NZZ Folio 08/92 - Thema: USA Asheville   Inhaltsverzeichnis

Asheviller Notizen

Von Lilli Binzegger

Antiquitäten. Ungezählt die Geschäfte mit Trödel und Teurem, die die Lexington Avenue in der Innenstadt säumen, wo Nachahmungen alter gusseiserner Strassenlaternen den Schein von Historie verbreiten. Amerika, noch jung, schmachtet nach Tradition.

Baseball. Auch in Asheville die beliebteste Sportart. Und das neue, soeben eröffnete Stadion mit seinen 3500 Sitzplätzen ist der Stolz der Stadt: Die besten Plätze für das Eröffnungsspiel in der Sally League zwischen den Asheville Tourists und den Spartanburg Phillies waren bereits zwei Wochen im voraus ausverkauft - was vielleicht aber mehr am Rahmenprogramm mit Feuerwerk und Blue-grassMusik lag.

Blue Ridge Parkway. 750 Kilometer langer Panorama-Highway über die Höhen der südlichen Appalachenkette. Früh in diesem Jahrhundert als ein Projekt der nationalen Arbeitsbeschaffung begonnen, windet sich der Blue Ridge Parkway vom Shenandoah National Park in Virginia nach Asheville und weiter nach Süden zumGreat-Smoky-Mountains-Nationalpark. Mit rund 20 Millionen (!) Besuchern pro Jahr gilt die Aussichtsstrasse durch die Berge als touristische Hauptattraktion.

Breakfast. In einigen Hotels ein schlaffer, wattiger Gipfel mit Weintrauben-Jelly und dünnem Kaffee. Wer in Asheville das richtige amerikanische Frühstück sucht, findet es vielleicht dort, wo er es nicht unbedingt vermutet hat: etwa in der Bar eines Griechen. Hier kommen Eier in allen Variationen auf den Tisch, Bratkartoffeln dazu, Schinken sowie Grütze, die Spezialität des Mountaineers-Breakfast. Und mit einem solchen Frühstück im Magen könnte man dann tatsächlich in den Great Smoky Mountains Bäume fällen!

Cheerleaders. Gruppen von jungen Mädchen, die an Sportveranstaltungen wie etwa den regelmässigen Baseballspielen in der Halle des Civic Center mit einstudierten Ritualen «ihre» Mannschaft unterstützen. Sie tragen dazu kurze Röckchen, tanzen, skandieren Parolen und werfen grosse Pompons in die Luft.

cherokees. Mehr als zehntausend Jahre waren die Great Smoky Mountains im äussersten Westen von North Carolina, im Umland von Asheville, die Heimat der Cherokee-Indianer. 1540 begegneten sie in Gestalt des spanischen Eroberers Hernando de Soto zum erstenmal einem Weissen. Die Gier der Eroberer nach Gold und Land vertrieb die Cherokees fast vollständig aus ihrem angestammten Territorium. In einem «Marsch der Tränen», auf dem Tausende von ihnen umkamen, wurden sie 1837/38 nach Oklahoma richtiggehend deportiert. Heute erinnert im westlichen North Carolina nur noch ein Indianerreservat, eine Touristenattraktion mit viel Indianerfolklore, an die Geschichte dieses Stammes.

eisenbahn. Einst reger Personenzubringer, dient die Southern Railway heute nur mehr dem Güterverkehr. Dafür sind die Züge so lang, dass der letzte Wagen, wenn die Diesellokomotive an der Biltmore Station vorbeidonnert, bestimmt noch an der Westküste sein muss.

Film. Asheville, vor allem das Biltmore House, war mehrfach Filmkulisse. Hier drehte Charles Vidor in den fünfziger Jahren «Der Schwan» (nach Franz Molnar) mit Grace Kelly und Alec Guinness in den Hauptrollen. Hal Ashby drehte im Schlosspark die Schlussszene von «Being There» (1979) mit Peter Sellers und Shirley MacLaine als Hauptdarstellern. Auch «Mr. Destiny» mit Jim Belushi und Michael Caine wurde im Biltmore aufgenommen. Der neuste Film mit Asheville und seinen Bergen als Hintergrund ist Michael Manns «The Last of the Mohicans» mit Daniel Day Lewis («My Left Foot») in der Hauptrolle - der Film kommt in den USA demnächst in die Kinos.

