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NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Der wird Millionär

© Desa Philippi
Luca Turin, Parfumspezialist Linktext
Weder kluge Investitionen noch langfristige Planung machten aus den Erfindern von Amazon oder Google Millionäre, sondern brillante Ideen und leidenschaftliche Umsetzung. Wir haben Experten gefragt: Wer sind die nächsten? Auf wen würden Sie Ihr Geld setzen?
Luca Turin ist einer der renommiertesten Parfumspezialisten. Er ist Leiter der auf Geruchsforschung spezialisierten Firma Flexitral und NZZ-Folio-Kolumnist. Er lebt in London.

Der wahre Meister der Düfte

Ein Kollege sagte einmal zu mir: «Du musst unbedingt Peter Wilde kennenlernen, ihr würdet euch prächtig verstehen.» Wenig später kam Wilde vorbei, um mir seine Erfindung vorzuführen, ein Verfahren, mit dem man aus praktisch allem den Geruch extrahieren kann, ohne dem Objekt zu schaden. Ja er könne sogar den Geruch rostiger Schlüssel in die Flasche bannen, meinte er. Er nahm eine Handvoll Blüten, füllte sie mit der Geste eines Magiers in eine Druckluftflasche, goss eine farblose Flüssigkeit hinzu, filterte diese wieder heraus, liess den Druck ab, worauf das meiste verdampfte und als Bodensatz ein atemberaubend duftendes, buttriges Freesienabsolue hinterliess. Das Ganze ging so schnell, dass ich kaum folgen konnte.

Erst später dämmerte mir, dass Peter Wilde das erste universelle, bei Raumtemperatur einsetzbare Verfahren zur Extraktion von Aromen und Düften aus natürlichen Substanzen entwickelt hatte. Sein Leben ist, wie das Leben der meisten Erfinder, von dem heldenmütigen Kampf geprägt, die Kontrolle über seine Erfindung zu behalten und doch genug Geld aufzutreiben, um sie zu realisieren. Seine Person ist von der Aura eines furchtlosen Kapitäns aus dem 18. Jahrhundert umgeben. Erst letztens habe ich herausgefunden, was ihn zu seiner zwanzigjährigen Suche nach dem vollkommenen Parfum motiviert hat. Er hat einmal in Yorkshire hunderttausend Rosen gepflanzt. Warum ausgerechnet dort, fragte ich, und warum Rosen? Seine Antwort: Weil ich dort lebe und weil Rosen meine grosse Liebe sind.

Jan Chipchase ist der «Chefspion» von Nokia. Er bereist von Tokio aus mit einem kleinen Team Schwellenländer und die Dritte Welt, um das Verhalten neuer Handynutzer zu dokumentieren.

Die Handybastler aus Notwendigkeit

Jeden Tag benutzen eine Million Menschen zum ersten Mal ein Mobiltelefon. Die Herausforderung für Leute wie mich, die Handys designen, ist, dass Mobiltelefone ursprünglich für Benutzer in New York oder Genf entwickelt wurden, während heute die überwältigende Mehrheit der neuen Benutzer aus Indien kommt, aus China oder Afrika; von Orten also, die ganz anders sind als das, was wir kennen. Ich reise mit einem kleinen Team durch die Welt und beobachte, wie die Menschen Mobiltelefone nutzen. Und ich versuche Wege zu finden, wie sie das, was sie tun möchten, besser tun können, oder mit mehr Spass, oder billiger. Ich dachte immer, diese Menschen würden von mir lernen. Es ist natürlich umgekehrt.

