NZZ Folio 08/92 - Thema: USA Asheville   Inhaltsverzeichnis

Häuser, Häuser -- Ein maurischer Traum

Von Roman Hollenstein

Kupferrote Kuppeln funkeln aus dem Grün von Berkeleys Hügeln. Sie gehören zu einem Haus mit dem geheimnisvollen Namen «Xanadu». Es steht am steilen Hang und blickt mit der sich in venezianisch inspiriertem Masswerk auflösenden Fassade auf das ferne Blau der Bay von San Francisco. Von Süden her halb Burg und halb Palazzo, erscheint zur schattigen Strasse hin das Haus mit Eingangsturm und Minarett, mit Zinnen, auf Schlangensäulen ruhenden Spitzbögen und geschnitzten Drachenköpfen wie die Verkleinerung eines orientalischen Palastes. Deshalb spielt wohl sein Name auf das Lustschloss an, das sich Kubla Khan - laut Coleridges gleichnamigem Gedicht - im phantastischen Ort «Xanadu» errichten liess.

Kindheitserinnerungen an Kalifen und Eroberer, an Sindbad und an Flaschengeister, an verschwiegene Gemächer und Moscheen standen am Anfang dieser architektonischen folie, die das Ärzteehepaar Austin-Tabancay für sich und die drei kleinen Töchter erträumte. Wirklichkeit wurde dieses Märchenhaus dank den beiden heute vierzigjährigen Architekten, Lucia Howard und David Weingarten, die sich seit 14 Jahren vielsagend Ace Architects nennen: Als ihre Stärke gilt das intellektuelle Spiel mit Zitaten. So ist etwa ihr «Leviathan» genanntes Studio, ein Bürobau in Oaklands Hafenviertel, eine bizarre Mischung aus Schiff und Seeungeheuer.

Dem spitzfindigen Europäer mag ein aus einer sentimentalen Vision hervorgegangenes Haus wie das venezianisch-sarazenische «Xanadu» fragwürdig erscheinen. Doch handelt es sich hier um mehr als eine postmoderne Spielerei. Das Haus reflektiert nämlich nicht ironisch die Architekturgeschichte. Vielmehr resultiert es aus der Eigentümlichkeit des Ortes, einer an exzentrischen Bauten reichen Villengegend, aber auch aus den intimsten Wünschen des Auftraggebers. Diese setzten die Ace-Architekten um in eine beziehungsreiche Architektur, die sie - im Gegensatz zur rational-abstrakten Baukunst der Moderne - als realistisch und volksnah bezeichnen.

Auch wenn sie Robert Venturis Theorie des «dekorierten Schuppens» einiges verdanken, streben sie weder nach dem bildhaft Plakativen noch nach der Glorifizierung des Vulgären, sondern nach dem eigenständigen Individuellen und nach unverwechselbaren Stimmungen. Da diese dem kalifornischen Kulissenkult verpflichtete Architektur, die sich im Kostüm der Erinnerungen gefällt, letztlich den «Schock des Wiedererkennens» anvisiert, versucht sie - ähnlich wie das Werk von Jeff Koons - Bruchstellen unserer Kultur sichtbar zu machen.

Gleichzeitig ist das in einem genialen Akt von Gebäude-Recycling aus einem banalen 40er-Jahre-Bungalow entstandene Märchenschloss tief verwurzelt in der kalifornischen Tradition. Vor allem auf Julia Morgans maurisch inspirierte Bauten in der Bay Area verweist es, aber auch auf das von ihr in San Simeon errichtete Hearst Castle, das noch heute der Schreck braver Kulturtouristen ist. Gleichwohl erwies ihm Orson Welles Reverenz: Er machte das von ihm «Xanadu» genannte Castle zum Sitz von Citizen Kane. Welles, Morgan, Coleridge, sie alle standen letztlich Pate bei der Zauberwelt von Berkeley.

Ausgehend von Filmen und Geschichten, aber auch von Bildern findet somit das Ace-Team zu seiner erzählerischen Architektur. Doch nicht banale Bilder des Alltags, wie Venturi sie als «Zeichen des Lebens» einsetzt, zitieren sie, sondern phantastische Bilder einer märchenhaften Welt à la Disneyland. So entstehen an Verweisen reiche metaphorische Bauten mit künstlerischem Anspruch. Da diese nicht nur Architektur, sondern die Welt in ihrer ganzen Komplexität reflektieren, vermögen sie den Betrachter ebensosehr über den Intellekt wie über das Gefühl anzusprechen.

Wirkt schon das Äussere märchenhaft, so steigert sich die Verzauberung noch, wenn man die Eingangshalle mit dem sternenübersäten nachtblauen Mosaikfussboden betritt. Eine Stiege führt ins Turmgeschoss, zu den von Vierpass- und Spitzbogenfenstern erhellten Schlafzimmern und zur grossen Dachterrasse des Miradors. Ebenerdig hingegen betritt man den zur Küche hin offenen Wohnbereich, für den die beiden Architekten orientalisierende Möbel und Dekorationen entworfen haben. Zwischen Küche und Garage steigt man hinab ins Untergeschoss mit Schlafzimmer, Arbeitsraum und Spielzimmer und einem Zugang zur grossen, den Terrassengarten überblickenden Plattform.

Von hier erreicht man über eine Aussentreppe das obere, auch vom Wohnraum aus zugängliche Turmzimmer. Pleasure dome heisst - in Erinnerung an Coleridges «Kubla Khan» - dieser oktogonale Kuppelraum. Die haremartige Möblierung erinnert an persische Miniaturen, und man wähnt sich in einem orientalischen Gartenkiosk: Denn aus dem luftigen Zimmer mit dem bugförmigen Balkon schweift der Blick bis zur fernen Bay.


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