NZZ Folio 02/98 - Thema: Computermenschen   Inhaltsverzeichnis

Hacker's Hand

Wen wie warum der Computer krank macht.

Von Peter Haffner

WER EINEN COMPUTER in Betrieb setzt, vertraut auf die Gebrauchsanweisung. Zu Risiken und Nebenwirkungen sollte er seinen Arzt befragen. Denn diese sind, wie zahllose Beispiele aus der Praxis beweisen, nicht unerheblich.

Die Ärzte, immer begierig, ihre Fallsammlungen à jour zu halten, haben Grund zur Zuversicht. Was den Philatelisten rare Fehldrucke, sind den Medizinern neue Befunde. Und an solchen mangelt es nicht. So wussten kürzlich fünf Vertreter der Zunft aus dem Hôpital Robert Debré im französischen Reims in der Fachzeitschrift «Contact Dermatitis» von zwei Fällen zu berichten, die der oft karikierten Angst der Frauen vor Mäusen einen neuen Aspekt abgewinnen. Die eine der beiden Patientinnen, 22jährig, litt unter einem sich vergrössernden Ekzem ihres rechten Handtellers, mit fleckigen, rötlichen und bläschenförmigen Läsionen. Die zweite, 34jährig, zeigte - ebenfalls an der rechten Hand - fast dasselbe Krankheitsbild mit schuppenden Läsionen. Bei ihr allerdings, im Unterschied zu ihrer Leidensgefährtin, verschwanden die Symptome während der Ferienzeit. Als die Ärzte die jüngere der beiden Frauen baten, Fotos von ihrem Haus und ihrem Arbeitsplatz zu machen, kamen sie der Sache auf den Grund: Da wie dort hatte sie einen Computer stehen. An einem solchen pflegte auch die andere Frau im Büro zu arbeiten. Ein Hauttest ergab bei beiden eine Allergie auf das Plasticmaterial der Computermaus. Als man diese mit einer Schutzhülle versah, genasen die Frauen.

Beklagenswerter indes sind jene Unglücklichen, die, kaum setzen sie sich vor einen Bildschirm, mit Hautausschlägen im Gesicht reagieren. Die ersten Fälle wurden Anfang der achtziger Jahre aus Norwegen gemeldet, als der Computer in den Büros Einzug hielt, worauf sich das Krankheitsbild, das vorab in der Telekommunikationsbranche auftrat, in ganz Skandinavien verbreitete und zahlreiche Untersuchungen zur Folge hatte. Eine Überempfindlichkeit auf elektromagnetische Felder wurde als Ursache vermutet und dafür der Nachweis zu erbringen versucht. Es gab Leute, die dem Elektrosmog der Städte, den Gefahrenzonen von Stromleitungen, Mikrowellenherden und Waschmaschinen in die Wälder entflohen, wo sie Wollsocken strickten und an Wurzeln nagten. In den Wartezimmern der Ärzte häuften sich Fälle von Hautkrankheiten wie Rosacea (Kupferfinnen) und seborrhöischen Ekzemen - dem sogenannten Schmerfluss-Ekzem. Andere klagten über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Hautreizungen wie Jucken, Brennen und Schwellungen, Schleimhautirritationen, ja sogar über Gedächtnisstörungen und Übelkeit.

Was den Ärzten nur recht sein konnte, sollte den Zahnärzten teuer sein. Jan Bergdahl von der Universität Umea, Abteilung für Oralpathologie, publizierte im «Scandinavian Journal of Dental Research» 1994 die Resultate einer Befragung von 127 mehrheitlich krankgeschriebenen Arbeitnehmern unter besonderer Berücksichtigung ihrer Mundhöhlen-Beschwerden. Diese, gaben die meist weiblichen Patienten an, verschlimmerten sich ganz allgemein in «elektrischen Umgebungen», besonders aber in «Büros mit Computern». Geschmacksstörungen, Mundbrennen und Kiefergelenksdysfunktionen sowie Mundtrockenheit gehörten zu den am häufigsten genannten Symptomen, die, wie 65 Prozent der Betroffenen glaubten, von ihren Amalgamfüllungen, soweit sie diese noch nicht hatten entfernen lassen, verschärft wurden.

