Zur Standardlektüre eines jeden amerikanischen Einführungskurses in die Ethnologie gehört ein Aufsatz über ein höchst bizarres Völkchen namens Nacirema. Es handelt sich um ausgesprochen merkwürdige Leute, die völlig irrationalen Überzeugungen anhängen und verblüffenden magischen Praktiken nachgehen. Ihr Leben dreht sich um kleine, in ihren Häusern eingerichtete Wassertempel und um darin aufgehängte Schreine, in denen urtümliche Arzneien für Reinigungs- und Heilungsrituale aufbewahrt werden, von deren Wirksamkeit die Nacirema fest überzeugt sind, obwohl alle Fakten auf ihre vollkommene Nutzlosigkeit hindeuten.
Auch die kostspielige Einbettung kleiner Medizinpakete in die Zähne ist Gegenstand besonderer religiöser Überzeugungen. Dem eigenen Körper gegenüber sind die Nacirema eher prüde eingestellt, dafür entkleiden und demütigen sie gern ihre Kranken, ja es gibt sogar eine eigene Priesterinnenkaste, deren Pflicht es ist, die Gebrechlichen und Leidenden zu drangsalieren und zu schikanieren. Eine andere Gruppe von Leuten verdient erstaunlicherweise ihren Lebensunterhalt damit, dass sie von Ort zu Ort reist und ihre gesunden Körper zur Schau stellt.
Nur wenige Studenten merken während der Lektüre des Aufsatzes, dass Nacirema nichts anderes ist als «American» im Spiegel. Das Beispiel soll den Studenten die heilsame Erfahrung vermitteln, dass die Ansichten eines Volkes über sich selbst nur wenig mit der Beschreibung gemein haben, die ein Aussenstehender von ihm geben würde, und dass einfache Wahrheiten über ein Volk als Ganzes eine ziemlich fragwürdige Angelegenheit sind.
Wer also sind die Amerikaner? Sind es die Bewohner jener 51 Bundesstaaten, die sich von Alaska nach Hawaii und von einem gleissenden Ozean zum anderen erstrecken? Vielleicht. Aber sie sind noch viel mehr. Den Studenten meiner Generation erschienen sie als reich, mächtig und als der Inbegriff von Doppelmoral, und so bot sich Amerika an als kollektive Metapher für jede Form von elterlicher Autorität. Das Verbrennen der amerikanischen Flagge und sexuelle Grenzübertretungen liefen aus irgendeinem bizarren Grund auf ein und dasselbe hinaus. Heutzutage bevölkern die Amerikaner vor allem unsere Leinwände und Bildschirme - ob im Kino, im TV oder auf dem Laptop -, und die Fahne, die darauf weht, ist nicht mehr das Sternenbanner, sondern das Logo von Windows.
Infolgedessen sind die Amerikaner ein weitgehend mythisches Volk, in dem sich die Träume der modernen Welt kristallisieren und das dieser Welt sowohl die Formulierung ihrer zentralen sozialen Probleme als auch das Sonnen in eskapistischen und romantischen Phantasien ermöglicht. Die gefälschte Ray-Ban-Sonnenbrille meines afrikanischen Forschungsassistenten und die Miami-Cocktailbar in Kamerun, in der wir als einziges erhältliches Getränk warmes einheimisches Bier schlürften, machen beide unmissverständlich deutlich, dass sogar auf Amerikanisch geträumt wird, weil die modernen Massenmedien von amerikanischen Einflüssen beherrscht werden und die Wirklichkeit natürlich nach dem Bilde der Kunst geformt wird.
Im Vergleich zur geballten Massivität zeitgenössischer Bildschirmwelten ist die Wirklichkeit nur noch ein Flimmern. Es ist unheimlich, aber wer leibhaftig durch eine Strasse in New York schlendert, wähnt sich unweigerlich in einem zweitklassigen Hollywood-Movie und erwartet förmlich jeden Augenblick das Aufheulen der Polizeisirenen und den Beginn einer sich überschlagenden dramatischen Handlung.
Jeder von uns glaubt Amerika zu kennen. Das Land ist selbst jenen vertraut, die nie dort gewesen sind. Wir kennen die verwickelten Jugendrituale der High-School, das Prozedere des Dating und die Schulbälle aus Hunderten von Filmen über die amerikanische Adoleszenz. Während ich als Jugendlicher noch die erotischen Möglichkeiten meines Fahrrads erkundete, wusste ich bereits, dass es keinen sexuell prickelnderen Ort gab als die Rückbank eines Autos.
