NZZ Folio 01/04 - Thema: Strafe   Inhaltsverzeichnis

Möchtste aussagen?

Barbara Salesch ist der Publikumsliebling der theatralisch aufbereiteten Rechtspflege. In ihrer Sendung wird geheult, geprügelt – und das Justizverständnis gefördert, wie die Fernsehrichterin behauptet.

Von Margrit Sprecher

Es geschieht in der elften Minute. Die Angeklagte springt auf, stürzt sich auf die Rockerbraut und rüttelt an ihrer Ledermontur, dass der steife Haarkamm zittert. Das Publikum johlt, Richterin Salesch seufzt. «Bitte…», mahnt sie. Und nochmals, «Bitte…!» Milde schweift ihr Blick über ihre Brille hinunter auf die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Lebens. Nichts ist ihr fremd. Alles wird sie wieder richten. Da ist keiner im Gerichtssaal, der jetzt nicht gern ein bisschen kriminell wäre, um ihr was zu gestehen. Da ist niemand im Publikum, der daran zweifelt, dass jeder die Strafe verdient, die sie verhängt.

Zwei Jahre lang hatte die Produktionsfirma Filmpool die deutschen Gerichtssäle nach telegenen Richtern und Richterinnen durchkämmt – vergeblich. Selbst sichere Tipps erwiesen sich als Flops. Der «umwerfend Geistreiche» brillierte auf Kosten der Angeklagten; der «Scharfsinnige» hörte sich selbst hingerissen beim Reden zu. Aufrufe in Richterblättern brachten zwar zweihundert Bewerbungen, doch bei den Probeaufnahmen erwiesen sie sich als unbrauchbar. «Besonders die Männer strotzten vor Eitelkeit», erinnert sich Felix Wesseler von Filmpool. Wie im wirklichen Richterleben warfen sie sich in Pose, schnitten den Angeklagten das Wort ab und schmissen mit Fremdwörtern um sich, als wären sie am Juristenkongress.

Schliesslich fiel der Name Barbara Salesch, Vorsitzende Richterin am Landgericht Hamburg. In wenigen Wochen wurde sie für die deutschen Fernsehgerichte, was Klausjürgen Wussow einst für die Schwarzwaldklinik war – ein Quotenhit. Mit einem Unterschied: Schauspieler Wussow, alias Chefarzt Brinkmann, konnte ein Skalpell nicht von einem Metzgermesser unterscheiden. Richterin Barbara Salesch hatte im Lauf ihrer Karriere Hunderte von Menschen hinter Schloss und Riegel gebracht.

Jahrzehntelang waren Fernsehgerichte eine betuliche Angelegenheit gewesen. «Ehen vor Gericht» hielt sich im ZDF dreissig Jahre, «Wie würden Sie entscheiden?» sechsundzwanzig. Meist ging es um unspektakuläre Zivilrechtsfälle von Hauspfändung bis Hundebiss. Die juristische Begründung musste wasserdicht sein, das Volk konnte was lernen und sein eigenes Gerechtigkeitsempfinden mit dem Recht vergleichen.

Die Wende kam 1999, als das ZDF eine neue Gerichtsshow namens «Streit um Drei» lancierte. Ihr Erfolg weckte sogleich die Begehrlichkeit der Privatsender. Fernsehgericht ja, aber richtig! Das einst biedere Nachmittagspublikum, verdorben vom täglichen Krawalltalk, war reif für schärfere Kost. Keine Grenzzaun- und Alimenten-Querelen mehr, sondern Gewalt, Sex und Einblick in menschliche Abgründe, von denen man selbst Gott sei Dank verschont blieb. Schluss mit dem weichen Psychokram und dem Verständnis für alle und jedes. Das Volk forderte ein sauber getrenntes Gut und Böse samt dazugehöriger Strafe, und das Ganze abgesegnet von einem echt richterlichen Urteil.

