NZZ Folio 03/93 - Thema: Neue Grenzen   Inhaltsverzeichnis

Anutas Traum

Dorfgeschichten vom Rand Europas.

Von Rüdiger Wischenbart

DIE PROZESSION umkreist die Kirche erst einmal gegen den Uhrzeigersinn. Rechts wuchern Winden und rote Rosen über die Holzkreuze des Friedhofs. Links greifen schwere Holzpfosten ineinander und fügen sich zur Kirchenwand. Oben drüber hängen Zwetschgen, Äpfel und Nüsse in den Bäumen, deren Erträge dem Popen gehören. Die Prozession umschliesst in ihrer Mitte den Priester im goldenen Ornat. Durch die Äste fallen Sonnenblitze auf die Stickereien und das silberne Kreuz, das dem heiligen Mann aus der Faust herausragt.

Die Prozession schwenkt auf den Weg ein und schiebt sich auf das hoch aufragende Tor aus Holz zu. Voran gehen die Mädchen. Vier tragen die Standarten der Kirche, eine blaue und zwei rostbraune Fahnen und einen Brautstrauss, um den ein weisses, feines Tuch geschlungen ist. Lili, die Tochter Anutas, trägt die eine braune Fahne, die mit dem abblätternden Heiligenbild drauf.

Das letzte Haus am Ende des Dorfes, es ist das grösste, gehört dem Schnapsbrenner. «Der ist ungeheuer dick», murmelt mir Anuta ins Ohr und schätzt ihn auf gut hundertsechzig Kilo. Ich muss mein Lachen verbergen.

Die Prozession hält hinter diesem Haus, am Bach, dessen Wasser beim Schnapsbrennen im Winter die Destillierspirale kühlt. Jetzt ist an der Brücke ein kleiner Altar aufgebaut.

Der Priester hebt drohend das Kreuz mit Händen gegen den Himmel.

Wir senken die Köpfe und bekreuzigen uns.

Mehrmals.

Singend.

Die Wasserkrüge mit den blutroten Rosen sind neben dem Altar abgestellt.

Das Wasser wird gesegnet.

Die Wiese wird gesegnet.

Der Bach wird gesegnet.

Das Dorf hinter uns wird gesegnet.

Wir werden gesegnet.

Der Fremde - ich - empfängt aus der Hand des Priesters keine Kommunion.

Doch der Fremde langt zum Körbchen und lässt eine Münze hineinfallen, die sich augenblicklich unkenntlich unter die anderen Münzen mischt.

Jetzt drehen sich alle Köpfe unverhohlen nach mir um.

Ein paar Frauen versuchen rasch, mit Anuta zu tuscheln, um wenigstens die ärgste Neugierde zu stillen.

«Wir sind Katholiken, wir sind griechisch-katholisch», hat Anuta am Vortag gesagt, wir sind mit Rom Unierte. In ihrer Stimme lag ein Ton, der zeigte, wie wichtig ihr die Abgrenzung gegenüber den Orthodoxen - denen aus dem Osten! - ist.

Das Dorf heisst Hoteni und liegt am nördlichsten Rand der ehemaligen Woiwodschaft Siebenbürgen, in einem der abgeschiedenen Täler von Maramures. Um die vierhundertfünfzig Seelen bewohnen die Häuser im Bauernstil. Rundum lagern gedrungene Hügel, die teilweise bewaldet sind und teils von den Dörflern bebaut werden, mit Mais, Kartoffeln und spärlichem Getreide, während im Garten hinter den hochgiebeligen Häusern alte, längst ausgewachsene Zwetschgen-, Äpfel-, Birn- und Walnussbäume stehen.

Hoteni hätte, so wie die umliegenden Dörfer auch, bis vor kurzem als typisches Stück in dieser alten, traditionsversessenen Bilderbuchlandschaft gegolten, ein gut rumänisches Dorf, mit dem Popen, der im Herbst das Obst im Kirchgarten von den Nachbarn pflücken und einmachen lässt. Hoteni wäre durchgegangen als authentische, gläubige Gemeinde, über die der orthodoxe Metropolit von Bukarest wacht. Erst seit ein oder zwei Jahren bekennt sich die Mehrzahl wieder zu den Unierten. Nur ein paar Familien sind als Orthodoxe übriggeblieben.