Graham, Billy. Baptistenpfarrer und Evangelist, Fernsehprediger, Kreuzritter und Ratgeberkolumnist. Wenige Meilen ausserhalb von Asheville hat sich der heute 74jährige «Botschafter Gottes», der in seiner Laufbahn zu 110 Millionen Menschen persönlich gesprochen haben will, mit dem Seminarzentrum «The Cove» («Schlupfwinkel») ein gigantisches Denkmal gesetzt. «The Cove» erstreckt sich über 607 Hektaren, darauf sich befinden: eine Kirche, ein Hotel, ein Tagungszentrum, etwa so gross wie das Dolder Grandhotel, sowie ein Kinderheim mit Swimmingpool. Alles «ein Geschenk Gottes», wie Graham immer wieder betont.

Grove, Edwin W. Apotheker in Paris, Tennessee, und Erfinder von Grove's Tasteless Chill Tonic, der geschmacklosen Chininlösung, die in den Südstaaten gegen Ende des letzten Jahrhunderts zum Wundermittel gegen die grassierende Malaria avancierte. So wurden etwa im Jahr 1890 mehr Flaschen von Groves Wundertrunk verkauft als Coca-Cola. Grove verdiente ein Vermögen, das er zum Teil in den Bau des riesigen Grove Park Hotel investierte.

Einkommen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in den USA beträgt 37 271 Dollar. Sandy Norbo, 42jährig, Sekretärin und Buchhalterin des WCQS-Lokalradios in Asheville, verdient mit ihrem Full-time-Job 20 000 Dollar pro Jahr, gleich viel wie vor zehn Jahren als Personalchefin einer Ciba-Geigy-Niederlassung im Staat New York, wo die Löhne, aber auch die Lebenskosten erheblich höher sind. Dafür hat sie «viel» Ferien, nämlich drei Wochen im Jahr. Auf mehr als zwei Wochen kommt ein Angestellter in den USA sonst erst nach jahrzehntelanger Firmenzugehörigkeit.

Flussufersanierung. Vor zwei Jahren ist in privater Initiative ein grosses Sanierungsprogramm gestartet worden, das in erster Linie die zum Teil verrotteten Ufer des French Broad River und des Swannanoa River einbezieht und unter anderem auch ein Wanderwegnetz durch und um Asheville vorsieht. Die Kosten des auf insgesamt zwanzig Jahre angelegten Riesenprojekts - rund 100 Mio. Dollar! - sollen vor allem durch Spenden beigebracht werden. Viele Kilometer Flussufer wurden - ein Hinweis darauf, wie wenig rar Land hier ist - der River-Link-Organisation bereits gratis überlassen.

Food. In Asheville kosten 1 French Bread (Parisette): 79 c; 1 Liter Milch: $ 1.15; 1lb (454 g) Tomaten: 49 c; 1 lb Kartoffeln: 49 c; das Dutzend Eier: 49 c; 1 lb Schinken, gekocht: $ 3.99; 6 Büchsen Budweiser: $ 3.39; 1 lb Butter $ 1.65.

Folkmusic. Sammler volksmusikalischer Originaltöne, wird berichtet, sollen bis vor kurzem noch in den Nischen der Great Smoky Mountains Weisen gefunden haben, deren Erzeuger nie Importiertes zu Ohr bekommen hatten.

Frauenhaus. Vor zwei Jahren publizierte die lokale Telefongesellschaft versehentlich die Adresse des Asheviller Frauenhauses (statt nur der Telefonnummer), was dessen Sinn - nämlich Frauen Zuflucht vor ihren gewalttätigen Männern zu gewähren - hinfällig machte. Die Frauen klagten und bekamen recht. Die Telefongesellschaft musste an anderer Adresse Ersatz zur Verfügung stellen. Dieses Haus nun - glückliches Ende für alle - ist viel grösser und schöner als das alte.

Frauenorganisationen. An der Women's Conference vom 28. März 1992 im «Grove Park Inn» nahmen über 700 Vertreterinnen von über 40 lokalen, nationalen und internationalen Frauenorganisationen - von Geschäftsfrauenklubs bis zu feministischen links-grün-alternativen Gruppen - teil. Asheville zählt 24 Frauenorganisationen, deren Mitglieder als Volunteers (in Gratisarbeit) Erhebliches in der Gemeindearbeit leisten.