Nach wenigen Monaten hatten Barbara Saleschs Straffälle auf SAT 1 die Konkurrenzsendung «Streit um Drei» vom Bildschirm gefegt. Und das war nur der Anfang. Inzwischen wird auf SAT 1 und RTL von Montag bis Freitag und von 14 bis 17 Uhr in fünf Fernsehgerichten nonstop gerichtet. Vorsitzende gibt’s für jeden Geschmack. Jugendrichterin Ruth Herz boxt mit ihren Fragen die Angeklagten symbolisch in die Rippen: «Möchtste aussagen?» «Haste verstanden?» Alexander Hold, einst in Kempten zuständig für organisiertes Verbrechen und Glücksspiel, spricht sein Urteil mit samtenem Bayerntimbre und sieht nicht nur aus wie ein Porschefahrer, sondern ist auch einer.

Primadonna assoluta des Genres bleibt freilich Barbara Salesch. Ihretwegen wollen Deutschlands Teenager, so die Umfrage einer Frauenzeitschrift, nicht mehr am liebsten Ärztin, sondern Richterin werden. So apart kontrastiert ihr rotes Haar zur schwarzen Richterrobe, die sie légère wie einen Schminkmantel umwirft. So klar und einfach ist ihre Sprache, die Justiz zum Kinderspiel macht. «Fachjargon ist reine Machtdemonstration», sagt sie in ihrer Garderobe, wo sie mit flinken Händen die sieben Fälle des Nachmittags durchblättert und trotzdem ganz Ohr und ganz da ist. Die Hände halten inne, die Lider heben sich: «Aber als Richterin muss ich meine Macht doch nicht extra betonen. Die hab ich sowieso.» Und überhaupt, sagt sie, bietet der Richter nur eine Art Service, um mit Strafen Probleme zwischen Menschen zu lösen.

Alle Fernsehrichter und -richterinnen tendieren zu eher milden Strafen – das erhöht ihre Popularität –, vor allem, wenn der Staatsanwalt zuvor wild drauflospolterte. Anders als die Medien, die stets härteres Durchgreifen fordern, so Barbara Salesch, zeigt das Volk durchaus Verständnis für einen Straftäter – vor allem, wenn er seine Rolle einfühlsam spielt. Zweifel am Strafmass tauchen erst auf, wenn der Fall einen Zuschauer, eine Zuschauerin persönlich betrifft. Am schwersten kapieren Laien, dass ein Vergehen nicht, wie im Supermarkt, einen festen Preis hat: 1 x Vergewaltigung = 2 Jahre Zuchthaus. Warum kassierte der eigene Sohn fast das Doppelte? Barbara Saleschs Antwort bleibt immer die gleiche: Auch Vorgeschichte und Gesinnung spielen beim Strafmass eine Rolle. Handelte der Täter besonders niederträchtig? Ist er vorbestraft?

Der deutsche Richterbund hatte anfangs über das «TV-Zerrbild der Justiz» gemotzt: völlig verfälschter Gerichtsalltag. Das sieht man allein an den mit dem Rücken zum Publikum stehenden Gesetzbüchern. Kein Richter würde sich die Pöbeleien im Saal gefallen lassen. Keiner die Zeugen schon unter der Tür mit Fragen überrumpeln, weil der ganze Fall samt Urteil nur 23 Minuten dauern darf. Und überhaupt, welcher seriöse Jurist will schon den Justizkaspar spielen, der sich vor seinem Einsatz pudern lässt.

Inzwischen ist die Kritik abgeflaut, ja in Wohlwollen umgekippt. Nordrhein-Westfalens Gerichte machten sogar ihren Betriebsausflug ins Kölner Filmpool-Studio, um die Kolleginnen Herz und Salesch live zu erleben. Denn das gezeigte Berufsbild schmeichelt überaus. Alle so sympathisch. Alle so souverän. Alle so kompetent und menschlich. Und vor allem: alle so unfehlbar. Das stärkt nicht nur das richterliche Ansehen. Das stärkt auch den Glauben des Volkes in die Justiz: In unsern Gerichtssälen wird die Welt ein bisschen gerechter.

