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Sportmärchen -- Die Zwölftormusik
© Markus Roost
Von Richard Reich
In Wien kam vor zirka zwölfmal zwölf Jahren ein junger Mensch auf die Welt, der war im Prinzip ein geborener Weltmeister. Er hatte einen klaren Kopf, kräftige Waden und auch sonst einen vorbildlichen Körperbau (mit zweimal zwölf strammen Rippen). Sein Gardemass hätte ihn unter dem Kaiser für den Militärsport prädestiniert, doch dummerweise bekam er Atembeschwerden, sobald er eine Uniform (mit zwei Reihen zu je zwölf Goldknöpfen) sah. Also spielte er Tennis.
Auf dem Court brillierte Arnold – denn so hiess der junge Mensch, falls er seinen Namen nicht aus Langeweile zum Beispiel in Ronald verdrehte – mit witzig angewinkelten Aufschlägen und geistreich gezirkelten Returns. Fraglos wäre er habsburgischer Meister geworden, hätte er nicht ständig im falschen Moment an sich durchaus interessante Grundsatzdiskussionen entfacht: «Wieso wird ein Doppelfehler genau gleich gezählt wie ein Gewinnschlag?» fragte er den Schiedsrichter mitten im Entscheidungssatz. «Weil es unterm Doppeladler schon immer so war!» antwortete der Referee vom hohen Stuhl herab, «würden Sie nun bitte servieren?»
Arnold aber kam jetzt erst richtig in Fahrt, denn er wurde nicht nur von gesundem Widerspruchsgeist, sondern auch von zwanghaftem Ordnungssinn getrieben: «Warum, Herr Spielleiter, springen Sie beim Zählen nach 15 und 30 plötzlich auf 40? Nennen Sie das eine brauchbare Reihe?!» Der Schiedsrichter wusste keine Antwort, also disqualifizierte er Arnold wegen Zeitüberschreitung.
Zum Glück war bald Schluss mit Kaiser und Monarchie, und statt des bornierten Tennis wurde jetzt arbeiterfreundlicher Mannschaftssport betrieben. Auch hier machte Arnold gute Figur und Furore, vor allem als Torwächter. Im Fussball bewies er eine glückliche Hand, die jedes daherfliegende Leder fehlerfrei einfing. Sicher hätte er es zum Nationaltorhüter gebracht, wären ihm nicht zur Unzeit neue Fangfragen eingefallen: «Kannst du mir sagen», fragte er einen Gegenspieler, der soeben zum Strafstoss anlief, «warum du diesen Penalty ausgerechnet aus elf Metern gegen mich trittst und nicht beispielsweise aus zwölf?» Darüber geriet der gegnerische Stürmer ins Sinnieren und prompt ins Stolpern, Arnold wurde wegen Unsportlichkeit verwarnt, und der Staatstrainer bot das nächste Mal einen anderen Torsteher auf.
Arnold aber machte sich nichts draus, er musste sowieso gerade nach Amerika auswandern. Dort trat er dem nächsten Schachclub bei und brachte sofort Verbesserungsvorschläge ein. Statt mit zweimal sechzehn gedachte er mit dreimal zwölf Figuren zu spielen, welche er statt in zwei in vier Farben aufteilen wollte. Statt bloss Bauern und Läufer brachte er auch Panzer, U-Boote und Artillerie ins Spiel, und aus den Springern machte er Kampfflieger, was er passender fand angesichts des Weltkriegs in Europa. Die Amerikaner nickten begeistert, hielten Arnold allerdings für einen verkappten Kommunisten und wechselten die Schlösser am Eingang zum Schachclub.
So probierte es Arnold halt in der Formel 1. Der Motorsport hatte ihn schon immer interessiert, nämlich wegen der kühn wechselnden Tempi und der expressiven Akustik. Er wurde Ferrari-Testfahrer und erfand alsbald einen Boliden, der rückwärts genauso schnell fuhr wie vorwärts, was seinem Rennstall viele Presseberichte eintrug, aber leider sehr wenig Punkte. Dessen ungeachtet bestückte Arnold die zwölf Zylinder des Motors mit zwölf Metallstiften und baute einen Stimmkamm ein, wodurch das Getriebe nicht länger dröhnte, sondern virtuos klimperte, und das ab 12 km/h!
Zum Dank wurde Arnold auf Schadenersatz verklagt, aber er liess sich nicht beirren: «Wem unser Herrgott die Bestimmung gegeben hat, Unpopuläres zu tun, der findet sich auch damit ab, dass er unverstanden bleibt.» Vom stockkonservativen Sportbetrieb allerdings hatte er jetzt die Nase voll. Darum reformierte er für den Rest seines Lebens die Musik.
Der österreichische Komponist Arnold Schönberg (1874 – 1951) war nicht nur der Erfinder der Zwölftonmusik und des Klebstreifenhalters, er brachte auch Ideen zur Reformierung des Tennissports oder des Schachspiels ein.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
Leserbriefe:
Zu Sportmärchen -- Die Zwölftormusik - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)
Gleich schnell vor-und rückwärts zu fahren war schon vor Arnold Schönberg möglich. Die Maybach Motorenfabrik die für die Zeppelin-Luftschiffe die Antriebe lieferte, hatte dafür extrem flexible Motoren entwickelt. Da es damals keine Verstellpropeller gab, war sowohl die Fahrgeschwindigkeit, als auch deren Richtung durch die Motoren zu regeln. Diese waren also umsteuerbar. Die Firma hatte auch etliche Motorwagen hergestellt. Ein Getriebe war nicht nötig, da der Motor extrem flexibel war und man eben mit schleifender Kupplung anfuhr. Die Legende geht, dass auch kein Rückwärtsgang da war, denn mit den umsteuerbaren Motoren... Die Marke war lang „schlafend“. Wie „Wolfsburg“ und.„München“ sich je die Rechte einer britischer Nobelmarke aneigneten., war man in Stuttgart nervös geworden. Der Stern auf dem Kühler ist ja schön, aber.. „Horch“ war in der Namensliste, Maybach schien aber „nobler“. Unten an der Strandpromenade hat es u.a. zwei solcher 6,5m langen Strassenkreuzer (mit Getriebe) in einem Schaufenster, 100m weiter weg hat es RR und dann Bentley und Lamborgini. Oskar Stürzinger, Monte Carlo
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