli Binzegger

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?

Ein Zimmer in ruhigem Lampenlicht, ein Feuer glüht im Kamin. Eine oder zwei Schubladen stehen offen, auf dem Experimentiertisch liegen wohlgeordnet Schriftstücke, und nahe dem Feuer ist alles für den Tee bereit: das friedlichste Zimmer, wie man meinen könnte, und, abgesehen von den mit allen möglichen Chemikalien vollgepfropften Glasschränken, der gemütlichste Raum in London, wäre da nicht das von Panik gezeichnete Gesicht von A., dessen Hand hastig schreibend über ein Blatt Papier fliegt.

A:    (zu sich) Ich muss, muss meinen Bericht beenden, ehe . . .

B:     (ist, sagen wir: nebenan, in einem richtigen, nur etwas zu kleinen Menschenzimmer, soeben aus unruhigen Träumen erwacht und liegt auf dem Bett) Was ist mit mir geschehen?

A:    . . . ehe mir wieder geschieht, wie mir gestern geschah, als ich nach dem Frühstück über den Hof ging und dort von neuem von diesen unbeschreiblichen Sensationen gepackt wurde. Ich hatte gerade noch Zeit, den Schutz meines Arbeitszimmers zu erreichen, als mich auch schon wieder diese bösen Leidenschaften durchrasten und durchfröstelten . . .

B:    (schaut sich im Zimmer um) Es ist kein Traum, eigentlich ist alles wie sonst. Dort der Tisch mit der auseinandergepackten Musterkollektion, darüber das Bild, das ich vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in dem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht habe. Alles wie gestern.

A:    . . . und mich wie schon so viele Male zuvor dieser kreissende, wahnwitzige Schmerz durchfuhr. (Es poltert an die Tür.) Um des Himmels willen, seid barmherzig! Mein Gott, nun erkennen sie meine Stimme nicht mehr, nein - viel schlimmer - sie erkennen sie.

B:     (sieht hinüber zur Weckuhr, die auf dem Kasten tickt) Himmlischer Vater! Halb sieben Uhr! (Erschrickt über seine Stimme, in die sich, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes Piepsen mischt).

A:    . . . erkennen sie als die des Lüstlings und Kinderschänders und Mörders, der ich bin und nicht bin. Noch eine halbe Stunde, dann geschieht es wieder, und diesmal für immer - wenn ich nicht den Mut finde, mich im letzten Augenblick selbst zu befreien . . . (schaut entsetzt auf seine Hände)

B:    Schon sieben Uhr. Ehe es ein Viertel acht schlägt, muss ich unbedingt das Bett vollständig verlassen haben.

In die Tür des Zimmers von A. kracht die Axt. Zwei Männer stürmen herein und finden im Zimmer, in dem es nach bitteren Mandeln riecht, einen zusammengekrümmten, noch zuckenden Körper. Sie kommen näher, drehen den Körper, der in viel zu grossen Kleidern steckt, auf den Rücken und erblicken das Antlitz - nicht von A.

B:    (bläst sich ein bisschen auf und wirft die Decke ab) Zunächst werde ich jetzt ruhig und ungestört aufstehen, mich anziehen und frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen. Im Bett komme ich mit Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende.

Von einem ruhigen und ungestörten Aufstehen konnte bei B., der von so ganz anderer Herkunft war als A. und dessen Leben bei einer einzigen, entscheidenden Gemeinsamkeit auch so ganz anders und ganz woanders verlief, obwohl er etwas sehr Wesentliches mit A. teilte - von einem ruhigen Aufstehen konnte bei B. bis ans (unferne) Ende seiner Tage bedauerlicherweise keine Rede mehr sein.

Wer und wer? Keny J. Lehrly und Omar Gassger natürlich!
Auflösung A  ist Henry Jekyll aus Robert  Louis Stevensons  "Dr Jekyll und Mr. Hyde" (1886); B ist Gregor Samsa aus Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" (1912).


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