NICOLAS STÄMPFLI, die Hand am Geländer, dreht sich alle paar Treppenstufen um. «Ich muss schauen, ob ich da auch wieder runterkomme», sagt er. Die luftigen Lücken zwischen den Stahlstützen des Aussichtsturms geben den Blick frei auf Wolken, Wälder, Stadt und See. Aber Stämpflis Interesse gilt den Stahlstützen selber. Das Zeug hält wohl schon. Technisch einwandfrei gelöst. Es ist ihm wichtig, das festzustellen.
Auf der neunundsechzigsten Stufe, elf Meter über Grund etwa, bleibt Stämpfli stehen. «Das reicht», sagt er sachlich und tritt den Rückweg an.
Nicolas Stämpfli hat schon lange keine Lust mehr, den Helden zu spielen. Keine Lust auf weiche Knie, Schwindelgefühl, Übelkeit. Er kennt seine Grenzen, lässt sich zu nichts überreden. «Plötzlich weisst du nicht mehr, was oben und unten ist, bist kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Das muss ich nicht haben.»
Die Höhenangst packte ihn bei seinem ersten Zirkusbesuch mit fünf Jahren. Es waren nicht die Trapez- und nicht die Hochseilartisten, die den kleinen Nico laut schreien liessen. Es war die Treppe hinauf ins Zirkuszelt mit ihren federnden Bretterstufen, das Nichts dazwischen. Die gleiche Panikreaktion ein Jahr danach, als Familie Stämpfli, en visitant Paris, den jüngsten Sohn mit auf den Eiffelturm zerren wollte. Selbst eine Fahrt im sicheren Auto über den Pont de la Caille, jene alte, bohlenbelegte Hängebrücke bei Cruseilles zwischen Genf und Annecy, war für den Knaben an der Grenze des Erträglichen.
Zum Pont de la Caille, mittlerweile nur noch für Fussgänger offen, sei er Jahrzehnte später mit seinen eigenen Kindern gefahren, erzählt Stämpfli. «Ich wollte sehen, wie schlimm die Sache wirklich ist.» Und immer noch wurde ihm mulmig. «Aber das Schlimmste waren meine Kinder. Die spielten ganz sorglos am Drahtseilgeländer. Das hat mich in Panik versetzt. Ich war nur schon deshalb kurz davor, auf allen vieren zu gehen.»
Eine irrationale Sache, diese Höhenangst. Höhe allein ist es freilich nicht, die sie nährt. Während seiner ganzen Jugend, erinnert sich Stämpfli, habe er liebend gern und schwindelfrei in Baumhütten gespielt. Auch Bergtouren, schroffe Abgründe gar seien kein Problem - mit Ausnahme von künstlich angelegten Felspassagen und Kletterleitern. «Bäume und Berge bieten verschiedene Wege. Du kannst selber wählen, wie du rauf- und wieder runterkommst. Bei Treppen, Leitern, Brücken ist der Weg befohlen.»
Das ist Stämpfli ein Greuel. Er verweigere sich uniformem Verhalten, sagt er. Sein Körper sträube sich, dort durchzugehen, wo jedermann durchmüsse, weil es nur den einen Durchgang gebe. Von der Theorie der Psychologen, Höhenangst sei ein typisches Aufsteigerphänomen, sie sei die Angst vor dem Sich-zu-weit-Hinauswagen, vor verbautem Rückzug, vor Versagen - von dieser Theorie hält er in seinem Fall nichts.
Da ist vielmehr noch eine Erinnerung: Nico als Kleinkind auf dem Jahrmarkt, Mutter nimmt ihn mit auf die Berg-und-Tal-Bahn. Nach zwei Runden dreht sich dem Kleinen vor Angst der Magen um. Doch die Bahn rast weiter, kein Ausweg, wer mal drin sitzt, ist der Maschine ausgeliefert. Technik versus Individuum. «Mag sein», meint Stämpfli, «dass mich die Höhenangst deshalb besonders auf Kunstbauten wie Türmen und Brücken befällt und weniger im Gebirge. Ich misstraue den menschgemachten Abenteuern. Bungee-Jumping wäre für mich ein Albtraum.»
Nicolas Stämpfli ist 48 Jahre alt und hat die Welt bereist. Behindert hat ihn seine Höhenangst dabei nie wirklich. «Wahrscheinlich vermeide ich schwierige Situationen von vornherein. Unglücklich macht mich nur, wenn Leute nicht verstehen wollen, dass ich irgendwo nicht mitwill.» Dieses Jahr hängt Stämpfli, Oberstufenleiter einer Privatschule, seinen Beruf an den Nagel und wandert aus. Er wird Gastwirt, hat sich mitten in der nordprovenzalischen Wildnis ein kleines Hotel gebaut. «Ich habe vier Jahre geplant und gerechnet, bis ich mich zu diesem Schritt entschied», sagt er. Mutig und individualistisch, aber vorsichtig. Misstrauisch. Auch dem eigenen Konstrukt gegenüber. «Damit ich nicht falle, vielleicht.»