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«Ich muss diese Hose haben!»
© Nik Hunger, Zürich
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| Kristina, 15, erstes Lehrjahr als Verkäuferin. |
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Für Jugendliche heisst Shopping vor allem Markenkleider kaufen. Radi (17), Kristina (15), Miloje (17), Miri (16) und Luca (16) über Lieblingsläden, Konsumstress und das gute Gefühl, sich etwas zu gönnen.
Von Mikael Krogerus
Im McDonald’s an der Zürcher Bahnhofstrasse sitzen drei Jugendliche und ruhen sich aus vom Shoppen. Kristina (15) macht eine Verkäuferlehre, Miloje (17) das KV, Radi (17) ist ausgelernter Verkäufer.
Wie viel Geld habt ihr monatlich zum Shoppen?
Radi: 2100 Franken.
Wie viel?!
Radi: Ich verdiene 2500, 400 Franken brauche ich für Handy und Versicherung, der Rest ist fürs Shoppen.
Kristina: Ich verdiene 1000, 500 bleiben zum Shoppen.
Miloje: Ich mache die KV-Lehre und verdiene 600 – ich gebe alles für Shopping aus.
Ihr seid alle drei berufstätig oder in der Lehre und wohnt noch zu Hause. Müsst ihr nichts abgeben?
Miloje: Ich muss erst zahlen, wenn ich mit der Lehre fertig bin. Danach werde ich meine Eltern unterstützen.
Radi: Ich zahle manchmal einige hundert Franken.
Weisst du, wofür du das restliche Geld ausgibst?
Radi: Alkohol, Ausgang, Kleider.
Was ist mit Unterhaltungselektronik, DVD und so?
Miloje: Musik und DVD laden wir im Internet runter. Und einmal pro Jahr kauft man ein Handy oder einen MP3-Player. Das Teuerste am Shoppen sind die Markenkleider.
Unter Shopping versteht ihr also Einkauf von Markenkleidern. Welche Marken trägt man diesen Herbst?
Kristina: Diesel ist gut, aber mir sind Marken nicht so wichtig, ich glaube, das ist eher für Jungs ein Thema.
Radi: Levi’s, Mustang, Cavalli, Armani, Hugo Boss.
Warum gefallen dir gerade diese Marken?
Radi: Levi’s ist gute Qualität, bei Armani weisst du, ohne die Marke zu sehen: das ist Armani. Und Boss steht für Formel 1, Mercedes, Kimi Räikkönen – verstehst du?
Nicht wirklich.
Radi: Das sind Symbole, die für Qualität stehen.
Welche Marken gehen gar nicht?
Radi: Dolce & Gabbana, D & G, dumm geboren, dumm gestorben. Ich hasse die Marke.
Eine schöne Frau mit einem D & G-Gürtel würdest du also nie anmachen?
Radi: Niemals, nicht mal Carmen Electra.
Kristina, wie findest du sind die beiden angezogen?
Kristina: Sie sehen okay aus, lässig, aber ihre Marken sind mir egal. Sie sollen bloss nicht so übertrieben angezogen sein, nicht so zerrissene Jeans und so.
Welche Marken seht ihr bei Mädchen gern?
Miloje: Marken spielen keine Rolle, sie soll hübsch sein. Ich glaube, die meisten Mädchen machen sich schön, weil sie ihre Freundinnen beeindrucken wollen und nicht die Jungs.
Ihr habt jetzt gesagt, dass Marken nicht so wichtig sind, aber ihr tragt alle Markenklamotten – warum?
Radi: Du zeigst, dass du auf dein Äusseres achtest und Style hast. Markenkleidung fühlt sich einfach besser an.
Kristina: Es ist ein gutes Gefühl, sich etwas zu gönnen.
Könnt ihr auf einen Blick sagen, welche Marken Leute tragen? Etwa die beiden Jungs da hinten?
Radi: Also der rechts hat eine Levi’s Hose, Nike-Schuhe für 250 Stutz, der andere hat auch Nike-Schuhe, Hose von C & A, Oberteil von H & M, die Kappe ist eine No-Name-Marke, kostet circa 30 Stutz. Typischer Schweizerstyle.
Was ist denn euer Style?
Radi: Gepflegter Housestyle. Jugostyle ist auch cool: Pullover in der Hose, Trainer und Kette um den Hals.
Ist es eigentlich eine Beleidigung, wenn ich Jugo sage?
