NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

Ein neues Schreckgespenst

Atomwaffen und die Konflikte in der GUS.

Von William Walker

IN DEN LETZTEN MONATEN läuteten die Alarmglocken. Die Russische Föderation, das Herz des ehemaligen Sowjetreichs, verliert an Stabilität. Von politischem Zusammenbruch, Rückkehr des alten autokratischen Systems, selbst von Bürgerkrieg ist die Rede. Trotz Präsident Jelzins Erfolg beim Referendum vom vergangenen April ist die Bewegung für Demokratie und hin zum Kapitalismus möglicherweise geschwächt. Wenn wir das Blutbad von Bosnien täglich auf unseren Bildschirmen mitverfolgen, wird uns allen klar, wie unvermittelt ehemals kommunistische Gesellschaften ins Chaos stürzen können und wie überaus schwierig es ist, Feuer zu löschen.

Angesichts seiner Grösse und ethnischen Vielfalt bedeutet die Krise Russlands eine Krise für die ganze Weltgemeinschaft. Daher rührt auch der Ernst, mit dem die Regierungen der westlichen Welt die Lage einschätzen. Allerdings haben sie noch eine andere Sorge - nämlich das Schicksal der Nuklearwaffen in der früheren Sowjetunion. Die Möglichkeit, dass sie in einem Konflikt im Inneren eingesetzt werden, ist ein Albtraum. Und langsam beginnt man zu realisieren, dass man diese Waffen so schnell nicht los wird, selbst wenn Russland nicht auseinanderbricht. Allein schon die Organisation der Abrüstung ist schwer zu bewältigen, und die oppositionellen Tendenzen in der Ukraine und in Russland selber gegen die jüngsten Abrüstungsvereinbarungen mit den USA geben zu Besorgnis Anlass.

In 40 Jahren hat die Sowjetunion ein gewaltiges Arsenal von Nuklearwaffen angehäuft, mit ungefähr 45 000 Sprengköpfen auf dem Höhepunkt des Wettrüstens. Mit etwa einem Viertel davon waren Langstreckenraketen und -bomber mit Reichweiten bis zu den USA und den anderen Nuklearmächten bestückt. Die anderen drei Viertel befanden sich auf taktischen Waffen auf See und zu Land für den Einsatz in Mitteleuropa und Asien.

Für den Nachschub sorgte eine unabhängige, eigene Industrie mit einer Jahreskapazität von 2000 Sprengköpfen, angesiedelt in wohl annähernd einem Dutzend geschlossenen Städten mit je mehreren zehntausend Bewohnern, zu denen kein Aussenstehender ohne Bewilligung Zutritt hat, alle auf russischem Territorium gelegen, auf einem Gebiet, das von Gorky östlich von Moskau einschliesslich des Urals bis nach Krasnojarsk in Südostsibirien reicht. Dort wurden Plutonium und angereichertes Uran produziert, ferner nukleare Sprengköpfe entwickelt und hergestellt.

Mitte der achtziger Jahre begann die Sowjetunion ihr riesiges Nuklearprogramm zu reduzieren. Mit dem INF-Vertrag von 1987 vereinbarten die USA und die UdSSR den Abzug von Mittelstreckenraketen aus Europa. Damit war eine gefährliche Periode nuklearer Konfrontation beendet, während welcher Militärplaner hüben und drüben neuartige Kriegsstrategien erwogen hatten, die durch Fortschritte in der Raketenzielgenauigkeit in den Bereich des Möglichen gerückt waren, und während welcher sowjetische SS-20, amerikanische Pershing und Cruise Missiles auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stationiert worden waren. Moskau wie Washington hatten ihre Illusionen über die nukleare Waffentechnik verloren und akzeptierten die Tatsache, dass jeder mit Kernwaffen ausgetragene Konflikt einem Selbstmord gleichkam.

Die Katastrophe von Tschernobyl 1986 trug zu dieser Desillusionierung ebenfalls bei. In gewisser Hinsicht war sie das sowjetische Hiroshima, das die traumatische Wirkung einer Atombombenexplosion auf die Bevölkerung und den Apparat erahnen liess. Sowohl in den USA als auch in der UdSSR wurden daraufhin auch schnell die meisten Reaktoren abgeschaltet, die Plutonium für Nuklearwaffen produziert hatten, veraltet waren und einige technische Gemeinsamkeiten mit dem Tschernobylreaktor aufwiesen.

