NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Der Geruch der Caravelle

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Als ich letztens in einem merkwürdig melancholischen Buch über «Frühe klassische Verkehrsflugzeuge von 1958 bis 1979» voller bläulich verblichener Fotos von ausgemusterten Flugzeugtypen vor längst abgerissenen Flughafenterminals blätterte, fiel mein Blick auf eine Caravelle der Air France, F-BHRV. Sie hiess «Provence», wurde 1960 in Betrieb genommen und 1980 wieder eingeschmolzen. Ich habe dieses Flugzeug mehrfach benutzt und erinnere mich sehr genau daran, wie ich die Passagiertreppe hinaufstieg, vorbei an dem blutroten Namenszug in der bemüht dynamischen Ingenieursschrift, und ich höre noch heute die Stewardess in jenem unnachahmlichen französischen Tonfall mit der feierlichen, fast ein wenig anstössigen Euphorie, mit der sonst nur Wein aus der Flasche gurgelt, ihr «Bonjour Madame, bonjour Monsieur» aufsagen. Und ich ­erinnere mich an den Geruch dieses Flugzeugs, ein schlichtes Cologne, aber würdevoll, vielleicht mit einem Hauch Lavendel oder Chypre im Hintergrund.

Kaum hatte man die Schwelle der kleinen vorderen Eingangstür überschritten, bedeuteten einem Stimme und Cologne, dass man in Frankreich angekommen war – das Flugzeug war eine Art Botschaftsgebäude, in dem man, wo immer es sich gerade befand, französische Luft atmen konnte. Vermutlich könnte man noch Pensionäre ausfindig machen, anrufen und aus dem Garten ans Telefon holen lassen, die einem erklären, weshalb die Caravelle jene sonderbaren, dreieckigen Fenster besass. Vermutlich könnte man in den Archiven von Balmain noch Entwürfe der puderblauen Uniformen der Flugbegleiterinnen finden. Aber ob irgendjemand bei Air France heute noch zu sagen wüsste, welches Cologne seinerzeit benutzt wurde, wage ich zu bezweifeln. Ja, so geht’s mit den Gerüchen, vorübergehend mit der Luft eingekapselt, bleiben sie auf ewig unvergessen und auf ewig unerkannt.

Meine Mutter erzählte mir, dass sie vor fünfzig Jahren in einer ägyptischen Nacht der Entfernung alter Steinplatten beiwohnen durfte, die ein Areal von unberührtem Sand bedeckten, in dem vor über 3000 Jahren ein Priester seine Fussabdrücke hinterlassen hatte. Die Archäologen fotografierten im Scheinwerferlicht wie verrückt die Stapfen, bis die sanfte Abendbrise dem Tanz ein Ende machte. Manche Leute haben versucht, antiken Töpfen die Klänge und Stimmen zu entlocken, unter denen sie entstanden sind; die Schallwellen, so glaubten sie, müssten sich via Luftdruck auf die Hände des Töpfers übertragen haben und wie auf einer Wachswalze aufgezeichnet worden sein. Wenn ich jemanden mit einer Taucheruhr am Arm sehe, muss ich immer an die schweizerische Luft denken, die dort eingeschlossen ist, und was wir wohl riechen würden, wenn wir klein genug wären, um daran zu schnuppern.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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