NZZ Folio 11/07 - Thema: Schuhe   Inhaltsverzeichnis

Verstossen

© Jost Wildbolz, Zürich
«Meine Schuhe könnt ihr fotografieren, mich nicht»: Fredi, obdachlos. Linktext
Ein einsamer, verlassener Schuh – ­warum macht er einen so rätselhaft starken ­Eindruck?

Von Wilhelm Genazino

Ich habe noch nie mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann einen Schuh verliert, sich von diesem Missgeschick jedoch nicht beeindrucken lässt, sondern seinen Weg fortsetzt, einen Schuh in der Fremde zurücklassend. Ich habe auch noch nie eine Frau gesehen, die ihrer Stöckelschuhe von einer Minute zur nächsten überdrüssig geworden ist – und einen oder beide Schuhe ausgezogen und an irgendeiner windigen Ecke zurückgelassen hat.

Man muss solche Vorgänge für möglich und wirklich halten. Was man von ihnen immer wieder nur sieht, ist das letzte Glied der Handlungskette: ein einsamer Schuh, meist ziemlich mitgenommen, oft nass, weil schon seit Tagen herumliegend. Ebensolche Frauenschuhe, oft sogar paarweise und ordentlich nebeneinanderstehend, auf Nimmerwiedersehen verlassen. Oder verstossen?

Eine ernsthafte Dame, von Beruf Psychoanalytikerin, die ich mit dieser Frage konfrontierte, sagte: Es handle sich wahrscheinlich um Aussetzungen. Kleidungsstücke, so die Psychoanalytikerin, sind gefühlsmässig hochbesetzte Objekte, die für bestimmte Körpererlebnisse oder Lebensabschnitte stehen, von denen sich die Betroffenen nur mit erheblichem innerem und/oder äusserem Aufwand lösen wollen oder müssen. Deswegen auch der Schau-Charakter der Trennung. Andere sollen sehen, wie schwer jemandem eine Ablösung gefallen ist. Das Objekt, der Schuh, ein symbolischer Darsteller, soll einen öffentlichen Niedergang er­leben.

Das ist wahrscheinlich für den einen oder anderen Fall zutreffend; gewiss aber nicht für die grosse Zahl herumliegender Schuhe. Ich habe diese Phantasie: Ein betrunkener Mann verliert beim Versuch, den Heimweg ohne fremde Hilfe zu schaffen, einen Schuh, ohne es zu bemerken. Für die Damenwelt fällt mir diese Variante ein: Irgendwo ist eine rasante Geburtstagsfeier im Gange; eine ebenfalls schon beschwipste Dame möchte ihre Freunde verblüffen, zieht einen oder beide Schuhe aus – und wirft sie in hohem Bogen aus dem Fenster. Ein Partygag. Die Schuhe landen auf dem Bürgersteig, bleiben dort auch liegen und verwundern am nächsten Tag Leute wie mich, die wieder einmal nicht gesehen haben, wie so etwas geschehen konnte.

Rätselhaft ist der starke Eindruck, den herumliegende Schuhe auf die anderen Passanten machen, die niemals Schuhe verlieren. Im Gegenteil, die «anständigen», skandalfreien Schuhträger erleben in solchen Augenblicken eine gewisse Stärkung ihres ordentlichen Lebensgefühls. Es ist, als wären herumliegende Schuhe kleine Denkmale, die uns daran erinnern, dass wir nicht einen halben Tag lang vom rechten Weg abkommen dürfen. Sonst droht uns ein Lebensgefühl, das Eugène Ionesco auf diesen Punkt gebracht hat: Wir alle fürchten uns vor der plötzlichen Entdeckung, dass unser Leben «verpfuscht» sein könnte.

