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Zerlegt -- Ein alter Hut
© Patrick Rohner
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| Baseballkappe, Acryl/Wolle, New Era, 59 Franken. |
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Von Jeroen van Rooijen
Manche Phänomene können sich nicht einmal jene erklären, die direkt damit konfrontiert sind. So gibt der Umstand, dass die Kids derzeit ihre 59Fifty-Baseballkappen am liebsten mit dem goldenen Werbesticker des Herstellers New Era auf dem Schild tragen, auch den Verkäufern im Zürcher Skater-Fachgeschäft Beach Mountain Rätsel auf. Das sei jetzt halt in, sagen sie dort schulterzuckend. «Das machen die bösen Buben in den Rapvideos auch.»
Sicher ist: Der Erfolg dieser Kappen hat mehr mit Hip-Hop zu tun als mit Begeisterung für Baseball. Weil die Rapper in den Videos sie haben, tragen jetzt die Jungs (und einige Mädchen) mit extraweiten Hosen und Shirts sie auch. Und eben mit dem Sticker drauf, damit man sieht, dass es eine «Echte» ist. Noch etwas ist ultrawichtig: Das Schild der Mütze, im Fachjargon auch Visor geheissen, muss total flach auf der Stirn stehen. Ein gekrümmtes Schild ist nur etwas für Provinzler und junge Männer, die Honda CRX oder tiefergelegte 3er-BMW fahren.
Die 59Fifty von New Era ist etwa das, was eine Hermès-Tasche bei den Lederwaren ist: ein Klassiker, an dem sich der Rest der Branche zu messen hat. Das hat, wie im Fall der Taschen auch, mit der Geschichte des Herstellers, der Qualität der verwendeten Materialien, der arbeitsintensiven Produktion und letztlich auch mit viel Marketing zu tun.
Die New-Era-Kappe ist nicht aus irgendeiner lappigen Baumwolle, sondern aus einer ziemlich robusten Acryl-Wolle-Mischung gefertigt. Das hat Tradition: Schon Harold Koch, Sohn des deutschstämmigen Gründers von New Era, stellte die ersten Baseballkappen in den 1930er Jahren aus Schurwolle her, die seine Frau Marion gemäss Kundenwünschen in ihrer Waschmaschine einfärbte.
Das Modell 59Fifty wurde 1954 erfunden und gehörte ursprünglich zur Berufskleidung professioneller Baselballspieler der amerikanischen Major League. Bevor die Kappe in Mode kam, trugen die Spieler in diesem Sport während Jahren Strohhüte mit Krempen – bis 1860 schliesslich eine neue, damals aber noch schildlose Stoffmütze in Mode kam.
Das Besondere an der 59Fifty ist die hohe Krone (Stirnhöhe), die ausreichend Platz für Clubkennzeichen bietet, sowie die «fitted» Bauweise: Die 59Fifty wird in vierzehn verschiedenen Hutgrössen hergestellt, die den europäischen Grössen 51 bis 64 (Kopfumfang in Zentimetern) entsprechen. Andere Hersteller bauen verstellbare Riegel ein, die ihnen ermöglichen, weniger Grössen zu produzieren.
Genäht wurde die aus sechs Stoffsegmenten und dem Schild geformte 59Fifty ursprünglich in den USA, seit drei Jahren wird aber auch in China produziert. Laut New Era wird auch dort an den 22 Arbeitsschritten festgehalten, die eine 59Fifty braucht. Dazu gehören die acht Nahtreihen auf dem flexiblen Schild mit Dupont-Kunststoffkern, das Abdecken der innenliegenden Nähte mit einem Schrägband, das Einnähen des gepolsterten Schweissbandes sowie das Aufbringen der dreidimensionalen Stickerei.
Die Kids mit den weiten Hosen wird dies alles wenig interessieren. Für sie zählt nur, dass ihre Idole diese Kappen tragen.
Von Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.
Leserbriefe:
Zu Zerlegt -- Ein alter Hut - NZZ-Folio 13-jährig (08/07)
Zurzeit schreibe ich meine Sek Abschlussarbeit über Caps. Alle Ihre Informationen über NewEra, die Trends usw. sind korrekt und in schönen Sätzen verpackt. Ein Lob an den Autoren. Bis auf den letzten Satz: ( "Die Kids mit den weiten Hosen wird dies alles wenig interessieren. Für sie zählt nur, dass ihre Idole diese Kappen tragen.") Soso... da werden wir Jugendliche wieder einmal in ein völlig falsches Licht gestellt, denn es ist nicht unser Ziel, irgendjemanden, einen Rapper oder was auch immer, zu imitieren, sondern wir identifizieren uns lediglich durch unseren Style. Eloisa Göldi per Email
Zu Zerlegt -- Ein alter Hut - NZZ-Folio 13-jährig (08/07)
Gratuliere. Habe die ganze Nummer mit Genuss und Gewinn gelesen. Sehr liebevolle und respektvolle Begleitung dieser jungen Menschen. Leider kommt für mich persönlich die Nummer 10 Jahre zu spät, meine Kinder sind erwachsen geworden. Bruno Maggi, per E-Mail
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