|
|
NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business Inhaltsverzeichnis
Selbstgewiss und furchtlos
Wie der schwedische Wallenberg-Clan in fünfter Generation mit Stiftungen, zähem Fleiss, politischem Gespür und freundlicher Härte sein Imperium verwaltet.
Von Fred David
Wir sitzen in der Cocktailbar des Stockholmer Grand Hôtel, der vornehmsten Herberge ganz Skandinaviens. Dom Pedro II., der Kaiser von Brasilien, ging hier ein und aus, Grace Kelly, Martin Luther King jr., Kofi Annan, die Liste der Prominenten ist lang. Seit 1968 gehört das Stockholmer Nobelhotel, wie so vieles in Schweden, der Familie Wallenberg. Leise bimmeln über uns die Kristallplättchen eines enormen Lüsters. An der gewölbten Saaldecke, einem Kirchenschiff ähnlich, albern Putten in Girlanden herum. Das sakrale Barockimitat passt zur gehobenen Atmosphäre. Am Desk liegen die Schlüssel für die hauseigenen Gefährte bereit. Der Hotelgast hat die Wahl zwischen einem kanariengelben Lamborghini, einem enzoroten Ferrari und einem mokkafarbenen Bentley. Wir stimmen uns ein auf das Gespräch mit «Number One» der Wallenbergs, Jacob II.
Die erste Annäherung erfolgt auf schweizerdeutsch: Die Senior Advisor to the Chairman ist Beatrice Engström-Bondy, Tochter des Zürcher Homme de lettres François Bondy und Schwester des Regisseurs Luc Bondy. Sie erzählt aus der Familiengeschichte der Wallenbergs, schränkt jedoch ein: Viel sei das nicht gerade. Sie selbst lerne ja immer noch dazu, obwohl sie die Wallenbergs nun schon seit vielen Jahren kenne. Number One ist jedenfalls nicht die korrekte Bezeichnung. In der Familie gilt das Prinzip «Primus inter pares». Und festzulegen, wer genau Erster unter Gleichen ist, ist bei den Wallenbergs heikel.
Den Schriftzug «Investor» am Eingang zu dem Gebäude am Arsenalsgatan 2 c übersieht man beinahe, so provozierend winzig macht er sich. Subtile Arroganz? Zurückhaltung nach aussen ist für die Wallenbergs erste Pflicht.
Die Beteiligungsgesellschaft hinter der prächtigen Altstadtfassade umfasst über 130 Unternehmen. Es ist die Kommandozentrale der Familie. Ihre Stiftungen halten 22 Prozent an Investor, was einem Wert von rund 4,5 Milliarden Franken entspricht. Der grosse Rest der Aktien ist breit gestreut. Aber den Wallenbergs kommt es auf die Stimmrechte an: Es sind fast 47 Prozent. Das schwedische Recht macht dies möglich. Dank Vorzugsaktien kontrollieren die Wallenbergs mit relativ geringen Eigenmitteln fast einen Drittel der Kapitals aller an der schwedischen Börse kotierten Unternehmen.
Nach fünf Generationen Herrschaft dieser Art erwartet man in der Schaltzentrale eine imposante Ahnengalerie. Das Ölportrait des Gründervaters ist jedoch die einzige Konzession an die Familientradition. Man achtet darauf, nicht verstaubt zu wirken. «Sich vom Alten zum Neuen zu bewegen, ist die einzige Tradition, die zu bewahren sich lohnt», kann man vom Grossvater des amtierenden Clanchefs lesen. Der Spruch von 1946 gilt bis heute als Hausmaxime. Im Hauptquartier herrscht die Atmosphäre einer amerikanischen Anwaltsfabrik, nur ist es sehr viel leiser. Gerade mal hundert Angestellte arbeiten hier. Man sagt, es seien die besten, die Schwedens Wirtschaft zu bieten habe.