Vier Wissenschafter unter der Leitung von Olle Johansson vom Karolinska-Institut in Stockholm wollten es genau wissen und erdachten ein Experiment, dessen Resultate so vielsagend wie verstörend sind. Sie sind 1994 in der Zeitschrift «Experimental Dermatology» publiziert worden. Zwei Patientinnen, die über Hautprobleme klagten, deren Ursache sie dem Bildschirm an ihrem Arbeitsplatz zuschrieben, wurden der Bestrahlung eines gewöhnlichen Fernsehers ausgesetzt. Beide Frauen waren ohne Symptome, als das Experiment begann. Nachdem man ihnen Blut entnommen und eine Biopsie gemacht hatte, setzte man sie in einer Entfernung von einem halben Meter vor den TV-Apparat. Während der ganzen Versuchsdauer wurde der Blutdruck gemessen, und ihre subjektiven Empfindungen wie ihre objektiven Reaktionen wurden abgefragt und aufgezeichnet. Den Patientinnen stand frei, das Experiment abzubrechen, wenn sie es vor dem Bildschirm nicht mehr aushielten.

Bereits nach einer knappen Viertelstunde reagierte die erste, 40jährige, Probandin mit Hautrötungen. Sie schwitzte und gab an, in sämtlichen dem Bildschirm zugewandten Körperteilen ein Kribbeln zu verspüren. Als sie nach einer Stunde den Versuch abbrechen musste, hatten sich ihre Symptome so weit verschlimmert, dass ihr Gesicht geschwollen war und den Eindruck eines Ödems erweckte. Ihr war schwindlig, und sie gab unvollständige und unzulängliche Antworten, wobei sie lallte, als wäre sie betrunken. Vierundzwanzig Stunden später war ihr Gesicht von Papeln und Pusteln übersät. Als das Experiment einige Wochen darauf wiederholt wurde, traten dieselben Symptome bereits nach einer halben Stunde auf.

Die zweite Versuchsperson, 54jährig, zeigte abgesehen von vorübergehenden leichten Hautrötungen im Nacken auch nach dreieinhalb Stunden vor der Mattscheibe keinerlei Symptome, worüber sie sehr enttäuscht war. Tags darauf fühlte sie sich krank.

Ein Vergleich der Biopsien und Blutproben zur Feststellung morphologischer und histochemischer Veränderungen der Haut ergab, dass die Somatostatin-immunoreaktiven Nervenzellen, die vor Beginn des Experimentes bei beiden in aussergewöhnlich hoher Anzahl vorhanden waren, während seines Verlaufs offenbar verschwanden, während die grosse Menge von Histamin-positiven Mastzellen, vermutlich Grund der klinischen Symptome, konstant blieb.

Frauen, dies zeigen auch andere Studien, scheinen im allgemeinen eine empfindlichere Haut zu haben als Männer. Vermutet wird, dass ihr Risiko, vom Computer Hautausschläge zu bekommen, im gleichen Masse steigt wie die Allergie auf Bürokollegen.

Diesen geht es dafür unter die Gürtellinie. Die polnische Klinik Poloznictwa i Ginekologii Akademii Medycznej in Warschau publizierte 1994 die Resultate einer Untersuchung von 2376 als unfruchtbar diagnostizierten Männern - darunter 20 Computeroperatoren, deren Sperma unter die Lupe genommen wurde. Was die Anzahl der Spermien und den Anteil der normal beweglichen betraf, blieb beides im Verlauf der fünfjährigen Untersuchungsperiode konstant, während der Prozentsatz der krankhaften Exemplare deutlich anstieg.

Doch mehr als ihre eigene Potenz ist es die Potenz des Computers, die Männern zu schaffen macht, wie Berichte aus Japan eindrücklich belegen. So hat ein 34jähriger Manager einer Konditorei, der als seriös und peinlich korrekt galt, seinen Posten des Computers wegen aufgeben müssen. Nicht, weil er diesen nicht beherrscht hätte, im Gegenteil. Mit 25 Jahren wurde er ins Kader berufen, zur selben Zeit, als man in seinem Büro ein Computersystem installierte. Er fand sich damit, im Gegensatz zur Belegschaft, sofort zurecht, was zur Folge hatte, dass er es - zusätzlich zu seinem Job - selber bedienen und die anderen erst noch darin unterrichten musste. Als zwei Untergebene kündigten, wurden sie nicht ersetzt, da die Direktion der Meinung war, ihre Arbeit werde vom Computer besorgt.

