NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Triiche und z Grund gah

Jugend in einem Walliser Bergdorf.

Von Ursula von Arx

ERSCHMATT TEILT MINDESTENS zwei Probleme mit Rakoko: Kaum Wasser im Sommer, und fast niemand - selbst der Kondukteur der SBB nicht - weiss, wo es liegt. Erschmatt liegt 4.49 Zugstunden von Zürich und viele tausend Kilometer von Rakoko entfernt in den Leuker Sonnenbergen. Und dieser Name hält, was er verspricht: Wegen zuwenig Wasser mussten alle Pläne für grössere Tourismusprojekte in der trockenen Erde begraben werden. Es gibt in den ausgebauten Dachstöcken für wenig Geld Zimmer zu mieten, geräumig wie kleine Wohnungen, mit Balkon zur Sonne und einem Schild an der Dusche, dass man nicht zuviel Wasser verbrauchen solle.

Wenige Postautominuten von Erschmatt entfernt liegt die Gemeinde Bratsch. Darf man den jungen Erschmatter Stimmen trauen (sie klingen glaubwürdig), so sprechen die Bratscher nicht nur einen komischen Dialekt, der noch viel unverständlicher als derjenige der Erschmatter sein soll, sie sind auch verschlossen. «Z Grund gah» heisst auf erschmattisch «ins Tal gehen». Im Tal, rund eine Eisenbahnstunde entfernt, liegt die hektische Grossstadt Brig, bevölkert von 11 558 arroganten, gestressten Menschen, die wieder einen anderen Dialekt sprechen. Dann beginnt im Süden Italien und im Norden die Ausserschweiz, wo die Gegner des Seriencupsiegers FC Sion hausen.

Steht man am Tor der Kirche Erschmatts an einem der unzähligen Sonnentage und geht etwas herum, so sieht man folgendes: eine grandiose Aussicht z Grund in matten Grün-, warmen Braun- und allen möglichen Graublauschattierungen, dann den Primo-Konsum zwanzig Schritte über die Strasse und den Friedhof wenige Schritte weiter, gespickt mit überdachten Kreuzen, unter denen die Familien Inderkummen, Meichtry, Tscherry, Schnyder, Steiner, Hugo begraben liegen, daneben die Postautohaltestelle. Es folgen die einzige Beiz, das «Bergheim», und die Post, alles zu Fuss in zwei bis drei Minuten erreichbar. Von unserem Aussichtspunkt aus kann ausserdem in der Totalen beobachtet werden, was man sonst immer nur ausschnittweise sieht - Autofahrten, von Anfang bis Ende: Motor anlassen vor der Mehrzweckhalle (10 Sekunden), Fahrt zur heimischen Garage (30 Sekunden), Parkieren (15 Sekunden).

Man sieht überhaupt alles in Erschmatt, und wenn man es nicht sieht, dann hört man es. Es ist unmöglich, niemandem über den Weg zu laufen. So sind Erschmatter Menschen fast ohne Geheimnisse; Gerüchte allerdings machen schnell die Runde: «Gehst du mit einem Jungen zu zweit durch die Strassen, so weiss es die Mutter, bevor du zu Hause bist.» Somit erklärt sich auch, warum in Erschmatt selbst kleinste Distanzen mit dem Auto zurückgelegt werden. Das Auto ist der Garant der Freiheit, z Grund gehen zu können. Wobei der Erschmatter auch da nicht augen- und ohrenlos ist. In Brig und Siders, im «Go Crazy», einer Disco, drängen sich die jüngeren Oberwalliser: «Sie können sich über nichts anderes unterhalten als über Frauen . . . wie sie sind und so weiter . . . und das ist es dann auch schon . . .» Ausserdem fährt man aus Automangel und Geselligkeit zu siebt oder sechst. (Die Verschlossenheit der Bratscher wird unter anderem damit begründet, dass man sie oft allein spazieren sehe.)

Die Enge und dass alles - vom Laden bis zur Beiz - nur einmal vorhanden ist, führt zu einem überraschend harmonischen Umgang der Generationen: Eltern, Grosseltern und Pubertierende trinken in der gleichen Beiz und sitzen in der Blasmusik Stuhl an Stuhl - eine Szene, die man in einigen Gegenden der Ausserschweiz entweder als Albtraum oder als jenen utopischen Zustand bezeichnen würde, wo sich Tiger neben Ente und Löwe neben Lamm kauert.

Die Erschmatter Jugendlichen nehmen die Unmöglichkeit, unbeobachtet zu sein, so selbstverständlich hin wie die Religion. Man ist katholisch. Zur Messe am Palmsamstag ist die St.-Michaels-Kirche übervoll - nicht nur von alten Leuten. Rund hundertzehn von dreihundertsiebzehn Einwohner sind eine stolze Quote für die Heilige katholische Kirche. Würde anderswo, zum Beispiel in Zürich, eine ähnliche Quote erreicht, würden regelmässig zur Messezeit 120 000 Menschen den Verkehr in ein Chaos verwandeln.

