MAN MÖCHTE MEINEN, dass der Umgang mit sechzehn Millionen Farben um einiges anstrengender ist als das Drehen und Wenden von 26 Buchstaben. Doch Worte sind rätselhafter als Bilder, zumindest für Schaltkreise aus Silizium.
Ein und derselbe Computer zaubert aus ein paar Formeln meteorologisch korrekte Kumuluswolken über fotorealistisch bewaldeten Gipfeln, übersetzt aber «power off» mit «Macht aus». Impressionistische Glanzlichter malt er wie ein ausgefuchster Kunstfälscher. Fehlen dem Schreibenden jedoch die Worte, findet er sie ganz bestimmt nicht: Als Synonym für «Frauenhaus» bietet die Textverarbeitung Word den «Frauenhelden» an, zum «Internet» fällt ihr «Internieren» ein, und der «Cyberspace» macht sie sprachlos: «Da» ist ja nun wirklich mehr ein ungefährer Hinweis als ein diskussionswürdiger Ersatz.
Um wie vieles vollmundiger klingt dagegen die Sprache, wenn sie auf die malerischen Talente des Computers kommt: «Herstellen ist hinfällig», verheisst die Theorie zur zeitgenössischen Computerkunst. Egal, ob eine perfekte Perspektive gefragt ist oder ein Zerrbild wie von Dalí: In jedem besseren Computeratelier sind die Fingerfertigkeiten der halben Kunstgeschichte als Plug-in im dritten Menu von links verfügbar.
Digitale Filmstudios erwecken sogar menschliche Schauspieler zu neuem Leben - nur die Drehbücher wollen sich einfach nicht von selber schreiben.
Kein Wunder, dass Texteditoren im günstigsten Fall lobend erwähnt werden. Um Grafikprogramme scharen sich bekennende Gemeinden: «Photoshop ist das beste und mächtigste Werkzeug zum Erstellen und Bearbeiten von Bildern.» Solche Hymnen auf ihr Werkzeug könnten Autoren nur um den Preis der Selbstverleugnung anstimmen. Hielte elektronisches Sprachvermögen das Niveau der Bildbearbeitung, dann müssten sich in den Textverarbeitungen Schieberegler für stilistische Empfindlichkeit und argumentative Brillanz finden, Buttons für rhetorische Figuren, Filter für automatische Umwandlung von vierfüssigen Jamben in konkrete Poesie, wo heute gerade einmal die Kunst der Silbentrennung und des Wörterzählens offeriert wird.
Gewiss bringen auch die raffiniertesten Tools nicht zwangsläufig Licht in elektronische Dunkelkammern. So manches metallen schimmernde Fraktalgebirge erinnert eher an einen Ferienprospekt für Industrieroboter als an ästhetisches Neuland. All die schattenwerfende Schwebegrafik, der ganze dreidimensionale Zierat aus grauen Knöpfchen und Rahmen kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Umgang mit Pinsel und Pigment, Farben und Formen, Licht und Schatten mathematisch präzis durchschaut ist, auch wenn er manchmal durchsichtig wirkt.