Immer häufiger kam der Pflichtbewusste nicht vor Mitternacht aus dem Büro. Nach ein paar Jahren wurde ein neues Computersystem installiert, just zur Weihnachtszeit, als besonders viele Bestellungen für Kuchen eingingen. Die zwei Tage vor dem Fest sass er die ganze Nacht vor dem Monitor, um das Plansoll zu erfüllen, doch auf Grund eines Programmfehlers wurde die Hälfte der Bestellungen nicht ausgeführt.

Am nächsten Tag war er ausserstande, ins Büro zu gehen, und im folgenden Halbjahr blieb er des öfteren für ein, zwei Wochen der Arbeit fern. Schliesslich suchte er einen Psychiater auf. Er klagte über gedrückte Stimmung, psychomotorische Verlangsamung, Reizbarkeit und Schlafstörungen. Er konnte kaum einschlafen und wachte früh auf. Die Diagnose lautete auf schwere Depression.

Physische Beschwerden kommen zu solch psychischen Störungen hinzu. Wer lange und in schlechter Haltung vor dem Computer sitzt, leidet unter Kopfschmerzen, Augenproblemen und Muskelverspannungen in Rücken und Nacken. Infolge Überbeanspruchung erkrankt der Bewegungsapparat. Was früher unter Wäscherinnen, Hühnerrupfern und Baumwollpflückern verbreitet war, quält heute Computerbenutzer. Sogenannte CTDs (Cumulative Trauma Disorders) und RSIs (Repetitive Strain Injuries) sind verbreitet. Am bekanntesten ist das Karpaltunnelsyndrom, populär unter dem Namen «Hacker's Hand». Es äussert sich in brennendem Schmerz im Handwurzelbereich, der bei bestimmten Bewegungen bis in die Schulter ausstrahlen kann. Die Empfindlichkeit für Berührungsreize ist vermindert, doch verspürt man in Handfläche, Daumen, Fingern und Handgelenk Kälte, Kribbeln und ein Gefühl von Pelzigkeit. Das Syndrom wird verursacht durch Druckschaden des im Innern der Handwurzel, im sogenannten Karpaltunnel, verlaufenden Medianusnervs. Die Symptome treten oft nach Feierabend oder nachts auf. Wird das Leiden chronisch, muss operiert werden.

Nicht nur zur Arbeit ist man so nicht mehr fähig, wie die Leiterin einer Reisebürofiliale in Cary, North Carolina, am eigenen Leib erfuhr. Pausenlos hatte sie Reservationen für Flugtickets, Hotels und Autos entgegennehmen und, den Hörer am Ohr, in den Computer tippen müssen, während weitere Kunden in der Leitung warteten. Schliesslich wurden die Schmerzen so stark, dass sie sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren konnte. Der Arzt verschrieb ihr Stützbänder fürs Handgelenk und Tabletten und mahnte sie, «nichts aufzuheben, das schwerer ist als Ihre Autoschlüssel».

Überstunden-Exzesse sind nicht mehr auf den Arbeitsbereich beschränkt, seit das Internet die Privathaushalte erobert hat. Die Zeitschrift «Psychological Reports» berichtete 1996 vom Fall einer 43jährigen Amerikanerin, die ins Netz geriet, obwohl sie weder technisch interessiert noch irgendwie suchtgefährdet war. Es begann damit, dass sie auf ihrem neuen, an einen Online-Dienst angeschlossenen Computer ein paar chat rooms besuchte, woran sie so Gefallen fand, dass sie schliesslich bis zu sechzig Stunden pro Woche an solchen Computerkränzchen teilnahm.