Das Gemeindemitglied, das aus der Bibel vorliest, braucht Mut. Die Kritik der Zuhörer am Lesestil ist hart und unbarmherzig. Viele fürchten sie und drücken sich deshalb. Kritisiert wurde anfangs auch der Pfarrer, weil er zu kurze Predigten halte. «Inzwischen beschweren sich die gleichen Leute, wenn er einmal eine Ausnahme macht und ausführlicher wird.» Regelmässiger Kirchgang bedeutet allerdings nicht Nibelungentreue dem Heiligen Vater gegenüber: «Ich gehe praktisch jeden Sonntag in die Kirche», sagt der 18jährige Schüler Florian Tscherry, «sie ist für mich ein Orientierungspunkt. Mit dem Papst bin ich allerdings in vielen Fragen, zum Beispiel was Verhütungsmittel betrifft, nicht einverstanden.» Oder eine Gleichaltrige: «Der Glaube gibt mir Kraft. Ich bete jeden Abend: <Maria mit dem Kinde lieb, uns allen Deinen Segen gib.> Manchmal vergesse ich mein Nachtgebet allerdings auch.»

«DIE WALLISER - DICHTUNG UND WAHRHEIT», das Buch des Walliser Schriftstellers Maurice Chappaz, schildert die Natur des Wallisers so: «Man stellt sich nicht vor, wie sehr der Walliser ein Wesen voller Kontraste ist. Sein Ungestüm, seine Gewalttätigkeit: sein inneres Geheimnis. Wankt hin, wankt her. Sehnt sich nach dem Absoluten. Säuft.» Wenigstens letzteres lässt sich bestätigen, leichter als die darauffolgende Passage: «Sein Humor, das hiesse, den Gendarmen in den Hosensack scheissen oder die Grenzer dazu einzuladen, ihre eigenen Wolfshunde zu verspeisen, oder ganz einfach jemanden zu verprügeln.»

Das Wallis ist ein Weinbaugebiet; es sorgt auch gleich für den Absatz. Auf die Frage, was muss ein richtiger Mann können, antworteten alle männlichen Jugendlichen einstimmig: «Triiche!» (ausserschweizerisch: «Suufe!»). Auf die Ergänzungsfrage, was ein richtiger Erschmatter tun müsse, war die Antwort: Der müsse an den fasnächtlichen Maskenläufen mitmachen. Dazu ziehe man sich ein Fetzenkostüm an und gehe von Haus zu Haus und lasse sich einschenken: «Und wenn du am Schluss nicht mehr stehen kannst, dann bist du ein richtiger Erschmatter!»

Das Trinken trägt zur Offenheit der Erschmatter bei. Silvio Tscherry, 22jährig, Landmaschinenmechaniker und Registerleiter in der Blasmusik, Chef der Trompeten: «Ich bin eher ein Stiller, aber wenn ich ein Schlückchen zuviel trinke, bin ich ein anderer Mensch, sagen die anderen. Wenn wir im Ausgang sind, machen wir jeweils kleine Spielchen. Kollege A geht zu einer Frau und sagt, sie solle Kollege B den Kopf verdrehen, natürlich nur zum Spass. Einmal, ich war ziemlich betrunken, fiel ich darauf herein. Ich muss ziemlich anzüglich geworden sein. Denn die Frau machte sich fluchtartig davon. Husch, und weg war sie.»

DEM TRINKEN verdankt sich auch die Entstehung des Blasmusikvereins Enzian. An der «Burgertriichi», einem Brauch, der immer am Fronleichnamstag gepflegt wird, wird ungeheuer viel getrunken, und es werden ungeheuer viele Reden gehalten. (Erschmatter, nicht maulfaul wie die Bratscher, sind ziemlich gute Redner.) Gefällt ein Vorschlag, der hier gemacht wird, wird gehandelt: Viele Vereine und die Raiffeisenkasse verdanken einer mitreissenden Rede ihre Existenz.

Der ehemalige Präsident der Blasmusik, Amandus Steiner: «Nachdem am Vormittag die ganze Bevölkerung den Herrgottstag gefeiert hatte, versammelte sich am Nachmittag des Jahres 1964 eine prächtige Schar Männer und Jungmänner zum üblichen Trunk im Schulhaus. Unter den Rednern befand sich auch Messerli Adolf, der bei dieser Gelegenheit den Versammelten vorschlug, eine Blasmusik zu gründen. Sein Vorstoss fand rege Anerkennung. Einige Zeit später fand die Gründungsversammlung statt. Der erste Auftritt erfolgte im darauffolgenden Jahr.»

