«DIESEN RAUM würde ich nie aufgeben, selbst wenn ich nach Amerika auswandern sollte. Ich wüsste dann, es gibt einen Ort, an den ich immer zurückkehren kann. Meine Frau sagt manchmal, was willst du mit diesem Haus, du machst dir ja nur Arbeit damit, und davon haben wir doch schon genug. Aber dieser Raum, dieses Haus, die ganze Umgebung bedeuten Heimat für mich. In diesem Haus im solothurnischen Welschenrohr bin ich aufgewachsen, es ist mein Elternhaus. Hierher komme ich gerne für ein Wochenende, für ein paar Ferientage, meistens mit meiner Familie, manchmal auch allein.
Es ist ein Bauernhaus mit drei übereinanderliegenden Wohnungen, wir haben im ersten Stock gewohnt. Der Raum hier unter dem Dach war früher zur Hälfte Strohbühne - hier lagerten die Winterstrohvorräte für das Vieh - und zur anderen Hälfte Estrich. Wo jetzt der Ofen steht, war früher eine Räucherkammer. Als Bauern haben wir selber geschlachtet, in der Räucherkammer räucherten wir jeweils den Speck. Als Knabe habe ich immer beim Dorfelektriker Speck gegen Kabel und Stecker eingetauscht, er hatte so gern geräucherten Speck. Der Ofen hat früher in unserer Wohnung gestanden, ich habe darin Feuer gemacht und Äpfel gebraten und die Kirschensteinsäcke gewärmt. Jetzt machen meine Kinder Feuer darin und braten Äpfel.
Der Hof wird schon seit ich 15 war nicht mehr bewirtschaftet, er ist zu klein. Das Land ist seither verpachtet. Mein Vater war über 60 und krank, als er beschloss aufzuhören; ich hatte alte Eltern, ich bin ein Einzelkind. Als meine Mutter vor ein paar Jahren pflegebedürftig wurde und nicht mehr hierbleiben konnte, liess ich den Dachstock ausbauen. In unserer Wohnung sind jetzt andere Leute, das war hart für mich. Ein Leben lang hatte ich dort ein und aus gehen können, und plötzlich war der Ort irgendwie nicht mehr da.
Das Haus steht im Dorfkern an der Hauptstrasse. Scheune und Stall sind seitlich angebaut, wir mussten jeweils die Strasse sperren, wenn wir die Kühe auf die Weide trieben. Ich liebe die Umgebung, als Kinder haben wir hier nach Eisenerz gegraben, Schlachten geschlagen. Zum Kriegführen gegen die Hügelibande gab es immer Grund genug. Einmal habe ich mir an einem laufenden Rasenmäher die Finger halb abgeschnitten, dann wieder bin ich von der Heubühne gefallen und habe mir den Kiefer gebrochen. Ein Nachbarsmädchen, mit dem ich oft zusammen war, stand gelegentlich unter Strom. Ich habe aus allen Kabelresten, die mir in die Hände gerieten, etwas gemacht, und sie hat mir dabei assistiert. Es war einfach spannend, etwas zum Laufen oder zum Leuchten zu bringen.
Dieser Raum wurde nach meinen Vorstellungen umgebaut. Er ist etwa 70 Quadratmeter gross und offen, Küche und Schlafplätze sind nicht abgetrennt. Den Raum will ich karg, meine anderen Orte sind alle so überladen. Die anderen Orte sind alle in Zürich, meine Wohnung im Kreis 8, mein Büro an der ETH und die drei Räume meiner Supercomputing AG im Technopark. Und dann bin ich noch sehr oft unterwegs. Dabei wäre ich als Stier viel lieber immer an demselben Ort und nicht so oft auf Reisen.
Aus den Dachfenstern sehen wir an die Felshänge der ersten Jurakette. Zur Strassenseite hin hört man den Verkehr, zur rückwärtigen Seite Vogelgezwitscher und Kuhglockengeläut.
Einmal im Jahr bin ich im Kloster, in Amerika, in Europa, einmal war ich in Indien. Ich bin nicht auf eine bestimmte Religion fokussiert, ich mag die Atmosphäre, den strikten Tagesablauf. Ich meditiere auch oft. Das hilft mir, die innere Verankerung zu finden in einem Alltag, in dem so vieles auf mich zukommt, und das aufzunehmen, was mir geschenkt wird. Das Universum, alles, was mich umgibt, kann so unendlich viel geben. Es liegt an mir, offen genug zu sein.
Der Computer, den ich entwickelt habe, ist auch eine Art Raum. Er macht auf geringem Raum 1,6 Milliarden Rechenoperationen in der Sekunde, das ist die Rechenleistung aller Menschen dieser Erde, wenn alle rechnen könnten und zusammenarbeiten würden. Aber er hat nicht einen Funken Inspiration. Mit dem Computer kann ich Welten erschaffen; ich finde es spannend, ein Schöpfer zu sein. Aber es sind Kunstwelten, zu denen auch der Zugang virtuell ist, man kann ja nicht in den Computer hineinschlüpfen. Es gibt Leute, die vergessen, dass es daneben auch noch Menschen gibt, eine reale Welt, und das ist nicht gut.
Die Welt, die ich mir im Moment erschliesse, ist die Welt des Unternehmens. Es ist spannend, eine Firma aufzubauen, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die Kräfte des Marktes kennenzulernen und mit ihnen umzugehen. Könnte ich mir noch eine Welt erschliessen, dann wäre es die Welt der Musik. Ich möchte mir einfach Musik denken können, und schon wäre sie . . .
Oberhalb des Dorfes gibt es eine Höhle, vielleicht 60 Meter tief, halbkugelförmig. Ich bin da oft an Sonntagen gesessen und habe ein bisschen vor mich hingedacht. Mich fasziniert bis heute, dass man von aussen nicht in die Höhle hineinsehen, ich aber aus dem Dunkel der Höhle in die Welt hinausschauen kann. Ich bin in Räumen immer gerne ganz hinten oder dann ganz vorne, ich habe gerne den Überblick. In der Mitte bin ich nicht gern. Wegen meines Computers und meines Mutes, in der Schweiz Computer zu bauen, bin ich oft in den Medien. Das ist dann das Gegenteil von Höhle. Dort sehen mich alle, und ich sehe nichts.»