NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Ewiges Leben

© Felix Scheinberger
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Künstliche Organe, ein Schädel aus Titan und Augen, die nicht weinen können.

Von Leon de Winter

Die Redaktion dieser Zeitschrift hat mich gebeten, am Vorabend des neuen Jahrtausends die Frage zu beantworten, was denn in den letzten tausend Jahren die wichtigste historische Gegebenheit gewesen sei, die unser Leben geprägt habe.

Eine unmögliche Frage, höchstwahrscheinlich die glorreiche Idee eines Praktikanten, und als Autor muss man dann wer weiss welche Verrenkungen machen, um die törichte Frage nur ja nicht genauso töricht zu beantworten. Aber ich will mir Mühe geben. Auch Praktikanten dürfen erwarten, dass man sie eines Besseren belehrt.

Ich werde nächste Woche 275 Jahre alt und habe das Jahrtausend nur zu einem Teil miterlebt. Aber die Kinder, die morgen geboren werden, die also den 1. 1. 3000 als Bezugsdatum verwenden dürfen, werden eine Lebenserwartung von mindestens acht Jahrhunderten haben.

Vor tausend Jahren gehörte eine derartige Lebenserwartung noch zu den Gags von Science-Fiction-Fans. Ja selbst noch zur Zeit meiner Geburt im Jahr 2725 war eine Lebensspanne von achthundert Jahren undenkbar. Doch unsere Beherrschung der Natur nimmt kontinuierlich zu. Bis wir eines Tages auch die Verschleisserscheinungen ­unseres Gehirns komplett ausräumen und alles, was unser Gehirn schwächt und uns nach wie vor zum Sterben ver­urteilt, durch Instandsetzungen beheben können. Wir können mittlerweile sämtliche Teile unseres natürlichen ­Körpers durch verbesserte Ausführungen ersetzen, nur die Technik der Gehirnsubstitution lässt noch zu wünschen übrig.

Auf meinen Körper hat die Natur praktisch keinen Einfluss mehr. Alle meine Organe, meine Gliedmassen, mein gesamter Brustkorb wurden ausgetauscht, ja im Prinzip alles bis auf meine beiden kleinen Finger. Die habe ich mir bewahrt – zwei schrumplige Stückchen antiker Natur am Ende meiner künstlichen Arme. Die letzten Elemente, die mich an meine Sterblichkeit erinnern – abgesehen natürlich vom Inhalt meines Titanschädels. Dort regiert immer noch menschliche Schwäche.

Der grosse Durchbruch zu unserer vollständigen Beherrschung der Natur wurde eindeutig von dem genialen Inder Angaj Virender in die Wege geleitet, dem es 2037 gelang, mittels Kalter Fusion Energie zu gewinnen. Von da an konnte die Menschheit über unbegrenzte Mengen von Energie verfügen, und damit rückte die Verwirklichung all dessen näher, was wir uns von jeher erträumt hatten: die definitive Beendigung jeglichen Nahrungsmangels und die Erweiterung der Haltbarkeitsspanne unserer organischen Körper.

Was uns Menschen bis dahin auf einer recht primitiven Ebene absorbiert hatte – die Jagd nach Nahrung und im Zusammenhang damit die Gewalt über natürliche Ressourcen wie fruchtbare Gebiete und Öl- und Gasvorkommen –, verschwand aus unserer kreatürlichen Vorstellungswelt. Die Entstehung einer unerschöpflichen, sauberen Energie hob die Unterschiede zwischen entwickelten und unterentwickelten Völkern (damals dachte man noch in solchen Kategorien) auf.

Etwas länger dauerte es, bis der Glaube an den primitiven Haudegen im Zentrum des Monotheismus, Gott, Allah, Jahwe, aus unseren angstbesetzten Hirnen gewichen war. Aber nach 2500 war es dann schon aussergewöhnlich, noch einem Menschen zu begegnen, der unser Universum für das Produkt des Schöpfungsaktes eines Wesens hielt, das sich der Menschheit über ein paar simple, sich selbst widersprechende Texte offenbart hatte.

