NZZ Folio 04/05 - Thema: Beim Zahnarzt   Inhaltsverzeichnis

Urweibliches Herz, ungestützt

Ganzheitliche Zahnärzte sehen in wurzelbehandelten Zähnen, Implantaten und Amalgam die Ursache für organische Erkrankungen. Überhaupt sehen sie im Mund so allerhand. Häufig hilft nur eins: der Zahn muss raus.

Von Anja Jardine

Herr Maurer, die ganzheitliche Zahnmedizin betrachtet die Zähne im Zusammenhang mit dem ganzen Körper. Ich bin hier, weil ich gern wüsste, ob Sie in meinen Zähnen das Potential für organische Krankheiten erkennen können. Nun schauen Sie mir gar nicht in den Mund, sondern halten eine Art metallenes Pendel an meine Seite, während Sie gleichzeitig mit der linken Hand kleine Glasfläschchen berühren und Ihrer Assistentin Zahlenreihen diktieren. Was tun Sie da?

Bevor ich Ihre Zähne schulmedizinisch untersuche, prüfe ich mit dem sogenannten Biotensor, ob Sie energetische Störfelder aufweisen – also ob Sie Belastungen durch elektromagnetische Wellen, Erdstrahlen oder Giftstoffe ausgesetzt sind. Auf diese Weise kann ich auch feststellen, ob Sie Entzündungen im Kieferbereich haben. In den kleinen Fläschchen, die ich berühre, befinden sich jene Substanzen wie etwa Quecksilber, die ich in Ihrem Körper aufzuspüren versuche.

Sie halten die ringförmige Antenne des Biotensors gut 15 Zentimeter von mir entfernt, gewissermassen zwischen uns. Woher weiss die Antenne, dass sie sich an meiner Schulter orientieren soll und nicht an Ihrem Knie?

Ich weiss es, und ich bin das Medium. Wenn ich Ihnen mit der Hand den Puls messe, vertrauen Sie ja auch darauf, dass ich Ihren Puls messe und nicht meinen. Das ist hier nichts anderes.

Und wozu benötigen Sie das Panorama-Röntgenbild von meinem Gebiss?

Die Röntgenaufnahme ist ein elementares Diagnoseinstrument in der integralen Zahnmedizin. Sie zeigt mir, ob Sie Zähne ganz oder teilweise verloren haben, wie die Zähne stehen und welche Struktur das Gewebe hat. Ich muss den Zahn vollständig sehen, um Krankheitsherde oder das Potential dafür erkennen zu können.

Worauf genau richten Sie Ihr Augenmerk?

Auf wurzelbehandelte Zähne, Amalgamfüllungen und entzündliche Veränderungen im Kieferbereich.

Stellt jeder wurzelbehandelte Zahn ein Risiko dar?

Nein, nicht jeder, aber die meisten. Selbst zahnmedizinisch perfekt versorgte Zahnwurzeln sind aus ganzheitlicher Sicht bedenklich. Denn von diesen Zähnen aus können sich Krankheiten entwickeln. Auch Implantate zeigen sich häufig als Störfelder.

Woran liegt das?

Zwar wird bei einer Wurzelbehandlung der Hauptast der Nerven entfernt, aber es gibt unzählige feine Verästelungen, die oft nicht erfasst werden. Und die bieten einen idealen Nährboden für Entzündungen. Zum anderen wird ein toter Zahn vom Körper abgestossen.

Was also bleibt zu tun?

Angenommen, der Patient hat ein chronisches Leiden und der wurzelbehandelte Zahn erweist sich als zugehöriges Störfeld, dann: raus damit!

Das klingt sehr radikal. Gibt es keine Alternative?

Einem Bergsteiger amputiert man die abgefrorene Zehe, um den ganzen Körper zu retten. In der Zahnmedizin hingegen ist es üblich, das Abgestorbene zu erhalten, Zahnerhaltung ist immer oberstes Prinzip. Aber auch ein abgestorbener Zahn wird den Körper vergiften können. Man hat festgestellt, dass um die Spitzen wurzelbehandelter Zähne Leichentoxine entstehen – genauso wie bei einer abgefrorenen Zehe. Das reizt zu lokalen Entzündungen und Abstossreaktionen. Der Mensch muss als Ganzes angesehen werden.