«Das waren die Kommunisten», weiss Anuta. Besonders freundlich klingt es nicht.

Ihre Nachbarin sei so eine, gegenüber auf der anderen Seite des Wegs. Früher habe sie sie gedrängt, der Partei beizutreten, eine junge, in die Zukunft blickende Frau, die sie sei, Anuta! Nach der Revolution, als er, der Conducator, gestürzt war, habe die Nachbarin schnell die Abzweigung zur Nationalen Front gefunden. Deshalb sei sie auch orthodox geblieben.

Dass nun endlich am Sonntag und an wichtigen Feiertagen wieder ihr Priester - der katholische - kommt, um die Messe zu lesen, gilt als herausragende Neuerung nach dem Ende der kommunistischen Herren. Auch zuvor hat es Prozessionen gegeben, und insbesondere die Schutzheiligen Peter und Paul erfuhren grosse Verehrung. Weihrauch wurde in bedeutenden Mengen abgebrannt. Fahnen und Singsang fehlten nicht. Vieles am Ritus der Orthodoxen und dieser Katholiken war ähnlich. Doch die Orientierung, der all das Beten und Bitten folgte, war entgegengesetzt. Denn die einen gehorchten dem Staat und die anderen Rom. Für die einen galt ganz vehement das Rumänische, das im Glauben mitschwang. Die anderen wandten ihren Blick mitunter über die Grenze nach Westen. Sie hatten, so weiss man, Rumänien die Latinität gebracht. Das bedeutete Fortschritt, aber auch die Gefahr eines Luftzugs, der von draussen kam. Geduldet war zuletzt, bis zum Umsturz von 1989, allein die staatstragende Kirche der Orthodoxie.

«Die griechisch-katholisch Unierten in Siebenbürgen waren oftmals unser Fenster nach Europa», sagt später Mihail, der Galeriedirektor und Kunstkenner in Bukarest, und seine Frau blickt mich über den Couchtisch, über die Weinflasche und ein üppiges Abendessen hinweg an: «Mihail ist selbst orthodox. Er weiss, wovon er spricht!»

«Uniert», also wieder verbunden mit dem Papst in Rom, wurden diese Bauern, als der habsburgisch-katholische Kaiser Leopold die Türken nach der missglückten Belagerung Wiens von 1683 erst aus Ofen und aus Pest, dann aus Belgrad vertrieb und schliesslich auch die Festung Alba Julia nahm und ganz Siebenbürgen seinem Reich zuschlug. Viele Rumänen und Ruthenen wurden dazu gebracht, sich Rom zu unterstellen. Die Abwehr galt nicht bloss den Türken, sondern band die neuen Kinder der Kirche auch enger an Wien - statt an den ungarischen Adel. Zum anderen entzog man sie dem Einfluss der Orthodoxie der russischen Zaren.

Im kulturell und ethnisch vielfältigen Siebenbürgen hatten über Jahrhunderte drei «Nationen» und deren Kirchen - unter wechselnder Oberhoheit von Türken und Habsburgern - das Sagen gehabt: die Ungarn, die mit den Ungarn eng verwandten «Szekler» und die deutschen Sachsen, also Römisch-katholische, Calvinisten und Lutheraner. Die Leibeigenen - und das hiess mehrheitlich: orthodoxe Rumänen - waren ausgeschlossen gewesen vom politischen Leben, obwohl ihre Zahl die aller anderen zumindest seit dem 18. Jahrhundert bei weitem übertraf. Die orthodoxen Kleriker, die 1697 und 1700, nach dem Sieg der Österreicher, das Angebot einer Wiedervereinigung ihrer Kirche mit Rom annahmen, hofften auf Anerkennung ihrer rumänischen Gemeinde als vierte «Nation». Vergebens. Die Habsburger, die erst als Befreier kamen, verstanden nicht, was sie den Wächtern an ihrer neuen Grenze schuldig waren.