Insofern sind herumliegende Schuhe, entgegen ihrem harmlosen Aussehen, veritable Mini-Menetekel, schändlich, schmutzig, rätselhaft und sehr beeindruckend. Charlie Chaplin hatte von der Symbolkraft kaputter Schuhe ein tiefes Wissen. Der Held seiner frühen Stummfilme hatte stets äusserst erbarmungswürdige Treter an den Füssen. Sie konnten jeden Augenblick auseinanderfallen und mussten deswegen mit Kordeln und Lumpen umwickelt sein. Einmal landen Charlies Schuhe sogar in seinem mit Spaghetti gefüllten Teller, und Charlie merkt nicht, dass er die Schnürsenkel für Spaghetti hält und sie prompt mitverspeist. Diese berühmte Szene ist deswegen so unerhört, weil die Schuhe im Teller momentweise ihre symbolische Macht in die Wirklichkeit entlassen und die Zuschauer von der Angst befreien, die von herumliegenden Schuhen ausgeht – und ungehindert in den Geist ihrer Betrachter einwandert.

Der Schuhmacher, bei dem ich meine Schuhe sohlen lasse, verkauft einmal im Jahr von ihm reparierte, von ihren Besitzern aber nicht wieder abgeholte Schuhe für ein Taschengeld. Er hat keinen Verlust, weil er Schuh­reparaturen nur noch gegen Vorauskasse annimmt. Er stellt die zwar gebrauchten, aber tadellos hergerichteten Schuhe nebeneinander ins Schaufenster. Aber kaum jemand schaut gebrauchte Schuhe an, niemand kauft gebrauchte Schuhe. Der Schuhmacher gibt trotzdem nicht auf. Er und ich schimpfen auf die Leute, die ihre Schuhe vergessen oder verschlampen oder gar – wer weiss – tatsächlich verstossen.

Dabei fällt der Widerspruch auf, dass einige Menschen gebrauchte Jacken oder Mäntel durchaus «ertragen» können, gebrauchte Schuhe jedoch nicht. Ich nehme an, dass der Mensch zu seinen Schuhen ein erzählerisches Verhältnis hat, in dem viele Widersprüche bis zur Selbstverstummung ausgetragen werden können. Zuweilen werden Schuhe geopfert, weil der Schuhträger das Gefühl hat, dass sie zu viel von ihm wissen. Immerhin kennen die Schuhe alle seine Wege innerhalb einer bestimmten Vergangenheit, für die ein Mensch nicht immer Mitwisser haben möchte.

Ich erinnere mich gut, dass das Erzählverhältnis zu meinen Schuhen einsetzte, als ich etwa zehn Jahre alt war. Meine Mutter ging mit mir in die Stadt und kaufte mir meine ersten Sandalen. Sie gefielen mir so gut, dass ich mich in sie verliebte. Ich trug sie nicht, weil ich verhindern wollte, dass sie zu schnell unansehnlich würden. Lieber nahm ich die Schuhe in der Wohnung in die Hand und schaute sie an. Eine Weile nahm ich die Schuhe sogar mit ins Bett; wenn sie ruhig neben meinem Kissen lagen und ich sie betrachtete, ging eine Art von Glück von ihnen aus.

Gerade diese Sandalen wirkten wenig später an meiner Selbsterziehung mit. Als ich sie zum ersten Mal an den Füssen hatte, regnete es heftig. Mit sanfter Unaufhörlichkeit tastete sich der Regen bis zu den Zehen vor. Ich wusste nicht, wie ich verhindern sollte, dass meine neuen Sandalen innerhalb kurzer Zeit miserabel ausschauten. Ich weinte auf der Strasse und war fassungslos. Ich konnte niemandem sagen, was mit mir los war; ich wusste es ja selbst nicht. Es war vermutlich das erste Auftauchen des Fatums: das Überschwemmtwerden durch ein rätselhaftes Schicksal.

Heute ist das Eindringen des Regens in meine Schuhe das Wiedereindringen meiner Kindheit in mich. Es dauert dann nie lange, bis mir verloren geglaubte Bilder und Details wieder und wieder einfallen. Ich gehe im Regen umher und bin gleichzeitig erwachsen und Kind. In dieser libellenartig hochgetriebenen Überempfindlichkeit macht es mir plötzlich Vergnügen, widrigen Verhältnissen standzuhalten und mich durch sie hindurchzukämpfen. Und das nur wegen eines Paars neuer Sandalen!

