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Kapitel 7: Hotdogs und Pizza
© Giorgio von Arb
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| Jonas steht vor der Prüfung zum blauen Gurt, im Judo der Schritt zum Erwachsenwerden. |
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Vor der Disco im Schnee stehen, mit selbstgemalten Bildern Geld verdienen und mit einer SMS die Freundschaft retten.
Von Reto U. Schneider, Gudrun Sachse und Brigitte Hürlimann
Marc und Cayu in der Bar
Es gibt Tage, an denen wünscht sich Marc, er könnte an zwei Orten gleichzeitig sein. Dieser Freitag ist so ein Tag. Vor zwei Wochen hat er sich freiwillig gemeldet, heute Abend in der Jugidisco als Aufpasser hinter der Bar zu stehen. Und gestern hat er noch seinen besten Freund Rainer eingeladen, bei ihm zu übernachten.
Irgendwie würde das schon aneinander vorbeigehen, hat er sich gedacht. Rainer könnte ihn ja in die Jugidisco begleiten. Doch nun, da er nach der Schule um halb vier mit Rainer die Treppe zur Döltschihalde hochsteigt, sieht die Sache anders aus. Rainer hat keine Lust, in die Disco mitzukommen.
«Nein. Was soll ich dort?»
«Doch, das ist lustig. Da kannst du reden.»
«Nein, ich will nicht.»
«Es hat gute Musik.»
«Nein.»
«Du kannst mit mir auf Kontrollgänge kommen.»
«Nein, ich mag nicht.»
Sie kommen beim Block an, in dem Rainer wohnt. Marc wartet draussen, während Rainer sein Schulzeug deponiert und den Schlafsack holt. Als er wieder erscheint, führt Marc das letzte Argument ins Feld.
«Es gibt Hotdogs und Pizza.»
«Ne-ein!»
Marc versucht es mit einer anderen Taktik.
«Wir gehen nur ganz kurz. Ich kann bestimmt aushandeln, dass ich früher wieder gehen kann.»
Rainer bleibt stumm.
«Ich würde ja gar nicht gehen, aber meine Mutter sagt, wenn ich zugesagt habe, könne ich jetzt nicht absagen.»
Fünf Minuten später stehen sie vor dem Reihenhaus unterhalb der Schrebergärten, in dem Familie Mischler wohnt. Die Diskussion wird vertagt, Marc und Rainer stürmen hinein und die Treppe hoch in den ausgebauten Dachstock, um Marcs neues Game «Fifa 07» zu spielen.
An Marcs Kasten im Zimmer hängen neue Fernsehregeln – es sind die dritten in drei Monaten:
«Nach der Schule 15 Minuten Erholung, dann Aufgaben machen.
Wenn keine Aufgaben, 10 Minuten freiwillig üben.
Wenn Hausaufgaben gut gemacht = 1 Std. Computer od. Game pro Tag.»
Diese Regeln gelten unter der Woche. Heute Freitag spielen Marc und Rainer, bis der Aufbruch in die Jugidisco naht. Rainer hat sich mit seinem Schicksal abgefunden, er wird den Abend im Untergeschoss eines Nebengebäudes der reformierten Kirche Friesenberg verbringen.
Neben dem Jugidisco-Team, das für Musik und Erfrischungen zuständig ist, sind im Keller immer auch zwei Erwachsene. Eine davon ist heute Abend Marcs Mutter, die bis zum Ende der Disco um elf Uhr bleiben wird. Für Marc nicht unbedingt die optimale Konstellation. Er besucht die Disco lieber ohne seine Mutter.
Nach fünf Minuten Fussmarsch treffen Frau Mischler, Marc und Rainer in der Jugidisco ein. Es ist sieben Uhr, die schummrige Grotte mit Billardtisch, Discokugel und ausgesessenen Sofas ist noch leer. Marc macht sich trotzdem sofort auf den ersten Kontrollgang. Er drückt Rainer eines der Funkgeräte in die Hand, die er von zu Hause mitgebracht hat, und eilt die Treppe hoch zum Zaun, von wo er «nichts Verdächtiges» meldet.
Zwei Stunden später lümmeln draussen Teenager herum, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und versuchen, die Kälte zu ignorieren, was den Mädchen in ihren Spaghettiträger-Hemdchen sichtlich schwerfällt. Auch die spitzenverzierten, wattierten Büstenhalter, die darunter hervorlugen, und die Umhängetaschen von Gucci scheinen nicht richtig zu wärmen. Zu den Buben ist die Mode gnädiger. Sie können sich die Kapuzen ihrer Sweatshirts über den Kopf ziehen und die Jeans in die Socken stopfen, was zwar seltsam aussieht, aber im Moment in ist. Ein paar rauchen. Hin und wieder löst sich einer aus der Gruppe, marschiert in die Grotte hinein und wieder heraus. Fehlen die coolen Leute? Ist woanders mehr los? Verpasst man womöglich etwas, wenn man hier herumsteht?