In der industrialisierten Welt benutzen wir – trotz all den neuen Möglichkeiten – unser Handy primär zum SMS-Schreiben und Telefonieren. In einer Welt der Massenmigration aber ist das Handy häufig der einzige Kontakt zur Aussenwelt. In solchen für uns nur schwer vorstellbaren Umfeldern sehe ich die stärksten Innovationen. Was zum Beispiel tun Sie, wenn Ihr Handy kaputtgeht? Sie bringen es zum Händler, er verspricht, es zu reparieren, und gibt Ihnen, wenn Ihr Vertrag das erlaubt, ein neues Handy. Das alte wirft er weg – eine Reparatur wäre zu teuer. In Städten wie Delhi findet man informelle Handywerkstätten an jeder Strassenecke. Diese können praktisch jede Störung beheben: mit Hilfe einer flachen Arbeitsplatte, eines Schraubenziehers, einer Zahnbürste (um elektrische Kontakte zu säubern) – und vor allem mit Hilfe von erstaunlichem Wissen. Das reichhaltige Reparaturökosystem Indiens macht es leichter und günstiger, ein gebrauchtes Telefon zu nutzen, und verlängert das Leben von Produkten, die bei uns zu früh entsorgt werden.

Ein anderes Beispiel: Mit vielen Telefonanbietern kann man Airtime, also Telefonguthaben, von einem Handy zum anderen schicken. Man kauft eine Prepaid-Karte und verschickt per SMS die freigerubbelte Nummer an ein anderes Telefon. Während unserer Recherche in Uganda fanden wir eine kleine, informelle Version dieser Technik, man nannte sie «Sente» (das Wort «Sente» bedeutet «Geld»). Es funktioniert so: Joe aus Kampula will Elizabeth, die in einer entlegenen ländlichen Region lebt, Geld schicken. Er kauft eine Prepaid-Karte. Anstatt sein eigenes Telefon damit zu laden, ruft er einen Telefonkioskbetreiber in Elizabeths Dorf an und lädt das Guthaben auf dessen Handy. Der Besitzer nimmt eine Gebühr von 10 bis 20 Prozent und zahlt den Rest bar an Elizabeth. Sente ist im Prinzip rudimentäres Onlinebanking in einer Region, in der die nächste Bank mehrere Tagesreisen entfernt ist.

Sente und die Telefonreparierer von Delhi sind Beispiele von Strasseninnovationen, die aus einer Notwendigkeit heraus entstehen. Sie handeln von einer uns nur wenig bekannten Welt, in der nicht ein Angebot einen Markt schafft, sondern umgekehrt ein Bedürfnis die wenigen vorhandenen Ressourcen nutzt, um befriedigt zu werden. Sie suchen den nächsten Millionär im Telefoniebusiness? Suchen Sie an den Orten, an denen man Mobiltelefone zum ersten Mal nutzt.

Diego Rodriguez ist Designer bei Ideo in San Francisco und Professor am Hasso Plattner Institute of Design in Stanford. Er schreibt eine Kolumne für «Business Week», und er liebt Autos.

Die Grünen, die rot werden

Am faszinierendsten finde ich in diesen Tagen Menschen, die umweltfreundlichen, grünen Produkten einen roten Anstrich geben. Was ich damit meine? Zu viele grüne Produkte – zum Beispiel der Toyota Prius – tragen eine Art neuzeitliches Büssergewand. Obwohl es ohne Zweifel moralisch und ethisch verdienstvoll ist, sie zu kaufen, fehlt ihnen doch das gewisse Etwas hinsichtlich der sinnlichen Erregung und Befriedigung unseres Affenhirns. Rote Dinge dagegen fühlen sich ferrarihaft an und haben diesen Überschuss an Wohlklang, Duft und haptischer Qualität, der unsere Gefühle anspricht und uns immer wieder zu ihnen zurückkehren lässt.

Inzwischen sehe ich bei Unternehmen jeder Grösse vielversprechende Anzeichen dafür, dass grüne Dinge rot aufpoliert werden. Brian Witlin, ein Unternehmer, der mit mir zusammen an der Stanford University unterrichtet, hat den Prototyp einer Maschine entwickelt, die aus weggeworfenen Plastictüten das schönste Tuch fabriziert. Die Textur dieses Materials ist berauschend, es sieht aus wie der Stoff, aus dem man einen Kimono für seine Grossmutter schneidern würde, und es fühlt sich auch so an!

