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NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...?   Inhaltsverzeichnis

Von Achtungstellung bis Bischof Vogel


Achtungstellung
Militärische Haltung.
«Einen Fritz klopfen»: So nannte man die Achtungstellung früher, als die militärischen Formen der Schweizer Armee noch vom Geist preussischer Mannszucht geprägt waren. Und auf dass die Soldaten ihre Hacken auch zackig genug zusammenknallten, wurde eifrig gedrillt - bis die Oswald-Kommission 1970 damit aufräumte.

Fortan mussten Soldaten ihre Haare nicht mehr schneiden wie Sträflinge, ihre Offiziere nicht mehr mit «Herr» anreden - und in der Achtungstellung durften sie es sich etwas bequemer machen: linken Fuss zum rechten Fuss stellen (Winkel ca. 60 Grad); Arme und Hände strecken, an den Körper anlegen; Oberkörper aufrichten; Kopf geradeaus richten und unbeweglich bleiben. So schreibt es das Reglement vor.

Die zeitgemässen militärischen Umgangsformen wurden zügig umgesetzt, bei den gewichtigeren Reformvorschlägen zur Ausbildung harzte es. «Als ich den Bericht den Heereseinheits- und Regimentskommandanten vorstellte, schlug mir eisige Verachtung entgegen», sagt Heinrich Oswald, der die Reformkommission leitete. Aber heute sei nun mehr oder weniger alles intus. Wie die neue Achtungstellung. Am längsten hielt sich die alte in der Sowjetunion und in der DDR; noch gebräuchlich ist sie in der Fremdenlegion. Daniel Weber


Aideed, Hussein
Ehemaliger US-Marine. Sein Vater war ein Warlord in Somalia. Die wahre Geschichte hinter dem Film «Black Hawk Down».
Sein Vater brachte den Amerikanern eine ihrer schlimmsten Demütigungen bei: Mohammed Farah Aideed, der mächtigste und gewiefteste Kriegsfürst in Mogadiscio. Die Bilder gingen um die Welt: Tote US-Soldaten werden in Mogadiscio vom Mob durch staubige Strassen geschleift. 18 Amerikaner und 1000 Somalier fallen am 3. Oktober 1993 der Schlacht in der somalischen Hauptstadt zum Opfer. Mit ihren Panzerfäusten schiessen Milizionäre zwei «Black Hawk»-Helikopter vom Himmel. Das Desaster, Stoff für den Hollywoodfilm «Black Hawk Down», führt wenig später zum blamablen Abzug der amerikanischen Truppen. Die Operation «Restore Hope» ist gescheitert. Damit steht auch das Uno-Programm zur Linderung der somalischen Hungerkatastrophe vor dem Aus.

Paradoxerweise leistet Aideeds Sohn Hussein bis im März 1993 - die Operation «Restore Hope» hatte eben begonnen - als amerikanischer Marineinfanterist Dienst in Somalia. Im Alter von 14 Jahren war er mit seiner Mutter in die USA gezogen, besuchte die Highschool und prahlte später bei den Marines mit seinem berühmten Vater. Kurz vor dem Ausbruch der Kämpfe mit den Milizen beordern die Amerikaner den Sohn des Warlords hastig zurück.

Der Vater wird drei Jahre nach dem Sieg über Amerika im Kampf mit einem rivalisierenden Warlord erschossen. An seine Stelle tritt der junge Hussein Aideed. Was ist aus ihm geworden?

Um zu Aideed zu gelangen, rufe ich einen Bekannten in Mogadiscio an. Er besorgt mir neun Leibwächter, die zusammen mit zwei Mietwagen 200 Dollar am Tag kosten. Ohne bewaffnete Eskorte wäre ich ein leichtes Ziel für Entführer oder islamistische Terroristen. Die BBC und andere Medien bezeichnen Aideed immer noch als einen der mächtigsten Kriegsfürsten des Landes. Doch auf der Fahrt zum Präsidentenpalast («Villa Somalia») erhält man einen anderen Eindruck: Seine Milizionäre scheinen nur noch ein paar Strassenzüge zu kontrollieren. Die wenigen Kontrollposten, an denen die Kämpfer Wegzoll fordern, können nicht viel einbringen.

