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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

Die neuste Masche

© Regula Michell/Meret Wandeler,...
21. Januar 2009, 20.00 bis 22.30 Uhr: Häkeln im Atelier von Myrtha Steiner, Lessingstrasse 15, 8002 Zürich. Linktext
Stricken soll altmodisch sein? Von wegen. Wenn Schauspielerinnen wie Julia Roberts öffentlich mit den Nadeln klappern, kann das nur eines bedeuten: Stricken liegt im Trend.

Von Caren Battaglia

Die Zeiten, in denen Stricken bei jungen Frauen als ähnlich sexy galt wie fleischfarbene Stützstrümpfe, sind vorbei. Und verblasst die Erinnerung an dumpfe Handarbeitsstunden, an kratzige selbstgemachte Geschenke von Oma, an alternative Schlabberpulli-Trägerinnen, unter deren Händen Sackartiges in Lila entstand.

Heute stricken Hollywoodstars wie Julia Roberts und Sarah Jessica Parker während der Drehpausen am Set, und Madonna tauscht zeitweilig ihre Hanteln gegen Nadeln. Künstlerinnen wie Regula Michell und Meret Wandeler machen Handarbeit zum Happening. Verena Kuni, Basler Professorin für Kunst- und Medienwissenschaften, forscht zum Thema «Subversives Sticken und Stricken», amerikanische Gerontologen lassen ihre Patientinnen und Patienten gegen die Vergesslichkeit anstricken. In Berlin werden «Strick-Meetings in Mitte» veranstaltet, in London sind die «Craft Nights» ein ­cooler Event: Während angesagte DJ auflegen, wird an den Tischen des «Notting Hill Arts Club» um die Wette gestrickt, genäht und gebastelt.

Die amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn prophezeit dem Stricken eine grosse Zukunft: Im Unterschied zum industriell perfekt Gefertigten verströme Handgemachtes den Charme des Unperfekten und Individuellen.

Dass Stricknadeln zurzeit ein Lifestyle-Accessoire sind, kümmert Nina Wey, 17, Schülerin aus Auslikon im Kanton Zürich, nicht. Wo sie wohnt, trägt das Durchschnittsmädchen Kapuzenpulli zur Röhrli­jeans. «Dieses Uniformierte kann ich überhaupt nicht ­leiden», sagt Nina. «Deshalb ist Stricken cool. Was ich mache, gibt’s nur einmal!» Die Filzbanane als Stiftetui etwa, die iPod-Hülle aus Wolle in Meeresfarben, das Dutzend Kappen, das sich gerade auf ihrem Tisch türmt: Mütze im Fliegenpilzstil, grüne Mütze mit Fellpuschel, Mütze im Rotkäppchenlook. Jede ist lustig, jede ein Unikat. Denn nach Vorlagen und Mustern zu stricken, ist nicht nach Ninas Geschmack. «Ich will experimentieren – das ist es, was mich zusätzlich am Stricken fasziniert.»

Und deshalb lautet auch das Thema von Ninas Schul­abschlussarbeit: Wollkappen. Der praktische Examensteil liegt vor ihr auf dem Tisch, über den zweiten, theoretischen Teil gilt es noch nachzudenken. Soll sie darüber schreiben, dass Stricken in Italien vermutlich schon im 13. Jahrhundert bekannt war? Dass Spanier oft ihre Grabkissen mit ­arabischen Schriftzeichen versahen, weshalb Archäologen zunächst die Araber für Strickfans hielten? Oder dass im England des 16. Jahrhunderts der Strumpfstricker Lars ­Johann Fikert eine Art Karl Lagerfeld der Renaissance war? Dass Stricken überhaupt lange Zeit Männersache war?

Karin Freitag ist seit fünf Jahren im Strickfieber. Zeitgleich mit dem positiven Schwangerschaftstest stellte sich bei der 33-Jährigen ein massiver Nestbautrieb ein: «Ich wollte unbedingt für meinen Sohn etwas selber machen, aus den allerbesten Materialien, irgendetwas richtig Schönes.» Winzig kleine Pullover mit Totenköpfen und Herzchen sind so entstanden, flauschige Kaschmirmützchen – und nach und nach auch Schickes für die Mama: Kniesocken in Sonnenblumengelb, zu kombinieren mit einem Minirock, oder eine Woll­stola zum Abendkleid. «Der Bruch zwischen Ausgehtenue und Stricksachen macht das Ganze doch erst cool», sagt Karin Freitag. Ihre Passion ist ansteckend. Von ihren Freundinnen jedenfalls arbeitet sich eine nach der anderen langsam in die Welt der Nadelstärken und Perlmuster ein.

Auch Anna Saluz stellt in ihrem Wollladen an der Zürcher Rebgasse fest, dass seit einigen Jahren die neuen Kundinnen jünger sind. Nicht mehr nach Wolle in Rattengrau für robuste Wandersocken wird gefragt, beliebt sind markante Farben wie Türkis. «Die jungen Frauen wollen vor allem eines: kreativ sein, selber etwas designen.» Sparsamkeit ist für die Selbermacherinnen selten ein Motiv. Eher ist das Stricken zum Statement geworden. Zum Statement selbstbewusster junger Frauen. Denn von ein paar Ausnahmen abgesehen, ist Stricken überall Frauensache. Fast überall. Auf Taquile, einer kleinen Insel im Titicacasee, käme niemals eine Frau auf die Idee, irgendetwas aus Wolle zu machen. Dort stricken ausschliesslich die Männer.

Caren Battaglia ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Wir Eltern».

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