Gross ist der Schock freilich, wenn Salesch-, Herz- und Hold-Fans selbst vor den Schranken landen. Schon die Maschinerie des Wartens auf einem Armesünderbänkchen macht sie mürbe. Haben sie Pech, liegt ihr Richter gelangweilt im Sessel, lässt sie Achtungstellung annehmen und schnauzt sie gereizt an. Statt sie mit einer väterlichen Belehrung zu entlassen, wedelt er sie fort wie lästige Insekten. Kurz, sie stehen vor einem Statthalter eines höheren Wesens, der im Besitz der absoluten Wahrheit ist.

Dass das Strafmass keineswegs eine objektive Grösse ist, wissen alle Gerichtsreporter und -reporterinnen mit Vergleichsmöglichkeiten. Die Härte der Strafe hängt nicht nur von der politischen Einstellung und der Tagesform des Richters ab, sie richtet sich auch nach dem Justizklima eines Ortes. Und dieses schwankt von Stadt zu Stadt und Gericht zu Gericht erheblich. Drogenvergehen werden in der Stadt milder, auf dem Land härter bestraft. Die Strafen in der Westschweiz sind, wie eben eine Studie der Universität Zürich zeigte, härter als in der Deutschschweiz.

Leichter als zu telegenen Vorsitzenden kommen die Fernsehsender zum übrigen Prozesspersonal. Ein Kleininserat in der Lokalzeitung genügt, und schon stürmen Hunderte die Vorsprechtermine. Im Archiv von Filmpool lagern 20 000 abrufbare Steckbriefe von Möchtegern-Totschlägern und -Sexualopfern. Immer gefragt sind Schurken, denen man dies dank stechenden Augen, abstehenden Ohren oder Quadratschädeln auch ansieht. Oder Blondinen, die sich als Unschuldsengel (Haar zum braven Pferdeschwanz gebündelt) oder Flittchen (bauchfreies T-shirt) einsetzen lassen. Unter «Besonderes» werden ungewöhnliche Dialekte, Totalglatze, Tätowierungen oder Amputationen vermerkt. Wer keinen Vergewaltiger, Rechtsextremen oder Homosexuellen spielen möchte, kann dies angeben. Doch den meisten ist die Rolle egal. Hauptsache, sie kommen einmal im Fernsehen. Und dies ohne Gage.

Laien sind zwar billig, dafür unberechenbar. Der eine wird in letzter Minute kopfscheu und büxt aus. Die andere findet ihre Rolle plötzlich Scheisse und will nach Hause. Nur auf Zehenspitzen schleichen die Studiomitarbeiter den Proberäumen entlang, hinter deren Milchglasfenstern sich Täter und Opfer, Mutter und Tochter, Zeugin und Angeklagte eine Stunde vor Drehbeginn zum ersten Mal sehen. Die Dialoge sind nicht festgelegt, Drehbuch gibt’s keines. Alles, was die Laien bekommen, ist die Geschichte der Straftat und ein Steckbrief des darzustellenden Charakters: «Hart, verbittert, proletenhaft» hiess es bei Pascale, die im Prozess eine Drogenhändlerin spielt. «Hilfsbereit und nett» musste Barbara als Gefängniswärterin sein. Alle Charaktere sind so deutlich angelegt wie das Krokodil und die Prinzessin im Kasperlitheater.

Den Ratschlag «Mach es aus dem Bauch heraus!» befolgen die Laien mit Begeisterung. Die Glitzertränenpaste wird kaum gebraucht; es fliessen echte Tränen. Die Betrogenen rollen die Augen, die Guten ringen ohnmächtig die Hände, die Bösen lächeln diabolisch. Einmal in Fahrt geraten, baut mancher seinen als zu lahm empfundenen Part während der Sendung nach eigenem Gusto aus – zum Schrecken des Regisseurs. Denn Ziel ist, den Fall möglichst kostengünstig, das heisst zügig und ohne Unterbrechung, zu drehen.