Miloje: Nein, politisch sind wir ja Jugos.
Wollt ihr eines Tages zurück in eure Heimat?
Miloje: Ich will erst mal hier Geld verdienen und dann runter und dort eine Disco aufmachen.
Kristina: Wenn ich 35 bin, will ich hier weg. Nur zum Shoppen würde ich noch in die Schweiz kommen.
Was unterscheidet euch von denen, die dort leben?
Miloje: Die sind lockerer als wir. Manchmal fühle ich mich ausgeschlossen, weil sie über Themen reden, von denen ich keine Ahnung habe, weil ich in der Schweiz lebe
Kristina: Die denken, dass wir megareich sind.
Miloje: Genau. Die denken, 5000 Franken sind ein hoher Lohn, dabei ist das hier nichts.
Was ist für dich ein guter Lohn?
Miloje: 10 000 Franken.
Radi: 20 000 wäre ein guter Lohn.
Glaubt ihr, dass ihr mal so viel verdienen werdet?
Miloje: Ich hoffe es. Ich will meine KV-Lehre fertig machen und dann die Buchhalterausbildung.
Radi: Ich mache die Armee und werde dann Polizist.
Wo kauft ihr eigentlich ein?
Radi: Jelmoli, teilweise New Yorker, Globus.
Kristina: Clockhouse, also C & A, und natürlich H & M.
Wie wichtig ist Shoppen für euch?
Miloje: Shoppen ist für mich Freunde treffen.
Radi: Shoppen ist eine Sucht, schlimmer als Drogen.
Worin liegt der Kick?
Radi: Du siehst etwas, das du haben willst, und du bekommst es auch – das passiert sonst nie im Leben.
Haben eure Eltern ein Problem damit, dass ihr all euer Geld fürs Shopping braucht?
Radi: Ich sage meinem Vater nie, wie viel meine Kleider kosten. Wenn er es rauskriegt, gibt’s Ärger. Aber er lässt mich. Ich denke, er ist stolz, dass ich Arbeit habe.
Miloje: Die Eltern sagen: 300 für eine Hose? Du hättest drei kaufen können. Ich sage: Ich muss diese Hose haben!
Seid ihr verschuldet?
Miloje: Ich kann mein Konto nicht überziehen.
Radi: Ich auch nicht. Aber bald bekomme ich eine Kreditkarte, das könnte gefährlich werden.
Was passiert, wenn ihr kein Geld mehr habt und nicht shoppen könnt. Wie reagieren die Kollegen?
Kristina: Das ist kein Problem. Wir machen immer zum Shoppen ab, aber wenn einer kein Geld hat, gehört er trotzdem dazu. Vielleicht kaufe ich ihm ja was.
Was war das Teuerste, was ihr je gekauft habt?
Miloje: Ich hab mal 300 Franken ausgegeben für ein Armband – für eine Kollegin zum Geburtstag.
Radi: Bei mir eine Armani-Hose, 400 Franken.
Kristina: Ich habe meinem Vater eine Uhr gekauft für 300 Franken.
Habt ihr ein schlechtes Gewissen beim Geldausgeben?
Miloje: Ja, wenn die Qualität schlecht ist. Für diese Schuhe hier hab ich 150 Stutz gezahlt – ich war einmal mit denen im Ausgang und gleich drei Risse drin!
Wenn ihr mal viel Geld hättet, was würdet ihr kaufen?
Radi: Mein Traum ist ein Mercedes SL 500.
Miloje: Mir würde ein Honda Civic erst mal reichen.
Seid ihr – im Shopping – anders drauf als die Schweizer?
Radi: Klar, Mann, die sind langweilig gekleidet. Sie müssen mal mit denen reden!
Ich treffe Luca und Miri am Bellevue; sie sind beide 16 Jahre alt und besuchen das Gymnasium. Luca ist Schweizer, Miri ist spanisch-portugiesische Doppelbürgerin. Sie ist in in der Schweiz aufgewachsen.
Miri, wie viel Geld bekommst du monatlich zum Shoppen?
Miri: 170 Franken.
Ist das viel oder wenig?
Miri: Ich hätte gern mehr, vielleicht so 210.
Wie viel bekommst du, Luca?
Luca: 450 Franken.
Das ist viel Geld.
Luca: Ja, aber ich muss davon alles selbst bezahlen: Kleider, Telefon, Coiffeur, Mittagessen, Sportveranstaltungen – ich dachte anfangs auch, das sei viel, aber ich muss mir das jetzt genau einteilen.
