Bazon Brock lebt in Wuppertal. Er wurde 1936 in Stolp, Pommern, geboren. 21 Jahre später veröffentlichte er den Gedichtband «Kotflügel/Kotflügel», deklarierte sich aber weiterhin als «Dichter ohne Werk». Er hielt Lesungen im Kopfstand und wurde mit Attributen belohnt wie «Pop-Prophet», «Lehrer der Nation», «Bazon Kotzbrock» oder «Superdenker». Quecksilbrig wechselt er Jobs und Rollen im Kulturbetrieb: Er tritt bei Performances, in Talkshows, an Universitäten auf, sein didaktisch-künstlerisch-philosophisch-wissenschaftliches Werk wird zusammengehalten von nur einem: der Person Bazon Brock. Das Werk als «Nichtwerk» ist die Pointe des Professors für Nichtnormative Ästhetik. Jede Einheit muss zerfallen vor der Wirklichkeit. Unsystematik wird zur Methode. Und Absolutheitsansprüche verhindere ein Denker am besten, so Brock, mit einem Selbstverständnis als Dilettant. Und: «Die grössten Taten der Weltgeschichte sind die, die sich selbst verhindern.» Kurz, der «natürliche Affe in jedem Menschen», also die Affekte, müssen gezähmt werden, nicht durch die Banane der Reflexion, sondern durch Unterlassen, Verhindern, Scheitern.
Das Gespräch mit Bazon Brock führte Ursula von Arx.
Herr Brock, was ist Kunst?
Künstler sind eine Berufsgruppe wie andere, wie Ingenieure etwa oder Bäcker. Ingenieure bauen Brücken, Bäcker backen Brötchen. Was Künstler produzieren, das nennt man Kunst.
Brücken verbinden, Brötchen machen satt. Was leistet Kunst?
Künstler sind Kommunikationsspezialisten. Sie bearbeiten die für alle grundlegende Frage, wie Menschen zu sich selber, zu ihrem eigenen Organismus, zu anderen Menschen und zu der Welt, in der sie leben, in Beziehung treten können. Wer zeichnet, hat bestimmt schon die Erfahrung gemacht, dass das, was er gezeichnet hat, nicht dem entspricht, was er zeichnen wollte. Oder dass sich Gedanken, Gefühle ändern, wenn man beginnt, sie auszusprechen, dass neue Gedanken hinzukommen, Kleist sprach in diesem Zusammenhang vom allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Reden. Eine Differenz zwischen dem, was ich denke, fühle, mir vorstelle, und den Zeichen, die ich dafür finde, ist unvermeidbar. Diese Differenz nenne ich die ästhetische Dimension. Diese Differenz potenziert sich natürlich noch einmal ungemein, wenn ein anderer meine Zeichen liest und diese wiederum mit seinen Gedanken, Gefühlen, Vorstellungen in Beziehung bringt.
Wir können uns selber nicht verstehen und einander auch nicht?
Es wäre eine grandiose Fehlleistung der Natur, wenn wir darauf angewiesen wären. Wir können nicht warten, bis wir die Welt verstanden haben, um dann erst zu handeln. Da wären wir schon lange mausetot. Also ist Kommunikation gar nicht auf Verstehen ausgerichtet, sondern auf Verständigung, auf ein paralleles Prozessieren angesichts der gleichen Wahrnehmungsaufgabe.
Und was hat Kunst damit zu tun?
Die Künstler haben das schon lange begriffen. Sie sind die wahren Spezialisten für die ästhetischen Differenzen. Sie schufen ihre Werke immer schon aus dem Wissen heraus, dass Zeichen und Bezeichnetes oder Inhalt und Form zwar eine Einheit bilden, aber nicht identisch sind. Sie wissen am besten, dass Kommunikation ein ungeheures Vabanquespiel ist. Sie haben sich von jeher damit beschäftigt, wie man mit Zeichen, also mit Worten, Tönen, Gesten, Bildern, Ziegelsteinen, so anregend sein kann, dass eine Gruppe von Menschen ein Thema als wichtig annimmt und sich darüber Gedanken macht. Im Theater, im Kino sagt man dann etwa, es packt mich. Künstler bieten keine Lösungen an, aber viele schöne Probleme.
Platon wie auch der Naturwissenschafter um die Ecke bezeichnen Künstler als Lügner. Sie täuschten eine Welt vor, die gar nicht existiere.