Vor dem Treffen mit dem Warlord werden wir durchsucht. Er tritt uns entgegen mit einem Stapel Büchern unter dem Arm, in einem blaukarierten Anzug mit kurzen Ärmeln. «Mein Vater war ein Militär, deshalb war es für mich nach meinem amerikanischen Uniabschluss nichts Aussergewöhnliches, mich bei den Marines zu melden», schickt er voraus. «Ich bin nach Mogadiscio gekommen, um eine Friedenslösung zu suchen.» Er reicht seine Visitenkarte mit dem aufgedruckten Wappen der somalischen Übergangsregierung herum. Darauf steht in fehlerhaftem Englisch «stellvertretender Premierminister und Innenminister».

Er spricht vom jüngsten Friedensabkommen. Der Vertrag ist bloss Makulatur, doch das scheint Aideed nicht zu stören. Nur bei der Entwaffnung der Milizen sei man nicht richtig vorangekommen, gibt er zu - die Geberländer seien knausrig. Er erwähnt nicht, dass er selbst darauf verzichtet hat, seine Kämpfer zur Abgabe der Waffen aufzufordern. Dann beginnt er vom Präsidentenpalast mit seinen 300 Büros zu schwärmen. Das Gebäude ist eine völlig ausgeplünderte und zerschossene Ruine. Ziegen streunen darin herum, auf der Suche nach etwas Essbarem. Aideed scheint den Bezug zur bitteren somalischen Realität verloren zu haben. Kurt Pelda


Apokalypse
Das Ende der Welt.
Die Erde sollte bereits neunzig Mal untergehen. Zum Beispiel 1999. Die Welt war nach Überzeugung von mindestens zehn selbsternannten Propheten dem Tode geweiht. Als sie sich allerdings im neuen Jahrtausend immer noch drehte, verlegte beispielsweise Joseph Kibweteere, der Anführer der «Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes», den Weltuntergang kurzerhand um einige Monate. Und auch die Fernsehastrologin Elisabeth Teissier hielt aufgrund einer bestimmten Planetenkonstellation den Weltuntergang im Jahr 2000 für möglich.

Sehen wir der tödlichen Zukunft ins Auge: Für die Zeugen Jehovas geht die Welt alle zwanzig bis dreissig Jahre unter; nach alten Maya-Schriften kommt das Ende 2012; Numerologen fürchten das Jahr 2060; muslimische Sekten 2076, in diesem Jahr legen sie ihre Kalender auf das Jahr 1500 um: ein tödliches Datum.

Manch amerikanischer Sekte ist eine Sonnenfinsternis Zeichen, um Abschied zu nehmen. Noch heute sitzt Malachi York, Führer von 80 afrikanisch-amerikanischen Jüngern im Städtchen Eatonton im US-Bundesstaat Georgia und wartet auf das Raumschiff, das demnächst landen soll, um 144 000 Auserwählte vom brennenden Erdenstern in die Tiefe des Raumes zu evakuieren. Marc Kayser


Aum-Sekte
Verübte einen Giftgasanschlag auf Tokios U-Bahn.
Am 20. März 1995 wurden zur Hauptverkehrszeit in drei Tokioter U-Bahn-Linien Lunchboxen und Getränkebehälter deponiert, die das Nervengift Sarin enthielten. Vor dem Aussteigen bohrten die Täter mit Regenschirmen Löcher in die Behälter, um das Gas freizusetzen. Zwölf Menschen starben, Tausende wurden verletzt.

Mehrere Mitglieder der für den Anschlag verantwortlichen Sekte Aum wurden bald nach dem Terrorakt verhaftet und abgeurteilt, doch gibt es unter den Mitläufern noch immer zahlreiche, die bis heute die Mordtat nicht verurteilen. Seit 2000 gibt es die Aum Shinrikyo dem Namen nach nicht mehr. Eine Nachfolgeorganisation unter der Bezeichnung «Aleph», die rund 1500 Anhänger zählt, erklärt, dass sie die Doktrin geändert habe: Die «Fehlinterpretation von religiösen Texten» des Vajrayana-Buddhismus, die als Rechtfertigung für den Anschlag diente, sei korrigiert worden. Die japanischen Behörden betrachten Aum Shinrikyo nach wie vor als eine «Gefahr für die Gesellschaft» und lassen die Anhänger von «Aleph» überwachen. Urs Schoettli


Barschels Badewanne
Ort des Selbstmords von Uwe Barschel - oder war es Mord?
Der Réceptionistin des «Beau Rivage» stockt noch immer der Atem, wenn heute jemand nach Zimmer 317 fragt.