Rainer, der sich eigentlich auf einen gemütlichen Abend zu zweit bei Marc gefreut hatte, hat sich hinter der Bartheke verschanzt. Das sind nicht seine Leute.
Einigen wird es draussen dann doch zu kalt. Die Buben flegeln sich in die Sofas in der einen Ecke und gaffen zu den Mädchen hinüber, die in der anderen Ecke sitzen. Tanzen mag niemand. Glück kommt in der Bubenecke auf, als sich ein erstes Mädchenpaar zu ihnen wagt. Doch nach einem kurzen Gespräch ist die Trennung nach Geschlechtern wiederhergestellt.
Marc gehört als einziger Junge neben fünf Mädchen zum Jugidisco-Team. Er dreht regelmässig seine Runden, stellt sicher, dass in den Toiletten nicht geraucht wird und dass keiner die Wände verschmiert. In der Vergangenheit wurde ein Zaun beschädigt, Abfall lag auf der Strasse, und die Nachbarn beschwerten sich wegen des Lärms. Auch zu Schlägereien soll es gekommen sein. Eigentlich wollte der Jugendarbeiter der Kirchgemeinde die Disco für zwei oder drei Monate schliessen, aber das Jugidisco-Team konnte ihn davon abbringen: «Wie sollen wir denn unsere Freitagabende verbringen? Wir sind noch nicht sechzehn, mit einer Schliessung bestrafst du uns, nicht die Randalierer.» Jetzt soll eine Membercard eingeführt werden, damit niemand mehr die Disco anonym besuchen kann.
Klare Verstösse gegen die Regeln können geahndet werden. Schwieriger sind Situationen, wie sie kürzlich eine erwachsene Begleitperson angetroffen hat: Im Gang vor den Toiletten liess sich ein Mädchen von mehreren Buben küssen und an den Busen fassen.
Cayu taucht heute erst kurz vor Schluss auf, er trägt seine hellblau-weisse Baseballmütze, schwingt sich auf einen Barstuhl und verwickelt ohne Zögern Jana in ein Gespräch, das begehrteste aller weiblichen Jugidisco-Team-Mitglieder. Er lächelt, witzelt und flirtet angeregt – mit Erwachsenen gibt er sich meist wortkarg. Jana gelingt es nicht, ihn zum Kauf von einem Deziliter Cola für 50 Rappen zu überreden. Cayu mag in der Disco kein Geld ausgeben. Cola, Brot und Wienerli gibt es auch zu Hause, und zwar gratis. Lieber spart er für eine neue Baseballmütze, für ein Game oder ein Handy.
Er hat auf dem Weg in die Jugidisco Kollegen getroffen, ist mit denen noch ein bisschen Bus gefahren. Bus und Tram zu fahren, gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, genauso wie Horror-DVD zu schauen oder im McDonalds Milchshakes zu trinken. Horrorfilme schaut sich Cayu mit seinen Freunden in sturmfreien Buden oder an Geburtstagsparties an: «Sie sind einfach spannend, es ist schön, wenn es gruselt, und ich weiss ja, dass es nur gespielt ist. Ich hatte noch nie einen Albtraum wegen eines Horrorfilms, und ich werde auch bestimmt nicht brutal oder gewalttätig deswegen.» Cayu kann sich nur an einen Film erinnern, der ihn schockierte. Er handelte von Sadisten, die Jugendliche zu Tode folterten. «Da musste ich manchmal wegschauen, weil es im Vorspann geheissen hatte, die Geschichte basiere auf einer wahren Begebenheit.»
Als Höhepunkt des Abends darf Marc einer Gruppe von Mädchen drei Hotdogs verkaufen. Dummerweise spritzt er Ketchup anstatt wie bestellt Senf ins Brot. Eines der Mädchen ist untröstlich: «Ich hasse Ketchup, ich hasse Ketchup!» Das Jugidisco-Team steckt die Köpfe zusammen, berät und beschliesst, die Ketchup-Hotdogs selbst zu essen, und macht neue, mit Senf.
