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NZZ Folio 05/96 - Thema: Entführt!   Inhaltsverzeichnis

Wie investiere ich 25 Millionen?

Über das Lösegeld.

Von Horst Bosetzky

EINE REDAKTION ruft an, ob ich etwas zum Thema Lösegeld schreiben könne. Gott, die müssen etwas ahnen! Stecken das Bundeskriminalamt oder Europol dahinter? Mein Herz, und der Durchfall wieder. Ich laufe zur Toilette, schlucke danach zwei Tabletten. Sippenhaft ist abgeschafft, aber . . . Bei mir im Keller liegen 25 Millionen, teils in kleinen gebrauchten, teils in nagelneuen, aber ganz sicher registrierten grossen Scheinen. Sie stammen von Bernd, meinem Bruder, der, um sein marodes Unternehmen zu retten, die Frau eines Bankiers entführt hatte. An das Lösegeld gelangte er mit der Methode, die schon von «Dagobert», dem Berliner Kaufhauserpresser, ausgedacht worden war: Die Beauftragten hatten das Geld in ein Mini-U-Boot stecken müssen, das Bernd dann per Fernsteuerung ans andere Ufer des Wannsees gelenkt hatte. Der Coup war geglückt, doch wenig später kam Bernd bei einer Explosion in seiner High-Tech-Firma ums Leben. Ich erbte die 25 Millionen, während Sabine, seine Frau respektive meine Schwägerin, leer ausging. Sie weiss von nichts. Denn sie würde auch sofort zur Kripo laufen.

Es war mir auf der Stelle klar, dass ich das Geld nicht zurückgeben werde. Schon lieber wollte ich mir mit diesen 25 Millionen einen lange gehegten Traum erfüllen: die Gründung von ProVictim, einer Stiftung für Verbrechensopfer.

Wie nun aber weiter, wie konnte ich von diesem Ausgangspunkt an mein Ziel gelangen? Was macht ein Wissenschaftler bei seinen Projekten am Anfang immer und reflexartig? Er sieht die Literatur nach seinem Stichwort durch. Ich eile also in die Bibliothek und stürze mich auf die entsprechenden Bücher. Kaiser, Kriminologie, 1066 Seiten. Ein ewig langes Sachregister. Ich suche fiebernd. Leumundsbeweis . . . lombardisch-kanonischer Prozess . . . Nichts! Dann eben bei der Konkurrenz: Schneider, Kriminologie, 969 Seiten. Livesendungen . . . Machtkonflikttheorie . . . Wieder nichts. Mit wachsender Verzweiflung blättere ich in der «Kriminalistik», der wohl führenden Fachzeitschrift dieser Disziplin. Aber auch in der ist nichts zu finden.

Lösegeld . . . Wer erlöst denn mich! Die Praktiker ganz sicher. Ich reisse das Polizeilexikon aus dem Regal. 1200 Begriffe aus Recht und Praxis, Technik und Taktik. Fast zerfetze ich beim schnellen Blättern die Seiten. Liniensystem . . . Lockspitzel . . . Löschung . . . Londoner Erklärung . . . Ich kann's nicht fassen. Sind die denn alle blind!? Dann eben das Kriminalistiklexikon. Seite 143: Logistik . . . Löschung . . . Lügendetektor . . . Ich schreibe das Wort Lösegeld auf ein Stück Papier und überzeuge mich, dass alles richtig ist.

Weder die Kriminologen noch die Kriminalisten haben dem Lösegeld auch nur ansatzweise Beachtung geschenkt. Ich hoffe auf Hilfe von den Juristen und fische mir das Juristische Wörterbuch von Gerhard Köbler aus dem Stapel, denn dort ist, wie ich weiss, alles schön sophistisch definiert. Zum Beispiel: «Abwesender ist, wer sich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht an einem bestimmten Ort aufhält» (S. 4). Da giere ich bereits wie ein ausgehungertes Tier nach dem Tiefsinn, der beim Begriff Lösegeld zu lesen sein wird. Auf Seite 180 muss es sein, denn die beginnt oben mit Lobby. Also, einmal tief durchgeatmet: Los . . . Löschung . . . Löschungsbewilligung . . . Löschungsvormerkung . . . Aus, Ende.