Ist das eine gute Idee von deinen Eltern?
Luca: Das ist schon okay, vermutlich soll ich lernen, mit Geld umzugehen.
Und, kannst du mit Geld umgehen?
Luca: Ich denke schon. Ich muss kein Oberteil für 80 Franken haben, bloss weil da eine Marke draufsteht. Auch würde ich nie DVD in der Schweiz kaufen, die sind zu teuer. Ich gebe mein Geld für Sportveranstaltungen aus, und jetzt versuche ich, ein bisschen was zu sparen.
Wie ist es bei dir, Miri?
Miri: Ich kann mir das Geld schlecht einteilen. Wenn ich mit Freundinnen abmache in der Stadt, dann heisst das eigentlich automatisch: Wir gehen shoppen.
Habt ihr ein Bankkonto?
Miri: Ich bekomme das Geld ausgezahlt. Aber meine Eltern haben mir ein Konto angelegt, auf das sie regelmässig einzahlen. Nach der Matur bekomme ich das Geld.
Tatsächlich?
Miri: Das haben die meisten Schweizer.
Wie viel Geld gibt’s zur Matur?
Luca: Keine Ahnung, das weiss ich wirklich nicht.
20 000 Franken?
Miri: Nein, so viel sicher nicht.
Wenn sie euch seit eurer Geburt jedes Jahr 1000 Franken einzahlen, dann wären es 20 000.
Luca: Stimmt eigentlich, so viel ist das gar nicht.
Ist es euch unangenehm, über Geld zu sprechen?
Luca: Ja, schon. Geld ist nicht wichtig, ich will niemandem das Gefühl geben, er sei weniger wert, weil er weniger hat.
Miri: Genau, wir reden zwar über das, was wir kaufen, aber nie über Geld.
Okay, sprechen wir über etwas, das dir leichter fällt: Was trägt man diesen Herbst?
Miri: Farblich sind vor allem Brauntöne in und weiss, nicht mehr so Knalliges. Bei den Marken geht inzwischen alles: Der Trend ist, dass man alles kombinieren kann. Marken und H & M zum Beispiel.
Woher weisst du das?
Miri: Ich lese die «Vogue» oder auch mal das «Bravo», um zu schauen, was die Stars tragen.
Was für einen Style hast du?
Miri: Ich versuche auch zu kombinieren, mal Skater, mal etwas sportlicher, eher nicht elegant. Du musst versuchen, einen Stil zu haben, der zu deiner Persönlichkeit passt.
Ihr seht für mich jetzt aus wie absolute Durchschnittsjugendliche – wo bleibt die Individualität?
Miri: Ja, das stimmt vielleicht. Man wäre wahrscheinlich gern individueller, als man eigentlich ist.
Luca: Du kannst das aber nicht kaufen. Wenn einer strohblöd ist, kann er das nicht mit cooler Kleidung überdecken. Style hat mit Ausstrahlung zu tun. Es ist lächerlich, wenn du versuchst, jemand zu sein, der du nicht bist.
Miri: Ich finde, die Leute sind jetzt im Gymi viel individueller, jeder traut sich anzuziehen, was ihm gefällt. In der Sek gab’s nur Hip-Hop, und wer das nicht trug, war ein Idiot.
Luca: Auf dem Gymi ist es doch nicht individueller, ich finde, viele haben hier irgendwie gar keinen Style mehr.
Miri: Stimmt vielleicht, vor allem die Jungs, die sehen so aus, als ob die Mutter sie angezogen hätte.
Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.
Leserbriefe:
Zu «Ich muss diese Hose haben!» - NZZ-Folio Shopping (11/06)
Dem Radi würde ich raten, den Grossteil seiner Fr. 2100.- zur Ausstattung seines hohlen Kopfes zu verwenden, statt seinen Körper mit Designerklamotten zu behängen. Damit hätte er grössere Chancen, (wenigstens auf ehrliche Weise), einmal zu seinem erträumten Lohn zu kommen. Im übrigen finde ich Ihre Reportage reichlich tendenziös. Hätten Sie die gleichen Fragen an Gymnasiasten mit jugoslawischen Wurzeln (die gibt es nämlich sehr wohl) und an Schweizer aus ähnlichem Milieu wie die Porträtierten gestellt, wären die Antworten wohl ziemlich gleich ausgefallen. Susan Roethlisberger, Langnau i.E.
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