Jacob II. empfängt unprätentiös und locker plaudernd, mit der unauffälligen Souveränität, die man wohl von klein auf mitbekommen muss. Wurde er zum Thronfolger erzogen? Der Chef meint lachend: «Überhaupt nicht.» Der Nachwuchs musste sich seine Position erkämpfen. Und kämpfen heisst im Hause Wallenberg tatsächlich: kämpfen. Der 54jährige Jacob II. ist Chairman von Investor. Sein gleichaltriger Cousin Marcus III. wacht als Präsident über die mächtige Skandinaviska Enskilda Bank (SEB) und über anderes mehr. Jacobs jüngerer Bruder Peter ist Präsident von FAM, einer unscheinbaren Familienstiftung, die in Schweden kaum jemand kennt, in der aber die Schlüsselbeteiligungen der Wallenbergs konzentriert sind. Wie subtil das permanente Ausbalancieren von Macht und Verantwortung in einer der ältesten und grössten Industriellenfamilien Europas ist, erschliesst sich nicht leicht. Nur die Wallenbergs wissen wirklich, wie ihr Konzern funktioniert. Und das erzählen sie nicht einfach so bei einer Tasse Tee.
Das war schon beim hyperaktiven Gründervater André Oscar Wallenberg so. Auf Fotos selbstgewiss wie ein alttestamentlicher Patriarch auf die Welt zu seinen Füssen blickend, liess er niemanden in seine Karten gucken. Ein Banquier, der mit ihm in verschiedenen Verwaltungsräten sass, sagte über ihn: «Sein Banner heisst Wohlstand, sein Schlachtruf Profit. Für sein Land hat er kein Quentchen Liebe übrig. Eigennutz ist ihm alles.» Das Zitat ist über hundert Jahre alt, und man muss lange nach solchen intimen Einschätzungen suchen. Strikte Diskretion, über Generationen gepflegt, trug dazu bei, dass aus dem Familiennamen auch ausserhalb Schwedens ein Mythos wurde. «Noch in der Generation meines Vaters wäre ein Gespräch mit einem ausländischen Journalisten überhaupt nicht in Frage gekommen», sagt Jacob II.
Den Artikel in «Business Week», auf den wir ihn ansprechen, hat auch er gelesen. Konzerne, in denen sich Familien eine starke Position bewahren konnten, wirtschaften deutlich besser als rein vom Management geführte Unternehmen, fanden die Amerikaner heraus. Die Kapitalrendite sei nachweisbar höher, die jährliche Gewinnsteigerung im Schnitt doppelt so hoch. Das Familienmodell sei tatsächlich wieder en vogue, sagt Wallenberg. «Aber nur, weil man die Statistik auf seiner Seite weiss, heisst das nicht, dass man das perfekte Modell hat. Wir haben unser eigenes Modell: Wir wollen aktive Besitzer sein. Und zwar auf sehr lange Sicht.» Die Wallenbergs regieren über Verwaltungsratsmandate und nehmen so Einfluss auf Strategie und Topmanagement grosser Konzerne. Jacob II. nennt sich Industrieller – eine Berufsbezeichnung, über die selbst seine angestellten Manager wahrscheinlich dezent die Nase rümpfen.
Die Bankenkrise haben die Wallenbergs schon einmal durchlebt. 1993 lief ihre Skandinaviska Enskilda Bank Gefahr, vom Staat übernommen zu werden, weil sich die Kapitaldecke plötzlich als zu dünn erwies. Daraus hat man gelernt. Die SEB kommt 2009 dank diesen früheren Erfahrungen besser durch die Krise als andere. Globale Krise hin, schwedischer Semi-Sozialismus her: «Auch in den nächsten hundert Jahren wird das Vermögen kontinuierlich wachsen», verspricht Jacob II. «Vor allem aber: Es wird zusammenbleiben.» Er sagt nicht unser, er sagt: das Vermögen. Und er sagt tatsächlich: in den nächsten hundert Jahren.
André Oscar, der Gründer, hätte am Ururenkel seine Freude. Der Urvater galt schon in jungen Jahren als exzentrischer Patron, der seine Söhne kurzhielt. Spross eines evangelischen Bischofs, gründete der 35jährige Kapitän zur See vor 153 Jahren die erste Geschäftsbank Schwedens – ohne jede Bankerfahrung. Heute sind die Skandinaviska Enskilda Bank und die Investor AB die uneinnehmbaren Bastionen der Wallenbergs.