Die beiden Regierungen machten sich nun an die Planung eines, wie sie hofften, allmählichen und geordneten Abbaus ihrer Kernwaffenarsenale, angefangen mit den als am bedrohlichsten empfundenen Langstreckenraketen. Erstes Ergebnis war der Start-I-Vertrag (Strategic Arms Reduction Talks), 1991 von den Präsidenten Bush und Gorbatschew unterzeichnet. Er verpflichtete die Sowjetunion zur Zerstörung von etwa 5000 der insgesamt 10 300 strategischen Sprengköpfe, die sie in den Verhandlungen angegeben hatte.

Der Staatsstreich in Moskau vom August 1991 schuf eine neue Situation. Ein beträchtlicher Teil der sowjetischen Waffen war nun in Republiken stationiert, die ihre Unabhängigkeit von Moskau erklärt hatten. Das russisch beherrschte oberste Armeekommando leitete zwar unverzüglich Schritte ein, um alle taktischen Waffen auf russisches Gebiet zu verlegen. Aber die 431 strategischen Waffen mit ihren über 3000 Sprengköpfen, die in der Ukraine, in Kasachstan und in Weissrussland stationiert waren - zumeist in Silos -, blieben auch dort. Ihr Transport war mit mehr Schwierigkeiten verbunden als jener der taktischen Waffen, und ihr Abzug und ihre Zerstörung hätten im Rahmen des Start-Vertrags stattfinden müssen. Ironischerweise behinderte dieser Vertrag Russland bei der Abrüstung dieser Waffen jenseits seiner neuen Grenzen.

Ursprünglich hatte es wenig Grund zur Annahme gegeben, dass der Abrüstungsprozess nicht wie vorgesehen ablaufen würde. Obwohl Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion akzeptiert worden war, beschloss die amerikanische Regierung sehr rasch, dass der Start-I-Vertrag nunmehr die vier neuen Republiken, in denen strategische Waffen stationiert waren, einbeziehen müsse. Dies wurde in einem Zusatzprotokoll zum Start-I-Vertrag, das im Mai 1992 in Lissabon von den Vereinigten Staaten und den anderen vier Parteien unterzeichnet wurde, formal festgelegt. In Lissabon gaben die Ukraine, Kasachstan und Weissrussland auch ihre Absicht kund, den Nichtverbreitungsvertrag (NVV oder Atomwaffensperrvertrag) als Nichtnuklearstaaten zu unterzeichnen. Zu Beginn dieses Jahres wurde Start I um Start II ergänzt, einen bilateralen Vertrag nur zwischen den USA und Russland, worin sich beide auf je höchstens 3500 Sprengköpfe beschränkt haben.

Bis heute haben Weissrussland, Kasachstan und Russland, jedoch nicht die Ukraine, den Start-I-Vertrag ratifiziert, und noch keiner der neuen Staaten hat den NVV unterzeichnet (Russland hat die Mitgliedschaft von der UdSSR «geerbt»). Die Ukraine zögert, zum Teil, weil sie aus der Aufgabe der Nuklearwaffen den grösstmöglichen wirtschaftlichen Gewinn herausschlagen möchte. Der wichtigere Grund aber scheint zu sein, dass sie Russland misstraut und eine souveräne Kontrolle über alle militärischen Installationen auf ihrem Gebiet anstrebt.

Die Regierung in Kiew hat angekündigt, dass sie nun die «administrative Kontrolle» über alle Nuklearwaffen in der Ukraine ausübe. Während die Bedienungsmannschaften in den Raketensilos zwar immer noch aus Russen bestehen, fordert Kiew jetzt die Hoheitsrechte über die Standorte und kontrolliert die Zugänge.

Die Russen behaupten, dass diese Waffen für die Ukraine von geringem militärischem Wert seien. Die Ukrainer haben weder zu den Bedienungscodes noch zu der Zielsuchelektronik, noch zu den Wartungseinrichtungen für die Sprengköpfe Zugang. Aber einflussreiche Leute in der ukrainischen Regierung sind inzwischen mehr und mehr vom politischen Wert der Waffen überzeugt. Sie glauben, dass sich ihr Land mit den Kernwaffen als Unterpfand die Aufmerksamkeit des Westens sichert, besonders für den Fall, dass sich die Beziehungen zu Russland verschlechtern sollten. Und sollte es ukrainischen Wissenschaftern gelingen, die Codes zu knacken, könnten einige der Waffen sogar einsatzfähig werden.

Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen ist noch unklar, wie sich die Ukraine politisch entscheiden wird. Der Start-I-Vertrag wird hinfällig, falls er nicht ratifiziert wird, da die Zustimmung aller Parteien vorliegen muss, bevor er in Kraft treten kann. Dadurch könnte das gesamte Abrüstungsprogramm über den Haufen geworfen werden. Wenn sich die Ukraine weiter gegen den Vertrag sperrt, könnte sie unbeabsichtigterweise die Position von Hardlinern in Moskau stärken, deren Kritik an den Abrüstungsverträgen immer harscher wird.

Die technische Abwicklung der Abrüstung scheint ebenfalls Probleme zu machen. Tausende von Sprengköpfen müssen über das veraltete russische Schienennetz zum Ural transportiert und in den Demontagestätten gelagert werden. Die Sprengköpfe zu zerlegen ist ausserdem schwierig und gefährlich, zum Teil deshalb, weil das nie vorgesehen war; auch weiss niemand, was mit den Einzelteilen geschehen soll.

1991 wurde mit amerikanischer Hilfe ein Bauplan für eine grosse Anlage im südsibirischen Tomsk entwickelt, um dort Plutonium aus Sprengköpfen zu lagern. Die Realisierung des Plans scheint ins Wasser gefallen zu sein. Auf typisch russische Manier war das Gelände ohne weitere Abklärung mit der örtlichen Bevölkerung ausgesucht worden, die sich seither dagegen wehrt, dass ihre Gegend zur Grabstätte russischen und auch noch ukrainischen, kasachischen und weissrussischen Plutoniums wird. Die Explosion in einer Wiederaufbereitungsanlage in Tomsk-7 im April dieses Jahres hat die lokalen Behörden in ihrem Widerstand gegen den Plan noch bestärkt.

Der ganze Abrüstungsprozess beruhte ursprünglich auf drei Annahmen: dass Russland weiterhin normale Beziehungen mit seinen Nachbarn und dem Westen unterhalte; dass es weiterhin komplexe industrielle Prozesse beherrsche; und dass das Land eine disziplinierte politische Einheit bleibe. Inzwischen ist die Gültigkeit einer jeder dieser Annahmen anzuzweifeln, aber die grössten Auswirkungen hat die immer stärker nachlassende Fähigkeit, die politischen Schwierigkeiten im Innern in den Griff zu bekommen.

Zwei Entwicklungen haben sich in den letzten Monaten abgezeichnet: Moskau verliert seine Kontrolle über Vorgänge in den einzelnen Landesteilen, und die Regierung fängt an, sich zu spalten. Gegenwärtig gibt es zwei Lager, Konservative und Reformer, aber auch sie sind in sich zerstritten.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, und beides sind Albträume: Der erste ist, dass die sich bekämpfenden Lager in Moskau in Konflikt über die Kontrolle des Kernwaffenarsenals und die Nuklearpolitik geraten, namentlich, falls sich auch die russische Armee entsprechend den politischen Lagern spaltet. Der zweite ist, dass Lokalpolitiker, Armeeoffiziere, Manager von Nuklearanlagen oder die grosse Zahl russischer Nuklearphysiker und -ingenieure sich von Moskau abwenden und auf eigene Faust zu agieren beginnen, sei es aus politischen Beweggründen, sei es aus materiellem Gewinnstreben heraus.

Gerüchte über Plutonium und hochangereichertes Uran, das im Westen angeboten sein soll, haben sich bisher zwar nicht erhärtet, und der Versuch einer Gruppe von Kerntechnikern, nach Nordkorea abzufliegen, scheint doch ein Einzelfall zu sein. Trotzdem muss die Gefahr, dass Kernwaffenmaterial und -fachwissen aus Russland herausgelangen könnten, ernst genommen werden, nicht zuletzt, weil die Länder, die sich Kernwaffen verschaffen wollen, zu immensen finanziellen Angeboten bereit sein könnten. Am beunruhigendsten aber ist die Vorstellung, dass Nuklearwaffen eines Tages im innerrussischen Machtkampf eingesetzt werden könnten.

Was kann getan werden, wenn Russland zerfällt? Das hängt vom Wie ab: davon, wer die Macht an sich reissen wird und mit welchen Mitteln; und davon, wie die Regionen, in denen Kernwaffen lagern, in den Konflikt hineingezogen werden. Es gibt Vorschläge, dass im schlimmsten Fall die USA die nuklearen Sprengköpfe aus russischem Gebiet herausschaffen sollen, allenfalls gegen Bezahlung enormer Summen. Aber selbst wenn die Russen ihren Stolz überwänden und gestatteten, dass die Sprengköpfe ausser Landes geschafft werden, wäre das im besten Fall ein schwieriges und gefährliches Unterfangen.