Fachleute mutmassen, dass es inzwischen zu viele Gerichtssäle im deutschen Fernsehen gibt. Nur eine Frage der Zeit, bis der erste abgerissen wird. Im Kampf um die Quote legen die Sender laufend an Spektakel und Klamauk zu und verstärken den Gruselfaktor. In jedem Prozess wird geflucht und geheult; Prügelszenen sind so üblich geworden wie auf dem Eishockeyfeld. Selbst Ruth Herz’ Jugendgericht wurde jüngst mit zwei angejahrten Transvestiten in freizügiger Abendrobe aufgepeppt, die ihre Bettgeschichten öffentlich austrugen und dabei beträchtliche Bierbäuche schwenkten.

Klar sind die Richter und Richterinnen ein bisschen geniert, wenn sie im Programmheft die Titel der Stücke lesen, denen sie ihre richterliche Autorität leihen: Sexparty im Altersheim. Der Pornodreh. Die geschenkte Nutte. Klar sieht das alles danach aus, eine möglichst unanständige Geschichte ins anständige Nachmittagsprogramm zu schmuggeln. Trotzdem verteidigen sie tapfer ihre Mission. Barbara Salesch besteht darauf: Das Dokutainment, die fernsehgerecht aufbereitete Rechtspflege, sorgt für mehr Justiz- und Strafverständnis.

Sie hat eben ihren Fernsehvertrag verlängert und wohnt jetzt neben dem Filmstudio im Kölner Industriequartier mit Aussicht auf Fabrikflachdächer und schnurgerade Strassen. Auch ihre Kolleginnen und Kollegen zieht es keineswegs ins wirkliche Richterleben zurück. Denn verglichen mit der vom Fernsehen servierten Schlachtplatte schmeckt der Richteralltag wie fade Kantinenkost: Drogendelikte von früh bis spät und hin und wieder ein betrunkener Autofahrer. Nie rutscht ein Träger von der Schulter einer Angeklagten, nie entpuppt sich im Gerichtssaal der Zeuge als Täter und die Täterin als Opfer. Statt Bitten um ein Autogramm liegen Berufungen mit Urteilsschelte in der Post. Und statt der aufgestellten jungen Studio-Crew erwarten sie wieder gelb-braun gestrichene Amtsstuben, Leitzordner und missgelaunte Kollegen, die hämisch auf die Rückkehr des Stars lauern.

Bis es so weit ist, sehen sich die Tribunalvorsitzenden in ihren Studios ungewohntem Stress und neuen Erfahrungen ausgesetzt. Plötzlich erleben sie am eigenen Leib, was Wettbewerb und Kopf-an-Kopf-Rennen sind. Wie es ist, plötzlich kündbar zu sein und dabei erst noch von des Volkes Gunst abzuhängen.

An diesem Herbstmontag sitzt eine Schulklasse aus Erfurt in Barbara Saleschs Gerichtssaal. Die Schüler, nach fünf Stunden Busfahrt in verschwitzten Pullovern, üben mit Schwung das Aufstehen beim Eintreten des hohen Gerichts und beäugen interessiert die offene Studiodecke mit dem Kabel- und Scheinwerfergewirr: Sieht man zu Hause auf dem Bildschirm nicht. Doch als nach 23 Minuten der erste Fall abgedreht ist, kommt Unruhe auf. «Echt anstrengend», findet einer das Stillsitzen. Ein anderer muss mal dringend. Ein dritter möchte eine Cola. Einem Raubtierbändiger gleich scheucht sie der Regisseur auf ihre Sitze zurück.

Kein gutes Zeichen für die Gerichtsshow. Denn Schulklassen dienen nicht nur zum Auffüllen der Zuschauertribüne, sie sind auch Testpublikum. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Prozesse noch rascher – ex und hopp – über die Bühne gehen. Auch könnte man den moralischen Schluss-Schlenker streichen – ohnehin ein Relikt aus den Fernsehgericht-Gründerzeiten. Ja, vielleicht sogar Strafmass samt Begründung kippen. Denn solch technische Details, das wird hier klar, interessieren dieses Publikum ebenso wenig wie die Liste der Additive auf der Verpackung einer Tiefkühlpizza.

Margrit Sprecher ist Gerichtsberichterstatterin und Autorin der Bücher «Menschen vor Gericht» (Ammann-Verlag) sowie «Leben und Sterben im Todestrakt» (Haffmans Sachbuch). Sie lebt in Zürich.


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