Heute phantasiert sich die privilegierte europäische Jugend inmitten begrünter Vorstädte und aller sie umgebenden historischen Tiefe zum Trotz ins Ghetto des Gangsta Rap, in die Gefilde von Unterdrückung und Ultracoolness. Die moderne Strassenkultur ist weitgehend amerikanisch, auch wenn sie in Europa produziert wird. Selbst der Italowestern und die Beatles versuchten nur, Amerika für klingende US-Dollar an die Amerikaner zurückzuverkaufen.
Die Briten wiegen sich gern im Glauben, sie hätten eine besondere Beziehung zu den Vereinigten Staaten und stünden gleichsam als Vermittler zwischen Amerika und Europa. Das lindert auf der Insel die Verlustgefühle ob des untergegangenen Empire, schürt jedoch auf dem Kontinent den Argwohn, die Briten seien eine Art amerikanischer Maulwurf. Die Briten ihrerseits begreifen sich in Analogie zur Beziehung zwischen dem klassischen Griechenland und Rom gern als die ältere, kleinere und feinere Kultur, die dem wohlhabenden, aber anmassenden Parvenu ein wenig Zivilisation und philosophischen Weitblick beibringt. Man lacht über amerikanische Obsessionen, wie einst Griechen über Römer lachten, die sich danach erkundigten, ob die Trauben vor der Orgie auch gewaschen worden seien. Doch in jüngster Zeit hat sich das Verhältnis umgekehrt, und zwar am deutlichsten in der Frage, wem die englische Sprache gehört. Man braucht die Amerikaner, um die Anwohner zweier gegenüberliegender Seiten einer Strasse in Belfast miteinander ins Gespräch zu bringen und einen amerikanesisch abgefassten Friedensvertrag zu unterzeichnen.
Die Vorstellung, dass Britannien und die USA «dieselbe Sprache» sprächen, lässt die Unterschiede nur um so deutlicher hervortreten. Während sich die Schauspieler am Broadway 1940 noch eines gestelzten britischen Akzents befleissigten, ahmen britische Popsänger heute die hinterwäldlerischen Vokale des ländlichen Alabama nach. Popsongs in britischem Englisch zu singen, klingt fast ein wenig lächerlich, und John Cleese könnte uns zu hysterischen Lachanfällen animieren, indem er nichts anderes täte als das. Der ganze aktuelle britische Slang scheint auf amerikanischem Mist gewachsen, und noch der affektierteste britische Medienjargon gleicht zum Verwechseln jener Hauptworthuberei, die im State Department gebräuchlich ist und sich anhört wie wortwörtlich ins Englische übersetztes Deutsch.
Es ist diese doppelte Präsenz der Amerikaner in den Vereinigten Staaten und in der Vorstellung aller anderen Menschen, die es ihnen erlaubt, widerspruchsfrei alles mögliche für alle möglichen Leute darzustellen. Amerikaner sind, wie jeder weiss, erfrischend informell. Doch gerade die amerikanischen Reporter waren bass erstaunt, als sie in den sechziger Jahren von einem patrizischen britischen Premierminister in Pantoffeln zum Interview empfangen und auf die Frage nach seinen Ansichten über Verbraucherkredite in distinguiertestem Tonfall mit der Bemerkung abgespeist wurden: «Ähm. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Meine Frau versteht davon jedenfalls mehr als ich.»
Hier offenbarte sich nach amerikanischer Auffassung ein erschreckender Mangel an Professionalität, das Verbrechen, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen, und ein grösseres Verbrechen gibt es in Amerika nicht. Schliesslich kann man an amerikanischen Universitäten zum Bestattungsunternehmer diplomiert werden, und schliesslich ist das Brötchen, in das bei McDonald's die Hamburger eingeklemmt werden, nicht nur ein Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher Forschung und Tests, sondern auch die Realität gewordene poetische Vision seines Erfinders. Er hat sogar ein Buch darüber verfasst.