Am 11. Oktober 1987 wurde der deutsche Politiker Uwe Barschel tot in der Badewanne des Zimmers 317 im Hotel Beau Rivage in Genf aufgefunden. Die Hintergründe der Tat sind bis heute umstritten. Hatte Barschel Selbstmord begangen, weil die von ihm initiierte Verleumdungskampagne gegen seinen politischen Rivalen aufgeflogen war? Oder wurde er, wie manche vermuten, vom israelischen Geheimdienst Mossad umgebracht, weil er gedroht hatte, sein Wissen über die Waffenlieferungen Israels an Iran preiszugeben? Die Ermittlungen zu seinem Todesfall wurden 1998 auf Weisung der Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig eingestellt. Für Oberstaatsanwalt Heinrich Wille kommt allerdings weiterhin Mord in Frage.

In den Jahren nach dem Vorfall wurde Zimmer 317 ein populäres Ziel von Journalisten und Tatort-Touristen. «Ich habe jahrelang merkwürdige Besucher abwimmeln müssen, die das Zimmer mieten wollten», sagt der Besitzer des «Beau Rivage», Jacques Mayer. Vor fünf Jahren hat er schliesslich die Zimmer 317 und 318 zu einer Juniorsuite zusammenlegen und die Räume neu einrichten lassen. Im Zuge der Renovierung entsorgten Bauarbeiter die berühmte Badewanne.
Die Juniorsuite kostet 1108 Franken pro Nacht. Mikael Krogerus


Bay City Rollers
Eine der ersten Boygroups.
England, 1975: Mädchen tragen Schottenmuster und wanken auf klotzigen Platformboots durch die Strassen. Grund sind die so gekleideten Bay City Rollers mit ihrem Hit «Bye Bye Baby». Die Rollers verkaufen 120 Millionen LP, werden Multimillionäre.

Was sie heute machen:
Derek Longmuir (Schlagzeug): Krankenpfleger in Edinburg. Wegen Besitzes von Kinderpornographie vor Gericht.
Alan Longmuir (Bass): Klempner in Bannockburn, erlitt Herzschlag.
Eric Faulkner (Gitarre): Gab 1996 eine Kassette mit neuen Songs heraus. Seither verschollen.
Les McKeown (Gesang): Plante für 2006 eine Nostalgietournee, wurde im August 2005 wegen Kokainhandels verhaftet.
Stuart Wood (Gitarre): Einziger, der noch musiziert, im «keltischen Stil».
Tom Paton (Manager): Zahlte 2004 für ein Drogendelikt 200 000 Pfund Busse - und erlitt einen Herzinfarkt. Hans-Peter Künzler


Bellasi, Dino
Betrüger im Schweizer Geheimdienst.
2002 kam das Berner Wirtschaftsgericht zur Erkenntnis, Dino Bellasi habe in seiner Funktion als Rechnungsführer im Nachrichtendienst innerhalb von fünf Jahren insgesamt 8,8 Millionen Franken ertrogen, indem er fiktive Rechnungen für militärische Wiederholungskurse erstellt habe. Am Berner Sitz der Schweizer Nationalbank hatte er das Bargeld in Tranchen von zwischen 9000 und 95 000 Franken bezogen. Die Millionen setzte Bellasi nach Ansicht des Gerichts in grossem Stil für Luxus, Vergnügungen und private Firmengründungen ein. Seiner Version, wonach er von seinen Vorgesetzten beauftragt worden sei, einen geheimen Nachrichtendienst aufzubauen, schenkte das Gericht keinen Glauben. Bellasi selber war am Prozess nicht bereit, sich zur Auftragstheorie zu äussern.