Die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten wissen sehr wohl um die enormen Probleme, die eine Intervention bei einem politischen Zusammenbruch Russlands mit sich brächte. Ihre ganze Anstrengung gilt deshalb der Erhaltung des Status quo und dem Versuch, die Parteien von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihre Verpflichtungen einzuhalten, die sie mit den Abrüstungsverträgen eingegangen sind. Deshalb tun sie alles, um die russische Wirtschaft und Präsident Jelzin zu stützen; auf die Ukraine üben sie Druck aus, den Start-Vertrag zu ratifizieren und dem NVV beizutreten; sie unterstützen alle Anstrengungen zur sicheren Lagerung der Kernwaffen bei gleichzeitiger Einhaltung des Abrüstungskalenders; und sie pflegen enge Beziehungen mit Schlüsselfiguren in der russischen Nuklearindustrie und in der Armee.

Vieles hängt von der Zukunft der russischen Armee ab. Den Generälen ist bewusst, dass die Wirtschaft inzwischen so schwach ist, dass die nukleare Bewaffnung nur noch auf sehr viel niedrigerem Niveau aufrechterhalten werden kann. Sie wollen aber auch die Kontrolle über Technologie und Material behalten, damit diese nicht in die Hände von Abtrünnigen oder feindlich gesinnten Nachbarstaaten geraten.

Somit liegen die Interessen der Armee und des Westens gar nicht so weit auseinander. Wirkliche Probleme wird es geben, falls die zentralen Institutionen der Armee, besonders die Einheiten, die die strategischen Waffen kontrollieren, die Seite wechseln oder sich entsprechend den beiden politischen Lagern spalten. Geschieht ersteres, stünden westliche Regierungen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die Demokratiebewegung in Russland weiter unterstützen oder ob sie sie aufgeben sollen, um die Grundlage für die Weiterarbeit mit führenden Militärs aufrechtzuerhalten. Es ist nicht auszudenken, welche Konsequenzen letzteres, ein Konflikt in der Armeespitze, hätte.

Das Dilemma, mit dem wir es in diesen Tagen zu tun haben, besteht darin, dass die Faktoren, die die Abrüstung von Kernwaffen so dringend machen, dieselben sind, die sie erschweren. So schrecklich ihre zerstörerische Kraft auch ist: die Nuklearwaffen waren Produkte geordneter Gesellschaften. Die Kontrolle über die Waffen funktionierte dank der internen Disziplin in den Kernwaffenstaaten und der zentralisierten Befehlsgewalt. Russland und die anderen Staaten in der einstigen UdSSR sind heute ungeordnete Gesellschaften, in denen kaum so bald wieder Kontrolle über irgend etwas zu erringen ist. Deshalb ist es auch so enorm schwierig, die Beseitigung der Waffen zu organisieren und zu finanzieren.

Selbst wenn sich die politische Situation in Russland noch verschlechtern sollte, bleiben aber zwei Hoffnungen. Die erste ist, dass das zentrale Armeekommando und die Einrichtungen, die die nuklearen Sprengköpfe überwachen und abrüsten und die sich bisher als einigermassen robust erwiesen haben, auch im Falle eines politischen Zusammenbruchs in Russland Inseln politischer Stabilität bleiben. Die zweite Hoffnung ist, aber diese mag vergeblich sein, dass die Abscheu vor Atomwaffen heute so tief verwurzelt ist, dass sie nicht mehr zum Einsatz kommen - weder gegen aussen noch in einem Bürgerkrieg -, oder als politisches Pfand missbraucht werden.

Die Lehre, die die internationale Gemeinschaft daraus ziehen sollte, ist, dass man keiner Gesellschaft, die Kernwaffen besitzt, trauen kann. Die für alle Zeiten währende Stabilität der Nuklearmächte war einer der Mythen aus dem kalten Krieg. Wenn es noch so schwer zu erreichen ist: akzeptables Ziel kann nur die völlige Aufgabe sämtlicher Nuklearwaffen sein.

William Walker ist Forschungsdirektor der Science Policy Research Unit der University of Sussex, Brighton, und Co-Autor der 1993 erschienenen Untersuchung «World Inventory of Plutonium and Highly Enriched Uranium» (Oxford University Press).


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