Aus Arbeitsmangel greifen zwei hinter der Theke zu Papier und Bleistift, beginnen ein beliebtes Spiel: Wer tut was, wo und warum? Jeder beantwortet schriftlich eine Frage, faltet den Zettel und reicht ihn zur Beantwortung der nächsten Frage weiter. So entstehen denkwürdige Sätze wie: «Sandra und Manuel furzen im Elefantenhaus, weil sie debil sind.» Oder: «Herr und Frau (...) ficken und bumsen im Tram, weil sie gerne Sextelefon machen.» Oder: «Die Lehrer (...) und (...) stecken sich gegenseitig den Billardstock in den Arsch, vor 90 000 Zuschauern, weil sie es gerne tun.» Beim Vorlesen krümmen sich alle vor lachen.
Jonas macht auf Miró
Als Jonas das Plakat zwischen seiner Zimmertür und der seines Bruders aufhängt, ist ihm klar, dass das nicht die beste Passantenlage ist. Auf den Bogen Papier hat er mit schwarzem Filzstift geschrieben: «12. Nov. 2006, Vernissage im Zimmer 2. Eine Ausstellung von Jonas und Lino Blum.» Ausser den Brüdern würden es wohl nur ihre Eltern zu Gesicht bekommen. Jonas und Lino haben nur ein paar handverlesene Vernissagenbesucher eingeladen: die Gotte, die Grossmutter und einen Freund des Vaters.
Es ist nicht die erste Ausstellung, die Jonas und Lino organisieren. Ein halbes Jahr zuvor haben sie das Zimmer von Jonas in ein Dinosauriermuseum verwandelt. Jonas gehört zu jenen 13-Jährigen, die problemlos einen Stegosaurus von einem Tyrannosaurus unterscheiden können und die sich mehr über die falsche Darstellung der Dinosaurier als Bestien in Filmen ärgern als über das Handyverbot im Döltschischulhaus.
Irgendwann während der Vorbereitungen der Ausstellung merken Jonas und Lino, dass es zwischen einer Kunstausstellung und einem Dinosauriermuseum einen grossen Unterschied gibt: Kunst kann man verkaufen. Mit Bildern lässt sich Geld verdienen!
Vier Tage vor der Vernissage sind noch nicht alle finanziellen Details geklärt. Am Mittwochnachmittag stehen Jonas und Lino in Schürzen vor der Werkbank im Keller und malen die letzten Bilder für den Sonntag. Es ist kalt, und Jonas mischt gerade Rot und Gelb zum feurigen Orange, das er so gern mag, als die Frage nach dem Preis eines Bildes aufkommt. «Ich weiss nicht, irgendwie 5 oder 2 Franken, oder doch 5. Ich weiss nicht, je nachdem. Das sehen wir noch.» Auch wofür das Geld verwendet werden soll, wird noch diskutiert. Die Eltern haben angeregt, einen Teil der Einnahmen für einen guten Zweck zu spenden. Damit sind Jonas und Lino grundsätzlich einverstanden, obwohl «wir selber nicht auf die Idee gekommen wären», wie Jonas zugibt.
Jonas bekommt 20 Franken Taschengeld und ist eigentlich zufrieden damit. Hin und wieder verdient er sich etwas hinzu, wenn er den Eltern hilft. «Viel Arbeit für wenig Geld», beschreibt es Jonas, «das letzte Mal habe ich überall Fenster geputzt, und das sind nicht wenige, und dann habe ich einen Franken bekommen oder so.» Auch an das Kistentragen im Klassenzimmer der Mutter erinnert er sich mit Entrüstung. «Eine Stunde schleppen für 3 Franken!»
Trotz der misslichen Bezahlung ist der Kassenstand der Brüder erfreulich. Der neunjährige Lino hat 160 Franken im Kässeli, Jonas 300. Anders als viele seiner Schulkollegen geht er kaum in die Stadt, um einfach so zu shoppen.
Zur Arbeit hören Jonas und Lino das Wunschkonzert auf der Musigwälle von DRS 1. Tochter Ursula gratuliert Armin Baumann mit den Rigispatzen gerade zum 82. Geburtstag, als Jonas zu einer Beschreibung seines Kunstgeschmacks ausholt: «Ich finde Bilder, die ganz genau abgemalt sind, zum Beispiel Portraits, nicht so wahnsinnig. Mir gefällt eher die moderne Kunst, so etwas Gewagtes. So etwas Viereckiges, nichts Richtiges, das es gibt. Einfach so ein Durcheinander.»