Eben nicht. Die Leistung der Kunst ist ja gerade, dass sie die Differenz zwischen dem Abgebildeten und der Abbildung thematisiert. Erst die Bilder zeigen die Welt als etwas, das ausserhalb der Bilder existiert. Das sieht man auch in der Geschichte. Je mehr es der Malerei gelang, Wirklichkeit täuschend echt abzubilden, etwa mit der Entwicklung von Perspektiven, desto grösser wurde unser Bewusstsein, dass unsere Wahrnehmung perspektivisch ist. Kunst schafft nicht Illusion. Kunst desillusioniert.
Die Werbung ignoriert die Differenz zwischen der Wirklichkeit und dem Bild von der Wirklichkeit. Sie zeigt Bilder, etwa von strahlend weissen Zähnen, um die reale Wirksamkeit eines Produkts zu beweisen. Sie scheint damit erfolgreich zu sein. Haben die Künstler ihre Arbeit schlecht gemacht?
Im Mittelalter fragte man sich, ob die Heiligen in den Bildern anwesend seien oder ob die Bilder nur Symbole für die Heiligen seien. Das Paradoxe ist, dass die grössten Kunstfeinde, etwa diese Bücher und Bilder verbrennenden Naziblödlinge, eigentlich die grössten Kunstanbeter sind. Sie setzen Bild und Wirklichkeit gleich und zeigen damit grossen Respekt vor der Kraft der Bilder. Die vernünftigen und aufgeklärten Freunde der Kunst mit ihrem hohen Bewusstsein von der ästhetischen Differenz jedoch glauben gar nicht wirklich an die Macht der Kunst. Nun, die Frage nach dem Wirklichkeitsanspruch der Bilder ist auf jeden Fall immer noch sehr aktuell. Die Werbung wurde bereits erwähnt. Eine neue Generation von blinden Bildgläubigen findet sich heute unter den Wissenschaftern. Die Bilder der Ultraschallgeräte, der Computer- und Kernspintomographie machen aber nicht bisher Unsichtbares sichtbar, sie machen es nur vorstellbar. Auch die wissenschaftlichen Bilder sind nicht zu verwechseln mit der Wirklichkeit selbst und sind absolut interpretationsbedürftig. Das scheint ab und zu vergessen zu werden.
Also nochmals: Haben die Künstler ihr Wissen schlecht kommuniziert?
Künstler machen nur Angebote. Wer sie nicht annimmt, ist selber schuld. Künstler üben keinen Druck aus. Sie haben keine Lobby, sie vertreten kein Programm. Wenn ein Arzt wegen eines Kunstfehlers vor Gericht kommt und beweisen kann, dass er genau das gemacht hat, was seine Kollegen auch gemacht hätten, wird er sofort freigesprochen. Künstler hingegen können nur auf sich selbst verweisen. Künstler sind Individuen, und zwar exemplarische.
Joseph Beuys behauptete, jeder Mensch sei ein Künstler.
Ja, aber nicht weil in jedem von uns ein Architekt, ein Musiker oder ein Dichter steckt, sondern weil jeder Mensch in der Lage ist, wie ein Künstler seine Handlungen mit Verweis auf sich selber zu begründen, und sich dabei nicht auf irgendwelche Autoritäten berufen muss.
Den realistischen Malern des 19. Jahrhunderts fehle etwas Wesentliches, es fehle ihnen an Theorie. Das sagte . . .
Das muss ein furchtbar dummer Mensch sein, der das gesagt hat.
Das sagte Hilton Kramer, einst Starkritiker der «New York Times». Tom Wolfe fand das auch dumm und fühlte sich darin bestätigt, dass nämlich die moderne Kunst ungeheuer theorielastig sei, dass sie viel mit Glauben zu tun habe und wenig mit Sehen, dass die Kunst Literatur geworden sei, dass Gemälde nur noch existierten, um einen Text zu illustrieren, dass sich die Künstler bei den Kritikern andienten.
Dieser Wolfe hat überhaupt keine historische Bildung. Was ist das hier? Lattenweise Schriften von Renaissancekünstlern. Ein Mann wie Alberti zum Beispiel schrieb: Wenn man das Geheimnis eines Menschen, seine Furcht, seine Hoffnung darstellen wolle, dann müsse man ihn nicht mit vollem Gesicht zeigen, sondern halbabgewendet. Und so fort. Oh, nein. Die theoretischen Anstrengungen der klassischen Künstler waren x-mal grösser als die der heutigen.