Als im 19. Jahrhundert überall im Osten und Südosten Europas «Nationalismus» in sehr viel radikalerem Sinn - als Streben nach Unabhängigkeit - Furore machte, hatten auch in Rumänien Geistliche ihre moderne Rolle als Vorkämpfer, Volkseiniger und erste Erzieher ihres Volks gespielt. Bischof Samuel Klein, Pater Gheorge Sincai, Pater Petru Maior und Ion Budai-Deleanu, letzterer selbst kein Priester, aber doch der im Seminar erzogene Sohn eines Geistlichen, legten die kulturellen Verbindungslinien der Rumänen zur klassischen römischen Vergangenheit, zur Eigenständigkeit, zu den Quellen nationalen Stolzes als «echte Romanen, Abkömmlinge von echten Romanen» (in den Worten Maiors) frei. Sie erst liessen einen modernen Staat der Rumänen vorstellbar werden.

Die siebenbürgischen Rumänen - und, ähnlich wie sie, ihre Nachbarn im Norden, die Ruthenen - hielten ihrer unierten Kirche auch noch die Treue, als sie nach 1918 nicht mehr Ungarn, sondern einem neuen Staat - dem rumänischen Königreich - und so dem Einflussbereich der rumänischen Metropoliten zugeschlagen wurden. Es muss ein schwieriger Stand gewesen sein, unterschieden von allen anderen, von den römisch-katholischen und von den calvinistischen Ungarn, von den reformierten Sachsen, aber ebenso nachdrücklich geschieden vom Rumänentum unter der Obhut der Orthodoxie. Andererseits passte solches Selbstbewusstsein in einen Landstrich, der beständig geschüttelt wurde und wird, einmal, wenn Grossmächte genau hier aufeinanderstossen, früher die Zaren, die Osmanen und Habsburger, heute der demokratische, prosperierende Westen, dem Ungarn de facto längst angehört, und der «Rest» der armen, schmuddeligen Peripherie, der gewalttätige «Balkan»; oder wenn Bauern und lokaler Kleinadel Aufstände gegen alle Zentralgewaltigen anzetteln; oder wenn beides, der grosse Konflikt um Einfluss und das Aufbegehren im Inneren, zusammenfällt.

Anuta meint die kleinen Träume auf ein besseres Leben, wenn sie philosophiert.

«Ich hätte auch ein anderes Leben haben können.» Der Arzt, der vor vielen Jahren um sie anhielt, lebt heute in Bukarest.

Sie lebt hier. Im Dorf.

Immerhin, ihr späterer Mann war damals extra aus dem Dorf in die Stadt gereist, um anzuhalten um sie. Da hätten alle geschaut.

Aber das Dorf bleibt das Dorf. Die Enge. Die Dummheit und die Missgunst: dass Anuta wie eine Städterin lebe.

In ihrem Haus gibt es ein Badezimmer.

Sie trinkt Kaffee.

Sie rührt, manchmal, Schokoladeeis.

Alle Fremden kommen zu Anuta. Seit 1990 gelangt auch Hoteni in den Genuss von Hilfsaktionen. Mehrmals hielten Lieferautos aus einer kleinen französischen Stadt. Lebensmittel, Medikamente. Ein paar bunte Stoffe. T-Shirts mit grossem Aufdruck. Vassile trägt sonntags eines mit dem Bild eines französischen Jägers.

Anuta übernahm den Umgang mit den Fremden.

Aber hat sie dafür vielleicht bessere Sachen von den Fremden gekriegt? Oder mehr? Sagt sie alles den Nachbarn? Alles? Anuta bekommt regelmässig Post aus dem Ausland. Manchmal kommen Briefe nicht an. Oder bleiben wochenlang liegen, bevor sie zugestellt werden.

Im Winter erkrankte Lili, die Tochter, an Hepatitis. Insgesamt gab es sechs oder sieben Fälle im Dorf. Es wird wohl an einem der Brunnen gelegen haben.

Zum Glück kannte Anuta einen guten Arzt. In Baia Mare, der nächsten Stadt.