Kürzlich haben Jonas und Lino mit ihren Eltern die Ausstellung «Fest der Farbe» im Kunsthaus besucht. Jonas haben besonders die Bilder von Miró gefallen. «Nicht nur wegen der knalligen Farben, sondern auch, weil ich mit meinem zweiten Namen Miro heisse», sagt er. Und tatsächlich erinnern einige der Bilder, die Jonas Miro Blum zwischen eingewinterten Fahrrädern und einem Hometrainer malt, an den spanischen Meister, mit dem Unterschied, dass Jonas deutlich effizienter arbeitet, als jener es tat. Er zeichnet mit schwarzem Filzstift wilde Linien auf das Papier und füllt die weissen Flächen mit Wasserfarbe aus. Viel länger als zehn Minuten darf die Herstellung eines Bildes nicht dauern: In einer Stunde beginnt das Judotraining, bis dann müssen die Kunstwerke fertig sein.
Jonas hat nicht die Absicht, eine Laufbahn als Maler einzuschlagen. Lieber möchte er etwas mit Sprache machen, vielleicht Moderator am Radio oder am Fernsehen.
Es ist Viertel vor vier, Jonas und Lino waschen die Pinsel aus und gehen in die Küche hoch, wo Jonas noch schnell ein Joghurt isst, bevor er den Kimono und den grünen Gurt in die Sporttasche packt. In einem Monat steht die Prüfung für den blauen Gurt an – im Judo der Schritt zum Erwachsenwerden.
Anika und Anja: Teenagerfreundschaften
Von zickigen Mädchen hat Anika diese Woche genug. Freitag gab es in der Schule Streit zwischen Patricia und Laura. Patricia wurde vor allen Mädchen wegen ihrer roten Haare beleidigt. Anika fand das ungerecht und wäre ihr gerne beigestanden, aber das wäre heikel gewesen.
Für die falsche Person Partei zu ergreifen, ist einer von unzähligen Faktoren, die sich negativ auf den Status in der Gruppe auswirken. Überhaupt braucht es Fingerspitzengefühl, um unter Teenagern zu bestehen. Kleidung, Haarfarbe, Musikgeschmack, Schulnoten, Körpergewicht, Nationalität sind nur einige der Faktoren, die nach einer grausamen Formel zusammenwirken und die soziale Rangordnung bestimmen. Doch selbst wer Leggins trägt und Monrose hört, ist gegen soziale Ächtung nicht gefeit. Allein mit Äusserlichkeiten ist es nicht getan. Entscheidend ist auch, sich richtig zu verhalten. Den Lehrer in seiner Gegenwart nachzuäffen oder sich zum richtigen Zeitpunkt von einer Freundin zu trennen. Mädchenfreundschaften können in atemberaubendem Tempo geschlossen werden und wieder auseinandergehen.
Es ist Samstag, und Anika hat sich mit Silvia zum Lädele verabredet. Eigentlich sollte auch Marina mitkommen, doch dann merkte die, dass sie kein Geld hatte. «Wir kaufen nichts, wir schauen nur», hatte Anika sie erfolglos zu überreden versucht. Schade, ist es mit Marina doch besonders lustig, «die ist süchtig nach BH». Statt Marina kommt Anja mit. Sie hat wenig Kontakt zu Mädchen in ihrer Klasse und probiert immer wieder neue Cliquen aus.
Anika hat Lipgloss aufgetragen und ihre dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Auf ihrem Sweatshirt glitzern rosafarbene Steinchen. In ihrer Handtasche steckt ihr Handy. Nur für Notfälle, hat ihr Vater gesagt. Die Prepaid-Karte muss Anika meistens selber bezahlen. Natürlich wird sie es nur in Notfällen benutzen.
Vor dem Globus am Löwenplatz begrüssen sich Anika, Silvia und Anja mit Küsschen auf die Wange. «Tally Weill, H & M, Yendi, New Yorker?» fragt Anika. «Im New Yorker war ich schon letzte Woche, die haben nichts», sagt Silvia. Die Mädchen haken sich ein und schlendern zu Tally Weill. Aus dem Laden hämmert laute Musik. Sie gehen zielstrebig in jene Ecke des Geschäfts, in der es am meisten glitzert. Sie lieben Modeschmuck. Silvia trägt bereits einen grossen Ring mit Glassteinen, jetzt hält sie sich einen anderen daneben. «O nein», sagt Anika, «das ist gar nichts.» Sie streicht lustlos über die vielen Ketten: «Kommt, wir gehen, hier gibt’s nichts.»
Sie ziehen weiter zu H & M. Dann zu Accessorize und schliesslich zu Claire’s, wo junge Frauen in drei Reihen vor den Regalen mit Ohrringen und Ketten stehen. Anika geht zu einem Ständer mit Handytäschchen und Anhängern, an dem noch niemand dreht. Plötzlich erstarrt sie und winkt Silvia und Anja herbei.