Immerhin kann man nicht leugnen, dass viele Leute mit zeitgenössischer Kunst nichts anfangen können.
Auch bei einem Caspar David Friedrich, dem Lieblingsmaler aller, die von zeitgenössischer Kunst nichts halten, hat man 1810 gesagt, was er mache, das sei Schmiererei. Tja.
Einen Caspar David Friedrich kann man ohne einen Berg Kunsttheorie anschauen.
Natürlich. Wer einen Caspar David Friedrich ohne ikonographisches oder kunstgeschichtliches Wissen betrachtet, sieht dann vielleicht jemanden, der ist in den Alpen und schaut über das Nebelmeer des Tales, und das ist ja schön. Aber begriffen hat er damit nichts. Auch dieses Bild lebt von der Differenz zwischen dem, was es darstellt, und dem, was dazu gedacht werden kann. Also bedarf auch dieses Bild einer Auslegung. Wer also behauptet, gegenständliche Bilder verstünde er, nichtgegenständliche aber nicht, der gibt mit dieser Aussage vor allem zu verstehen, dass er überhaupt nichts verstanden hat. Denn es gibt keinen unmittelbaren Zugang zu Kunst, und es gab nie einen. Bilderlesen will gelernt sein. Punkt.
Was verpassen Menschen, die ohne Kunst leben?
Sie rennen zum Psychologen und lassen sich da mit systemischer Familientherapie oder was auch immer behandeln. Da werden sie dann dressiert, auf eine bestimmte Art und Weise mit ihren Problemen umzugehen, und das ist ja schon etwas. Aber sie werden nie begreifen, dass es grundlegende Schwierigkeiten gibt, die im Wesen der menschlichen Kommunikation liegen und nichts damit zu tun haben, dass sie persönlich zu aggressiv oder zu dumm sind oder ihre Mitmenschen zu hinterhältig.
Sie selber haben keine Psychotherapie gemacht?
Nein, natürlich nicht. Aber gerade Künstler in unserem Jahrhundert haben sich sehr für psychisch kranke Menschen interessiert, deren Kommunikationsfähigkeit gestört ist. Sie hofften, an ihren Defekten aufzeigen zu können, was denn die Bedingungen für das Gelingen von Kommunikation sind. Es gibt da diesen Witz: Ein Kranker geht im Hof spazieren. Hinter sich zieht er einen Bindfaden her, und am Bindfaden ist eine Dose. Da kommt der Arzt und will mit dem Kranken reden. Er sagt: Na, mein lieber Obermaier, führst du heute wieder deinen kleinen Hund spazieren? Darauf der Kranke: Aber Doktor, was ist denn das für ein Unsinn, Sie müssen doch sehen, das das kein Hund ist, das ist doch eine Dose! Sagt der Arzt: Oh, das ist ja wunderbar, Sie machen ja Fortschritte! Der Arzt geht seines Weges. Worauf der Kranke sich zu seiner Dose wendet und sagt: Na, Fifi, den haben wir aber schön reingelegt.
Herr Brock, welche Kunst hat Sie verändert?
Der Dramatiker Brecht machte mir klar, dass nicht die Leute auf der Bühne die eigentlichen Akteure sind, sondern die Leute im Zuschauerraum. Meine Arbeit in Museen, meine Besucherschulen sind genau darauf ausgerichtet, dieses Bewusstsein in den Leuten zu wecken, ich versuche ihre Unterscheidungsfähigkeit zu trainieren, sie zu professionalisieren. An Richard Wagner habe ich das Prinzip Hollywood kennengelernt. Bei John Cage kriegt man eine Musik vorgeführt, deren Thema es ist, das Nichthörbare hörbar zu machen, also zum Beispiel die Pausen. Es ist eine Musik, die das Nichtdarstellbare verhandelt, aber als Darstellung.
Und in der bildenden Kunst?
Magritte war für mich als junger Mensch sehr wichtig, weil ich da plötzlich merkte, dass es mit Platons Ideenlehre oder mit Hegels Ästhetik nicht getan war, dass es noch einmal etwas anderes ist, wenn man die Probleme anschaulich zeigt und man diese in der Anschauung überhaupt erst identifizieren muss.
Und was hat Sie richtig gepackt?
Wie? Sie haben nichts verstanden!