«Wenn wir ein Geheimnis hüten, dann dies: Wir müssen arbeiten. Denn eigentlich haben wir kein Geld», sagt Jacob II. Diese Lektion zu lernen, sei für den Nachwuchs jeweils hart. Als Kind habe er seinen Vater, Peter I., einmal gefragt: «Warum arbeitest du so viel? Du bist doch ein Wallenberg.» Der antwortete: «Ich muss arbeiten, um jeden Morgen dein Frühstück auf den Tisch zu bringen.» Jacob II. hat die Lektion gelernt. «Meinen ersten Job bei der Bank erhielt ich, weil ich ein Wallenberg bin. Bei späteren Beförderungen war der Name dann von Nachteil.» Kein Vorgesetzter mochte sich die Blösse geben, den Sprössling vom Grand Chef zu protegieren. Das Understatement ist nicht allein mit der besonders nüchternen Ausprägung des schwedischen Protestantismus zu erklären. Dahinter steckt eine langfristige Familienstrategie – um den Preis, dass vielen das öffentliche Auftreten der Wallenbergs als biedermännisch erscheint. Man kann sie schon mal in einem Billigflieger wie Easyjet antreffen. Was verdient Jacob II. als oberster Chef des Hauses? «Zwischen ein und zwei Millionen Euro. Je nach Dotierung der Verwaltungsratsmandate.»
Locker könnten die weitverzweigten Wallenbergs vom Erbe zehren und etwa mit dem Milliardenerben Ernesto Bertarelli um die hundert Millionen Franken teure Ehre des America’s Cup segeln. Finanziell wäre das kein Problem, fachlich sowieso nicht: Der Konzerngründer war von Beruf Kapitän, und Hochseesegeln gehört bis heute zum Pflichtprogramm des männlichen Nachwuchses. Auch Jacob II. war Marineoffizier der Reserve. Die Grundausbildung erlebte er als grauenhaft. Einen Wallenberg x-mal über die Kampfbahn zu hetzen, ist für jeden Korporal verlockend. Nebenher ist er Präsident des Königlichen Segelclubs, im Seefahrerland Schweden ein Amt von hohem Prestige.
Aber wo sind denn nun all die Milliarden? Und wie gelang es den Wallenbergs, während fünf Generationen die operative Kontrolle über ihren Reichtum zu behalten, statt einfach nur reich zu sein wie andere Erben alter Industrievermögen? Jacob II. reisst ein kariertes Blatt vom Notizblock und skizziert in groben Strichen ein Familienvermögen von elf Milliarden Franken auf den Zettel. Beim Malen der vielen Kästchen und Querverbindungen sagt er, ein Wallenberg müsse die Fähigkeit haben, nachts durchzuschlafen, permanenten Druck auszuhalten – und vor allem: damit glücklich zu sein. Dass Jacob Wallenberg gut schläft, ist nicht zu bezweifeln. Jedenfalls scheint er unter der Last der Verantwortung nicht zu leiden. Die zelebrierte Nonchalance hat System. Die Wallenbergs besitzen zwar ihre eigenen Jagdreviere, sie jetten zum Helikopterskiing in die USA, unterhalten ihre Jachten, haben ihre Maseratis und Lamborghinis in den Garagen stehen. Aber sie reden nie darüber. Private Fotos und TV-Berichte gibt es kaum. In der Öffentlichkeit fallen sie nicht auf, am ehesten noch Jacobs Bruder Peter II., der Jüngste in der Führungstroika, ein munterer Lebemann, dem die Schweden den Übernamen «Poker» gegeben haben. Er führt als Präsident das familieneigene Grand Hôtel und seit kurzem auch das Präsidium über die FAM-Stiftung, die Managementholding aller Wallenberg-Stiftungen. Seinem Ruf zum Trotz führt «Poker» die stabilste Beziehung von allen Wallenbergs. Er ist nicht verheiratet, lebt aber seit vielen Jahren mit der gleichen Frau zusammen, während sein Vater Peter I. sich dreimal scheiden liess, Bruder Jacob gerade erst im letzten Jahr, und auch Cousin Marcus mit neun Kindern ist scheidungserfahren.
«High life, low profile», lautet das Hausgesetz. Das erfuhr auch die wichtigste schwedische Tageszeitung, «Svenska Dagbladet», die bis vor einigen Jahren der unauffälligen, aber spürbaren Kontrolle der Wallenbergs unterstand. Ein Chefredaktor bekam vom heute 83jährigen Senior Peter I., Ingenieur und zwei Jahrzehnte lang Hauschef, zu hören: «Ein Chefredaktor, der seine Leute nicht wissen lassen kann, wem die Zeitung gehört, sollte nicht Chefredaktor sein.» Solche Direktiven dringen kaum je nach aussen, zum Frust aller schwedischen Wirtschafts- und Gesellschaftsjournalisten. Die Villen der Wallenbergs kennt man in Schweden nicht, und von den Vorfahren weiss man wenig. Von einem ist bekannt, dass er sich im Jahr einen Anzug schneidern liess. Ein anderer wechselte immerhin zweimal die Jackenfarbe: im Winter schwarz, vom 29. Mai an grau.