«Das ist so und bleibt so», sagt er auch heute noch. Ein Geständnis hat er nie abgelegt. Er wolle sich zum Fall, für den er mit sechs Jahren Zuchthaus bestraft worden war, nicht äussern. Seine Vergangenheit stehe ihm im Weg, sagt Bellasi, bei der Jobsuche werde ihm häufig mit Skepsis begegnet. Nach der Verbüssung seiner Freiheitsstrafe fand er vorübergehend eine Anstellung als Ausbildungschef einer Sicherheitsfirma. Seit das Unternehmen diesen Frühling Konkurs anmelden musste, ist Dino Bellasi wieder arbeitslos. In der Zwischenzeit hat er den ersten Teil der Ausbildung als Erwachsenenbildner absolviert. Seine berufliche Zukunft sieht er vorerst weiterhin in der Sicherheitsbranche. Zurzeit hat er eine Teilzeitstelle in Aussicht. Marcel Gyr


Betancourt, Ingrid
Vor vier Jahren von Farc-Rebellen entführte kolumbianische Präsidentschaftskandidatin.
Sie lebt. Da sei er sich sicher, sagt Juan Carlos Lecompte. Obwohl er seit zwei Jahren und drei Monaten kein Lebenszeichen von seiner Frau erhalten hat. «Warum sollten sie Ingrid töten?» fragt er, um im selben Atemzug selbst zu antworten: «Sie ist das wertvollste Faustpfand der Rebellen. Es wäre widersinnig, sie zu töten.» Die Guerrilla hält schätzungsweise 3000 Menschen im Dschungel versteckt, 69 davon sind sogenannte politische Gefangene, die gegen inhaftierte Rebellen oder besonders hohe Lösegelder eingetauscht werden sollen.

Ingrid Betancourt hat nicht nur die kolumbianische, sondern auch die französische Staatsbürgerschaft; sie gilt in Frankreich - und Europa überhaupt - als Jeanne d’Arc Kolumbiens. Weltweit setzen sich 200 Komitees für ihre Freilassung ein, mehr als 1300 Städte ernannten sie zur Ehrenbürgerin. Erst im Oktober haben namhafte Künstler in Paris als Zeichen ihrer Solidarität ein grosses Konzert gegeben. Ich bin sicher, sagt Lecompte, sie lebt.

Er ist nach Paris gekommen, weil dieser Tage sein Buch «Au nom d’Ingrid» erschienen ist. Als die Verzweiflung mal wieder überhandnahm, hatte er sich hingesetzt und alles aufgeschrieben - angefangen bei jenem Samstagmorgen, als sie zu ihm sagte: «Wenn ich heute Abend nicht zurückkomme, dann spätestens morgen früh.» Lecompte rührt in seinem Kaffee, «. . . dann spätestens morgen früh. . . nun sind es bald vier Jahre». Sie hatte nach San Vincente del Caguan fahren wollen - in eine Region im Norden des Landes, die während der Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Farc entmilitarisiert worden war. Doch die Kämpfe waren wieder entflammt, die Regierung hatte Luftangriffe geflogen. Betancourt wollte dennoch dorthin, um den Menschen zu zeigen, dass sie als Präsidentin am Dialog festhalten würde.

Der heutige Präsident Alvaro Uribe verweigerte lange jegliche Verhandlungen mit der Guerrilla. Nach Einschätzung der Familie Betancourt hat Uribe alle bisherigen Versuche, Ingrid auf dem Verhandlungsweg freizubekommen, vereitelt. In letzter Zeit scheint Präsident Uribe den Kurs allerdings leicht zu ändern; Lecompte hat erfahren, dass französische Diplomaten die Erlaubnis erhalten hätten, Gespräche mit Anführern der Farc aufzunehmen. Das gibt Hoffnung, doch allzu sehr zu hoffen, getraut Lecompte sich nicht mehr. Zu oft ist er abgestürzt, und die Kräfte lassen nach.

Lecompte ist blass, hat dunkle Schatten um die Augen. «Nachts», sagt er, «schwindet jede Gewissheit. Was bleibt übrig von ihr? Von mir? Von uns?» Dann steht er auf, zappt sich durch die Fernsehprogramme, wartet auf den Morgen und macht weiter «wie auf Autopilot». Er trifft Politiker und Diplomaten rund um den Globus, besucht Rebellen im Gefängnis, versucht durch spektakuläre Aktionen wie die Besetzung einer Kirche in Bogotá an das Schicksal der Geiseln zu erinnern. 24 Stunden am Tag kämpft er um Ingrids Freilassung. Doch das Gefühl bleibt, es sei nicht genug. Sie selbst ist es, die auch jetzt die Massstäbe setzt.

