AUF DEM MARKT VON SAN FRANCISCO, dem vergammelten Hauptort des Apurimactales, herrscht trübe Stimmung. Die Preise sind hoch, die Geschäfte gehen schlecht. Im Hafen unter der kolossalen eisernen Brücke umwerben am frühen Morgen die Bootsführer die spärlichen Passagiere und deren Frachten. Man hat bessere Zeiten gesehen. Nicht alle der gegen fünfzig schmalen hölzernen Langboote, ausgerüstet mit kräftigen Aussenbordmotoren, werden ausfahren; auf der Wasserstrasse, der wichtigsten Verkehrsader des Tales, herrscht Überkapazität. Am schlechten Geschäftsgang sei die Armee schuld, sagen die Leute hinter vorgehaltener Hand. Das Tal sei militarisiert, das Geschäft mit Koka ruiniert. Seit ein paar Monaten kontrolliert die Luftwaffe den Flugverkehr auf den beiden früher von der Kokainmafia rege benützten Graspisten von San Francisco und Palmapampa. Ein Dutzend geheime Pisten wurden gesprengt. Die Infanterie hat mindestens elf, wenn auch weit auseinanderliegende Posten entlang des Flusses bemannt. Dort müssen die Boote anlegen, die Passagiere ihre Personaldokumente vorweisen.
Noch bis vor kurzem war das Tal des Apurimac, des Quellflusses des Amazonas, ein gesetzloses Gebiet, wo bewaffnete Selbstverteidigungsgruppen der Bevölkerung, Banden des Sendero Luminoso und Patrouillen des peruanischen Heeres sich um die Vorherrschaft stritten. Die Polizei hatte sich zurückgezogen, kein Fremder wagte sich in die Gegend. Während Jahren hatte die maoistisch inspirierte Terrorguerilla den Zugang zum Tal fest im Griff. Sie machte die Brücken der 185 Kilometer langen Bergstrasse nach Ayacucho unbrauchbar und kontrollierte den Unterlauf des schiffbaren Apurimac. Der Luftraum gehörte den Kleinflugzeugen des Drogenhandels. Vom rechtsfreien Raum profitierte die kolumbianische Drogenmafia weidlich. Sie verwandelte - über peruanische Mittelsmänner - das am Ostabhang der Anden gelegene Tal in weniger als zehn Jahren zu einem der weltweit wichtigsten Lieferanten von Kokablättern. Im Talboden und an den Hängen entlang des Apurimac bewirtschaften heute 30 000 Bauernfamilien - je nach Schätzung - zwischen 17 000 und 32 000 Hektaren Kokafelder.
Auf dem halbstündigen Weg von Palmapampa nach Pichihuillca, am Mittellauf des Apurimac gelegen, wird die Ladebrücke des Pick-up zum Panoramawagen für Kokaschauer. Während das Geländefahrzeug in der morastigen Fahrspur mühsam vorwärtsschaukelt, ziehen links und rechts des gewundenen Strässchens in ununterbrochener Folge kleinere und grössere Kokaparzellen vorbei. Die Dschungelwildnis ist säuberlich gerodet worden, hier und dort verrät verkohlte Erde frische Brandrodung. Koka in allen Stadien des Anbaus ist auszumachen. Alte Stauden mit spärlichem Blattwuchs, die Stengel bereits verholzt, wechseln ab mit schulterhohen Büschen in hellgrüner Blätterpracht. Was andernorts in den Anden sorgsam vor den Augen lokaler Drogenpolizei und der Agenten der amerikanischen DEA versteckt wird, liegt hier auf dem Präsentierteller: ein sorgfältig gepflegtes Ziehbeet für Kokasetzlinge, genug, um mehrere Hektaren zu bepflanzen. Unter der brütenden Sonne sind «cocaleros», Kokabauern - Frauen, Männer und Kinder -, damit beschäftigt, Unkraut zu jäten und neue Felder zu bestellen. Auch vor den steilen Bergflanken machen Machete und Hacke nicht halt. Schnurgerade ziehen sich die hart gepressten Ackerfurchen durch die Hügellandschaft.
