LEUTE MIT EINEM eher schütteren Nervenkostüm vermeiden es, in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November in ländlichen Gebieten Amerikas zu spazieren. Denn allenthalben grinsen ihnen dort von Fenstersimsen dämonische Gesichter entgegen, die sich erst bei näherem Hinsehen als ausgehöhlte und von innen beleuchtete Kürbisse entpuppen.
Der aus dem keltischen Kulturkreis stammende Brauch Halloween dient der Abschreckung des listigen und geizigen Jack-o'-lantern, dem sogar der Teufel den Einzug in die Hölle verwehrte, so dass er nun auf ewige Zeiten dazu verdammt ist, auf der Suche nach einer Bleibe durch die Welt zu irren. Bevor die Iren in die Neue Welt zogen, hatten ihnen für diesen Zweck lediglich die ungleich mickrigeren Kartoffeln oder Rüben zur Verfügung gestanden, denn abgesehen von den zur Gattung Lagenaria gehörenden, nicht essbaren Flaschenkürbissen war in Europa die botanisch zu den Beeren gehörende Frucht vor Kolumbus' Fahrt unbekannt. Jenseits des Grossen Teichs spielte sie jedoch seit Menschengedenken eine zentrale Rolle bei der Ernährung, und es gibt archäologische Hinweise dafür, dass der Kürbis möglicherweise die älteste Kulturpflanze der Menschheit ist. So soll schon vor rund 7000 Jahren in Südamerika eine eigentliche Kürbiskultur bestanden haben.
Obwohl, wie Bernardino de Sahagún berichtete, am Hof des Aztekenkaisers Montezuma Kürbisfleisch, -kerne und sogar die Blüten Bestandteil jedes Festmahls waren, wollten die Europäer mit Ausnahme der Spanier und Süditaliener lange Zeit nicht essen, was sie nicht kannten. Erst der Trend der letzten Jahre zu gesunder, ursprünglicher Küche verschaffte dem Kürbis die kulinarische Achtung, die er verdient, um so mehr, als er eine der am universellsten verwendbaren Pflanzen ist: sowohl sein Fruchtfleisch wie auch die Kerne, die das krebshemmende Halbmetall Selen enthalten, sind bekömmlich.
Die Amerikaner, denen wir in kulinarischem Hochmut nur allzu gern mangelnde Esskultur vorwerfen, haben seine Qualitäten weit früher erkannt. So gehört zum traditionellen Thanksgiving-Truthahn ein Kürbisgemüse und der «pumpkinpie», der drüben nationale Identität stiftet wie bei uns das Fondue. Hierzulande ist der Kürbis in letzter Zeit vor allem als Suppengemüse en vogue, sei es zusammen mit Kartoffeln, Kichererbsen, Karotten oder Lauch - sein leicht süsslicher Geschmack ergibt eine exquisite Geschmacksnote, die sich mit einem Schuss Sauerrahm aufs vortrefflichste unterstreichen lässt. Mit etwas Phantasie lassen sich überdies herrliche Gratins zubereiten, die mit Feta-Käse à la grecque, mit Bohnen und Zwiebeln auf iberische Art oder mit Peperoni, wie es die Toscaner schätzen, die Widrigkeiten kalter Winterabende vergessen lassen. Die Kanarier, schon aus geographischen Gründen Südamerika besonders zugetan, würfeln ihn in ihren «Sancocho Canario», wo er mit Stücken von Seehecht, Kartoffeln, Tomaten und Zwiebeln einen herzhaften Eintopf ergibt. Schliesslich lassen sich aus dem Kürbis auch Desserts, Marmeladen oder, in der asiatischen Küche, Chutneys zubereiten.
Die Verwertung auf die Spitze getrieben haben jedoch nomadisierende Indianerstämme, die ganze Kürbisse in heisser Asche schmoren, dann aufbrechen und mit Stücken der Rinde auslöffeln. Es gibt wohl kaum eine andere Pflanze, die zugleich Kochgeschirr und Besteck liefert.
Bei all diesen Vorzügen ist die Respektlosigkeit der Menschen wenig verständlich, die in manchen Ländern ihre geistig etwas unterbemittelten Artgenossen als Kürbisse bezeichnen; so belächeln die Griechen den «pompion», die Italiener spotten über den «zuccone», während sich die Amerikaner gegenseitig als «pumpkin» beschimpfen. Ja sogar Goethe schrieb einmal: «Was glaubst du denn zu sein, dass du mich schelten willst, du Kürbis.»