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NZZ Folio 05/07 - Thema: Das Dorf   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Chanel No 5 duftete falsch

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Meine Koautorin Tania Sanchez und ich haben mit der Arbeit an einem Parfumführer begonnen, der nächstes Jahr in den USA erscheinen soll. Zu den Nachteilen dieser Arbeit gehört, dass wir uns durch Hunderte von Düften hindurchschnüffeln müssen, die noch nicht einmal verunglückt sind. Auf der anderen Seite ist es wunderbar, Pakete mit kompletten Duftsammlungen zu erhalten. Firmen haben eine Seele, die man als Ganzes wahrnehmen muss, um sie zu verstehen. Erst dann begreift man, dass Guerlain, Chanel, Hermès nicht zufällig dort angelangt sind, wo sie heute stehen.

An der Guerlain-Sammlung zu riechen, die mir aus der Fabrik in Orphin bei Paris zugesandt wurde, war eine Offenbarung. Guerlain sollte seine Düfte wie ein Nahrungsmittelhersteller mit dem Datum versehen. Ich hatte schon oft gehört, aber nie geglaubt, dass Düfte, die aus natürlichen Rohstoffen hergestellt werden, sich wie Wein in den ersten sechs Monaten stark verändern. Die Familienähnlichkeit unter den Guerlains ist in dieser Zeit ausgeprägter als sonst – als ob die allen Düften gemeinsame Guerlinade-Grundierung zuerst verblasse. Manche von ihnen sind so reich und komplex, dass Tania und ich beschlossen, sie ein paar Monate ins Dunkle zu stellen, damit sie zur Ruhe kommen können.

Eine weitere Überraschung war, dass sich auf diese Weise einige von Chanels offenen Geheimnissen enthüllten. Zuerst schickte Chanel uns No 5 als Eau de parfum, das völlig falsch duftete. Ich argwöhnte einen neuen Akt von Vandalismus und plante bereits eine «Freiheit für Chanel 5»-Kampagne, als das Parfum und das Eau de toilette eintrafen. Nach einer Nachfrage im Maschinenraum von Chanel wurde klar, dass No 5 schon immer drei verschiedene Düfte waren: Das Parfum ist das Original von 1921; es riecht farbfrisch und unverändert wie am ersten Tag. Das Eau de toilette ist das, was ich für No 5 hielt, durch und durch weich und pfirsichfarben, eine Mutter aus den 1950ern, die einen im Pelzmantel zu Bett bringt, bevor sie ins Theater geht. Das Eau de parfum stammt aus den 1980ern und ist eine Geschmacksverirrung.

Wir stehen noch am Anfang, doch in den letzten sechs Wochen hat sich meine Parfumsammlung schon auf 1400 verdoppelt, und fast täglich klingelt der Postbote und überreicht mir mit säuerlicher Miene ein neues Paket. «Noch mehr Parfums für Sie», erklärt er müde, als bete er innerlich, ich möge endlich das passende Aftershave finden. Vor einigen Tagen kam ein grosses Paket der kleinen, aber leidenschaftlich engagierten Firma Amouage aus Oman. Sie stellt das sagenhafte Gold – einst das teuerste Parfum der Welt – inzwischen zu einem halbwegs bezahlbaren Preis her. Die Flaschen sind aus Bleikristall, und ich hatte Mühe, das Päckchen hochzuheben. Hat es je einen schöneren Beruf gegeben?

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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