Unlängst wurde in unserer Firma eine neue Telefonanlage installiert. Der Apparat, den ich aufs Pult bekam - ein «Komforttelefon» -, war eines jener Dinger, die mehr Tasten haben, als es Ziffern gibt. Viel mehr Tasten. Man kann mit ihnen parken (was immer das heisst), makeln (das heisst zwischen zwei Verbindungen hin- und herwechseln), feste und variable Umleitungen programmieren, Kurzwahlnummern, Wahlwiederholung, Direktruf und Zielwahl speichern, zudem Zweitanruf, Anrufschutz, Ansprechschutz, Anrufumleitung und Sammelanschluss ein- oder ausschalten - kurzum eine Menge Dinge tun, die man nie braucht. Auch ein Sprachpostfach gehört zur Ausstattung.
Bloss telefonieren konnte man mit dem Telefon nicht mehr. Entweder blinkte ein rotes Lämpchen, das einem irgend etwas sagen wollte, was man nicht verstand, oder es klingelte, wenn man - hatte man eine Verbindung doch geschafft - mitten in einem Gespräch war, und stellte einem via Display Fragen, die vertrackter zu beantworten waren als die berühmten drei Fragen von Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
Ich setzte alle meine Hoffnungen in die noch neuere Telefonanlage, die in unserer Firma ein halbes Jahr nach der neuen installiert wurde. Das Telefon, ein Handy, hiess nun nicht mehr «Komforttelefon», sondern «Komfortmobilteil», war klein und schnuckelig und kam meinem Bestreben, der Welt etwas von ihrem Gewicht zu nehmen, sehr entgegen. Zum zweitenmal gab es einen Einführungskurs, der diesmal «Cordless-Schulung» hiess und wiederum eine Stunde dauerte. Die Bedienungsanleitung, die einem hernach ausgehändigt wurde, zählte nun statt bloss 23 ganze 67 Seiten, ausschliesslich Kleingedrucktes. Die meisten meiner Kollegen hatten während des Einführungskurses herumgeblödelt und statt zugehört einander anzurufen versucht, die verschiedenen Klingeltöne ausprobiert und frech gegrinst, als die Instruktorin, eine zukunftsorientierte Person, die Konferenzschaltung demonstrierte und «Happy Birthday» sang: offensichtlich der Anlass, wofür man unbedingt Konferenzschaltungen braucht.
Der Rest war Schweigen. Die Apparate klingelten, wenn man nicht wollte, klingelten nicht, wenn man wollte, oder blieben, kaum hatte man sie am Ohr, stumm wie ein toter Fisch. Kollegen, die im Schulungszimmer nebeneinander sassen, horchten in ihr Handy, blickten einander an und fragten unisono: «Sind wir verbunden?» Ich hatte solche Szenen zum letztenmal bei meiner Nichte beobachtet. Sie ist eben drei geworden und hat ein Holztelefon zum Geburtstag bekommen, ein pädagogisch wertvolles Traditionsmodell mit drehbarer Wählscheibe.
Ich hatte im Kurs aufgepasst. Nicht, dass es mir im Augenblick etwas genützt hätte, aber ich hoffte doch insgeheim auf den Erinnerungseffekt beim Studium der Betriebsanleitung, das ich unverzüglich in Angriff nahm. Mein «Komfortmobilteil», las ich da, könne im Temperaturbereich von plus 5 bis 45 Grad Celsius betrieben werden, nicht aber in explosionsgefährdeten Umgebungen. Auch elektronische Geräte wie etwa medizinische Einrichtungen, wurde gewarnt, könnten durch den Gebrauch des Telefons gestört werden. Da mein Chef keinen Herzschrittmacher hat, konnte ich diesen Sicherheitshinweis nicht auf seine Richtigkeit überprüfen. Ich konnte, muss ich gestehen, fast gar nichts überprüfen, denn was in dem kleinen Büchlein stand, blieb mir so unverständlich wie die Bibel im Urtext. Was war eine «Blockwahl mit Korrekturmöglichkeit»? Was die «erweiterte Komfortbedienung über Makros»? Und was sollte ich mit dem Hinweis anfangen, dass «lokale Funktionen auch in der Ladeschale durchgeführt werden» könnten? Hin und wieder gab der Apparat einen Piepser von sich - war das der «Babyphon-Pegel»? - oder zwinkerte mit dem Display, eine Vertraulichkeitsbezeugung, die mir ebenso rührend wie anmassend erschien.