In Erschmatt gibt es auf die 317 Seelen sechzehn Vereine, darunter den Tambourenverein, die Blasmusik, die Fasnachtsgesellschaft, den Mütterverein, den Jägerverein, den Jugendverein, den Feuerwehrverein und den Verein der Schafzüchter. Dabei weist der Jägerverein stolz darauf hin, dass Bratsch und Erschmatt, prozentual zur Bevölkerung gesehen, die grösste Jägerdichte der Schweiz zu verzeichnen haben. Dies sei ein Zeichen für die Naturverbundenheit des Volkes. Fast niemand, der nicht in einem Verein engagiert ist, die meisten sind es in mehreren. Vereinslosigkeit ist in Erschmatt der gesellschaftliche Tod. Wer in der Blasmusik ist, verbringt da wöchentlich mindestens zwei Abende. Es ist eine Bindung fast fürs ganze Leben. Florian Tscherry sagt: «Mein ehemaliger Nachbar lebte und arbeitete in Zürich, jedes Wochenende kam er zur Musikprobe nach Hause, während zwölf Jahren. Jetzt ist er 32 und verheiratet.» Bei der Blasmusik erhalten jene Mitglieder, die bei mehr als neunzig Prozent aller Proben dabei sind, einen Zinnbecher. Sabine Hugo hat mit achtzehn Jahren schon fünf davon: «Also bin ich seit fünf Jahren dabei.»

Die Blasmusik Enzian steht in Konkurrenz zum Tambourenverein Edelweiss: Bitter wird von «Enzian» bemerkt, dass «Edelweiss» die Mitglieder schon mit sechs Jahren rekrutiere, während «Enzian» erst viel später zugreifen könne, da es in der Blasmusik auch die Fähigkeit zum Notenlesen brauche. Klar ist die Mitgliedschaft beim Schäferverein: Nur wer mindestens ein Schaf besitzt, wird zugelassen. «Der Schäferverein betreibt die Züchtung des Schwarznasenschafs und trägt damit zu dessen Erhaltung bei.» Schafhalten (laut dem Präsidenten «eine Tätigkeit, welche von aussen gesehen als eher -still? eingestuft werden kann») ist allerdings kein Beruf, sondern ein Hobby. Nur ein einziger Bauer in Erschmatt lebt voll von der Landwirtschaft, viele gehen z Grund zur Arbeit, etwa bei der Alusuisse-Lonza in Visp, in Chippis oder in Steg.

Die Arbeitslosigkeit im Wallis ist ein Problem. «Was die allgemeine Lage betrifft, bin ich pessimistisch, was meine persönliche Lage betrifft, nicht», sagt die 18jährige Schülerin Michaela Schnyder. Die Leute, die über die Studenten fluchen, versteht sie allerdings nicht: «Wenn man ja sowieso keine Arbeit findet, ist es doch besser zu studieren als auf der Strasse zu stehen und Arbeitslosengeld zu beziehen.»

NUR VON LUFT UND LIEBE leben zu müssen ist in Erschmatt eher schwierig. Die Luft steigt vom Tal auf - mit allem, was Brig, Lonza, Visp usw. ausgeatmet und verbrannt haben. Die Liebe? Sie ist - wie in Rakoko und dem Rest der Welt - ein Problem. Aber es wird auch hier daran gearbeitet. Das Schwierigste ist das Kennenlernen. Wie spricht man an, wie will man angesprochen werden? Und wie merkt man in der Disco, dass nicht Kollege B eine Agentin auf einen angesetzt hat? Eine 18jährige: «Männer haben keine Phantasie. Ewig dieses <Hast du eine Zigarette?>» Ein Kollege dazu: «Gott sei Dank rauchen viele. Wie spricht man nur Nichtraucherinnen an?» Ich frage nach: «Wie willst du denn angesprochen werden?» Sie: «Rund um dich tanzen sie, es ist laut, allen scheint es gut zu gehen. Nur du sitzt total deprimiert da. Da kommt einer, stellt dir ein Bier hin, lächelt und verschwindet wieder. Das ist das Beste, was mir je passiert ist.»