Die kalifornische Kleiderfirma Patagonia vertreibt einen innovativen Surfanzug aus Merinowolle, der besser warm hält als die üblichen, aus Erdöl hergestellten Anzüge und zugleich weniger massig ist. Wer ihn trägt, fühlt sich nicht mehr wie eine gemütliche Seekuh, sondern wie ein aufgeweckter Delphin. Selbst Toyota, der Hersteller des blassen Prius, versucht sein grünes Image durch ein kräftiges Rot aufzubessern, indem er sich mit dem Designer Giugiaro verbündet. Herausgekommen ist dabei der Alessandro Volta, ein Sportwagen mit Hybridantrieb, der wie ein Porsche 911 Turbo beschleunigt, aber mit seinem Benzinverbrauch auf dem Niveau eines Fiat Panda liegt. Und im Übrigen ist er rot.

Rot steht für Leidenschaft und Genuss. Wir werden viel mehr davon in unseren grünen Produkten brauchen, wenn wir die Leute von den herkömmlichen, umweltschädlichen Erzeugnissen weglocken wollen. Denn es gilt: Nur eine grüne Zukunft, die das Gefühl anspricht, wird wirklich die Kassen klingeln lassen.

Régine Debatty ist Kunstkritikerin. Ihr Blog we-make-money-not-art.com gilt als einflussreiche Stimme im Bereich Design, Technik und Kunst. Die Belgierin lebt in Berlin.

Die Befreierin vom Gruppenzwang

Vor drei Jahren teilte ich ein Büro mit Valentina. Wir waren beide frisch verliebt. Mein Freund war sehr demonstrativ in seiner Liebe, er schickte mir fast stündlich leidenschaftliche Liebesbekundungen per SMS. Valentinas Freund schien ähnlich drauf zu sein: Das Vibrieren der Telefone wurde der Soundtrack unserer Bürogemeinschaft. Erst sehr viel später gestand mir Valentina, dass sie eifersüchtig gewesen sei auf meine ständig eingehenden SMS, also hatte sie eine Freundin gebeten, ihr in regelmässigen Abständen SMS zu schicken, um mit mir zu wetteifern.

So etwas nenne ich «Peer-Pressure», der Druck, unter Kollegen der Beste zu sein. Gruppenzwang bringt uns dazu, sehr dumme Dinge zu tun, die wir hinterher lächerlich finden. Was wäre, wenn unschuldige Dinge uns helfen könnten, mühelos unsere Kollegen zu beeindrucken? Alison Wang, Studentin am Royal College of Art in London, hat Peer-Pressure entwickelt: elektronische Geräte, die genau dies leisten.

1. Drücken Sie eine Taste Ihrer Computertastatur der Marke «Fast Typing Keyboard», ertönt das geschäftige Klappern eines gewieften Zehnfingersystem-Schreibers.

2. Das «Popular Mobile» zeigt, wie gefragt Sie sind, indem es in regelmässigen Abständen vibriert, als ob Sie eine SMS erhalten hätten.

3. Der «Zwei-Weg-Kopfhörer» spielt nach innen Ihre Lieblingsmusik, für die Sie sich etwas schämen, während nach aussen ein cooler Beat ertönt.

Vielleicht finden Sie «Peer-Pressure» lächerlich – dann versuchen Sie einmal, zehn Minuten allein in einem Café zu sitzen, ohne auf Ihr Handy zu schauen.

Saul Griffith ist der vielfach ausgezeichnete Erfinder der Billigkontaktlinsen. Zurzeit arbeitet er an Methoden, Kindern Wissenschaft durch Comics zu vermitteln. Er lebt in Alameda, Kalifornien.

Der Überwinder des Siliziumchips

Was für eine interessante Frage: «Wer steht auf Ihrer Watchlist?» Sie hat mir klargemacht, dass es wahrscheinlich Tausende von grossartigen Leuten und Ideen gibt, die ich kennen sollte und von denen ich nichts weiss. Aber mir fällt zumindest ein Mensch ein, mein früherer Laborkollege Manu Prakash, der sowohl über grossartige Ideen als auch über die beneidenswerte Energie zu ihrer Umsetzung verfügt; seine Arbeit zeigt allmählich die Verheissungen und das Potential einer wirklich grossen Idee. Was Sie jetzt lesen, werden Sie vielleicht nicht sofort verstehen, das liegt daran, dass es etwas Neues ist.