Geschlagene vierzehn Stunden konnte sie ohne Unterbruch darin verweilen. Nach dem Aufstehen schaltete sie als erstes den Computer ein, klickte den ganzen Tag ihre E-Mail durch und blieb manchmal bis zur Morgendämmerung dran. Sass sie nicht vor dem Computer, fühlte sie sich niedergeschlagen, verunsichert und reizbar. Sie sagte Verabredungen ab, rief ihre Freundinnen nicht mehr an und blieb dem Bridge-Club, den sie früher gern frequentiert hatte, fern. Bald erledigte sie die Hausarbeit nicht mehr, hörte auf zu kochen, zu putzen und einzukaufen, um immer online bleiben zu können. Ihre Töchter, beide in der Pubertät, fühlten sich von ihrer Mutter vernachlässigt, und ihr Mann, mit dem sie siebzehn Jahre verheiratet war, klagte über die Telefonkosten, die sich bis auf 400 Dollar im Monat beliefen, sowie darüber, dass sie das Interesse an ihrer Ehe verloren habe. Sie hingegen fand, alles sei in Ordnung, ihre Familie übertreibe und das Internet könne unmöglich jemanden abhängig machen. Innerhalb eines Jahres nach dem Computerkauf war sie ihren Kindern entfremdet und von ihrem Mann getrennt. Sowohl jene wie dieser kehrten, nachdem sie dank der Hilfe Dritter von ihrer Sucht geheilt war, nicht mehr zu ihr zurück.

In einem Leserbrief an das «American Journal of Psychiatry» vom Februar 1997 wird vom verwandten Fall eines jungen Collegestudenten namens Adam berichtet, der seinen Computer benutzte, um mit seiner Freundin in Kontakt zu bleiben, die in der Heimatstadt geblieben war. Was mit vier Stunden pro Tag begann, steigerte sich schliesslich auf zehn Stunden, wobei er Vorlesungen schwänzte, um nun Diskussionsforen zu den Themen Mountain-Biking und Body-Piercing zu besuchen. Da er das Modem seines Zimmerkollegen benutzte, kam es zu Auseinandersetzungen, die auch nicht beigelegt waren, als er sich ein eigenes kaufte, weil er andauernd die Telefonleitung besetzte. Die beiden trennten sich in Unfrieden. Adam war von seiner Computersucht erst geheilt, als er mit seinem Fahrrad die Treppe hinunterstürzte, einen Schädelbruch erlitt und ins Spital musste. Da war er vom Netz getrennt.

Aber selbst an einem solchen Ort ist man, wie drei Ärzte der Abteilung für Rheumatologie und Rehabilitation des Zürcher Stadtspitals Triemli in der Zeitschrift «Clinical Rheumatology» 1995 rapportierten, vor den Gefahren des Computers nicht gefeit. Ihre Patientin, eine 28jährige Psychologiestudentin, war hospitalisiert, weil sie seit drei Wochen unter Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung in das rechte Bein litt. Zwei Jahre zuvor hatte sie sich wegen einer Diskushernie einer Operation unterzogen und sich komplett erholt. Als Therapie wurden Bettruhe, Schmerzmittel und Elektrotherapie verordnet, später Massage, warme Wickel und Gymnastik. Nach zwei Wochen jedoch klagte sie über akute Gefühllosigkeit und Ameisenkribbeln in beiden Beinen, das in der Gegend des seitlichen Oberschenkels auftrat und sich verschlimmerte, wenn sie ging oder aufgerichtet im Bett sass. Die Untersuchung ergab ein verringertes Berührungs- und Schmerzempfinden im vorderen und seitlichen Teil beider Oberschenkel, übereinstimmend mit einer zweiseitigen Neuropathie des seitlichen Oberschenkel-Hautnervs.

Schliesslich kamen die Ärzte der Ursache des neuen Leidens auf die Spur: ein 3,5 Kilogramm schwerer Laptop, an dem die Frau während ihrer Bettruhe mehrere Stunden täglich arbeitete. Er lag auf ihr, seine zwei Stützen in der Gegend des vorderen oberen Darmbeinstachels, eines Teils des Beckens. Nicht ohne Stolz weisen die Zürcher Ärzte darauf hin, ihres Wissens sei dies weltweit die erste Beschreibung eines solchen Falles. Name des Leidens: Laptop-Meralgie.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.