Mit ihm also nahm alles seinen Anfang: Angaj Virender. Seine Erfindung erwies sich als mindestens so bedeutsam wie die Entdeckung noch früherer Vorfahren, dass man das Feuer für sich nutzbar machen konnte.

Sein Triumph war der Triumph der Evolution, der Entstehung von Gehirnen, die die komplexen Regeln des ­Universums ergründen und für sich verwerten konnten. In Virenders Hirn erreichten Jahrmillionen natürlicher Selek­tion ihren grandiosen Höhepunkt. In seinem Kopf fand ein zweiter Big Bang statt. Kalte Fusion. Sie hat dem Leiden, das der Natur eigen ist, ein Ende bereitet. Mit der Geburt war dem Menschen das Leiden, Abstumpfen, Verfallen, Vergehen vorherbestimmt. Heutzutage brauchen wir nicht mehr zu leiden.

Es gibt zwar Sekten, die sich aus freien Stücken dafür entscheiden, die Segnungen unserer Wissenschaft abzulehnen, aber im Prinzip können wir heute schon nahezu selbst bestimmen, ob und wann wir zu sterben gedenken – ich kann als Individuum ohne weiteres das halbe Jahrtausend vollmachen, falls ich nicht von einem mechanischen Defekt oder einem Meteoritenregen dahingerafft werde.

Ich habe drei virtuelle Bücher über meine Tochter Bracha geschrieben – sie hat mit achtzehn jede weitere Roboterisierung verweigert und ihre Organe sogar durch natürliche, aus menschlicher DNA gezüchtete Organe ersetzen lassen. Sie starb mit einundneunzig, und das wie ein Hund (der Vergleich hinkt, denn auch unsere Hunde halten sich inzwischen mehrere Hundert Jahre), während ich, damals hundertzwanzig, jung und stark und gesund an ihrem Bett sass, ihre schwachen Hände hielt und sie ein für alle Mal gehen sah, als ihr Herz aufhörte zu schlagen.

Den Schmerz um sie trage ich nun schon seit mehr als hundertfünfzig Jahren mit mir herum. Niemand muss aus Altersgründen sterben. Bracha hatte sich bewusst dafür entschieden. Sie glaubte, dass das Menschsein im Grunde durch den Tod und das damit einhergehende Leiden definiert sei. Sie glaubte wie ein Christ vor einem Jahrtausend. Ich hatte ihr versprochen, sie nicht reanimieren und mit einem besseren Herzen (es gibt Modelle mit einer garantierten Laufzeit von gut und gerne zweitausend Jahren – wer will denn das?) ausstatten zu lassen, um sie am Leben zu erhalten. Sie wollte Abschied nehmen. Ich bedaure es, ihr dieses Versprechen gegeben zu haben. Als sie gestorben war, wollte ich sie zurück. Doch da war es schon zu spät. Tot ist tot, auf alle Ewigkeit.

Ich kann nicht weinen, weil ich mich seinerzeit für Ersatzaugen entschieden habe, die keine Tränenflüssigkeit produzieren – aber ich weine um sie und habe jetzt endlich meinen Mut zusammengenommen und mir einen Termin geben lassen, um demnächst einen Austausch vornehmen zu lassen. Ich möchte Augen, die weinen können, denn ich weine.

Virender hat uns vom blinden Fluch der Natur erlöst – die paradoxerweise auch unser Gehirn entstehen liess. Einen grösseren Menschen als Virender hat es nie gegeben. Ist seine Geburt damit die wichtigste Gegebenheit des vergangenen Jahrtausends gewesen?