Welche Art Beschwerden konnten Sie ursächlich mit Zähnen in Verbindung bringen?

Gelenkbeschwerden, Schwindel, Migräne, Konzentrations- und Sehstörungen, Tinnitus, Erschöpfung, Depressionen, Erkrankungen des Nervensystems wie ALS, diffuse Schmerzen verschiedener Art und Rheuma. Tatsächlich habe ich noch keinen einzigen Rheumapatienten gesehen, der weder Wurzelbehandlungen noch entzündliche Veränderungen im Kieferbereich hatte.

Konnten Sie den Menschen helfen?

In vielen Fällen ja. Bei diffusen Schmerzen kann es vorkommen, dass ich dem Patienten sagen muss: «Es könnte an dem wurzelbehandelten Zahn liegen, und Sie tun sich in jedem Fall einen Gefallen, ihn zu entfernen, aber ob Ihre Schmerzen aufhören, kann ich nicht mit Gewissheit sagen.» Beim Rheuma hingegen sind bis jetzt bei ausnahmslos allen Patienten die Beschwerden verschwunden, sobald wir Mund und Körper entgiftet hatten. Einige galten bei Rheumatologen bereits als austherapiert.

Können Zähne bestimmten Organen zugeordnet werden?

Ja, die Zuordnung erfolgt in Anlehnung an die Meridiane. Frontzähne haben zum Beispiel einen Bezug zum Nieren-Blasen-Funktionskreis. Die Eckzähne liegen auf dem Leber-Gallen-Meridian, stehen unter anderem in Zusammenhang mit der Libido und der Entschlusskraft eines Menschen. Weisheitszähne liegen auf dem Herz-Dünndarm-Meridian. Es gibt viele Jugendliche, die über Herzrhythmusstörungen klagen. Wenn man denen die Weisheitszähne zieht, sind die Beschwerden meistens weg.

Neben dem Zähneziehen arbeiten Sie auch mit der Methode des Ausleitens. Wie funktioniert das?

Ausgeleitet wird bei Giftstoffen wie Schwermetallen. Amalgam entferne ich grundsätzlich. Zunächst ersetzen wir die Füllungen durch Provisorien, dann leiten wir Quecksilber aus dem Körper. Da gibt es verschiedenste Vorgehensweisen: mit Hilfe der Homöopathie, der Bioresonanz, der Kinesiologie, der Hypnotherapie oder Akupunktur. Ich persönlich mache eine Kombination aus feinstofflicher und grobstofflicher Ausleitung, verabreiche also auch chemische Präparate, die die entsprechenden Substanzen binden und ausschwemmen. Das Resultat wird im Resonanztest überprüft, bis mir der Biotensor keine Quecksilberbelastung mehr angibt. Erst dann folgt die Sanierung.

Um Amalgam herrscht bis heute eine Art Glaubenskrieg…

Mittlerweile gibt es über tausend Studien, die beweisen, dass Amalgam schädlich ist. Jüngst hat eine deutsche Studie ergeben, dass Quecksilber bei der Entstehung von Alzheimer eine grosse Rolle spielt. Die Schulmedizin wagt es wahrscheinlich nicht, offiziell verlauten zu lassen: «Amalgam kann die Leute krank machen», weil dann Schadenersatzansprüche gestellt würden.

Warum hören die Zahnärzte dann nicht wenigstens still und heimlich damit auf, es zu verwenden?

Amalgam ist ein geniales Füllungsmaterial. Es ist relativ einfach zu verarbeiten, verzeiht gewisse Fehler und hat ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Früher, als ich noch ein extremer Schulmediziner war, habe ich Amalgam geliebt.

Was hat bei Ihnen den Wandel vom extremen Schulmediziner zum ganzheitlichen bewirkt?

Der vollzog sich stufenweise. Ich machte erste Erfahrungen mit der Alternativmedizin, als die schwere Bronchitis meines Sohnes mit Homöopathie geheilt wurde. Ebenso verschwand der Hexenschuss meiner Frau sofort, nachdem ich ihr Akupunkturnadeln ins Ohr gesetzt hatte. Und eines Tages, nachdem ich bei einem Patienten eine Sanierung mit Amalgam gemacht hatte, tauchte bei dem plötzlich ein Analekzem auf. Ausserdem fühlte er sich nur noch erschöpft. Ich nahm zunächst die Füllungen wieder heraus, aber erst als ich das Amalgam auch aus den Spitzen der behandelten Wurzeln entfernte, waren die Beschwerden weg, und zwar schlagartig. Das war für mich der endgültige Beweis.