Das moderne Rechenwesen hat durch die Erfindung von Halbleitern einen enormen Sprung nach vorn getan, und die Probleme der Elektronenröhren sind dank dem Einsatz von Siliziumchips Geschichte. Der Chip war eine geniale Entwicklung, die uns den Computer, das Internet, die Robotik und vieles mehr beschert hat. Das Problem dabei ist, dass wir die meisten unserer Computereier in den Siliziumkorb gelegt haben. In Wahrheit gibt es aber viele physikalische, chemische, ja sogar biologische Verfahren, um Berechnungen durchzuführen, und entsprechend vielfältige Formen von Rechnerarchitektur. Im Grunde war es der Aufstieg des Siliziums, der zur Vorherrschaft der sogenannten Von-Neumann-Architektur geführt hat.

Nun gibt es aber Anwendungen, bei denen man gern Rechner benutzen würde, ohne sich den Beschränkungen von Siliziumchips auszuliefern. Manu hat eine vollständige Rechenanlage in einem komplett anderen physikalischen System entwickelt – nämlich in Luft und Wasser. Sie benutzt winzige Luftbläschen, die sich in mit Wasser oder einer anderen Flüssigkeit gefüllten Mikrokanälen hin und her bewegen. Die Bläschen sind die Bits, und die Nichtlinearitäten im Kapillarfluss werden dazu benutzt, die Bits zum Zählen, zum Rechnen und zu Weiterem hin und her zu bewegen.

Die Anwendungsmöglichkeiten dieser Erfindung scheinen mir geradezu phantastisch. Die Fähigkeit, kleine Flüssigkeitsvolumina gezielt umzuleiten, könnte in der Chemie oder der Biologie völlig neue Forschungsinstrumente und Mikroflüssigkeitsreaktoren hervorbringen. Vielleicht am spannendsten erscheint mir, dass dieses Verfahren in allen erdenklichen Anwendungsbereichen kostengünstige und umweltfreundliche Berechnungen ermöglicht – von der Sonnenenergie bis hin zur Verpackungsindustrie.

Am besten gefällt mir an Manu und seinesgleichen, dass sie sich klargemacht haben, dass wir trotz der Allgegenwart von Rechnern bisher erst ein Rechenmodell wirklich erforscht haben. Es gibt jedoch viele andere, die uns gänzlich neue Nutzanwendungen eröffnen können. Selbst wenn es nur Bläschen bewegt: Am rechten Ort eingesetzt, wird sein Verfahren dereinst Berge versetzen.

Reto Wettach ist Professor für Interface-Design an der Fachhochschule Potsdam und leitet das IDL (Interaction Design Lab), in dem nach den Interfaces der Zukunft geforscht wird.

Der Touchscreen-Revolutionär

Mich begeistern Geschäftsmodelle, die eigentlich «freche Ideen» sind, Innovationen, die vor unseren Augen liegen und an die einfach bisher keiner gedacht hat. Eine solche ist der Multitouch-Display des Forschers Jeff Han von der New York University. Multitouch-Display ist die Bezeichnung für einen Computerbildschirm, der die Berührungen mehrerer Finger erkennen kann. Dadurch kann der Mensch wesentlich natürlicher mit seinem Computer arbeiten. Die Folge: Das Interface, wie wir es heute kennen, verschwindet. Beispielsweise kann man in einem Bildbearbeitungsprogramm – ohne die Lupe, das Verschiebungs- oder das Drehwerkzeug zu aktivieren – mit simplen Gesten Bilder vergrössern, verkleinern, verschieben oder drehen: Dazu fasse ich ein Bild einfach mit zwei Fingern an, verschiebe es, indem ich die zwei Finger verschiebe, drehe es, indem ich die Finger drehe, und vergrössere es, indem ich die Finger spreize. Das Interessante an Jeff Hans Erfindung sind die geringen Kosten seiner Hardware: Eigentlich reichen ihm ein paar LED, eine Plexiglasscheibe, eine Webcam und ein Projektor. Damit steht der nächsten Computerrevolution nichts im Wege. Ich hoffe – und nehme an –, dass Jeff Han davon ordentlich profitieren wird.

