|
|
Hallo Taxi -- I go cool, oder wie wir hier sagen: shanti
© Sandra Floreano, Zürich
|
| Rohidas Naik, Vagator, Indien |
|
 |
Von Ruth Brüderlin
Rohidas Naik, Vagator, Indien, ist 48 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter, die studieren, und einen 15-jährigen Sohn, der noch zur Schule geht. Er lebt mit seiner Familie und seiner Mutter in einem eigenen Haus in dem Dorf Vagator, das als Party-Mekka im Party-Staat Goa gilt. Goa ist der kleinste indische Bundesstaat und war bis 1961 eine portugiesische Kolonie. Die Region um Vagator hat ungefähr 20 000 Einwohner. Rohidas Naik fährt einen Fiat NE 118, Jahrgang 1996, Zählerstand 185 000 Kilometer. Er verdient zwischen November und April etwa 280 Franken im Monat. In den brütend heissen Sommermonaten und während des Monsuns kommen kaum Touristen; in dieser Zeit hilft man sich unter Nachbarn und Freunden, fällige Reparaturen an den Häusern auszuführen.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
In der Saison von November bis April etwa 16 Stunden täglich. Der Verdienst muss für das ganze Jahr reichen. Während des Monsuns fahre ich nicht.
Wann haben Sie zum letzten Mal Ferien gemacht?
Manchmal mache ich mit meiner Familie Ausflüge hier in Goa. Reisen ausserhalb des Bundesstaates können wir uns nicht leisten. Aber bevor ich Taxifahrer wurde, war ich als Mechaniker bei einer Firma angestellt und bekam alle zwei Jahre einen Reisegutschein, wie das hier in Indien üblich ist. Wir sind mit Bussen nach Bangalore und Delhi gefahren.
Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?
Vor zehn Jahren ging diese Firma konkurs – und Taxifahren galt damals als lukratives Geschäft. Heute mieten die Touristen Motorräder, weil sie denken, das sei billiger und praktischer.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Früher brachte ich gelegentlich Passagiere nach Bangalore, Poona oder Bombay. Seit ein paar Jahren gibt es aber ein neues Gesetz, das Fahrzeugen, die älter sind als acht Jahre, verbietet, den Bundesstaat zu verlassen.
Wie verhalten Sie sich im Stau?
Ich bleibe cool wie alle Goaner. Shanti heisst das und ist unser Lebensmotto.
Gibt es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?
Ja, den Israeli, den ich von einer Party zur nächsten nach Arambol fuhr. Als wir dort ankamen, warf er mir eine Handvoll Münzen hin und zückte ein Messer. Dieser Trottel. Hätte er mir gesagt, dass er kein Geld habe, hätten wir jemanden gesucht, der auch nach Arambol wollte. So aber wurde er von Leuten aus dem Dorf, die ich zu Hilfe rief, verprügelt.
Was halten Sie allgemein von den Party-Leuten, die nach Goa kommen?
Wir brauchen sie und leben gut von ihnen. Für mich ist es normal, diese bunten Vögel zu sehen. Darum lieben alle Goa, weil wir sehr tolerant sind und auch gern Spass haben im Leben.
Gehen Einheimische auch an Strandparties?
Nein, höchstens die jungen Männer. Dieses Jahr ist ohnehin nicht viel los, denn die Polizei unterbindet alle illegalen Parties, sobald sie davon erfährt. Musik im Freien ist nach zehn Uhr abends nicht mehr erlaubt.
Würden Sie Ihre beiden Töchter an Parties gehen lassen?
Klar, die müssen doch sehen, was in ihrem Land läuft. Aber ich würde sie nicht ohne männliche Verwandte gehen lassen.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Einmal musste ich einem Engländer seinen Geldgürtel nachtragen. Zum Glück hatte er einen Ausweis darin, so dass ich ihn in den Hotels suchen konnte. Als der Portier und ich an seine Tür klopften, schlief er schon und verstand gar nicht, was wir von ihm wollten. Einen Finderlohn habe ich nicht angenommen. Morgen könnte es ja mir passieren!
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Je nachdem, ob es gewünscht ist. Eigentlich rede ich gern und gebe gern weiter, was ich über Goa weiss. Aber es ist auch okay, wenn jemand einfach aus dem Fenster schaut.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Drei Franken, weil mein Hemd nicht genau den gleichen Farbton hatte wie meine Hose. Es ist Pflicht für offizielle Taxifahrer, Hose und Hemd in der gleichen Farbe zu tragen: Weiss oder Khaki. Damit der Passagier weiss, dass er in einem versicherten und registrierten Fahrzeug mit einem lizenzierten Fahrer fährt.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet eine Fahrt dorthin?
Palolem unten im Süden. Es gibt dort wundervollen weissen Sand, und es ist noch ruhig und beschaulich. Eine einfache Fahrt dorthin kostet 28 Franken.
Was macht in Ihrer Stadt einen guten Taxifahrer aus?
Höflichkeit und gute Manieren, denn das bringt Stammkundschaft.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Das ist hier Privatsache, ich habe nur eine Lebensversicherung.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich würde Leute unterstützen, denen es schlechter geht als mir.
Womit verwöhnen Sie sich?
I go cool, oder wie wir hier sagen: shanti. Das tut mir und meiner Familie gut und macht uns glücklich.
Taxameter Eine kurze Strecke kostet 2 bis 3 Franken. Mit zunehmender Distanz wird es billiger. Ein ganzer Tag kostet ungefähr 28 Franken.
Indien: Einwohner: 1,1 Milliarden BIP pro Kopf: CHF 733 Benzin: 1 l CHF 1.40 Milch: 1 l CHF 0.52 Brot: 1 kg CHF 2.90 Reis: 1 kg CHF 0.45 Coca-Cola: 1 l CHF 1.20 Kinobillett: CHF 1.45 Zigaretten: 10 Stück CHF 0.70 Papaya: CHF 0.30
Ruth Brüderlin ist Journalistin; sie lebt in Zürich.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|