Fund Raising. Böse Zungen behaupten, diese Aktivität zur Geldbeschaffung für kulturelle (und andere) Zwecke nehme so viel Zeit weg, dass keine mehr bleibe für Kultur (und anderes). 140 000 Mio. Dollar sammeln Freiwillige jährlich für den «Community Arts Council», der das Geld verteilt - viel an die Grossen, wenig an die Kleinen, was die Debatte in Gang hält.

Hippies. Sie kamen in den siebziger Jahren, als Asheville noch dem Ende seiner Depression entgegendämmerte und als billige Bleibe gehandelt wurde. In Läden wie «What do you want?», wo man von Schaufensterpuppen-Frauenbeinen bis zu in Müllhaufen eingebauten Fernsehern alle Requisiten des amerikanischen Seelendramas bekommt, wirtschaften ihre Nachfahren, wenn sie nicht gerade in der Buchhandlung Malaprop einen der dreitausend verschiedenen Gesundheitstees schlürfen oder im «Alternative Reading Room» der «Green Line» Blätter fern vom mainstream studieren.

Homosexuelle. Die Homosexuellen und Lesbierinnen des Buncombe County geben ihre eigene Monatszeitung, die «Community Connections», heraus. In Asheville treffen sich die Gays bei «O'Henry» an der Haywood Street downtown, der wohl schönsten Bar der Stadt: ein überlanger, überhoher Raum mit barocken Ölschinken an den Wänden. Treffpunkt der Lesbierinnen ist das «Trax» an der O'Henry Street.

Hotels. Tourismus hat in Asheville Tradition. Und so gibt es neben neueren Motels und Hotels (etwa das Haywood Park Hotel, ein ehemaliges Warenhaus mit grossen, lachsfarbenen Zimmern) auch einige Häuser mit Geschichte. Allen voran das monumentale Grove Park Hotel, wo im Lauf der Geschichte alles abstieg, was Rang und Namen hatte, wo alles ein bisschen zu gross und zu schwer ist, also von derart schlechtem Geschmack, dass man sich in diesem höhlenartigen Märchenschloss schon fast wieder amüsiert. Ästhetische Ansprüche eher zu befriedigen vermag das «Richmond Hill Inn», frühere Residenz des Kongressabgeordneten Richmond Pearson. Es ist klein und gemütlich, originalgetreu restauriert und über dem French Broad River gelegen. Inmitten der pastellfarbenen Tapeten, auf den bunt geblümten Teppichen, in den ächzenden Ledersesseln des mit dunklem Holz getäferten Entrées, fühlt man sich hier zu Preisen, die nur unwesentlich niedriger sind als die im «Grove Park Inn» (um 150 $ pro Nacht), in die Zeit des alten Südens zurückversetzt.

Literaten. Thomas Wolfe, geboren, aufgewachsen und begraben in Asheville, widmete der Stadt - sehr zum Missvergnügen ihrer Bewohner - zwei seiner Romane («Look Homeward, Angel» und «You Can't Go Home Again»). F. Scott Fitzgerald, dessen Frau Zelda im Highland Mental Hospital in Asheville zur Kur war und bei dessen Brand umkam, betrank sich daselbst, O'Henry - auch in Asheville begraben - schrieb Kurzgeschichten, und Carl Sandburg, der Dichter und Biograph Lincolns, verbrachte seinen Lebensabend auf einer stadtnahen Farm.

Mall. Um den täglichen Bedarf zu decken, muss man sich ins Auto setzen und am besten in eine der beiden Malls fahren - die Einkaufszentren in den Aussenbezirken. Hier findet sich dann alles - vom Bazooka über Reissnägel bis zum Smoking, der in Amerika Tuxedo heisst.

Mietzins. 12 Prozent der Monatsmieten in Amerika betragen zwischen 200 und 299 $, 37 Prozent zwischen 300 und 499 $, 26 Prozent zwischen 500 und 749 $. Die USA zählen 29,8 Millionen Haushaltungen in Wohneigentum und 32 Millionen in Mietobjekten. In Asheville mit einem allerdings insgesamt unterdurchschnittlichen Anteil an Mietern - die Mehrzahl der Leute sind hier Wohneigentümer - liegen die Mieten etwa im Landesdurchschnitt.

Mountaineers. Zwar liegt Asheville selber mit 700 m ü. M. nicht gerade auf beeindruckender Höhe: die Bewohner aber bezeichnen sich stolz als Mountaineers, als Bergler. Ringsum schliesslich erheben sich die Great Smoky Mountains, der Südausläufer der Appalachen.

