NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

His Name Is Nobody

Victor Morales, Latino, will nach Washington.

Von Christa Piotrowski

NOCH BIS VOR EINEM JAHR hatte ausserhalb der texanischen Kleinstadt Crandall kaum jemand von Victor Morales gehört. Inzwischen ist der 46jährige Highschool-Lehrer eine Berühmtheit geworden. Bekannt als «the little guy in his pickup truck», hat er dem politischen Establishment in der texanischen Hauptstadt Austin und in Washington einen mächtigen Schrecken versetzt. Mehr als 120 000 Kilometer hat Morales in den vergangenen Monaten in seinem weissen Nissan zurückgelegt, ist an Tankstellen und in Coffee-Shops aufgetreten, wo er sich erstaunten Mitbürgern als Bewerber um einen Senatorensitz in Washington vorstellte. «Ich bin Victor Morales, ein einfacher Mann, seit 18 Jahren Lehrer. Ich hab' kein Geld und keine reichen Unternehmer, die meinen Wahlkampf finanzieren - aber ich bin ehrlich, anständig und von niemandem zu kaufen.»

Von der Ladefläche seines Pickup Truck hielt der Enkel mexikanischer Immigranten leidenschaftliche Reden. Phil Gramm, einer der beiden texanischen Vertreter im amerikanischen Senat, dessen Sitz im November frei wird, sei arrogant und korrupt, verkündete Morales. Er dagegen sei sein eigener Herr. «I'm my own man, I am you: la gente, the people!» rief er Ölarbeitern, verarmten Farmern, Buchhaltern, Studenten und Lehrern zu. Und damit sie die populistische Botschaft so schnell nicht vergessen, zitierte er John Donne:

«No man is an island, entire of itself,
every man is a piece of the continent,
a part of the main (. . .) any man's death
diminishes me, because I am involved in mankind;
and therefore never send to know for whom
the bell tolls; it tolls for thee.»

8000 Dollar, nahezu die gesamten Ersparnisse seiner Familie, investierte Morales in seine Odyssee durch den Lone Star State. Als Mitglied der demokratischen Partei hatte er vor zwei Jahren einen Sitz im Stadtrat der nördlich von Dallas gelegenen 1100-Seelen-Stadt Crandall errungen. Die Parteielite in Austin aber schenkte dem Highschool-Lehrer mit einem Jahreseinkommen von 23 000 Dollar keine Beachtung. In Morales' Wahlkampfzentrale, dem Küchentisch seines Einfamilienhauses, häufte sich unterdessen die Post. Aus allen Teilen des Landes trafen Briefumschläge ein, in denen Zehn- oder Zwanzigdollarscheine steckten. «Wenn Du quichotisch sein kannst, dann bin ich es auch - hier sind 1000 Dollar!» schrieb ein anonymer Gönner aus Florida. Morales akzeptierte ausschliesslich Einzelspenden, keine höher als 1000 Dollar. Geschenke von Interessengruppen waren tabu. Rund 60 000 Dollar kamen schliesslich zusammen - ausreichend für die Fahrtspesen, aber nicht genug, um sich via Radio und Fernsehen in den Wohnstuben zu präsentieren.

Die langen Stunden im Pickup Truck, Übernachtungen in drittklassigen Motels, Fast food bei «Dairy Queens» und «Stop and Go» zahlten sich jedoch aus: Allen Prognosen zum Trotz wurde Morales im April von den Demokraten für den Senat nominiert. Er siegte über drei Mitbewerber - unter ihnen ein wohlhabender Rechtsanwalt aus Houston und John Bryant, ein erfahrener Kongressabgeordneter, der mehr als 400 000 Dollar in seinen Wahlkampf investiert hatte. Die Wahlbeteiligung war mit 10 Prozent zwar beschämend gering. Doch das Parteivolk hatte gesprochen. Zum erstenmal in der Geschichte von Texas war der Vertreter einer Minderheit als Bewerber für den US-Senat nominiert worden.

Morales tritt nun gegen einen Kontrahenten an, wie er mächtiger kaum sein könnte: Senator Phil Gramm, einen der einflussreichsten Politiker in Washington, der um seine Wiederwahl kämpft. Der zweite texanische Senatssitz ist ebenfalls in republikanischer Hand und wird erst in vier Jahren frei. Der extrem konservative Ökonomieprofessor Gramm, der Geld den «besten Freund» eines Politikers nennt, hatte sich Anfang des Jahres sogar um das höchste Amt im Staat beworben. Seine Bemühungen um die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat scheiterten jedoch trotz einem Spendenpaket von fast 20 Millionen Dollar. Viele Amerikaner hielten in Meinungsumfragen selbst Pat Buchanan für «wärmer» und «herzlicher» als den rigorosen Phil Gramm, der zum Beispiel gegen eine Erhöhung des Mindestlohnes stimmte und illegale Immigranten als jene zu beschreiben pflegt, die «bequem im Wagen sitzen, den andere ziehen». Einige seiner Freunde, Leute aus der Öl- und Gasindustrie, Rechtsanwälte und Vertreter des Gesundheitswesens, liessen ihm für den Senatswahlkampf bereits im Frühsommer 4 Millionen Dollar zukommen.

