NZZ Folio 01/07 - Thema: Schmerz   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Die Parfums zum Film

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Ich beginne mit einem Geständnis: Ich las Patrick Süskinds Buch nicht zu Ende und werde mir auch den Film nicht ansehen, bis er im Flugzeug gezeigt wird. Die Melange aus Sex, Drogen und Menuett hat mich gelangweilt. Aber ein Gutes hatte die Sache doch, denn als der Film herauskam, erhielt ich ein rotes Samtköfferchen: Le Parfum by Thierry Mugler – limited edition. Das sind die Freuden eines Parfumkritikers! Es wird für 550 Euro feilgeboten, und ich darf umsonst damit spielen.

Es enthält 15 Düfte, die von Christophe Laudamiel und Christoph Hornetz komponiert wurden und verschiedene Szenen des Films versinnlichen. «Les Christophes» arbeiten für die Duftentwicklungsfirma IFF; die Schatulle ist offensichtlich die Frucht langjähriger Arbeit. Laudamiels Stil ist so aussergewöhnlich, dass ich einige Düfte seiner Kreationen erkannte, bevor ich nähere Informationen dazu einholte. Seine besondere Stärke sind kühne, stählerne, transparente Akkorde, die wie architektonische Skizzen eines die Erdkugel umkreisenden Penthouseapartments wirken.

Ein Drittel der Düfte in der Schatulle sind von dieser Art. Bei einem weiteren Drittel handelt es sich um üppige, klassische Bühnenbilder in zeitgenössischem Kostüm, allesamt gut gemacht. Der letzte Drittel sind buchstäblich Übersetzungen: Am besten gelungen sind die Schusterwerkstatt (Atelier Grimal), ein bitterer Lederakkord, und der Duft mit dem deprimierenden Namen Human Existence, der die grösste, fäkalischste Dosis Zibet seit Menschengedenken enthält. Aura, das Kernstück der Sammlung, hat nichts Skizzenhaftes an sich. Es handelt sich

um eine melancholische, milchig-pudrige Heliotropnote, die entfernt an Guerlains Après L’Ondée erinnert. Aura ist der einzige Duft der Kollektion, der auch separat erhältlich ist.

Wer wird das Köfferchen kaufen? Ich, weil es so viel Freude macht. Jedes Jahr gebe ich an der Schule meiner Kinder eine Präsentation, bei der ich Sechsjährigen erkläre, was es mit Parfums auf sich hat. Gewöhnlich schütte ich Flaschen mit unterschiedlichen Rohstoffen zusammen, aber nächstes Mal nehme ich einfach das Köfferchen mit. Dank seinem Spektrum von Abstrakt bis Real und von Alt bis Neu lässt sich damit hervorragend illustrieren, was die moderne Parfumerie so aufregend macht – die Bandbreite reicht von seltsamen und intensiven Synthetika bis hin zu erstklassigen Naturaromen.

Aber es gibt einen weiteren Grund, die Kreditkarte zu zücken: Das Parfum Salon Rouge enthält den betörendsten, schwindelerregendsten Akkord, den ich seit Jahren gerochen habe. Angeblich besteht er aus Davanafrüchten und Sandelholz. Wenn ich das Spiel umkehren und mir die Filmszene aussuchen könnte, die dieser Duft illustriert, ich würde mich für Harold Lloyd entscheiden, im 20. Stock am Zeiger eines Zifferblatts baumelnd.

Luca Turin ist Forschungsleiter und lebt in London.



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Wer ist Luca Turin?

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NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).

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