NZZ Folio 07/97 - Thema: Aus Eis und Schnee   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Sommerweine

Von Philipp Schwander

IM SCHATTEN der Platanen einer Gartenwirtschaft, auf der noch sonnenwarmen Dachterrasse in lauer Nacht - in jenen leider seltenen Stunden, wenn wirklich Sommer ist, fehlt selbst dem anspruchsvollsten Weingeniesser nicht mehr allzu viel zum Glück. Für einmal dürfen die grossen Burgunder und Bordeaux im Keller bleiben, jetzt soll ein leichter und erfrischender, bekömmlicher Tropfen auf den Tisch: ein Sommerwein, den man sich schnell aus dem Kühlschrank holt, nicht zu teuer und doch gut.

Weine, die diesen Anspruch aufs beste erfüllen, gibt es freilich in grosser Zahl, weshalb jeder Empfehlung der Makel des Zufälligen anhaftet. Dennoch nahm sich eine bunt zusammengewürfelte Jury aus Experten und Laien der verwegenen Aufgabe an, in einer Blindverkostung eine Reihe von Gewächsen zu ermitteln, die sich für den Sommer besonders eignen. Nicht Tiefgang und Komplexität sollten diesmal die Kriterien sein, sondern das unbeschwerte, fröhliche Trinken.

Zur Auswahl standen zwei Dutzend Weissweine unter 20 Franken, die verschiedene Weinhandlungen als typische Sommerweine empfohlen hatten. Und nicht fehlen durfte da natürlich die Traubensorte Sauvignon blanc, die nicht nur in ihrer französischen Heimat für so erfrischende Weine wie Sancerre oder Pouilly-Fumé sorgt. In der Blindverkostung fiel uns speziell ein 95er Sauvignon blanc der kalifornischen Kellerei St. Supery auf, aber auch im Rotweinland Italien, namentlich im Friaul, gibt es mittlerweile herrliche Weine dieser Traubensorte.

Ganz allgemein scheint das Ferienland Italien ein guter Boden für leichte Sommerweine zu sein. Für Freude sorgte beispielsweise der aus der alten Traubensorte Garganega gekelterte 96er Soave des Produzenten Ca'Rugate: er erreichte die zweithöchste Punktzahl und überflügelte damit den Konkurrenten Anselmi. Ebenfalls unter die Besten kam eine Assemblage verschiedener Traubensorten aus dem Piemont mit dem etwas umständlichen Namen Il Fiore di Serra dei Fiori 1996.

Aber man muss nicht unbedingt in die Ferne schweifen - auch in der Schweiz werden erquickliche Sommerweine gekeltert. Aus dem Waadtland stammen von der an sich neutralen Traubensorte Chasselas einige der schönsten Vertreter dieser ungezwungenen Art von Wein, so etwa der Féchy des Produzenten Raymond Paccot. Die Bündner Herrschaft wiederum wartet seit einiger Zeit mit einer neuen Art von Riesling × Sylvaner auf. Zur Charakteristik dieses Weins gehört eine mittels Gärstopp erzielte natürliche Restsüsse, welche die Fruchtigkeit der Traubensorte betont. Der so hergestellte 95er Maienfelder von Markus Stäger rangierte in der Beliebtheitsskala ganz oben, und entsprechend schnell war die Flasche leer.

Wie ein solcher Riesling × Sylvaner ist der reine Riesling ein besonders charmanter Begleiter durch warme Sommertage. Ein deutscher Riesling der Qualitätsstufe Kabinett mit natürlicher Restsüsse und einem tiefen Alkoholgehalt um die 8 Prozent wirkt erfrischend wie Quellwasser und inspiriert den Geist wie eine Chopin-Etüde. In der Degustation gefiel vor allem ein Riesling aus Österreich: der 94er Riesling Steinbühel vom Weingut Malat-Bründlmayer aus dem Kremstal. Ein durchgegorener Wein, aber mit der nur dem Riesling eigenen, lebendigen Säure.

Weniger differenziert, aber nicht weniger gefällig zeigte sich schliesslich ein geschmeidiger Fetzer «Sundial» California Chardonnay des Jahrgangs 1995, der - weil er nirgends aneckte - auch mit der höchsten Durchschnittspunktzahl brillierte. Zu längeren Diskussionen Anlass gab da schon der 96er Moscato d'Asti des Produzenten Giuseppe Rivetti. Den einen Inbegriff eines fruchtigen süffigen Getränks, war den andern der Moscato schlicht zu süss. Ein ebenfalls exzentrisches Trinkvergnügen bot der Tenterden 1990 aus Südengland. Er wurde aus der deutschen Neuzüchtung Schönburger gewonnen und bewies, dass offensichtlich auch in klimatisch weniger begünstigten Regionen hin und wieder interessante Weissweine erzeugt werden können.


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