Knut Agathon Wallenberg, ein Sohn André Oscars (der Stammvater zeugte 19 eheliche und mindestens 3 uneheliche Kinder), schlug als einer der wenigen aus der Reihe. Als Banquier, später als Aussenminister Schwedens (1914 bis 1917), liess er Täcka Udden auf der Insel Djurgården bei Stockholm erbauen, einen repräsentativen Familiensitz, in dessen Privatgemächern Schwedens Regierung heute öfter Staatsbesucher einquartiert. Mehrmals zu Gast war der US-Aussenminister Henry Kissinger, der offenliess, ob er Schweden oder die Wallenbergs besuchte. Er ist ein enger Freund der Familie.
Die Wallenbergs gelten als einer der international am besten vernetzten Familienclans. Ihr Netz ist über Jahrzehnte gewachsen. Mit grossem Zeitaufwand wird es systematisch gepflegt und weiterentwickelt: ein unbezahlbarer Wert für die eigenen Unternehmen, aber auch für das Land. Man gibt, man nimmt. Mit systematischem Networking hat schon Knut, der Aussenminister, begonnen. Seinen Gästen erzählte er gern, sein Vater, der Gründer, habe ihm als Knaben 25 Öre wöchentliches Taschengeld zugestanden. Es wurde erwartet, dass er einen Teil davon sparte.
Zwei seiner Brüder, Axel und Gustaf, wurden Botschafter, der eine in Japan, der andere in Washington. In den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs beherrschte der Clan nicht nur einen beträchtlichen Teil der Wirtschaft, er bestimmte auch massgeblich die Aussenpolitik Schwedens. Es waren die entscheidenden Jahre, in denen die Wallenbergs ihre Vormachtstellung zementierten.
Das Geheimnis des Langzeiterfolgs ist die 1917 geschaffene Knut-und-Alice-Wallenberg-Stiftung. Knut hatte selber keine Kinder, und er fürchtete, dass die Erben das inzwischen beträchtliche Vermögen plündern könnten. Dem schob er mit seiner Stiftung ein für alle Mal einen Riegel vor. Die Stiftungen – heute sind es drei grosse mit Assets von elf Milliarden Franken – halten den strategischen Teil der Aktien. Die Erben können damit arbeiten. Sie kommen an die Bienen und ihre Waben heran. Nicht aber an den Honig.
Etwa ein Fünftel von Investor entfällt auf Private Equity. Das ist die schnelle Eingreiftruppe der Wallenbergs auf allen Weltmärkten. In einer robusten Symbiose werden diese Beteiligungen durch solides Industrievermögen ergänzt, das gleichfalls laufend umgebaut wird. Die grösste Beteiligung mit einem Wert von etwa 3,2 Milliarden Franken ist ABB (Anlagenbau, Kraftwerke). Weitere sind derzeit SKF (Technologiekonglomerat); SAS (Fluggesellschaft); StoraEnso (Holz und Papier); Atlas Copco (Baumaschinen), Ericsson (Elektronik); Saab (Rüstung); Gambro (Medizintechnik); Husqvarna, Electrolux (Maschinen, Haushaltgeräte); Lindorff (Kreditvermittler); Astra Zeneca (Pharma); Mölnlycke, Caridian (Gesundheit).
Eine derartige wirtschaftliche Machtballung in einem einzigen Clan kennt ausser Schweden kein anderes europäisches Land. Die Stiftungen sind den Wallenbergs heilig als steuersparende, gemeinnützige Institutionen und als patente Herrschaftsinstrumente. Gemeinnutz, anders als schierer Milliardenbesitz, ist gesellschaftsfähig. Die geniale Konstruktion hielt Wirtschaftskrisen, Kriegen und dem Globalisierungsdruck stand. Die Satzung schreibt vor, dass der Ertrag der Stiftungen – jährlich etwa 140 Millionen Franken – in Bildung und Wissenschaft investiert werden muss, ausschliesslich in Schweden und hauptsächlich in Hirn- und Stammzellenforschung, Bioenergie und Automatisierung. Das ist Mäzenatentum mit strategischem Hintersinn. Im Lauf der Jahrzehnte kamen so Milliardenbeträge zusammen, und die seit Jahrzehnten mit wenigen Pausen regierenden Sozialdemokraten waren zufrieden und liessen die Familie machen. Sie wussten: So bleiben wichtige Industrien im Land und unter schwedischer Kontrolle.