Phil Gramms Geld könne ihn nicht einschüchtern, beteuert Victor Morales an einem Abend im August in Lubbock. Die Stadt mit 186 000 Einwohnern im Westen von Texas ist eine seiner Stationen im Wahlkampf. Etwa sechzig Mitglieder der lokalen Demokratischen Partei, unter ihnen viele Latinos, feiern im mexikanischen Restaurant Caboose seinen Besuch in der konservativen Baumwollmetropole. «Ich hab' keine Angst!» sagt Morales. Wenn Gramm mit ihm kämpfen wolle - er sei bereit. Aber dann, bitte schön, Mann gegen Mann. Lubbock ist seine dritte Station an diesem Tag. Nach sechs Stunden Reden und Händeschütteln, Interviews mit der Lokalpresse und vier Stunden im Pickup Truck blickt er mit rot geränderten Augen in die Runde. Knapp ein Meter siebzig gross, im zerknitterten Nadelstreifenanzug und weissen Hemd, wirkt er nicht gerade wie der Prototyp des texanischen Cowboys. «I am who I am», sagt er und wiederholt einen seiner Wahlkampfslogans zum x-ten Mal. «And I am doing the best that I can.»

Jeder andere müsste sich den Vorwurf der Banalität gefallen lassen. Morales aber ruft statt dessen Erinnerungen an Wertvorstellungen wach, von denen viele glauben, dass sie nur noch als Mythos existieren. Er werde Phil Gramm schon zeigen, was ein ehrlicher Mann sei, sagt er und klingt einmal mehr wie der klassische Frank-Capra-Held. Kein Wunder, dass er hier «Señor Smith» genannt wird - die Latino-Version Jimmy Stewarts in «Mister Smith goes to Washington». Er ist die Personifizierung des Mythos von der Freiheit des kleinen Mannes: jeder hat in Amerika eine Chance - wenn er nur ehrlich ist und hart genug arbeitet.

Der dreiwöchige Wahlkampftrip durch West Texas ist zweifellos harte Arbeit. In glühender Mittagshitze, bei 42 Grad im Schatten, geht Morales durch die Strassen des 4000-Seelen-Ortes Ozona. Seine drei Wahlkampfhelfer - der 23jährige Minh, die 18jährige Lisa und der 17jährige Manish - haben im kühlen Gerichtsgebäude Zuflucht gesucht. Morales stellt sich den Mitarbeitern von Justizbehörde und Polizei vor, besucht die Handelskammer, die Lokalzeitung und die Geschäftsleute in den Läden entlang der Hauptstrasse. Überall schüttelt er Hände, lächelt und hofft, dass man ihn bis zum November nicht vergisst. Noch nie sei ein Politiker bis nach Ozona gekommen, meint eine der Gerichtssekretärinnen voller Anerkennung, die sich auf dem Parkplatz den legendären kleinen weissen Pickup aus der Nähe besehen wollte.

Ozona ist eines der Zentren der amerikanischen Mohairproduktion, eine Öl- und Rancherstadt. Während des Ölbooms der siebziger Jahre lebten hier über zwei Dutzend Millionäre, wird erzählt. Heute kämpft die Stadt, wie jeder andere Ort in der Gegend, mit den verheerenden Folgen sinkender Ölpreise und einer Dürreperiode, die seit vier Jahren wie ein Fluch über dem Westen lastet. Über 1200 Bewohner sind in den letzten Jahren aus Ozona abgewandert. Viele Unternehmen haben die Ölförderung wegen mangelnder Rentabilität eingestellt; Mohairproduzenten klagen über schwankende Börsenkurse; Rancher sind gezwungen, ihre Rinder zu Tiefstpreisen zu verkaufen. Alle sind sie mit der Clinton-Regierung unzufrieden. Der Westen ist mehr als andere Regionen von Texas Phil Gramms Terrain.