Fast alle Bauern des Apurimac stammen aus den Bergen von Ayacucho. Zu den seit Jahrzehnten ansässigen «colonos», den ursprünglichen Siedlern, gesellten sich in den achtziger Jahren immer neue Zuzüger. Der Terror der Guerilla, die Dürre und der Hunger hatten ganze Dorfschaften im Überlebenskampf in das tiefer gelegene Tal flüchten lassen. Hier, in feuchtheisser subtropischer Umgebung, pflanzen die an harte Arbeit gewöhnten ehemaligen Hochlandbauern Koka mit der gleichen Sorgfalt und den nämlichen Methoden, wie wenn es sich um Mais oder Kartoffeln auf den kargen Böden ihrer Heimat handelte. Weder im bolivianischen Chapare noch im peruanischen Huallaga - in den rivalisierenden Anbaugebieten für Koka - sieht man Felder mit derart ausgeglichenem Wuchs wie entlang des Apurimac. Die Hingabe macht sich bezahlt. Die Hektarerträge liegen weit über dem sonst üblichen Durchschnitt. Dank guter Sortenwahl und reichlicher Düngung sollen die Kokablätter des Apurimac auch einen höheren Alkaloidgehalt aufweisen, ein gewichtiger Vorteil, wenn es um die Weiterverarbeitung zu Kokain geht.
Im Gedächtnis der alten Siedler des Apurimac verklärt der Abstand der Jahre die Zeiten vor dem Einmarsch der Senderisten zu einem irdischen Paradies. «Colonos» und Indianer des Stamms der Asháninkas lebten einträchtig nebeneinander, die einen als Ackerbauern, die anderen als Fischer und Jäger. In den tieferen Lagen von 400 Metern an aufwärts wuchs reichlich Kakao, weiter talaufwärts, bis zu 1500 Meter Höhe, erntete man einen aromatischen Kaffee, der den kolumbianischen Sorten in nichts nachstand und auch eifrig exportiert wurde. Ganz nebenbei pflegte jedermann mit aller Selbstverständlichkeit sein Äckerchen Koka. Die Blätter wurden auf dem Markt von Ayacucho gegen landwirtschaftliche Produkte des Hochlands eingetauscht. Mit Koka bezahlte man auch die Tagelöhner, für die es ohne Kokakauen keine Arbeit gab. Das Wort Kokain kannte man höchstens vom Hörensagen.
Das Jahrzehnt der kriegerischen Wirren hat die Produktionsverhältnisse am Apurimac auf den Kopf gestellt. Zugunsten von Koka vernachlässigten die Produzenten Kaffee, Kakao, Erdnüsse und Maniok. Von 24 000 Hektaren bebauter Ackerfläche im Tal des Apurimac waren zu Beginn der achtziger Jahre lediglich 2500 Hektaren mit Koka bepflanzt. Heute sind es zehnmal mehr. Daneben standen 2000 Hektaren Erdnüsse, 3000 Hektaren Kakao und 10 000 Hektaren Kaffee unter Produktion. Drei Genossenschaften kauften den Kaffee und sorgten für Abtransport, Verarbeitung und Export. Überlebt hat die Zeiten der Subversion allein eine, die Cooperativa del Río Apurimac. Zu Beginn der achtziger Jahre zählte sie 3000 Genossenschafter, heute gerade noch die Hälfte. 1979 kaufte sie von ihren Mitgliedern 33 000 Säcke Kaffee, 1993 noch knapp 700.
