In einer Plauderrunde tauchte irgendwann der Begriff «Flohzirkus» auf. Niemand wusste Näheres zu sagen. Hatte es überhaupt jemals «dressierte» Flöhe gegeben? Existiert womöglich ein solches Insektenspektakel noch heute?
Wer in «Brehms Thierleben» von 1884 sucht, findet im Abschnitt über den Gemeinen Floh Folgendes: «Bekanntlich gibt es Leute, welche durch Abrichten von Flöhen (Anspannen derselben an kleine Wägelchen etc.) sich ihren Lebensunterhalt verschaffen. Indem sie die Thiere längere Zeit in flache Döschen einsperren, wo sie sich bei Springversuchen jedesmal derb an den Kopf stossen, gewöhnen sie ihnen diese Unart ab, und durch Ansetzen an einen ihrer Arme belohnen sie einen jeden nach der Vorstellung stets mit so viel Blut, als er trinken mag.» Ein konkreter Hinweis also sowohl auf die Dressurtechnik als auch die Ernährung der kleinen Artisten.
In «Grzimeks Tierleben» von 1970 widmet Bernhard Grzimek dem Flohzirkus fast eine ganze Seite: «In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts machten ‹Flohzirkusse› mit angeblich ‹dressierten› Flöhen viel von sich reden. Diese Flöhe waren allerdings nicht etwa abgerichtet, sondern nur mit einem hauchdünnen Golddrähtchen um die Hinterbrust gefesselt und dadurch so in ihren Bewegungen behindert, dass sie nicht mehr springen, sondern nur kriechen konnten. So konnte man ihren Bewegungsdrang – vermutlich ihren Fluchttrieb bei hellem Licht – ausnutzen, um sie ‹Kunststücke› ausführen zu lassen.»
Grzimek erwähnt als berühmten Flohzirkusdirektor den Tschechen Raimund Otawa. Er habe die kleinen Artisten in Gasthäusern und auf Jahrmärkten vorgeführt und sei sogar vor gekrönten Häuptern und Diktatoren aufgetreten. Eine Programmnummer zeigte einen auf den Rücken gedrehten Floh, der auf den Füssen einen weissen Ball aus Holundermark jonglierte. Auf «Befehl» habe der Floh den Ball dann weit in die Luft geschleudert. Grzimek erklärt den Trick so: Der Meister drehte lediglich den Floh in die Seitenlage, wodurch die Last auf den Beinen leichter wurde und sie der Floh nun wegschnellen konnte. Im musischen Programmteil wirbelten mit bunten Röckchen gekleidete Flohfrauen als Tänzerinnen durcheinander. Aber nicht nur die Ballerinen, sondern auch die «starken Männer» waren im Flohzirkus weiblich, denn Flohmännchen sind deutlich kleiner und entsprechend schwächer.
Blut vom Arm des Chefs
Auch kam von den über 2500 Floharten nur der Menschenfloh (Pulex irritans) zum Einsatz, denn Hundefloh und Katzenfloh sind kleiner und für das harte Zirkusleben zu wenig widerstandsfähig. Als natürliche Ernährung diente Menschenblut, wobei es Ehrensache war, dass der Chef sein Personal höchstpersönlich verköstigte. Für gewöhnlich einmal am Tag, bei strengerem Zirkusbetrieb auch zweimal, ernährte sich die Truppe am Arm des Direktors, bis die Flöhe nach etwa fünfzehn Minuten mit Blut vollgesogen waren.
Grzimek schliesst seinen Bericht mit dem Hinweis, dass der Menschenfloh selten geworden sei, wahrscheinlich weil die Fussböden nicht mehr feucht aufgewischt, sondern mit Staubsauger und Mop bearbeitet würden. «Das bekommt den Flohlarven schlecht. So ist heute die Zeit der Flohzirkusse vorbei.»
Der Psychologe Richard Wiseman bestätigt in seiner Übersicht «Staging a flea circus» den personalbedingten Niedergang. Konnte sich im frühen 19. Jahrhundert der legendäre Signor Bertolotto umgehend neue Menschenflöhe beschaffen, nachdem seine ganze Truppe auf Tournee im kalten New York erfroren war, wurde mit der besser werdenden Hygiene der Flohhandel immer schwieriger. Um 1890 liess sich ein reisender Londoner Zirkusdirektor von seiner Frau den wöchentlichen Neubedarf aus London per Briefpost schicken, wobei die Tierchen so in einer Ecke des Couverts verpackt werden mussten, dass der Poststempel sie nicht zerquetschte.
Die laufende Verknappung des Flohangebots hatte ihren Preis: Bezahlte «Professor Chester» im Jahre 1935 noch 2 Pence für ein Dutzend Flöhe, hatte «Professor Testo» 1950 bereits 6 Shilling, also das
36-Fache, zu entrichten. Der Mangel an Artisten (aber auch das abnehmende Interesse des Publikums) liess um 1960 in New York mit dem Flohzirkus der Familie Heckler einen der letzten Flohzirkusse verschwinden.
Sucht man heute im Internet nach dem Begriff Flohzirkus, tauchen neue Namen auf. So rühmt sich der «Flohtrainer» Adam Gertsacov aus Providence, Rhode Island, dass er einen Floh aus der Kanone und durch einen brennenden Reifen schiesst. Und im deutschen Rheinfelden zeigt der Floh «Hanniball» des Zauberclowns Pat den Todessprung mit einem dreifachen Rückwärtssalto ins Schwimmbecken.