Davon aber lässt sich Victor Morales nicht einschüchtern, und mit seiner Meinung hält er nicht zurück. Er tritt auch für das Recht auf Abtreibung ein, findet jedoch, dass es zu viele Schwangerschaftsabbrüche gebe. Wie Clinton unterstützt er Affirmative Action, die Gesetzgebung, die Minderheiten bei der Vergabe von Studienplätzen oder Jobs Schutz und eine gewisse Bevorzugung garantiert, und er verwahrt sich gegen Polemiken, die Arbeitslose und Betrüger auf dieselbe Stufe stellen. Er mache sich um diejenigen, die tatsächlich keine Arbeit fänden, Sorgen. Er werde nie vergessen, wie er als 15jähriger Sozialhilfe und Essensmarken bezog, als sein Vater sich aus dem Staub machte und die Familie sitzenliess. Seine Mutter fand schliesslich einen Job als Putzfrau in einem Motel. Er pflückte in den Feldern Baumwolle und Melonen.

Die Anti-Waffengesetze der Clinton-Administration unterstützt Morales, obwohl er selbst eine Waffe besitzt. «Keiner wird sie wegnehmen», versichert er seinen Zuhörern. Immigranten? Die Vereinigten Staaten hätten ein Recht, ihre Grenzen zu kontrollieren, sagt er, fordert aber gleichzeitig Zurückhaltung in der Sündenbock-Rhetorik und dem Gebrauch von Gummiknüppeln. Er ist ein Befürworter der Todesstrafe und bezeichnet sich als finanzpolitisch konservativ. Auf die Frage, wie er die Staatsschulden senken wolle, antwortet er mit einem aufrichtigen «I don't know». In diese Materie müsse er sich erst einarbeiten. Aber die in Washington wüssten in dieser Frage auch nicht weiter, denn sonst hätten sie das Problem bereits gelöst. Befürchtet er, wegen seiner Unerfahrenheit Gramm ins offene Messer zu laufen? Keineswegs. Nur eine Frage wird er seinem Konkurrenten stellen. «Wo waren Sie, als Ihr Land Sie während des Vietnamkriegs brauchte?» Morales hat als Soldat in Vietnam gedient - Gramm, ein vehementer Unterstützer des Militärs, dagegen nicht.

Gelegentlich muss sich der streitbare Señor den Vorwurf gefallen lassen, dass seine Aussagen ziemlich vage sind. Gegenüber Arbeitervertretern erklärte Morales etwa, dass er auf ihrer Seite stehe, sie ihn jedoch nicht in der Tasche hätten. Einige Arbeiter wären allerdings schon froh, wenn er seinen japanischen Pickup Truck durch ein amerikanisches Modell ersetzen würde. Und auch Bill Addington, der Vorsitzende der Protestbewegung Save Sierra Blanca, hofft auf Morales' Unterstützung. Addington war drei Stunden mit dem Auto unterwegs, um dem Senatorenanwärter während einer Wahlveranstaltung in Odessa sein Anliegen vorzutragen. In Sierra Blanca, einem Ort mit 600 Einwohnern im südwestlichen Zipfel von Texas, entladen seit drei Jahren mehrmals in der Woche Güterzüge eine stinkende Fracht: Abwässer aus der Kanalisation von New York, die auf einem riesigen Farmgelände versprüht werden. Doch damit nicht genug. Nun soll in dem kleinen Ort, in dem 40 Prozent der Einwohner unter der Armutsgrenze leben, auch noch radioaktiver Abfall aus Maine und Vermont gelagert werden. Phil Gramm habe gegen das Projekt, das dem Senat zur Abstimmung vorlag, keinen Einspruch erhoben, erzählt Addington. Wenn die Bevölkerung gegen den Müll sei, dann werde er selbstverständlich dagegen kämpfen, sagt Morales.

Der Aufstieg des kleinen Latino-Highschool-Lehrers aus Crandall hat landesweit Schlagzeilen gemacht. Nahezu alle amerikanischen Medien widmeten Victor Morales ausführliche, meist sympathisierende Berichte. Wer kann schon etwas Negatives über einen Lehrer sagen, der sich Hals über Kopf in die politische Wahlkampfarena stürzt, weil er glaubt, dass Phil Gramm «nicht gut für Texas ist»? Wer ergreift nicht Partei für einen Underdog, der mit Cinderella, Don Quichotte, Rocky Balboa, Forrest Gump, Mr. Smith und David, der Goliath besiegte, verglichen wird? Phil Gramm sieht den Sympathiebekundungen freilich nicht tatenlos zu. Schon jetzt attackiert er seinen Konkurrenten in böswilligen Radiospots wegen eines noch nicht zurückbezahlten Ausbildungskredits seiner Frau. «Dirty politics . . .», meint Morales. Aber das sei eben Phil Gramm.