Dass der Sendero die Bewohner am Apurimac in die Arme der Drogenmafia trieb und von ihr abhängig machte, darüber bestehen kaum mehr Zweifel. Das Vorgehen war denkbar einfach. Der Sendero nützte den Preiseinbruch des Kaffees auf dem Weltmarkt aus und spielte sich als Vermittler zwischen den verarmten Bauern und der Drogenmafia auf. Seine Delegierten wachten darüber, dass die Zwischenhändler gerechte Preise für das Rohprodukt, das trockene Kokablatt, bezahlten. Gegen die Entrichtung von «cupos», einer Art Kriegssteuer, liess der Sendero die Drogenmafia gewähren. Diese durfte ungehindert Blätter aufkaufen und in der von der Guerilla als «befreit» erklärten Region zu Kokapaste stampfen lassen oder gar an Ort und Stelle zu reinem Kokain verarbeiten. Auch der Abtransport des «Schnees» war klar geregelt. Auf einem Dutzend Flugpisten landeten und starteten die Maschinen aus Kolumbien gegen entsprechende Gebühren. Der staatliche Kokaaufkäufer, die Monopolgesellschaft Enaco, wich dem Druck des Sendero und schloss 1986 ihre Büros in San Francisco.
Aus dem Erlös der «Kriegssteuern» beschaffte sich der Sendero Waffen und Munition und finanzierte die Operationen der Aufstandsbewegung in Lima und im Ausland. Mitte der achtziger Jahr begannen sich die Bewohner entlang des Apurimac aus eigener Kraft und ohne jegliche Unterstützung durch Armee und Polizei vom Joch der Senderisten zu befreien. Sie gründeten talauf, talab in Dörfern und Weilern ihre «rondas», die schlecht bewaffneten Selbstverteidigungsgruppen. 1987 wollen die «ronderos» die «terrucos», die Terroristen, aus dem Tal hinaus in die Höhen vertrieben haben. Seit 1993 gilt das Gebiet als befriedet, doch bis vor kurzem hielten sich Gruppen des Sendero hartnäckig in den an Ayacucho grenzenden Berggebieten, im gleichen Gebiet, wo die grausamen Weltverbesserer um den Philosophieprofessor Abimael Guzmán 1980 erstmals zu den Waffen gegriffen hatten.
Gegenüber den Drogenhändlern drückten auch die siegreichen «ronderos» beide Augen zu. Man liess sich auf eine «Cohabitation auf Zeit» ein. Das Geschäft mit den Kokablättern musste weitergehen. Bauern und Fährleute, Kokastampfer und Prostituierte, Händler und Geschäftsbesitzer - alle hatten sich darauf eingestellt, und eine Alternative, die das unmittelbare wirtschaftliche Überleben sicherte, war nicht in Sicht. Nolens volens war die ganze Talschaft kokaabhängig geworden. Und so wie der Sendero seinen Krieg aus illegalen Mitteln des Drogenhandels finanziert hatte, so bezogen die «ronderos» das Geld für ihren Befreiungskampf daraus.
Doch über Kokain und die Drogenmafia sprechen die Landwirte am Apurimac ungern. Für die meisten Gesprächspartner endet die Frage, wovon denn das Tal lebt, wenn kaum Kaffee und Kakao geerntet werde, bei der ausweichenden Antwort: «Vom Handel mit Kokablättern.» Dass die riesigen Mengen von produzierten Blättern wohl kaum nur gekaut oder als Tee gebraut werden, kümmert sie wenig. Mit dem Verkauf des Rohprodukts an die Zwischenhändler, die mit vollen Säcken und Tüchern im Unterholz wie vom Boden verschluckt verschwinden, ist die Sache für sie erledigt.