Da mich mittlerweile Mordgedanken gegenüber den derart versagt habenden Kolleginnen und Kollegen erfüllen, komme ich aufs StGB. Wenigstens im Strafgesetzbuch muss es doch stehen! Und was finde ich: Leistungskürzung . . . Löschen . . . Löschgerätschaften . . . Lotterie . . . Vielleicht bei den Paragraphen zur Entführung. Nein, auch da nur Fehlanzeige.

Meine nächste Hoffnung ist Meyers Grosses Taschenlexikon in 24 Bänden, vornehmlich der Band 13, Las?Mals, aus dem Jahre 1992. Aber da gibt es mit Lös auch nur Löschen, Löschkopf, Löschkalk, Löschpapier, Löschung, Löschungsvormerkung, Lösung . . .

Mein eigener Lösungsdruck wird langsam unerträglich gross, und der Schweiss bricht mir aus. Vielleicht, schiesst es mir durch den Kopf, gibt es das Wort, gibt es den Begriff Lösegeld ja gar nicht, und ich bin psychisch krank, habe ihn nur für mich erfunden . . .? Der grosse Duden rettet mich (Band 4, Kam?N, Seite 1700): «Lösegeld . . . Geld(betrag), mit dem ein Gefangener, eine Geisel freigekauft werden soll oder wird: der Vater hatte 500 000 Dollar L. gezahlt; (ein) L. fordern, erpressen; er wurde gegen ein hohes L. freigelassen . . .»

Das Phänomen Lösegeld gibt es also wirklich. Aber ein bisschen enttäuscht bin ich schon, denn insgeheim hatte ich von meiner Recherche über das Lösegeld viel mehr erwartet, Aufschluss nämlich über den Wert des Menschen an sich. Was sind wir anderen wert, unserem Staate zum Beispiel, der Gesellschaft, der Volksgemeinschaft? Zahlt unsere Regierung 25 Millionen für uns, wenn wir, in Costa Rica oder Papua beispielsweise, in die Hände von Entführern fallen? In Zeiten der Sparhaushalte ganz sicher nicht. Darum fordere ich an dieser Stelle mit Nachdruck endlich ein Lösegeldgesetz, in dem der Wert eines jeden Menschen mit zwei Stellen nach dem Komma festgehalten ist, rechtsverbindlich, einklagbar. Höchster Zweck der Staatsbürokratie ist ja die Herstellung bindender Entscheidungen - und anhand dieses Gesetzes kann dann auch ein Entführer bindend entscheiden, bei wem sich eine Entführung lohnt und bei wem nicht (bei mir zum Beispiel). Oder sollte man für einen jeden Bürger, gleich welchen Geschlechts und Standes, 25 Millionen Mark (bzw. Franken, Gulden oder Euros) bindend festschreiben? Setzen wir einen parlamentarischen Ausschluss ein, dies zu klären . . . Vielleicht kommt dabei heraus, dass Lösegeld Privatsache ist und ein jeder gesetzlich verpflichtet wird, bis zum 31.12.1999 eine private Lösegeldzahlungsversicherung (LZV) abzuschliessen.

Aber was ist mit denen, die uns ganz besonders nahestehen? Löst Tante Martha wirklich ihr Sparkonto auf, um mit 1200 DM dabei zu sein, wenn die liebe Familie das Lösegeld für uns zusammenbringen will? Und kann man bei denen vorbehaltlos sicher sein, die uns in kosmisch einmaliger Art und Weise ebenso körper- wie auch seelennah verbunden sind? «Ich würde mein Leben für dich geben.» Das ist schön hingehaucht und kostet nichts. Würde aber die Geliebte/der Geliebte die ganzen und in vielen Jahren mühsam angesparten 25 912,23 DM vom Sparkonto abheben, um das Lösegeld für mich/für Sie zu zahlen?

Einen neuen Partner hat man im Handumdrehen im Bett, aber nicht 25 912,23 DM auf seiner Bank.