Das Arrangement ist intimer, als es nach aussen scheint. Beim «ewigen Finanzminister» Gunnar Sträng (1955–1976) und beim Ministerpräsidenten Tage Erlander, der Schweden 23 Jahre lang mehr beherrschte als regierte (bis 1969), platzte der damalige Hauschef und Banquier Marcus II. häufig unangemeldet ins Büro. Erlander kommentierte die Zweckgemeinschaft von Sozialisten und Kapitalisten ironisch: Die Militärs hätten den besten Geheimdienst – nach dem Vatikan und den Banken. Er hielt sich, natürlich, an die Banken der Wallenbergs.
Die Schweden wissen, was sie an «der Familie» haben. Und «die Familie» weiss, was sie am schwedischen Staat hat. Andere Reiche tun sich entschieden schwerer mit dem Staat, das heisst mit dem schwedischen Steuersystem. Lisbeth Rausing, milliardenschwere Erbin des schwedischen Tetrapak-Konzerns, floh vor dem Fiskus nach London. Igvar Kamprad, Gründer und Hauptaktionär von Ikea, lebt seit Jahren als Steuerasylant im Westschweizer Exil. Die Wallenbergs lösen das Steuerproblem eleganter, indem sie ihre persönlichen Einkommen in nachweislich bescheidenen Grenzen halten und ohne Privilegien versteuern.
Am Beispiel ABB lassen sich die Arbeitsweise und der Durchsetzungswille des Clans beschreiben. Der schweizerisch-schwedische Konzern geriet vor neun Jahren in existentielle Schwierigkeiten. Obwohl die Wallenbergs via Investor nur acht Prozent kontrollieren, spielen sie seit Jahrzehnten eine dominante Rolle im Konzern. Das bekam der Schweizer Financier Martin Ebner zu spüren. Er wollte die Macht der Wallenbergs brechen, indem er neben seiner zehnprozentigen ABB-Beteiligung auch ein grösseres Paket an Investor-Aktien schnürte. Auf ihrem eigenen Territorium griff er die Wallenbergs an. Das hätte er besser lassen sollen. Der Schweizer unterschätzte die Schweden als verknöcherte Truppe, mit der er leichtes Spiel haben würde. Die Wallenbergs gewannen den Machtkampf, weil sie auch in turbulenten Zeiten standhaft blieben. Sie retteten letztlich ABB. Ebner zog den Kürzeren, weil er nur als Financier dachte und handelte, weil er abhängig von den Launen der Finanzmärkte war und mit fremdem Geld operierte. Ebner musste sich sowohl bei ABB wie bei Investor vollständig zurückziehen. Der Kampf um ABB war exemplarisch. Financiers kommen und gehen. Die Wallenbergs bleiben. Selbst wenn ihnen wie bei ABB auch Fehler unterlaufen.
Das ABB-Portefeuille unterstand nicht Jacob II., sondern seinem Vater Peter I. Der verliess sich zu stark auf seinen engsten Vertrauten Percy Barnevik, der die schweizerisch-schwedische Elektrofirma in atemraubendem Tempo zu einem globalen Technologiekonzern umbaute und dabei an den finanziellen Abgrund führte. «Percy war sehr ambitiös, hatte immer sehr viele Eisen gleichzeitig im Feuer. Damit erweckte er zu grosse Erwartungen im Markt, die letztlich nicht erfüllt wurden», räumt Jacob II. ein. Und eine «besondere Situation» nennt er die exorbitante Pension, die Barnevik nach seinem Abgang kassieren wollte. Das lässt sich so sagen, denn es ging weniger um eine «Pension» – das war nur die steuermildernde Bezeichnung für normale Ansprüche –, und des weiteren hätte Barnevik Bezüge von 250 Millionen Franken einklagen können. Das zuständige Zürcher Gericht hätte sie ihm zusprechen müssen. Er begnügte sich schliesslich mit 74 Millionen. Verantwortlich war Peter I., der seit 1992 ohne lange nachzufragen über zwanzig Agreements unterschrieben hatte. Das Verhältnis zu Barnevik, dem einst besten Freund der Familie, hat sich seither stark abgekühlt.