Restaurants. Sie meinen, die Amerikaner würden vor allem Hamburger verdrücken? Von wegen! In Asheville isst man Nachos, Tacos und Burritos, Rasta-Pasta, Jerkish Chicken, Frühlingsnudeln mit Alfredo-Sauce, Megasandwiches, Maxipizzas. Weil sich unter diesen Bezeichnungen niemand etwas vorstellen kann, wird die Umschreibung auf der Speisekarte gleich nachgeliefert: Unter einem «Swiss Steak» ist so ein Stück Fleisch zu verstehen «mit zarten, vorsichtig gedünsteten Zwiebeln, delicious tomato-topping» - was sich später im Gaumen dann allerdings als kommunes Ketch-up herausstellt. Im Restaurant Marketplace bei Mark Rosenstein («Ich bewunderte Freddy Girardet») assen wir dann über dem Hickory-Feuer geräucherten Lachs, eine Randensuppe mit Dill, Rindsfiletspitzen mit verschiedenen - marktfrischen - Gemüsen und zum Schluss ein schaumiges Haselnusssoufflée. In der Weinkarte erspähten wir einen «Cheval blanc» Jahrgang 1949 (225 Dollar), einen «Pétrus» Jahrgang 1958 (250 Dollar), einen «Haut Brion» Jahrgang 1955 (200 Dollar) und wählten einen Chardonnay vom Biltmore Estate, den lokalen Wein, der so gut gefiel wie ein schöner Kalifornier. Allerdings: War dies nun amerikanische Küche? Die gibt es wohl so selten wie die schweizerische.

Sex. Dutzende von (jugendfreien) Gay-and-Lesbian-Postillen, Hunderte sonstiger Presseprodukte, aber kein einziges sogenanntes Herrenmagazin: Was unter der Gürtellinie liegt, hat keinen Platz im Bible Belt. Amerika, das Land der Minoritäten und Moralisten.

Slim Fast, lose Weight and feel great. In jedem beliebigen Einkaufszentrum werden nebst Dutzenden von Vitaminpräparaten und Kopfwehmitteln im Land, das zur Hälfte aus Schlankheitsfetischisten zu bestehen scheint, Appetitzügler in Unzahl frei angeboten.

Switzerland. Was kennt man in Asheville von der Schweiz? Montreux und den Genfersee, William Tell und selbstverständlich das Heidi. Wenigstens hat man die Schweiz nicht dauernd mit Schweden verwechselt.

Umweltschutz. Zwei Themen dominieren gegenwärtig die Auseinandersetzung zwischen Umweltschützern und Behörden: die Suche nach neuen Standorten für Kehrichtdeponien und die neue Verbrennungsanlage für Klärschlamm, die angesichts der starken Opposition möglicherweise nie in Betrieb genommen werden wird. Der Autoverkehr indes ist kaum ein Thema und der Bus nur für die Leute, die sich kein Auto leisten können.

Woodchucks heissen auf amerikanisch die Waldmurmeltiere, die in den Great Smoky Mountains heimisch und etwas kleiner als unsere Bergmurmeltiere sind. Ohne Scheu kommen sie in grosser Zahl an die Strassenränder.

YMI ist das «Young Men's Institute», das George Vanderbilt 1892 im Stadtzentrum für junge Schwarze errichten liess: als Parallelinstitution zum YMCA. Es entwickelte sich zum Mittelpunkt des sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Lebens der schwarzen Gemeinschaft der Appalachen. In den sechziger Jahren verslumte die Gegend um das YMI nach und nach. Ein neuer Aufschwung kam erst, als mehrere schwarze Kirchgemeinden das Gebäude mit Unterstützung aus der Stadt 1980 kauften und renovierten. Inzwischen ist das YMI eine der wichtigsten sozio-kulturellen Institutionen für Schwarze geworden und bietet vor allem Programme zur Selbsthilfe für die schwarze Gemeinschaft an.

Zuwanderer. Offiziell werden Leute aus anderen Bundesstaaten, die sich in Asheville niederlassen, von den Einheimischen herzlich willkommen geheissen. So ganz unbelastet ist das Verhältnis zu den Zuzügern aber offenbar doch nicht. Folgender Kleber zierte die Stossstange eines Pick-up vor einem Einkaufszentrum: «I God damn don't care what you have done in Connecticut.»


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