«Ist das nicht Marina?» fragt Anika.
«Ja klar, mit Selina», sagt Silvia, «dabei hat sie doch gesagt, sie habe kein Geld.»
«Ich glaub, ich spinne», stottert Anika. «Haben sie uns schon gesehen?» Die drei Mädchen stupsen einander in die Ecke des Ladens.
Zeit, sich zu beraten, bleibt ihnen nicht. Marina und Selina kommen auf sie zu. Einen Moment stehen sie sich stumm gegenüber. «Habt ihr schon etwas gekauft?» fragt Anika, um das Eis zu brechen. «Nein», sagt Marina und fügt rasch an: «Wir gehen dann jetzt.» Marina greift nach Selinas Hand und zieht sie hinter sich aus dem Laden hinaus. Anika und Silvia schauen einander an: «Was war das denn jetzt?» sagt Anika, «ich glaub, ich brauche frische Luft.»
Anika mag keinen Streit und auch keine unklaren Situationen. «Habe ich etwas falsch gemacht? Warum ist Marina wütend auf mich?» Anika ist ratlos. Sie schreibt Marina eine SMS: «häsch öpis gäge mich?» Silvia schlägt vor, im McDonalds auf die Antwort zu warten. Kaum haben sie sich hingesetzt, piepst ihr Handy. Anika liest die SMS vor: «warum seid ihr so komisch?» – «Wir, komisch?» fragt Anika empört. Es reicht. Sie ruft Marina an. «Was soll das?… kommt in den McDonalds … wieso sagst du Nein?» Marina schlägt als Treffpunkt die grosse Uhr im Hauptbahnhof vor. Die drei Mädchen hetzen die Bahnhofstrasse entlang, schlängeln sich an den Passanten vorbei in die Bahnhofshalle. Unter der grossen Uhr stehen Marina und Selina. Sie tuscheln. «Hallo», sagt Anika distanziert und reicht Marina die Hand, ein Küsschen zu geben, wäre verfrüht. Doch Marina beachtet Anika nicht. «Hey, was ist?» fragt Anika. «Da hinten stehen Buben, die uns schon die ganze Zeit beobachten», sagt Marina. «Die verfolgen uns», ergänzt Selina. Eigentlich hat Anika jetzt keine Lust, über Buben zu sprechen, aber wenn das der Weg ist, die Freundschaft zu kitten, warum nicht. Die Mädchen kichern, blicken immer wieder zu den Buben und ermahnen sich gegenseitig, «hey, nicht hinschauen».
Warum Marina nicht mit Anika, sondern mit Selina shoppen ging und den Laden fluchtartig verliess, als sie Anika erblickte, hat sie nie erfahren.
Jonas als Galerist
Am Sonntag um zwei Uhr klingelt es. Jonas schickt Lino zur Tür. Er muss noch die Apérohäppchen aus dem Ofen holen, die er und sein Bruder vorbereitet haben. Draussen steht die Gotte von Jonas, später kommen noch die Grossmutter und die anderen Gäste. Schulkollegen hat er keine zur Vernissage eingeladen. Er vermutet, dass die sich nicht dafür interessieren würden. Bald stehen alle dicht gedrängt in Linos Kinderzimmer, das zur Galerie erklärt worden ist.
Die Zahl der Bilder, die dort an der Wand hängen, wurde von der Anzahl alter Bilderrahmen im Haus bestimmt: Es waren elf. Es wird über Stil, Technik und Deutungen gesprochen. Dann entscheiden sich die ersten Besucher für den Kauf. Die Grossmutter will das einzige Bild mit einem Goldrahmen, womit sie sich einen Moment lang dem Verdacht aussetzt, der Rahmen gefalle ihr besser als das Bild. Es dauert nicht lange, dann sind neun der elf Bilder verkauft. Bloss über den Preis herrscht noch Ungewissheit. Auf Linos Bett verkündet ein Zettel gut sichtbar:
«Liebe Besucherinnen, liebe Besucher.
Falls du ein Bild kaufen möchtest, kannst du den Preis selber bestimmen. Vom Erlös spenden wir 50 % der Hilfsorganisation World Vision.
Jonas Blum. Lino Blum.»
Die Diskussion um die angemessene Entlöhnung der Künstler wird im Wohnzimmer bei Wein, Rimuss und Schinkenkrapfen geführt. Sie endet, nach Berücksichtigung des Taschengelds und der finanziellen Verpflichtungen eines 9- und eines 13-Jährigen, mit dem Richtwert von 20 Franken pro Bild.
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