Beweis auch für die Schädlichkeit einer Wurzelbehandlung an sich?

Nein, zunächst ging es nur um Amalgam. Ich machte dann die Erfahrung, dass fast erblindete Patienten wieder sehen konnten, nachdem die wurzelbehandelten Zähne draussen waren. Dass Schmerzpatienten, die jede Lebensfreude eingebüsst hatten, schmerzfrei wurden. Der Zusammenhang war nicht mehr zu übersehen. Vor einem Jahr kam ein ALS-Patient zu mir – mit einer Lebenserwartung von noch zwei Jahren. Wir haben den ganzen Körper entgiftet: Amalgam und wurzelbehandelte Zähne entfernt, sämtliche Vereiterungen und Entzündungen ausgeheilt, Körpergifte ausgeleitet, und auch auf der psychischen Ebene haben wir ihn veranlasst, sich zu «reinigen». Diese Woche hatte er Geburtstag, und er hat mir gesagt, es sei der erste seit langem, den er habe feiern können. Kein Zittern, keine Muskelschwäche, es gehe ihm gut.

Archaische Völker haben es also richtig gemacht, indem sie den schmerzenden Zahn einfach immer gezogen haben.

Sofern der Zahn zerstört ist, ja. Davon bin ich überzeugt.

Lassen sich in den Zähnen nur Ursachen für organische Erkrankungen finden oder auch für psychische?

Zustand und Stellung der Zähne geben Auskunft über ziemlich alles: den Charakter eines Menschen, die Entwicklung, die psychische Verfassung. Reiskornartige seitliche Schneidezähne etwa deuten auf ein eher friedfertiges Wesen hin. Und die Stellung der seitlichen zu den mittleren oberen Schneidezähnen, die Mutter und Vater verkörpern, verraten etwas über das Verhältnis zu den beiden. Grundsätzlich betrachte ich den Oberkiefer als weiblich, er nimmt den Beissvorgang des Unterkiefers auf, die Knochenstruktur ist weicher, weitmaschiger, offener.

Und was sagt uns das?

Man kann emotionale Verletzungen auch an den Zähnen ablesen. Im oberen linken Weisheitszahn einer Patientin ist in kürzester Zeit ein riesiges Loch entstanden. Ich habe meinen Augen kaum getraut. Die Frau betreibt seit Jahren eine perfekte Mundhygiene und hat nur eine kleine Füllung. Aber sie war in den letzten Monaten durch einen Vertrauensbruch ihres Mannes seelisch verletzt worden.

Und da sehen Sie einen kausalen Zusammenhang?

Unbedingt. Mir ist auch aufgefallen, dass die Zähne bei Kindern von alternativen Schulen eher wild und ungestüm wachsen, ohne deutliche Struktur. Ich vermute, weil den Kindern kaum klare Grenzen gesetzt werden.

Und was ist Ihnen bei meinem Panorama aufgefallen?

Ihr oberer linker Weisheitszahn – also das urweibliche Herz – steht allein da, ungestützt, ohne jedes Gegenüber.

Wie furchtbar. Was kann man da tun? Ziehen lassen?

Nein, in diesem Fall wohl eher nicht.


Dr. med. dent. Werner Maurer
Nach dem Studium der Zahnmedizin an der Universität Basel eröffnete Werner Maurer 1987 eine eigene Praxis für ganzheitliche Zahnmedizin in Frick; seit 2000 praktiziert er in St. Gallen. Neben der schulmedizinischen Ausbildung hat Maurer unter anderem Zusatzausbildungen in Ohrakupunktur, Körperakupunktur, ganzheitlicher Zahnmedizin, biophysikalischer Informationstherapie, Kinesiologie, Hypnotherapie, neurolinguistischem Programmieren, Reinkarnationstherapie, psychosomatischer Energetik und Meditationslehre absolviert. Maurer ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin, die 1992 als Fachgesellschaft der Schweizerischen Ärztege sellschaft für Erfahrungsmedizin gegründet wurde. www.sgzm.ch

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.




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