Die Grenze zwischen dem Dorf und der «Stadt» - dem modernen Leben - hat keine Revolution und kein Traum überwinden können. Die Kluft bleibt.

1990 tauchten viele Rumänen - nicht alle waren Zigeuner - in Wien und Berlin auf. Sie trugen Hirtenjacken mit nach aussen gekehrtem Fell und einen hohen Filzhut auf dem Kopf. Manche hatten Rohrflöten dabei. Einen kleinen Trupp erlebte ich in der Wiener City mit einem Korb voll Bergkristalldolden. Die jungen Männer klapperten die Boutiquen ab in der Hoffnung, die glitzernden Mineralien, die sie als ihr Wertvollstes betrachteten, zu verkaufen. Hilflos erstarrten die Filialleiter vor ihnen. Den Berliner Alexanderplatz belagerten indessen Zigeunerfamilien mit schmuddeligen Bälgern am Rockzipfel und bettelten deutsches Volk an.

Hier, in den gesicherten Bezirken, in den Städten und Metropolen, weiss man, wie diese Bauern abzuwehren sind. Man will den exklusiven Wohlstand bewahren. Nach wenigen Wochen war der Spuk abgeschafft. Die Grenzen wurden mittels Visumsbestimmungen neu gezogen. Bald folgten Militärpatrouillen. An der österreichischen Grenze, dort, wo bloss Monate zuvor der Eiserne Vorhang zum erstenmal gerissen war, stammelte ein Zöllner den ultimativen Satz in die Mikrophone einer rasch herbeigerufenen Reporterschar:

«Nix Papiere, nix Austria.»

Die Beleidigten zogen sich in ihre Dörfer zurück. Sie legten ihre Lammfelljacken nun wieder ausschliesslich zur Prozession am Sonntag und an hohen Feiertagen an. Und jene, die sich zu ihren lautstarken politischen Vertretern aufschwangen, fanden sehr schnell ein im Westen vergessenes, schon überwunden geglaubtes Repertoire an nationalistischen Beschwörungen und Aufwiegelungen. Überall, nicht nur in Rumänien, sammelten sich die Abgewiesenen, denen ihre Aussichtslosigkeit bald deutlich vor Augen stand, und wurden politisch manipuliert und benutzt.

Es muss ungemütlich sein, in slowakischen, ungarischen, rumänischen Dörfern und Kleinstädten zu leben. Als erstes, denke ich, phantasieren sich die Leute ein Stück von der grossen, weiten Welt auf ihrem Dorfplatz zurecht, den neuerdings, ganz wie in der Stadt, die Geschäftemacher und Konjunkturritter beherrschen. Die Bilder scheinen ganz nah und vertraut und sind doch unerreichbar fern. Und zudem gibt es eigentliche Dörfer nach vier Jahrzehnten Sozialismus kaum noch. Sie sind zu Kleinstädten aufgeblasen worden. Die Höfe wucherten, nach der Kollektivierung, zu produktionstechnischen Kooperativen, zu landwirtschaftlichen Grossindustrien. Das Land wurde verschandelt. So blickt man aus den Betonklötzen, die aus dem alten Mief der Dörfer modern gegen den Himmel geschossen sind, gerne zurück. Die einzige Alternative wäre ja, in der Ferne, in Europa nach neuen Träumen zu fahnden, denen man nacheifern könnte. Doch diesen Weg hat Europa versperrt. Also bleiben die Ikonen, in denen das Dorf noch in Ordnung schien und das Leben Gültigkeit versprach.

«Das ist das Unglück der Zuspätgekommenen», hat der ungarische Schriftsteller György Konrád diagnostiziert. «Sie sind ungeduldig, im Annehmen von Hilfe sind sie nicht wählerisch.»

Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte - in Europa jedenfalls - eine grosse Beschleunigung ein. Die Bewegungen der Modernisierung und Erneuerung vervielfachten sich, während die Routen und Fahrpläne der Industrialisierung immer umfassenderen Vereinheitlichungen unterlagen. Auf dem Balkan war genau das Umgekehrte der Fall. Die Routen und die Bewegungen blieben konfus wie seit alter Zeit. Einheitlich war allein der Trott der bäuerlichen Dorfwirtschaft.