Selbst in der heftigsten Stressphase im Jahr 2002, als es um Sein oder Nichtsein von ABB ging, behielten die Wallenbergs die Nerven. Sie dachten nicht daran, sich von ihrer strategischen Beteiligung zu trennen. Ebner hingegen nutzte sein Wissen und machte Kasse. Die Wallenbergs beobachteten dies aus der Reserve und wunderten sich über das Schweigen von Medien und Justiz in der Schweiz. Sie beförderten Jürgen Dormann zunächst gegen seinen Willen an die ABB-Spitze. Dass ihr einstiger Protégé heute bei Sulzer für Wictor Wekselberg die Kastanien aus dem Feuer holt, kommentiert Jacob Wallenberg bloss mit einem leichten Zucken der Mundwinkel. Nach unten.
Das Hantieren der Wallenbergs mit strategischen Minderheiten geht, wie im Fall ABB, häufig auf: Kapitaleinsatz nur so viel wie nötig, Stimmrechte so viele wie möglich, um auf personelle und strategische Entscheidungen direkt Einfluss nehmen zu können. Zugleich ist das aber auch ihre verwundbare Stelle: Das Splitting von Kapital und Stimmrechten war innerhalb der EU immer wieder stark umstritten. Man strebte eine «One share one vote»-Regelung für die ganze Union an. Logisch, dass Jacob II. dem zuständigen EU-Kommissar einen Besuch abstattete. Für die Familie könnte dies zum existentiellen Knackpunkt werden. Aber solche gab es in der Vergangenheit schon viele. Man ist damit fertig geworden. Inzwischen ist das Splitting von der EU-Traktandenliste verschwunden.
Die wirtschaftliche Dominanz der Wallenbergs bewahrte Schweden in der Vergangenheit davor, wesentliche Teile der Wirtschaft in die Hände ausländischer Investoren geben zu müssen. Das Zusammenspiel funktioniert aber nur, solange es beiden Seiten nützt: dem Land und der Familie. Diese wohl einmalige Symbiose zwischen Grosskapital und sozialdemokratisch geprägtem Staat lässt sich auf allen Gebieten beobachten, auf denen die Wallenbergs aktiv sind. Allerdings sind die Drähte zur Regierung nicht mehr so direkt wie zu Zeiten von Marcus II., der unangemeldet beim Regierungschef hereinspazieren durfte. Erstaunlich ist, dass die derzeit regierenden Konservativen mehr Distanz zu den Wallenbergs halten als zuvor die Sozialdemokraten. Das Verhältnis ist nicht unterkühlt, aber stark abgekühlt.
Auch die Zuneigung der schwedischen Öffentlichkeit zur Familie bleibt begrenzt. Es gibt im ganzen Land keinen Park, keinen Platz, kein Gebäude, das nach einem Wallenberg benannt wäre. Nicht einmal in der Stockholmer Oper hängt ein Schild, obwohl die Familie den Prunkbau mit ihrem Geld erst ermöglicht hat, wie auch das bombastische Stadshus, das Rathaus. 1993 bezahlten die Wallenbergs ausserdem das private Hallenschwimmbad der Königsfamilie auf Schloss Drottningholm; man ist deren Vermögensverwalter. Im Haushalt der Royals war kein Budgetposten frei, und der Staat zeigte keine Lust, den Badespass der Majestäten zu bezahlen. Man gibt, man nimmt. Das Volk sieht meist nur das Nehmen und schmollt.
Bewundert werden die Wallenbergs hingegen für ihre dynamische Rolle bei der Industrialisierung Schwedens. So steht es in den Schulbüchern. Was nicht so genau drinsteht: wie das Wallenbergsche Industrievermögen seinen entscheidenden Schub bekam. Das war in den frühen 1930er Jahren, als sich der Grossspekulant Ivar Kreuger in einem Hotelzimmer in Paris erschoss. Mit seinem weltweiten Streichholzimperium Svenska Tändsticks hatte er eine gigantische Luftnummer aufgebaut und Anleger im grossen Stil geprellt. Übrig blieb ein chaotischer Haufen an saftigen Industriebeteiligungen, an dem sich, neben anderen, die Wallenbergs preisgünstig bedienten. Das Gleiche war schon 1877 gelungen, als Schweden in eine scharfe Rezession geraten war und viele Unternehmen günstig zum Verkauf standen.