Russel Davies entwickelte für Wieden + Kennedy einige der erfolgreichsten Werbekampagnen der letzten zehn Jahre. Heute schreibt er lieber über fritiertes Essen. http://russelldavies.typepad.com

Der Übersetzer des Digitalen

Es gibt ein grossartiges Wort, das jeder kennen sollte: Konsilienz. Es bedeutet wörtlich «Zusammenspringen von Wissen». Ist das nicht ein grossartiges Bild? Laut seiner neusten Fassung besagt der Gedanke, dass alle Dinge, alle Wissenschaften, alle Künste nur auf einigen wenigen Grundprinzipien basieren. Oder so ähnlich – ich bin mir nicht hundert Prozent sicher, dass ich die Sache wirklich verstanden habe.

Aber das Überwältigende an der Idee eines «Zusammenspringens» von Wissen ist der Versuch, gemeinsam intellektuelle Grenzen und institutionelle Elfenbeintürme zu überwinden; das entschlossene Bemühen, Leute mit völlig unterschiedlichen Blickrichtungen und Forschungstraditionen in einem Raum zusammenzuführen, um ein und dasselbe Problem zu lösen. Denn so werden glanzvolle neue Ideen geboren: aus dem Zusammenprall alter Ideen, aus wechselseitiger Befruchtung, Kreuzung und Durchmischung. Doch die Organisationen, in denen die meisten von uns arbeiten, haben nichts Besseres im Sinn, als gerade dies nach Möglichkeit zu unterbinden.

Genau deshalb schätze ich eine kleine, aber feine Bera tungsfirma in London mit Namen Schulze & Webb. Sie ist der Inbegriff eines solchen Zusammenspringens von Wissen und beweist, welche phantastischen Ideen daraus hervorgehen können. Schulze ist Designer, Absolvent mehrerer Kunstschulen und Comicliebhaber. Webb ist Programmierer und Experte für die Eigenheiten des menschlichen Geists. Beide sind Denker und Macher mit Tiefgang, und ihr vereinter Enthusiasmus bringt Ideen hervor, die sich über alle erdenklichen Kategorien hinwegsetzen – Ideen, die einfach, innovativ und unwiderstehlich sind.

Das beste Beispiel ist der «Availabot»: eine kleine Spielzeugfigur, die meist flach auf Ihrem Schreibtisch liegt und mit der USB-Buchse Ihres Computers verbunden wird. Sobald einer Ihrer Freunde online ist, springt der kleine Bursche auf und zeigt an, dass dieser Freund nun für Instant Messaging oder was auch immer erreichbar ist. Das Digitale wird ins Physische übersetzt. Diese kleine Erfindung eröffnet Myriaden von Möglichkeiten. Sie transzendiert die Grenzen zwischen Plastic, Elektronik und Software und verbindet Spielzeug, soziale Vernetzung und Anpassung an die Kundenbedürfnisse. Sie ist ein ganz grosser Wurf. Wenn Sie mehr wissen wollen, dann sehen Sie sich die Website www.schulzeandwebb.com an.

Warren Spector ist der Erfinder vieler Computerspiele (u. a. Wing Commander, Deus Ex), hat früh Ego-Shooter programmiert und sich von ihnen abgewandt, lange bevor sie in die Kritik gerieten.

Der Meister des Computerspiels

Wer auf meiner Watchlist steht? Derselbe Mann wie immer: Doug Church. Er ist der heimliche Meister des Computerspiels. Falls Sie noch nie von ihm gehört haben, haben Sie nicht aufgepasst. Ich traf ihn erstmals 1990 und habe seither an verschiedenen Projekten mit ihm zusammengearbeitet. Er war die Schlüsselfigur bei der Entwicklung des Spiels «Ultima Underworld», seines ersten Spiels. Er war Projektleiter bei «Ultima Underworld 2», Projektleiter bei «System Shock». Der Mann hat sich «Thief» ausgedacht und «Deus Ex» und «Guitar Hero» gerettet. Er ist ein supertalentierter Programmierer, grossartiger Designer, gleichmässig begabt in Denken und Handeln – das ist eine seltene Kombination. All das macht ihn zu einem unglaublichen Spieleentwickler und zu einem grossartigen Verkäufer obendrein.