Mit der Zigarettenfrage angesprochen zu werden ist ein leichtes Schicksal, verglichen mit den Schwierigkeiten, die Männer zu bewältigen haben. Einmal tragen sie das Risiko des Anmachens, und um dieses zu verkleinern, plädieren sie für Gleichberechtigung: «Frauen sollten auch einmal etwas sagen. Vor allem beim Kennenlernen hätte ich nichts dagegen. Da müssen immer wir den ersten Schritt machen». Und zusätzlich werden die Männer von paradoxen Wünschen hin und her gerissen: «Was muss eine richtige Frau tun?» - «Claudia Schiffer und Stephanie Berger gefallen mir. Meine Frau dürfte nicht zu sehr auffallen. Ich will keine angemalte Puppe.» - «Also doch nicht die Schiffer?» - «Claudia müsste sich eben anpassen.» Silvio, dessen Humor so trocken ist, wie seine Ansichten konservativ sind, findet nicht nur Zustimmung: «Sehr witzig. Ich finde Frauen gut, die sich nicht anpassen. Eine gute Frau hat eine eigene Meinung, sie kann sich durchsetzen, und sie ist initiativ.»

Ob fortschrittlich oder nicht, die Erschmatter Buben sind besser als ihr Ruf: «Wir sind alle um die zwanzig, aber noch hat keiner eine Freundin. Wir sind eben nicht die grossen Aufreissertypen.» Dabei geht es so einfach. Sabine, sie arbeitet als Coiffeuse in Siders, hat ihren Freund an der Fasnacht kennengelernt, in Brig. «Er machte Guggenmusik, ich tanzte, er tanzte. Er sprach mich an: <Wie heisst Du?> - <Sabine.> - Das war alles. Am anderen Morgen erzählte mir meine Kollegin, dass er sie um meine Telefonnummer gebeten habe. Ich sagte: <Du kannst sie ihm geben.>» Seit einer Woche sind sie zusammen.

Es gibt auch Geschichten, die weniger geradlinig verlaufen: «In meinem Zimmer hängt der Spruch <Die höchste Hoffnung ist überwundene Verzweiflung>. Obwohl ich schon mehrfach verarscht worden bin, habe ich die Männerwelt noch nicht ganz aufgegeben. Mein letzter Freund nahm Drogen, er dealte, lebte auf der Strasse. Ich gab fast alles für ihn auf, sogar meine Familie. Mein Vater verbot mir den Umgang mit ihm, also riss ich von zu Hause aus. Als ich dreizehn war, starb meine Mutter an Krebs, und das war schrecklich. Vor allem das Mitleid ertrug ich schlecht. Nach einem Monat haben die anderen alles vergessen, aber in dir ist ein riesiges Loch.

Von meinem Freund fühlte ich mich damals verstanden, er hat auch viel erlebt, und das verbindet. Er tat mir weh, indem er sich selber kaputt machte. Als er mich hängenliess, hatte ich nichts mehr. Mit meinem Vater habe ich mich inzwischen versöhnt, er versuchte immer, die Familie zusammenzuhalten, und ist überhaupt der liebste Papa der Welt, und auf mein Brüderchen lasse ich sowieso nichts kommen. Wenn ich mich heute an einem Abend gleich mit mehreren Typen herumtreibe, ist das eine Form von Rache für alle vergangenen und zukünftigen Schmerzen. Ich suche auf diese Weise Selbstbestätigung. Wobei ich genau weiss, wie weit ich gehen will: Ich habe noch nie mit jemandem geschlafen, denn das kann ich nur einmal geben. Mein Ruf ist trotzdem schlecht. Erschmatt ist ein kleines Dorf, in dem sehr viel geredet wird. Aber einfach ein braves, pflegeleichtes Mädchen wollte ich ja nie sein.»

ABENTEUERLICHE LEBENSLÄUFE sind die Ausnahme in Erschmatt. Es gibt keine eigentlichen Jugendszenen, wenig Spektakel und keine Hipness («Status Quo» wird als «wilde Musik» bezeichnet, Techno ist nie richtig angekommen). Das ist auch gar nicht nötig: «Das Leben in einem Turm ist so farbig und kompliziert wie das Leben in Paris», schrieb Michel de Montaigne vor rund vierhundert Jahren und brachte Erschmatt mit Zürich und Rakoko auf einen Nenner.

Wer heute noch an In und Out, an Hip und Hype, an Trends und Megatrends glaubt, weiss nichts von der Zeit, in der er lebt. Hans Magnus Enzensberger hat recht: «Mit wachsender Beschleunigung nehmen nämlich auch die Ungleichzeitigkeiten zu. Der Prozess der rasenden Fortschritte hinterlässt von Tag zu Tag mehr Hinterbliebene. Längst hat er die meisten überholt. Aber es geht nicht mehr wie einst um jene dumpfe Mehrheit der <Ewiggestrigen>, die irgendwelchen selbsternannten Avantgarden die Gefolgschaft verweigern möchte . . . Offenbar sind die Zeiten vorbei, zu denen man glauben konnte, ein Leben auf der Höhe der Zeit liesse sich leben.»

Definitiv nicht auf der Höhe der Zeit sind natürlich lediglich die Bratscher.


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