Diese Fähigkeit, das Triviale ernst zu nehmen, bildet auch den Boden für die in Amerika beheimatete Idee der politischen Korrektheit. Es handelt sich dabei um den Versuch, durch Kontrolle der Sprache auf magische Weise die Welt zu kontrollieren. Es ist nicht leicht, unbeschadet durch dieses Meer neuer Tabus zu navigieren. Ich organisierte einmal eine Ausstellung über die üppigen Maskeraden einer Gemeinschaft junger nigerianischer Männer, die von London nach New York wandern sollte. Die amerikanische Kuratorin blickte bekümmert auf die Tafel mit der einleitenden Erläuterung. «Hier steht, der Name der Gruppe bedeute <schwarze Vagina>», sagte sie missbilligend. «Das kann man in Amerika nicht sagen. Es ist widerwärtig.»
«Na gut», erwiderte ich hilfsbereit, «das Wort klingt im Original sogar noch vulgärer, aber vielleicht können wir ja <Schoss> sagen oder <Bauch>?»
Sie sah mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost.
«<Vagina> ist nicht das Problem», meinte sie und schüttelte ob der grenzenlosen Einfalt des Europäers erstaunt das Haupt. «<Vagina> ist fest in der Hand der Frauen. Nein, das Problem ist <schwarz>.»
«Oh!»
Die ganze Frage der Identität und der damit zusammenhängenden Probleme ist für das zeitgenössische amerikanische Selbstverständnis absolut zentral. Wo die europäische Weltanschauung blanke Faktizität am Werke sieht, glauben die Amerikaner an Wahlentscheidungen, und umgekehrt. In Amerika werden wichtige Merkmale des Lebens - Konfession, sexuelle Orientierung, Gesundheit - als Fragen des Lifestyle angesehen, die Auswirkungen persönlicher Entscheidungen hingegen - Kriminalität, Alkoholismus, Gewalt - gelten als eine Art schicksalhaftes Gebrechen, für das man keine Verantwortung trägt, und wirkliche Gebrechen - Fettsucht, Beschränktheit, Hässlichkeit - werden als Auswirkungen einer feindlichen Gesellschaft wahrgenommen.
Diese Widersprüche treten vielleicht am augenscheinlichsten am Vietnam Veterans Memorial, dem Denkmal für die Gefallenen des Vietnamkriegs in Washington, zutage. Es handelt sich um eine unscheinbare, aber würdevolle schwarze Marmormauer, in welche die Namen der im Krieg Gefallenen eingraviert sind. Präsident Reagan fand sie nicht feierlich genug und gab eine heroische Bronzeskulptur in Auftrag, die einen weissen, einen schwarzen und einen hispanischen Soldaten in kameradschaftlicher Verbrüderung zeigt.
Leider kann man die unterschiedliche ethnische Herkunft, die angesichts der überwältigenden gemeinsamen amerikanischen Identität als eine vernachlässigbare Grösse erscheinen sollte, in dem einfarbigen Metall kaum noch erkennen. Ausserdem beschwerten sich schon bald Frauengruppen über die implizite Bevorzugung der Männer, und so wurde eine Künstlerin mit der Gestaltung einer zweiten Skulptur beauftragt, deren diensteifrige Krankenschwestern so aussehen, als seien sie gerade der Fernsehserie «Mash» entsprungen.
Als Nächstes empörten sich die amerikanischen Ureinwohner gegen ihre Vernachlässigung, dann die Schwulen, und so sehen wir anstelle der zu zelebrierenden gesamtamerikanischen Einheit einen immer umfangreicheren Skulpturenpark auf uns zukommen, der die ursprüngliche Absicht Lügen straft. In gewissem Sinne allerdings liesse sich ein treffenderes Abbild des zeitgenössischen Amerika nicht finden. «Was macht einen Amerikaner aus?», fragte ich einmal eine Kollegin an einer New Yorker Universität. «Amerikaner sind Leute, die sich darüber streiten, was <amerikanisch> bedeutet», antwortete sie säuerlich.
Als mythischer Raum bietet Amerika eine ausgezeichnete Projektionsfläche für die Vorstellungen, die wir alle von unserer Zukunft haben. Ja, die Einstellung gegenüber Amerika kann sogar als grobe Richtschnur für die Einstellung zur Zukunft insgesamt dienen, denn was heute in Amerika getan wird, geschieht - wie man nicht müde wird, uns zu versichern - morgen schon in der ganzen Welt. Optimisten gelten als proamerikanisch, Pessimisten als antiamerikanisch. Und Amerika hat sich diese Einschätzung längst zu eigen gemacht. Es ist genau das, was die Leute meinen, wenn sie Amerika ein junges Land nennen. Die Jugend lebt bekanntlich in der Zukunft, während das Alter in der Vergangenheit verweilt.