Aber was soll dieses düstere Philosophieren, mein Problem war ja ein ganz anderes. Ich musste langsam versuchen, mit meinen Millionen die Investitionen vorzunehmen, die für ProVictim, meine Stiftung, nötig waren. 25 Millionen für die Verbrechensopfer. Sie haben es verdient, denn alle Welt kümmert sich um die Serientäter, ob sie nun Haarmann, Dahmer, Ogorzow (das ist «mein» S-Bahn-Mörder aus «Wie ein Tier») oder Kürten heissen - kaum einer aber um die Opfer. Das ist also auch ein Stück Wiedergutmachung für mich.

In gehe in meinen Keller hinunter. Ich wühle im Geld, ich schwimme im Geld, in den kleinen gebrauchten wie in den grossen Scheinen, die noch in den Banderolen stecken. Aber orgiastische Gefühle habe ich nicht. So muss sich einer fühlen, der mit all seinem Geld mitten in der Wüste sitzt und am Verdursten ist. Aber vielleicht haben sie in der Eile doch nicht alle Nummern aller Scheine aufnotieren können; Berge sind das ja. Ich beschliesse, das zu testen.

Am nächsten Tag verliere ich vor dem Büro meines meistgehassten Kollegen einen rotbraunen Fünfhunderter. Raimund Rattenleichner, so heisst er, ist ziemlich pleite, und er wird bestimmt nicht ins Fundbüro eilen. Der Mann hat mir meine Karriere vermasselt, Mobbing hoch drei betrieben. Abends folge ich ihm, und was macht der Herr Professor? Er, Lehrer für Betriebswirtschaftslehre, verschwindet zwar in einem Betrieb, aber in einem jener, die immer mit «bordellartig» umschrieben werden. Ich setze mich in die Pizzeria gegenüber. Eine Stunde später ist die Polizei zur Stelle und hat Rattenleichner in die Mitte genommen.

Die Scheine sind also wirklich alle registriert. Da wird nichts aus meiner Stiftung bis ich achtzig bin.

Bleiben noch die kleinen und gebrauchten Scheine. Ich nehme einen Stapel davon und gehe damit in ein fremdes Reisebüro, um nach Lanzarote zu fliegen. 1800 Mark in Zehnmarkscheinen, das ist schon eine halbe Aktentasche voll.

«Wo haben Sie die denn her?» fragt mich der Azubi.

«Na, soeben gedruckt!» lache ich.

«Nein, mal ehrlich.»

«Ich verkaufe geräucherte Forellen . . . 9,99 DM das Paar, mit Frischegarantie.»

Da guckt er mich an, als würde auch er jeden Augenblick den Polizeiruf wählen wollen. Ehe er es tut, verschwinde ich lieber mit meinen Scheinen.

So sitze ich wieder im Keller und denke, wie einfach es in früheren Zeiten mit dem Lösegeld war. Da ich gerade an einem historischen Roman schreibe, weiss ich: 1316 zum Beispiel nahm Herzog Heinrich von Mecklenburg, auch noch der Löwe genannt, seinen Vetter Johann von Werle gefangen, der auf Seiten der feindlichen Brandenburger in die Schlacht bei Fürstensee gezogen war, und bekam ganz legal die «Auslösungssumme» von 10 000 Mark Silbers für ihn. Herrlich, die gewesenen Zeiten.

Ich aber bin bei mir im Keller und weiss, dass mich der Wahnsinn packen wird. Da habe ich 25 Millionen und kann nichts anfangen mit ihnen! Schon fiebere ich und phantasiere . . .

Neben mir meldet sich mein Handy.

«Ja, bitte . . .?»

Eine dunkle, bewusst verzerrte Stimme: «Wir haben soeben Ihre Schwägerin entführt. Halten Sie das Lösegeld bereit. 25 Millionen.»

«Ja, gerne, mache ich. Danke!»

Das ist die Erlösung!

Horst Bosetzky ist Soziologieprofessor in Berlin und unter dem Kürzel -ky Autor zahlreicher Kriminalromane.


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