Ich darf nicht verraten, was genau er zurzeit bei Electronic Arts macht. Aber so viel sei gesagt: Er programmiert ein Computerspiel für Steven Spielberg (es ist also eine sichere Wette, dass es um Handlung und Figuren geht). Und bei Dougs Fähigkeiten können wir davon ausgehen, dass das Spiel sehr cool sein, noch nie Dagewesenes enthalten wird. Falls sich die Geschichte wiederholt, wird sich die gesamte Computerbranche an den Kopf fassen und aufschreien: Warum sind wir nicht schon längst selber darauf gekommen?!

Und falls sich die Geschichte noch einmal wiederholt, wird Doug auch diesmal das Rampenlicht meiden und den Ruhm verpassen, den er verdient hätte. Sollten Sie nächstes Jahr das Spiel spielen, achten Sie auf die Credits. Achten Sie auf Doug Church.

Die Erfinderin des Dammmassagegeräts

Wer schon einmal ein Kind bekommen hat, wird wissen, wovon hier die Rede ist; sonst hört man eher wenig über das Thema – warum sollte man auch. Es geht um den Damm, das Gewebe zwischen Vagina und After, das während einer Geburt wegen der starken Dehnung oft einreisst, wobei der Schliessmuskel verletzt werden kann. Um das zu verhindern, wird der Damm mit einem Schnitt oft gleich vorsorglich durchtrennt. Hebammen raten Schwangeren darum, ihren Damm während der letzten Wochen vor der Geburt täglich zu massieren. Das erhöht die Elastizität und sorgt am Ende vielleicht für die entscheidenden Zentimeter an zusätzlicher Dehnbarkeit. Das Problem: Es ist für Frauen im achten oder neunten Monat nahezu unmöglich, an ihrem dicken Bauch vorbei den Damm zu fassen zu kriegen. Und weil es vielen peinlich ist, dabei um Hilfe zu bitten, bleiben viele Dämme unmassiert.

Wir unterbrechen diesen Text für einen kurzen Tusch, denn jetzt kommt Charlotte Roche ins Spiel, die bekannte und mit den meisten deutschen Fernsehpreisen ausgezeichnete Moderatorin («Fast Forward») und Schauspielerin («Eden»), die etwas sensationell Praktisches erfunden hat: ein Dammmassagegerät. Einfach in der Handhabung, mit Batterie betrieben und formschön. Charlotte Roche kam darauf, als sie selbst schwanger war. Im Geburtsvorbereitungskurs hatte sie gelernt, dass sie ihren Damm massieren sollte – zu Hause merkte sie, dass sie da allein gar nicht drankam. Man müsste, dachte sie, eine Art verlängerten Arm haben, mit zwei Fingern dran, die, vaginal eingeführt, die Haut zum Damm fassen, drücken und zwiebeln könnten, also beweglich wären und im Druck verstellbar.

Sie machte eine erste grobe Skizze und feilte mit technischen Zeichnern an Ausführung und Design: Es sollte möglichst feminin aussehen, sich nicht metallisch anfühlen, sondern gummihaft weich, als Farbton schwebte ihr ein klinisches Rosa vor. Dann liess sie ihre Idee beim Deutschen Patent- und Markenamt in München schützen: «Prophylaxegerät» heisst es dort ganz profan, Gebrauchsmuster 202005010807.3, eingetragen am 16. 11. 2006.