In Stockholm trägt nur gerade ein winziges Strassenschild den Namen eines Wallenberg, und erst noch eines aus der Art geschlagenen: Raul, ein zweiter Cousin von Jacobs Grossvater. Der junge Diplomat rettete im Zweiten Weltkrieg in Budapest mit der eigenmächtigen Ausgabe von Schutzpässen Tausenden Juden das Leben. Er starb vermutlich im Gefängnis der berüchtigten Moskauer Lubjanka, dem Sitz des KGB. Jedenfalls wurde er am 17. Juli 1947 in der Zelle 203 zuletzt lebend gesehen. Verhaftete ungarische Nazi-Kollaborateure hatten Raul fälschlich bei den Russen als Spion denunziert. Jahrzehntelang täuschte Moskau die Familie über Rauls Schicksal. Auch von Ministerpräsident Putin gab es nur Bedauern, aber keine definitive Antwort. Bis heute hat Schwedens Regierung Raul nicht für tot erklärt. Sein über die Jahre angehäuftes Erbe konnte daher nie verteilt werden. Das betrifft unter anderem seine Halbnichte Nane Maria. Sie ist die Ehefrau des ehemaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan.
Ein weiterer Schicksalsschlag erschütterte die Wallenbergs 1971. Als sich der 47jährige «Kronprinz» Marc Wallenberg, «Boy-Boy» genannt (der Sohn von Marcus II., Vater von Marcus III. und Onkel von Jacob II.), in einem verschneiten Wald bei Stockholm ins Herz schoss, liess die Familie Tage verstreichen, bevor sie den Tod bekanntgab. Die Todesumstände schienen mysteriös, finstere Gerüchte machten die Runde, die Aktienkurse an der schwedischen Börse sackten ab. Der vom despotischen Vater Marcus II. erzeugte Erwartungsdruck dürfte letztlich schuld am Suizid gewesen sein. Vom Patriarchen der dritten Generation ist die knochentrockene Maxime überliefert: «Ich lese keine Bücher. Ich führe sie.»
Trotz ihrer Bedeutung für die schwedische Wirtschaft wirken die jüngeren Wallenbergs vergleichsweise unbeschwert. Einmal im Jahr, immer am 29. Mai, lädt die Familie siebzig Gäste auf Täcka Udden zum Dinner. Vor drei Jahren durfte erstmals ein schwedisches TV-Team drehen. So erfuhr man, dass die zahlreichen Nachkommen unehelicher Halbgeschwister nie eingeladen werden. Aber auch längst nicht alle politisch korrekt geborenen Verwandten.
Natürliche Selektion gehört zum hauseigenen Führungsstil. Nur nach Geburt wird bei den Wallenbergs keiner die Nummer eins. Das hat auch Jacob II. seinem Nachwuchs schon frühzeitig klargemacht. Vor etwa zwanzig Jahren verständigten sich die jahrelang rivalisierenden Stammhalter der fünften Generation, Jacob II. und Marcus III., auf einen Waffenstillstand. «Wir sind sehr gute Freunde geworden und gehen sogar gemeinsam auf die Jagd», beteuert Jacob heute. Es klingt wie: Seht her, wir schiessen nicht mehr aufeinander.
Haben sie schon mit ihren Kindern – Jacob hat drei, Marcus neun jeweils im Alter von 15 bis 21 Jahren – über die Erbfolge diskutiert? «Nein.» Den Kampf um die Topposition muss der Nachwuchs selbst ausfechten. Das wird im Haus Wallenberg so erwartet. Die Dynastie, das jedenfalls steht fest, ist auch in der sechsten Generation gesichert.
Fred David ist freier Journalist; er lebt in St. Gallen.
Richtigstellung Wie Martin Ebner uns mitteilt, unterstellt eine Formulierung im Artikel über die Familie Wallenberg – «Ebner hingegen nutzte sein Wissen und machte Kasse» – Herrn Ebner tatsachenwidrig unlauteres Verhalten im Zusammenhang mit der Beteiligung der BZ Gruppe Holding an der ABB. Wir bedauern dies und entschuldigen uns in aller Form. Die Redaktion
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|