Als es in Europa zur grossen Rationalisierung der Landwirtschaft kam, blieb hier die Modernisierung der Agrarwirtschaft aus. Man spürte den Druck der neuen Zeit, doch man hielt nicht Schritt. Die europäische Integration hat spätestens dann begonnen, als Stadt und Land zu immer effizienteren Netzen der Produktivität und des Warenverkehrs verwoben wurden, als sich unter dem Titel der Nationalstaaten grosse, mehr und mehr homogene Blöcke bildeten, die den an ihrer inneren Diffusität zerbrechenden Altimperien haushoch überlegen waren. Noch um 1870, haben Wirtschaftshistoriker errechnet, lag das Bruttosozialprodukt in Südosteuropa in erreichbarer Distanz zum gesamteuropäischen Durchschnitt. 1918, nach den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs, die zu einem überproportionalen Anteil die komplizierten Strukturen im Osten und Südosten zerrissen hatten, klaffte ein nicht mehr überbrückbarer Bruch.

Im Zweiten Weltkrieg begann dann Hitler, alle «Volksdeutschen», auch jene aus Siebenbürgen, «heim ins Reich» zu holen, um sie in die SS einzugliedern oder in die von der SS und der Wehrmacht eroberten Ostgebiete umzusiedeln. Nach Kriegsende wurden schliesslich von den neuen Volksdemokratien Minderheiten vertrieben oder ausgetauscht. Seither liegt auch das Dorf Hoteni in nahezu rein rumänischem Umland und nicht mehr, wie über Jahrhunderte, im Gewirr zwischen ungarischen, deutschen und eben walachischen Siedlungen. Wie anders aber hätten die in sich zerrissenen Gebiete auch den Notwendigkeiten der «europäischen» Modernisierung Folge leisten sollen, wenn es um Vereinheitlichung ging! Welche Schulbildung kann dem plötzlichen Wettlauf genügen, wo jedes Dorf eine andere Sprache spricht und die Stadt mit dem Land nur über den Bauernmarkt und den Steuereintreiber verbunden ist. Die Privilegien der Bauern, ihr störrisch eigensinniger Stolz und das aus früherer Zeit noch intakte Misstrauen zwischen Dorf und Stadt mussten im nun geforderten Aufbruch ein zusätzliches Hindernis sein.

Erst wenige Jahrzehnte zuvor hatten in der Umgebung der Dörfer mutige Geister mit hochfliegenden Ideen das Rumänische, das Ruthenische, das Slowenische oder das Slowakische in Literatursprachen verwandelt, die Bibel übersetzt und rund um die Kirchen Bildungsvereine ins Leben gerufen. Die Vielfalt blockierte die Moderne, die nach einer gültigen Norm verlangt.

Vor allem aber wurden die Minderheiten, egal ob in Siebenbürgen oder in Slawonien, nicht mehr gebraucht. Sie hatten sich überlebt. Sie waren ein paar Jahrhunderte lang überlebenswichtig als gut organisierte Schanzwerke in unruhigen Zeiten. Immer war von ihnen in militärischen Überlegungen die Rede gewesen. Als die alten Reiche zerfielen, denen sie die losen, oft um ein paar Landstriche hin- und auch wieder zurückverschobenen Grenzen absicherten, waren die deutschen, ungarischen, serbischen und kroatischen Dörfler plötzlich Fremde, die im Weg standen. Europa zeigte vor, dass die neuen, integrierten Systeme eindeutig sein sollten, von homogener Masse und Gestalt, von berechenbarer Energie - ganz so wie Steinkohle oder ein wenig später das schwarze Öl, mit berechenbaren, vorhersehbaren Leistungswerten und Wirkungskoeffizienten.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts drangen diese Anschauungen auch nach Südosten vor, und je mehr die Völker sich dort abgedrängt sahen, desto vehementer wollten sie zumindest diesen einen grossen Makel in ihrem Innersten überwinden: sie wollten rein sein, unvermischt, durch scharfe und klare Grenzen von allem Fremden geschieden.