Im Moment wird geprüft, ob irgendwo auf der Welt schon jemand die Rechte für ein vergleichbares Gerät besitzt. Wenn nicht, wird Charlotte Roche ihre Erfindung zum Patent anmelden. Sie ist in Kontakt mit möglichen Herstellern und einem Händler, der sich auf den Vertrieb von klinischem Gerät spezialisiert hat. Und eine Idee für die Werbung hat sie auch schon, sie wird gesungen zur Melodie von Drafi Deutscher: «Marmor, Stein und Eisen bricht / aber unsere Dämme nicht / Damm damm / Damm damm.»

Johanna Adorján ist Redaktorin
der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung»

Die Forscher wider den blauen Dunst

Die Hälfte aller Raucher möchten ihr Laster aufgeben, ein Drittel versuchen es jedes Jahr, doch nur zwei bis fünf Prozent schaffen es. Mit der Unterstützung durch den Arzt und Medikamente gelingt es einem Fünftel. Einer, der es aus eigenem Antrieb geschafft hat, ist Martin Bachmann, Forschungschef bei der Zürcher Biotechfirma Cytos. Um auch Leuten mit weniger Willenskraft den Ausstieg aus der Zigarettensucht zu ermöglichen, sind Cytos und andere Firmen seit Jahren daran, eine Impfung gegen das Rauchen zu entwickeln. Die Idee dahinter ist so einfach wie genial und reicht in die 1970er Jahre zurück: Damals testeten Forscher das Konzept «Impfung gegen die Drogensucht» an Affen, die sie zuvor heroinsüchtig gemacht hatten.

Wie Heroin ist auch Nikotin zu klein, um vom Immunsystem erkannt zu werden. Deshalb müssen die Moleküle, um als Impfstoff wirksam zu sein, zuerst chemisch an eine Trägersubstanz gebunden werden. Cytos verwendet für ihren Nikotin-Impfstoff eine virusähnliche Partikel, die die körpereigene Abwehr besonders stark stimuliert. Im Körper führt die Impfung zur Bildung von Antikörpern, die nun einen Grossteil der Nikotin-Moleküle abfangen, die beim Rauchen über die Lungen ins Blut gelangen. Da diese Antikörper-Nikotin-Komplexe zu gross sind, um aus dem Blutkreislauf ins Gehirn zu gelangen, bleibt die suchterzeugende Nikotinwirkung aus. Die Impfung bietet so einen gewissen Schutz vor Rückfällen. Gegen die körperlichen Entzugssymptome der ersten Tage bis Wochen hilft sie hingegen nicht.

Damit nun die für die Marktzulassung entscheidenden grossen Wirksamkeitsstudien durchgeführt werden können, ist die ehemalige Start-up-Firma der ETH Zürich Ende April 2007 eine Zusammenarbeit mit Novartis eingegangen. Dass diese Kooperation erst nach monatelanger Suche zustande kam, wertet der Mediziner und Analytiker Boris Bogdan von der Basler Beratungsfirma Avance als Zeichen dafür, dass die Cytos-Impfung für «Big Pharma» vielleicht doch nicht so attraktiv ist, wie viele meinen. Das könne mit neuen Möglichkeiten der medikamentösen Entwöhnung zusammenhängen oder damit, dass das Verfahren, um den Impfstoff im grossen Massstab zu produzieren, noch nicht ausgereift sei.

Dennoch ist der Analytiker überzeugt, dass das Cytos-Novartis-Produkt in vier Jahren als weltweit erste Anti-Rauch-Impfung auf den Markt kommen wird. Doch die Konkurrenzprodukte aus dem Ausland würden ebenfalls nicht mehr lange auf sich warten lassen. Bogdan schätzt den Jahresumsatz der Zürcher Impfung auf 600 Millionen Franken (Cytos geht von einem doppelt so hohen Betrag aus) und die Kosten für den Konsumenten, der sich für einen einjährigen «Schutz» mehrmals impfen lassen muss, auf rund 500 Franken. Bis dahin gilt für die meisten der weltweit rund 1,3 Milliarden Raucher der Satz von Mark Twain: «Mit dem Rauchen aufzuhören, ist einfach; es ist mir schon tausend Mal gelungen.»

Alan Niederer ist Redaktor im Ressort Wissenschaft der NZZ

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