NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

Phänomene -- Der Duschvorhang

Von Wolfgang Bürger

DUSCHKABINEN sind in der Regel zu klein. Das wäre erträglich, wenn der ganze Innenraum zum Duschen zur Verfügung stünde. Aber da ist die Armatur im Wege, und kaum läuft die Dusche, kommt der Duschvorhang wie zu Besuch und klebt an Armen und Beinen.

Warum sich der Duschvorhang immer nach innen, aber nie nach aussen bewegt, kann man vereinfacht so erklären: Der Duschstrahl reisst Luft mit sich fort wie eine Wasserstrahlpumpe und erzeugt einen Luftwirbel in der Duschkabine. Je grösser die Geschwindigkeit der Strömung in dem Wirbel ist, desto geringer wird der Druck der Luft. Bei Unterdruck auf der Innenseite hat der höhere Aussendruck leichtes Spiel, den Vorhang hereinzudrücken. Es liegt nahe zu fragen, ob der Auftrieb der wärmeren Luft in der kälteren Umgebung die Aufwärtsströmung zusätzlich antreibt wie in einem beheizten Kamin.

Für fast alle Probleme gibt es Spezialisten, die man um Rat fragen kann. Der verdiente Kollege am anderen Ende der Telefonleitung, der sich auf thermische Prozesse in Küchen und Bädern versteht, der weiss, wie Wäschetrockner arbeiten, warum die Teller in Geschirrspülautomaten trocknen und vielleicht auch, ob aufgehängte Unterwäsche von oben nach unten trocken wird oder umgekehrt (im Kräftespiel von Schwere und Kapillarität), gab freimütig zur Antwort: «Das Problem mit dem Duschvorhang kenne ich, aber ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Ich klebe den Vorhang einfach mit Wasser unten an.»

Das anschliessende fachliche Gespräch konnte klären, warum es keinen grossen Unterschied macht, ob warm oder kalt geduscht wird, falls der archimedische Auftrieb überhaupt eine Rolle spielt. Feuchte Luft, in der Wasserdampf (ein unsichtbares Gas, nicht etwa Nebel) einen Teil der schwereren Luft verdrängt, ist nämlich leichter als trockene, wer denkt schon daran? Mit dieser marginalen Einsicht ist man leider noch weit von einer Lösung des Duschvorhangproblems entfernt.


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