In Frank Capras Film «Mr. Smith goes to Washington» spielt Claude Rains einen distinguierten Senator, der in dubiose Geschäfte verwickelt ist. Von Jimmy Stewarts (Mr. Smith) Anständigkeit beschämt, bricht er vor dem Senat zusammen und erklärt, dass er nicht mehr länger Senator sein könne. Dass Phil Gramm kollabieren wird, erwartet niemand. Aber seine Position scheint ins Wanken zu geraten. In Umfragen erreichte sein Stimmenanteil gerade noch 45 Prozent - für einen Kandidaten, der seinen Sitz verteidigt, zuwenig. Auch Teile der angloamerikanischen Bevölkerung scheinen von Morales' Underdog-Charme fasziniert zu sein.

Die grösste Unterstützung erhält Señor Smith von den viereinhalb Millionen in Texas lebenden Latinos. Bei den Primärwahlen im April stimmten fast 90 Prozent der hispanischen Wähler für Morales. In San Antonio bemüht sich eine Interessenvertretung um die Registrierung von Neuwählern und hofft in der Ausmarchung um den Senatssitz auf die Teilnahme von einer Million Latino-Wählern. Dies wäre ein Fünftel der zu erwartenden Gesamtwählerschaft, möglicherweise ein entscheidender Faktor. Etwa acht Prozent der politischen Ämter in Texas sind mit Latinos besetzt; ihr Anteil an der texanischen Gesamtbevölkerung beträgt jedoch 25 Prozent.

Morales ist für die Latinos die Personifizierung ihres Traums vom besseren Leben im Norden: jemand, der nicht nur Arbeit, sondern endlich auch Anerkennung und politischen Einfluss in Aussicht stellt. Stolz erzählt Morales von der alten Latino-Frau, die jeden Sonntag eine Kerze für ihn anzündet, und vom Latino-Arbeiter im Overall, der seiner Rede zuhörte und anschliessend einen seiner abgefahrenen Reifen wechselte, damit er sich nicht den Anzug beschmutze. «Una crusada, una esperanza» - einen Kreuzzug und eine Hoffnung nennen die Latinos die populistische Bewegung, die um Morales entstanden ist.

Auch die demokratische Parteielite in Texas ging inzwischen über die Bücher. Während des Parteikongresses im Juni in Dallas war Victor Morales der Star. Als er mit seinem Pickup Truck auf die Bühne rollte, jubelten jene am lautesten, die in den Monaten zuvor nicht einmal seine Anrufe erwidert hatten. Morales könne nicht nur die Wahl gewinnen, er sei in der Lage, den Glauben der Wähler in die Regierung wiederherzustellen, erklärte Senator Bob Kerry, Vorsitzender des Komitees für den Senatswahlkampf in Washington. Das Komitee hält mehrere hunderttausend Dollar für Morales bereit, und die nationale Parteizentrale will ihm 1,8 Millionen Dollar zur Verfügung stellen. Morales aber ist zurückhaltend. Wenn er das viele Geld annehme, sehe er wie ein Parteibonze aus, sagt er.

Bisher hat Morales lediglich 17 000 Dollar von der texanischen Demokratischen Partei akzeptiert - als Startsumme für ein Wahlkampfbüro in Mesquite in der Nähe von Dallas. Seine Wahlhelfer sind frühere Schüler, die alle unentgeltlich für ihn arbeiten. Sie waren es, die ihn im vergangenen Jahr zum Wahlkampf aufgefordert hatten, nachdem er wieder einmal seinem Ärger über Phil Gramm Luft gemacht hatte. «Warum werden Sie nicht Senator, Mr. Morales?» hatten die Kids ihren Staatskundelehrer gefragt. «Porque no - why not!» hatte er nach ein paar Tagen Bedenkzeit geantwortet und damit gleichzeitig seinen ersten Wahlkampfslogan kreiert.

Morales hat in den letzten Wochen vielen Verführungen widerstanden: exklusiven Hotelsuiten, Privatjets, Wahlberatern, Public-Relations-Spezialisten. Gelegentlich ist er dennoch vom Pickup Truck ins Flugzeug umgestiegen. Und prompt waren seine Zuhörer enttäuscht. Der unscheinbare Kämpfer weiss, dass das Politmärchen nur dann zu einem Happy-End kommt, wenn er bleibt, wer er ist - «the little guy in his pickup truck».

Während des Parteikongresses der Demokraten in Chicago im August - Hillary Clinton hatte soeben die Bühne verlassen - drangen Worte aus dem Lautsprecher, die manchem Texaner vertraut klangen: «No man is an island, every man is a piece of the continent, a part of the main . . .» Victor Morales rezitierte am Rednerpult seine Lieblingsverse. Und beschrieb, was mit keinem Geld der Welt zu kaufen ist. La gana, die Lust; el corazon, das Herz. Und am allerwichtigsten: la gente, the people!

Christa Piotrowski ist NZZ-Mitarbeiterin in Los Angeles.


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