Den Kollegen ging es nicht viel besser. Ich beobachtete welche, die zuckten zusammen, sobald ihr Apparat klingelte, worauf sie ihn stirnrunzelnd fixierten, als könnte er Gedanken lesen. Dann drückten sie ein paar Knöpfe, bis das Klingeln aufhörte, und hielten ihn erleichtert ans Ohr. Ein Gespräch kam selten zustande.
Wenn ich auch nicht lernte, alle seine Vorzüge zu nutzen - telefonieren konnte ich schliesslich mit dem Apparat. Ich empfand, als ich es zuwege brachte, die Art von Stolz, die ich als Kind empfunden hatte, als es mir zum erstenmal geglückt war, die Schuhe selber zu schnüren.
Doch wie jener Triumph hielt auch dieser nicht lange an, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Denn kaum war es mir gelungen, jemanden mit meinem Handy an den «Draht» (!) zu bekommen und ein paar Worte zu wechseln, brach die Verbindung ab. Gespräche mit der zwei Büros von mir entfernten Kollegin hörten sich an, als trennten uns zwei Ozeane und ein Jahrhundert Technikgeschichte. Es rauschte, knackte, und dann - Funkstille.
Irgendwie hatte es etwas Abenteuerliches. Es gab der Plauderei über jene kleinen Geheimnisse, die Frauen miteinander teilen, den Charakter der zwar gelungenen, aber mächtig labilen Kontaktherstellung mit den Ausserirdischen. Manchmal klappte die Verbindung, meist klappte sie nicht. Meine Stimme bekam etwas Verzweifeltes; in der berechtigten Furcht, der Kontakt werde gleich abbrechen, redete ich so hastig, als ginge mein Schiff eben unter.
Ich war, stellte sich heraus, in einem sogenannten Funkloch gelandet. Es zu stopfen gelang den Technikern nicht. In Ruhe telefonieren konnte ich nur, wenn ich mit dem Apparat fluchtartig das Büro verliess, sobald es klingelte. Was zur Folge hatte, dass ich dann die Unterlagen nicht bei mir hatte, die ich im Gespräch gebraucht hätte. Ging ich sie holen mit dem Apparat in der Hand, brach die Verbindung ab; liess ich den Apparat liegen, wo er war, um erst die Unterlagen zu behändigen, fand ich ihn nicht mehr, weil ein Kollege ihn eingesteckt hatte in der Meinung, es sei seiner.
Ich war nicht die einzige in der Firma, die in einem Funkloch steckte. Wohl aber die einzige, die nicht mehr herauskam. Während die Kollegen mit ihren Handys im Halfter durch den Flur schritten wie Gary Cooper in «High Noon» durch die staubige Strasse von Sowieso City, blieb ich an mein Pult gefesselt, auf dem wieder der alte Apparat stand. Nein, nicht der, mit dem telefonieren kann, wer es gelernt hat, Tasten zu tippen, statt eine Wählscheibe zu drehen. Sondern das neue Modell, das mit den Leistungsmerkmalen wie Anklopfen, Aufschalten, Übergabe und was weiss ich. Das, das ohne Lektüre der 23seitigen Betriebsanleitung nicht zu betreiben ist. «Lernen Sie selbst Ihr Telefon kennen», steht da ermunternd in der Einleitung, «und probieren Sie ruhig mal aus, was das Telefon alles kann!»
So drücke ich also die Dialogtaste vorwärts, die Dialogtaste rückwärts und die Ja-Taste in der Hoffnung, der Zufall stehe auf meiner Seite. Was er bisweilen auch tut. Bloss mit der Taste «Service Menu» hatte ich bisher kein Glück. Noch immer warte ich auf den hübschen Kellner, der mir den Champagner ans Pult bringt.
Wahrscheinlich steckt auch er in einem Funkloch.