Der Nationalismus der Völker im Osten und Südosten Europas ist ein Versuch, Schritt zu halten mit der Moderne Europas. Anders ist er - und ist sein Gewaltpotential - nicht zu verstehen. Es geht, unmittelbar und wörtlich, um die nackte Existenz, ums blanke Überleben, im Dorf, in der Stadt, doch fern von den tonangebenden Metropolen, in der abgeschlagen an der Peripherie liegenden Nation.

Zurzeit allerdings führen wieder einmal viele Fäden nach draussen. Niemand überblickt sie noch. Auch daraus entsteht Angst. Das charakterisiert die gefährlichen Zeiten des Umbruchs. Das Fernsehen ist die effizienteste, flächendeckende Wachrüttelmaschine im Land.

«Was lernen wir nicht alles aus dem Fernsehen», hat Anuta, die Bäuerin aus Maramures, einmal wie nebenher gesagt.

«Verlassen viele das Dorf?»

«Es gibt einen, der nach Deutschland ging.»

Ich hatte mehr erwartet.

«Ja, ein anderer hat es versucht. Er ist nach Österreich, ohne Papiere. Einen Monat ist er geblieben. Einmal, einen Tag lang, hat er Arbeit gefunden. Dann ist er wieder zurück.»

Anutas Bruder würde ebenfalls gerne gehen. Aber wie?

Die Mutter ist in Moldawien. Dort gibt es horizontlange Felder und zuwenig Arbeitskraft. Viele gehen zur Erntezeit nach Moldawien und in die Walachei, als Wanderarbeiter im eigenen Land. Ich denke, es muss wie mit dem Aberglauben sein. Manche Wünsche und manche Ängste sind einfach da. Nur fragt niemand danach, weil es so selbstverständlich ist. Wenn einmal einer sich erkundigt, wetzt man nervös am Stuhl und zupft am Kopftuch herum, weil man nicht weiss, womit man beginnen soll.

Weiss einer dann doch eine Geschichte über den Aberglauben, dann läuft sie so: Ein Mann sitzt im Gefängnis. Er hat eine Nachbarsfrau umgebracht, weil er sie verdächtigte, sie habe seine Tochter verhext. Die Tochter war bei einer Aufnahmeprüfung durchgefallen. Der Mann sei aufgefallen, weil er angeblich ein verdächtig sauberes Leben führte, ohne Schnaps, ohne Frauen, nur auf seine Lauterkeit bedacht.

Die Unruhe von draussen hat die Dörfer eingeholt. Einen Atemzug lang, vor zwei Jahren, schien so vieles offen. Etliche stürmten los. Die meisten wurden zurückgeschickt, oder sie hielten es gar nicht aus. Jedenfalls kehrten mit ihnen oder an ihrer Stelle neue Ideen und Vorstellungen, neue Hoffnungen und Träume, neue Ängste zurück ins Dorf. Wenig später begannen die Preise zu steigen, und Geld ist im Dorf keines zu verdienen. Dann fielen die Grenzbalken wieder. Viele Augen und Münder blieben weit auf, sperrangelweit.

Die neusten Sehnsüchte sind nach Süden gerichtet, auf Istanbul, ganz so wie vor langer, langer Zeit, als Istanbul noch Konstantinopel hiess. Autobusse fahren aus den entlegensten Tälern ans Goldene Horn. Das Ticket kostet zehn Dollar. Wer hundert Dollar besitzt, dazu noch ein paar Sachen zum Verkaufen einpackt, für den lohnt sich die Fahrt. Die Pepsi-Cola-Dosen in der neuen privaten Bar im grösseren Nachbarort kommen aus Istanbul. Die Kaffeepäckchen hingegen sind in Wien abgepackt worden. In der Geschichte steckt Ironie. «Wenn die Ernte eingebracht ist, fahre ich nach Istanbul», nimmt Anuta sich vor. «Warst du schon einmal in Istanbul?»

Rüdiger Wischenbart lebt als Journalist in Wien. 1992 erschien von ihm «Karpaten - die dunkle Seite Europas», (Verlag Kremayr & Scherian, Wien).


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