NZZ Folio 05/92 - Thema: Experimente   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Wege ins Freie

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus literarischen Werken. Wer sind sie?

Von Manfred Papst

Dass einer aus ihrer Stadt verbannt wurde, der in Ravenna begraben liegt, kümmert A nicht. Es ist auch schon über vierhundert Jahre her, und sie hat viel zu tun in ihrem Gasthof. Die Arbeit geht der Schönen leicht von der Hand; eben hat sie ihrem Bedienten ein Dutzend Verrichtungen aufgetragen und sich auf einen ruhigen Augenblick gefreut, als B auftritt, auch sie hübsch anzusehen, wenngleich offensichtlich aufgewühlt und erschöpft von einer langen Reise, die sie aus dem Norden, will uns scheinen, hierher geführt hat.

A:    Signora suchen ein Zimmer?

B:    Ja, bitte. Ich reise allein und möchte ganz für mich sein.

A:    Stets zu Diensten. Sie kommen von weit her?

B:    Ich bin seit mehreren Tagen unterwegs. Aber kümmern Sie sich nicht um mich; ich komme zurecht.

A:    Verzeihung, Signora. Doch warum so ernst?

B:    Ich brauche Zeit, viel Zeit. Ich muss dahinterkommen, wer recht hat, die Gesellschaft oder ich.

A:    Und dazu soll die Einsamkeit der richtige Ort sein? Nein, kommen Sie, wir setzen uns einen Moment hier ans Fenster. Wir Frauen müssen zusammenhalten. Es wird doch nicht gar die Liebe hinter Ihrem Kummer stecken?

B:    Doch. Aber nicht, wie Sie vielleicht denken. Ich bin gegangen, mitten in der Nacht und ohne den Kindern Adieu zu sagen. Heuchlerin hat er mich genannt, Lügnerin, Verbrecherin. Und dann wieder Singvögelchen, Lerche, Eichhörnchen. Ich weiss gar nicht, was mir grässlicher ist.

A:    Ein tüchtiger Krach also! Aber nehmen Sie die Männer nicht zu ernst? Sehen Sie mich an! Jeder, der hier Logis nimmt, verliebt sich in mich. Und wie die Gockel sich aufführen mit ihren Ehrbegriffen, wenn sie einander in die Quere kommen! Da geht's beileibe nicht ohne Gewitter ab.

B:    Sie wollen mich aufmuntern. Aber für mich gibt es nichts mehr einzurenken. Ich kann nicht mehr zurück in diesen Käfig. Ob ich auch keine Makronen genascht habe, hat er mich jeden Abend gefragt und dem Leckermäulchen scherzhaft mit dem Finger gedroht. Und immer das dumme Geld. Selbst bei meinen Wünschen sah er darauf, ob sie auch vernünftig waren. Wie gern hätte ich einmal «Himmelkreuzdonnerwetter» gesagt!

A:    Mir scheint, Sie fangen die Sache falsch an. Wir beide durchschauen doch die Männer. Warum sollen wir uns von denen, die uns anschmachten, nicht ein bisschen verwöhnen lassen? Sehen Sie, das ist meine Freiheit: Ich vergnüge mich mit den Herren der Schöpfung und lache sie aus.

B:    Und niemand macht Ihnen Vorschriften? Und nichts gefährdet Ihre Ehre?

A:    Aber nein! Geschenke haben mir noch nie den Magen verdorben. Ans Heiraten denke ich gar nicht. Ich muss nur achtgeben, dass ich mich in keinen verliebe!

B:    Sie sagen das so leichthin. Fast möchte ich Ihnen glauben. Aber ich kann nicht mehr. Ich will keine Kunststückchen mehr vorführen. Was die Welt sagt und was in den Büchern steht, kann nicht länger massgebend für mich sein. Ich will meine Wahrheit finden. Das ist meine Freiheit.

A:    Ich will nicht weiter in Sie dringen. Dass Sie sich hier wie zu Hause fühlen sollen, kann ich Ihnen wohl nicht wünschen. Tun Sie nur alles, was Ihnen beliebt; morgen reden wir weiter. Ich muss jetzt doch einmal sehen, wo dieser verflixte Fabrizio steckt! Bestimmt hat er wieder die Hälfte vergessen!

Auflösung Rätsel Folio Nr. 5: A ist Mirandolina aus Carlo Goldonis gleichnamigem Stück (1752); B ist die Titelheldin aus Henrik Ibsens «Nora oder ein Puppenheim» (1879).


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