Er wurde 2010 in einem ärmlichen Dorf irgendwo in Zentralindien geboren, als Kind von Analphabeten. Aber schon früh zeigte sich, dass er über ein aussergewöhnliches fotografisches Gedächtnis verfügte. Mit nur vier Jahren löste er mathematische Fragen, die in Harvard und am MIT von dreissigjährigen Mathematikern studiert wurden. Er führte uns aus der Finsternis des primitiven Menschen in das Licht der Wissenschaft. Nochmals: Ist seine Geburt die wichtigste Gegebenheit des vergangenen Jahrtausends?

Ohne Virenders Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaft wären unsere heutige Erde und die Dutzenden von Kolonien in diesem Teil des Milchstrassensystems undenkbar. Ich wohne gegenwärtig auf einem Planeten namens VKT-381. Hier können wir dank Virenders Kalter Fusion leben. Weitere Kolonien auf anderen Sternenhaufen sind in Planung. Das alles hat das Genie dieses armen indischen Jungen ermöglicht, der in einer Hütte mit Wänden aus Lehm und Mist gezeugt wurde.

Und doch – was mich am meisten beschäftigt hat, ist der Bericht über nichtmenschliche Lebensformen im Universum, der 2993 vom Weltwissenschaftsrat veröffentlicht wurde. Wir haben noch immer nirgendwo «intelligentes» Leben vorgefunden. Es sieht ganz danach aus, dass wir tatsächlich allein sind. Wir sind eine Aberration der Elemente. Es dürfte uns eigentlich gar nicht geben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Big Bang so etwas wie den Menschen hervorbringen würde, war eigentlich gleich null, wie wir inzwischen wissen. Wir sind zur Einsamkeit verdammt.

Seit der Publikation jenes WWR-Berichts haben religiöse Sekten an Popularität gewonnen. Dass wir allein im Universum sind, betrachten sie als Beweis für die Existenz Gottes. Für mich dagegen ist der Bericht ein Appell an die Menschheit, langfristig im gesamten Universum unsere Stimme laut werden zu lassen. Im Universum fehlt ja ein Träger für Schallwellen. Deshalb herrscht dort ewige Stille. Überall sollten unsere Lieder erklingen. Wir sollten die Einsamkeit unserer Existenz in Liedern beklagen.

Also, lieber Praktikant mit Ihrer unmöglichen Frage, was denn die wichtigste Gegebenheit im vergangenen Jahrtausend gewesen sei. Die Antwort lautet: die Feststellung, dass der Mensch allein ist und singend auf der Suche nach den Grenzen eines unendlichen Raums.

Ich wünsche Ihnen ein interessantes Jahr 3000. Und, lieber Praktikant, hören Sie bitte auf, dieses Jahr als den Beginn des vierten Jahrtausends zu betrachten – das ist erst am 1. Januar 3001 so weit. Das Jahr 3000 ist die Vollendung des dritten Jahrtausends.

Übrigens, auf VKT-381 haben wir 30-Stunden-Tage, und unser Jahr, in dem wir einmal unsere Sonne umkreisen, zählt 390 Tage. Wenn alles gutgeht, haben wir in 60 Jahren eine Atmosphäre geschaffen. 30-Stunden-Tage sind lang – 30 Stunden voll Trauer um Bracha.

Übersetzung aus dem Niederländischen: Hanni Ehlers, Pronstorf (D).

Zur Biographie von Leon de Winter



Leserbriefe:

Zu Ewiges Leben - NZZ-Folio Die Welt von morgen (09/10)

Nachdem ich die Ankündigung des Hefts im Vormonat gelesen hatte, hätte ich mir ein paar gewagtere Zukunfts-entwürfe erhofft. Dass die Menschen mit künstlichen Organen ihr Leben verlängern werden, ist doch banal, das geschieht ja bereits heute. Vielleicht ist der Film das bessere ­Medium für Zukunftsvisionen. Wenn ich an «Blade Runner» oder «Minority Report» denke, verblassen jedenfalls die Geschichten in diesem Folio ziemlich schnell.
Thomas Berger, per E-Mail



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