Aber es handelt sich nicht um Jugendlichkeit, sondern um Neotenie, um die Verlängerung jugendlicher Merkmale ins Erwachsenenalter hinein. Amerika schenkte uns das Facelifting und die chirurgische Gesässstraffung und verwandelte das Altern von einer Naturtatsache in eine Frage der persönlichen Entscheidung. Man braucht sich bloss in den Vereinigten Staaten umzusehen, überall begegnen einem Leute in der Sorte Strampelanzüge, die wir unseren Säuglingen überziehen, oder sie tragen Sportkleider, als seien sie auf dem Weg zu einer Greisenolympiade, deren Veranstaltungsort geheimgehalten wird. Und anstatt zu Hause im Lehnstuhl zu stricken, verabreden sie sich zu einem Date.
Es gibt eine geschichtswissenschaftliche Strömung, die die letzten paar hundert Jahre durch einen einzigen Aspekt geprägt sieht - die Entwicklung des Begriffs des Individuums. Für sie steht Amerika im Zentrum dieser Entwicklung. Der Mythos vom Individuum wurzelt im amerikanischen Westen, jenem Pionierland, wo Männer und Frauen sich nur auf sich selbst verlassen konnten, in dem festen Glauben an jene Werte, welche die gegen Westen rollenden Planwagen am Laufen hielten. Seine Struktur spiegelt sich noch heute in der Anlage amerikanischer Vororte: jedem sein eigenes Haus, frei stehend, auf seinem eigenen Stückchen Prärierasen, von der Verfassung als unantastbares Privateigentum geschützt und dennoch so offen wie Erde und Himmel zugleich. Ein englischer Freund war töricht genug, einen Zaun um seinen Vorgarten in Ohio zu ziehen, gerade so wie daheim, und sofort war das Anwesen als «britisches Fort» verschrien.
Da die Westgrenze den Pazifik längst erreicht hat, wird sie neuerdings in den Weltraum hinaus verlagert, der nun ebenfalls vermessen und besiedelt und verdaut werden soll. Ich interviewte einmal Dr. Frank Drake, den Leiter einer Organisation namens SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence), die den Himmel nach Signalen von ausserirdischem Leben absucht. Er sprühte vor Optimismus, schwärmte von den neuen Technologien, die wir aus einer solchen Begegnung mit Ausserirdischen ziehen und die unser Leben revolutionieren würden, wie es interkulturelle Begegnungen schon immer getan hätten.
Unser Gespräch fand in einem kalifornischen Büro statt, das nur wenige Meilen von der Universität entfernt lag, in der der letzte überlebende Yaqui-Indianer inmitten einer fremden und für ihn unverständlichen Welt als Hausmeister und lebendes Museumsstück ein verzweifeltes, verwirrtes und aller Landrechte beraubtes Leben fristete. Und am Ende der Landstrasse Richtung Mexiko wurden die nächtlichen Begegnungen mit Fremden sogar als eine Gefahr für das Überleben der Vereinigten Staaten wahrgenommen.
Für jedes Volk gibt es eine Art Schlüsseltatsache, die - oft grob vereinfachend und ungerecht - eine wesentliche Charakteristik erfasst und ins Verhältnis setzt. Oft handelt es sich um eine Feststellung über das zwischenmenschliche Zusammenleben und seine Regeln. Man erkennt solche Schlüsselsätze sofort, wenn man ihnen begegnet, denn unter ihrer scheinbaren Simplizität tut sich ein bodenloser Abgrund von Deutungsmöglichkeiten auf.
So trägt es zum Beispiel ungemein zum Verständnis Japans bei, wenn man weiss, dass die Vergewaltiger dort Kondome benutzen. In Grossbritannien hat man sein Aha-Erlebnis, wenn man erfährt, dass die Königin stets Handschuhe trägt, wenn sie ihren Untertanen die Hand gibt, dass sie diese jedoch ablegt, um Pferde oder Hunde zu streicheln.
In Amerika staunt man darüber, dass nur zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung einen Pass besitzen. Für sie gilt offenbar dasselbe wie für den neuen Präsidenten George W. Bush und für unsere flimmernden Bildschirme: Amerika ist die ganze Welt.
Nigel Barley, Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum; er lebt in London.