Wie uns wiederum Richard Wiseman belehrt, arbeiten solche Nummern mit raffinierten Täuschungen. Der Direktor lässt einen nichtexistierenden Floh eine Leiter hochklettern, wobei sich dank einer versteckten Vorrichtung die Sprossen biegen. Dann folgt er mit den Augen dem Salto des imaginären Artisten und lässt nach dessen Todessprung eine Fon täne im Minibecken aufspritzen. Und schon sind die kleinen und grossen Zuschauer überzeugt, den winzigen Akteur tatsächlich gesehen zu haben.
Walt Noon (www.flea-circus.com) ist einer der wenigen echten Flohzirkusdirektoren. Nachdem der Amerikaner anfänglich ebenfalls als «Schwindler» im Geschäft gewesen war, wollte er die Tradition der Flohzirkusse wiederbeleben. Die grösste Hürde war das Erlernen der Geschirrtechnik. Hatte man ursprünglich die Flöhe kurzerhand auf einer Unterlage angeleimt, ging man schliesslich zu weniger grausamer Fesslung über.
Dem Floh wird eine Schlinge aus feinstem Draht über den Kopf gestülpt und dort festgeknüpft, wo der Vorderkörper eine natürliche Einbuchtung hat. Die Kunst besteht darin, die Schlinge so eng zu machen, dass der Floh nicht entweichen kann, aber so viel Platz zu lassen, dass der Floh bei der Blutmahlzeit nicht erstickt. Noon braucht für das «Verdrahten» je nach Temperament des Flohs zwischen zehn Minuten und einer Stunde. Da Flöhe etwa einen Monat alt werden, muss er monatlich zwischen 20 und 60 neue Tiere präparieren.
Phänomenale Sprungkraft
Ebenfalls im Geschäft mit richtigen Flöhen ist Maria Fernanda Cardoso. Die aus Kolumbien stammende und heute in Sydney lebende Künstlerin hatte den Flohzirkus nur vom Hörensagen gekannt. Vor gut zehn Jahren gründete sie ihren eigenen. Aus Mangel an Menschenflöhen engagierte Cardoso Katzenflöhe. Sie beobachtete die Flöhe stundenlang und lernte ihre Reaktionen auf bestimmte Reize kennen, etwa die Flucht vor einem warmen Lichtkegel oder das Springen beim Anhauchen – vermutlich als Reaktion auf das Kohlendioxid in der Atemluft und somit ein Signal für ein mögliches Blutopfer.
Indem Cardoso den Flöhen je nach Charakter und Fähigkeit den passenden Trick beibringt, hat sie nun Artisten, die über ein Seil balancieren, Tango tanzen oder mit Schwertern, die an den Beinen festgeklebt sind, «kämpfen».
Einer der Stars, «Brutus, der stärkste Floh der Welt», zieht eine Spielzeuglokomotive, die 160 000 Mal schwerer ist als der etwa 0,2 Milligramm leichte Sechsbeiner. Wollte ein Mensch Vergleichbares leisten, müsste er 12 000 Tonnen (300 Lastwagen zu 40 Tonnen) bewegen. Und wenn der 2 Millimeter grosse Floh 20 Zentimeter hoch (ins Fell der vorbeispazierenden Katze) springt, kommt diese Leistung einem Sprung des Menschen über den Turm des Kölner Doms gleich.
Die Sprungkraft des Flohs ist in der Tat phänomenal. Um 20 Zentimeter hoch zu springen, muss er innerhalb einer Millisekunde mit den winzigen Beinchen den Körper mit 140-facher Erdbeschleunigung vom Boden wegkatapultieren. Muskelkraft reicht dazu bei weitem nicht. Der Floh besitzt im Thorax oberhalb seiner Hinterbeine Bällchen aus Resilin, einem hochelastischen Eiweiss. Indem das Insekt vor dem Sprung seine Oberschenkel gegen den Bauch presst, setzt es das Ei weiss unter enormen Druck; und schliess lich sichert es den Sprungapparat mit einem zentralen Haken auf der Brustunterseite. Gespannt wie eine Armbrust wartet der Floh auf den günstigen Moment, um «abzudrücken».
So imposant nun die Leistung des Flohs ist, hat der zitierte Vergleich einen prinzipiellen Fehler. Lässt man einen Floh in Gedanken auf Menschengrösse wachsen, nimmt sein Volumen (und damit sein Gewicht) mit der dritten Potenz der Körperlänge zu. Aus dem 2 Millimeter langen und 0,2 Milligramm schweren Insekt wird ein 1,8 Meter langer und 150 Kilogramm schwerer Brocken. Die Muskelkraft aber ist eine Frage der Dicke der Muskelfasern. Und da der Faserquerschnitt mit dem Grössenwachstum lediglich mit der zweiten Potenz zunimmt, könnte der 1,8 Meter grosse Monsterfloh «Brutus» lediglich noch 26 Tonnen ziehen. Was nun auch ein sehr kräftiger Mensch fertigbringt.
Herbert Cerutti Ist Wissenschafsjournalist und lebt in Wolfhausen.