Insofern kommt der Idee der zitierten Psychoanalytikerin erhebliche Wahrheit zu. Schuhe sind Darsteller der Kämpfe unserer verinnerlichten Lebensmaximen. Verlassene Schuhe anzuziehen, würde bedeuten, in eine übrig gebliebene Lebenserzählung eines anderen Menschen einzusteigen; instinktiv empfinden wir davor ein Befremden und lassen die verlorenen Schuhe lieber mit sich allein. Gleichzeitig ist diese Barriere auch der Grund, warum wir so oft einzelne Schuhe in den Strassen herumliegen sehen: Ihre Besitzer haben die Erzählung ihrer Schuhe nicht länger ertragen.

Dann habe ich doch noch mit eigenen Augen gesehen, wie ein Schuh (fast) verloren ging. Es war auf einem Spielplatz. Viele Kinder sprangen johlend umher. Die Mütter sassen auf den Bänken und schauten dem Treiben zu. Plötzlich verlor ein etwa zehnjähriger Junge seinen linken Schuh. Der Junge und ­einige andere Kinder bemerkten das Missgeschick, aber er zeigte keine Lust, sich den Schuh wieder anzuziehen. Er war viel zu sehr in sein Spiel vertieft. Und, was wichtiger war, er hatte schon bemerkt, dass ihm der verlorene Schuh eine amüsante Nebenrolle zuschob.

Andere Kinder lachten über ihn, weil er ungehemmt mit dem Zwischenfall umgehen konnte. Der Junge war plötzlich so etwas wie ein Spielplatz-Clown geworden. Er verstärkte seine Rolle mit selbsterfundenen Faxen beim Gehen und Rennen. Es gefiel ihm, dass er einen solchen Unterhaltungswert hatte. Die Mutter forderte ihn auf, seinen Schuh wieder anzuziehen. Er überhörte sie. Da nahm die erboste Mutter den Schuh an sich, schimpfte ihren Sohn und verliess mit ihm den Spielplatz. Auch jetzt, beim Abgang, humpelte der Junge gekünstelt davon. Er bemerkte nicht einmal, dass die anderen Kinder nicht mehr so sehr über ihn lachten wie zu Beginn der Szene.

So schön kann es sein, einen Schuh zu verlieren.

Wilhelm Genazino ist Schriftsteller; er lebt in Frankfurt. Zuletzt erschien von ihm «Mittelmässiges Heimweh» im Hanser-Verlag (2007).


Leserbriefe:

Zu Verstossen - NZZ-Folio Schuhe (11/07)

Zu diesem Artikel hätte ich auch noch ein „Geschichtlein“: Ich war Ende September für eine Woche in Venedig in den Ferien. Gegen Ende der Woche gab es mitten in der Nacht ein fürchterliches Gewitter, einen „nubifraggio“ ( Wolkenbruch), wie die Zeitungen meldeten. Demzufolge stieg das Wasser in den Kanälen, und am Abreisetag war „aqua alta“, d.h. die Kanäle liefen über. Meine Freundinnen und ich mussten unsere Koffer durch das über die Knöchel reichende Wasser bis zur nächsten Brücke tragen. Im „Euro Star“-Zug angekommen fühlten sich meine nassen Füsse je länger je weniger wohl an. Da meine sehr geliebten Halbschuhe ein kleines Loch und überhaupt kein Profil mehr aufwiesen, entschloss ich mich schweren Herzens, sie völlig durchnässt unter meinem Sitz stehen zu lassen. Die neuen Schuhe, in denen ich mich lange nicht so wohl fühle wie in den alten, erinnern mich immer noch schmerzlich an den Verlust. Fast denke ich: Hätte ich sie doch schon vor Venedig gekauft…
Rosmarie Schenk, Kirchdorf



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