«Sie hat uns alle zutiefst beeindruckt», sagt Lecompte, als er von dem Video spricht, Ingrids letztem Lebenszeichen, das dem Fersehsender Noticias Uno im September 2003 zugespielt wurde. «Blass und abgemagert sitzt sie da», sagt Lecompte, «aber wie sie spricht! Sehr mutig, sehr frei, sehr Ingrid.» Sie gemahnt die Regierung an ihre Pflicht, für Polizisten und Soldaten einen fairen Austausch gegen inhaftierte Rebellen zu ermöglichen, Krieger gegen Krieger. Für zivile Geiseln wie sie selbst jedoch lehnt sie einen solchen Austausch ab, drängt hingegen auf eine militärische Befreiungsaktion, «auch wenn ich dabei getötet werden sollte». Mit fester Stimme bittet sie ihre Familie um Verständnis, wohlwissend, dass die gegen jede militärische Intervention ist. Aus gutem Grund: Sobald sich Soldaten einem Camp nähern, erschiessen die Rebellen ihre Gefangenen.

Ingrid Betancourt hat zwei Kinder. Sie hat einmal gesagt, die zwei hätten sehr früh lernen müssen, «dass der Tod manchmal die einzige Möglichkeit sei, frei zu bleiben». Ihr Sohn Lorenzo war 12, als sie verschwand, heute ist er grösser als sie. Ihre Tochter Melanie ist 19 und aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre Mutter. Im Mai hat Lecompte ein Flugzeug gechartert und 7000 Flugblätter mit einem aktuellen Foto der Kinder über der Region abgeworfen, in der er seine Frau vermutet. «Sie lebt», sagt Lecompte. «Ich bin sicher, sie ist es, die ein Lebenszeichen verweigert, weil sie sich von den Rebellen nicht benutzen lassen will.» Er lächelt müde. «Ich kenne Ingrid. Sie liefern sich ein Armdrücken. Und ihre Hand kriegen die nicht auf den Tisch.» Anja Jardine


Birnstiel, Sheela
Ehemalige Geliebte des Sektenführers Bhagwan.
Sheela Birnstiel, Hohepriesterin des Sektenführers Bhagwan Shree Rajneesh in ihrem früheren Leben, stolpert über einen grossen, fetten Hund. «Mami muss dich stören», zwitschert sie, doch das Vieh stellt sich taub. Seit sich die Inderin am 13. September 1985 von ihrem spirituellen Meister und Geliebten getrennt hat, seit Ma Anand Sheela die Kommune von Rajneeshpuram im amerikanischen Staat Oregon verliess, seit sie als Sicherheitschefin einer autarken Stadt ihre Herrschaft über 5000 Sannyasins - und deren 500 000 weltweit - sowie über eine paramilitärische Spezialtruppe abgegeben hat, seit sie in den USA 39 Monate im Gefängnis sass, gehorchen ihr offenbar nicht einmal mehr Tiere.

Das stört sie nicht. Sheela Birnstiel, wie sie seit der Ehe mit dem Schweizer Sannyasin Urs Birnstiel heisst, macht den alles entscheidenden Schritt über den Hund und erreicht, was sie wollte: ihr jüngstes Buch «Tötet ihn nicht!» Es ist ihre Abrechnung mit Bhagwans Erben.

Zwanzig Jahre nach ihrer Flucht aus den USA leitet sie wieder eine Kommune, zwei sind es eigentlich, nicht in Oregon, sondern dort, wo man am Esterliwäg wohnt oder am Flüewägli: im Kanton Basel. Sheela führt Wohnheime für Betagte und Behinderte, die Wohngemeinschaften Matrusaden in Maisprach und Bapusaden in Lausen. Beide sind ihren Eltern gewidmet; sie haben ihre letzten Jahre in Maisprach gelebt, und dort sind sie auch gestorben. Ein riesiger schwarzer Gedenkstein am Eingang erinnert an sie.

Matrusaden war bis vor Sheelas Einzug 1997 das bekannte Gourmetlokal Chez Armin, Aussicht und Hanglage sind erste Liga. Sheela hat das Haus rollstuhlgerecht umbauen lassen und mit zahllosen Wintergärten erweitert. «Seit ich im Gefängnis war, will ich nie mehr in verschlossenen Räumen leben.» Sie nimmt hier alle auf, Langzeitpatienten, Kranke jeden Alters und jeder Nationalität. Auch Drogenabhängige? Ihr süsser Tonfall wendet sich in seine salzige Kehrseite: «Wieso fragen Sie mich das? Nein, mit Drogenabhängigen will ich nichts zu tun haben. Drogensüchtige haben keinen Respekt vor ihrer Umgebung. Ich hatte zu Drogen in meinem ganzen Leben keinen Kontakt.» Ma Anand Sheela wurde in Oregon von der Regierung, von FBI und CIA unter anderem beschuldigt, ein geheimes Drogenlabor eingerichtet und den ersten Bioterror-Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten geplant zu haben.