Auch die Besetzung des Gebietes durch das peruanische Heer änderte an der Kokaabhängigkeit der Region zunächst wenig. Klugerweise griffen die Truppen nicht in den Anbau und den Handel von Kokablättern ein. Damit wäre das eben mühsam hergestellte Vertrauensverhältnis zwischen Militärs und Lokalbevölkerung aufs Spiel gesetzt worden, denn Koka pflanzen, trocknen und handeln sind in Peru erlaubte Tätigkeiten. Der Kokabauer ist nach den Worten von Präsident Fujimori kein Drogenhändler und deshalb auch nicht zu bestrafen. Die Truppen beschränken sich darauf, die improvisierten Landepisten unbrauchbar zu machen, die Flugbewegungen zu überwachen, den Transport von Chemikalien und Kerosin zu kontrollieren und von Zeit zu Zeit eine der tief in den Dschungel zurückversetzten primitiven «Küchen» auszunehmen. Dort, bei der Umwandlung in Kokapaste - eine Vorstufe zum reinen Kokain -, verlieren die zartgrünen Blätter endgültig ihre Unschuld. Die repressiven Massnahmen sind nicht ohne Resultate geblieben. Der Kokapreis liegt momentan darnieder. Kokaproduzenten beteuern, die getrockneten Blätter verkauften sich nur noch mit Verlust. Doch weiss man aus Erfahrungen in andern Produktionsgebieten in den Anden, dass der Kokamarkt extremen zyklischen Preisschwankungen unterliegt. Dass die Bauern selber kaum an ein baldiges Ende des Kokabooms glauben, belegen die überall neu entstehenden Kokafelder.
Im Apurimactal warte man ungeduldig auf die Unterstützung seitens des Staates und der internationalen Gemeinschaft, um vom Kokaanbau wegzukommen, sagt Hugo Huillca, einer der prominenten Bauernführer, der über Jahre massgebend am Aufbau der Selbstverteidigungstruppen beteiligt war. Solange es im Apurimac keine Strassen für den Abtransport landwirtschaftlicher Produkte gebe, solange keine Agrarkredite verfügbar seien und solange den Bauern kein technischer Beistand zur Umstellung auf andere Produkte geboten werde, so lange sei auch an keine alternative Entwicklung zu denken. Es gelte, die Anbaupalette zu erweitern, die Produkte im Tal selber zu verarbeiten. Erreiche man dies, dann sei keine Abgeltungszahlung für die Ausmerzung von Kokastauden, wie sie etwa Bolivien kennt, erforderlich. Die Bauern würden von sich aus vom Kokaanbau wegkommen, denn sie seien der Unsicherheit und der Gewalt überdrüssig, die die Kokaproduktion und die illegale Weiterverarbeitung zu Kokain unweigerlich bringe, meint Huillca in seinem Büro in Lima. Im Tal selber hat sich Enttäuschung darüber verbreitet, dass trotz wiederholten Versprechen von Präsident Fujimori, Geld in das Armenhaus am Apurimac zu lenken, das Interesse der Regierung für die Region fehlt.
Experten des Drogenkontrollprogramms der Vereinten Nationen (UNDCP) haben errechnet, dass allein der Verkauf der Kokablätter der Wirtschaft im Gebiet des Apurimac jährlich 145 Millionen Dollar zuführt. Sie ziehen den Vergleich zu Kaffee und Kakao: Die Ernten beider Produkte erzielen zusammen bescheidene 6 Millionen Dollar. Nach Abzug der Tagelöhne, die zum Unterhalt und für das Ernten der arbeitsintensiven Kokakulturen bezahlt werden, verbleiben pro Familie weniger als 3000 Dollar. Gerade dieser bescheidene Betrag stimmt die Sachverständigen sowohl beim UNDCP als auch bei der amerikanischen DEA zuversichtlich, dass legale Kulturen mittelfristig den unsicheren Kokaanbau ersetzen können. Die schlagartige, gewaltsame Ausrottung der Kokabüsche, wie sie in den achtziger Jahren propagiert wurde, ist heute kein Thema mehr. Der Meinungsmacher unter den «cocaleros» am Apurimac, Hugo Huillca, glaubt, die Regierungen hätten endlich begriffen, dass jede Ausmerzung nur zusammen mit den Kokabauern, niemals aber gegen sie Erfolg haben kann.
Richard Bauer ist regelmässiger Mitarbeiter der NZZ. Er arbeitet seit bald zwei Jahrzehnten in Lateinamerika, zurzeit in Lima.