Heute legt Sheela Sterbenden Katheter und erklärt, nach ihrer Hauptbeschäftigung gefragt: «Ich lebe gut.» Sie will weiterhin Liebe verströmen, sagt, dass sie Bhagwan noch immer bewunderte («Ich habe nur gute Erinnerungen an ihn»), immer mehr liebte und immer reiner: «Er hat mir die grösste Prüfung meines Lebens geschenkt, er liess mich durch das Feuer gehen. Und ich bin glänzender herausgekommen.»

In dem hellen, grosszügigen Anwesen, wo im selben Raum Gesellschaftsspiele gespielt werden und gestorben wird, wo Sheela ihr Büro eingerichtet hat und nebenan bügelt, wo Hunde den Weg versperren und die Küche allen zugänglich ist, hängt an jeder Wand das Bild des Geliebten. Bhagwan. Er gehört Sheela ganz persönlich, alles andere teilt sie mit ihren Kranken, die Altenpflegerin Sheela, einst Herrscherin über ein Weltreich von Indien bis Europa. Daniele Muscionico


Bischof Vogel
Der Bischof, der Vater wurde.
Es war das Ende einer katholischen Bilderbuchkarriere. Zuerst wurde Hansjörg Vogel katholischer Priester, dann Pfarrer in Bern, dann Bischof in Basel. Dann wurde der Bischof Vater. Ein Lebenslauf, den Rom nicht vorsah und der Vogel sein Amt kostete.

Die Anhänger des gefeierten Hoffnungsträgers der Schweizer Katholiken fielen aus allen Wolken, als der damals 44-Jährige im Juni 1995 bekanntgab, er werde Vater, und Rom um seinen Rückritt als Diözesanbischof des Bistums Basel bat.
Bereits während seiner Zeit am Luzerner Priesterseminar hatte Vogel die Luzernerin kennengelernt. Doch erst unter der «Bürde meines Bischofsamtes», sagte Vogel, habe er «Halt gesucht in der Beziehung zu einer Frau, die ich von früher her kannte».

Es kam, wie es kommen musste. Am Bischof, der Vater wurde, entzündete sich eine Diskussion um Sinn und Unsinn jenes 1. Paragraphen des 277. Canons im Codex Iuris Canonici, dem römischen Kirchenrecht, der sagt: «Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet.»

Aufrufe wurden gestartet, Petitionen lanciert, Austritte angekündigt. Die Galionsfigur der Debatte aber entzog sich der Auseinandersetzung durch Flucht nach Deutschland. Und schwieg. Nur einmal noch, im August vor zehn Jahren, wandte sich Hansjörg Vogel an seine Anhänger und teilte ihnen mit, er und seine Freundin würden die Sorge um ihr Kind «gemeinsam tragen». «Es ist unser Wunsch, die anstehenden Fragen ohne Druck von aussen anzugehen», verbat sich Vogel jede Einmischung.

«Über meine Vergangenheit spreche ich nicht. Das halte ich seit zehn Jahren so und bin bisher damit gut gefahren», sagt Vogel heute. Schritt für Schritt hat sich der gefallene Bischof ein neues Leben aufgebaut. Erst bildete er sich berufsbegleitend zum Psychologen weiter, arbeitete beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk, später beim Roten Kreuz. Vor vier Jahren berief ihn der Luzerner Regierungsrat als Integrationsbeauftragten.

Auch privat ist der gestrauchelte Hoffnungsträger mittlerweile gut integriert. 1998 zog Vogel zu seiner Partnerin in die Innerschweiz, ein Jahr später schlossen die beiden in aller Stille den Bund fürs Leben. Die kleine Familie wohnt heute in einem Aussenquartier von Luzern. «Sie können davon ausgehen, dass es mir gutgeht», sagt Hansjörg Vogel. Christoph Zimmer




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