BÖRCS, EIN BAUERNDORF im ungarischen Niemandsland. An der breiten Hauptstrasse, die am Dorf vorbeiführt, verkaufen Bauern Zwiebelzöpfe und Eier an durchfahrende Städter. In den aufgeweichten Dorfstrassen gackern Hühner. In Börcs gibt es keine Strassennamen und keine Hausnummern. Die Menschen leben seit Generationen hier, kommen gar nicht erst weg oder kehren, wenn doch, bald wieder in die vertraute Einöde zurück. Jeder kennt jeden. Nur zwei Personen legen Wert auf Diskretion. Es sind Zugezogene, Fremde.
Eine betonierte Eingangsrampe weist den Weg zu ihrer Fabrik. Die Rampe führt in einen langgezogenen Innenhof, der in einer Müllhalde endet. Hinter den Fenstern der Produktionshalle zeichnen sich kopflose Körperhülsen ab, auf einer Werkbank liegen blonde Haarbüschel und blaue Pupillen.
Die Firma heisst Transex und gehört Susanne und Johann Basso, nach eigenem Bekunden die einzigen Hersteller von aufblasbaren «Sex-Dolls» in Europa. Noch steckt das Geschäft in den Anfängen, doch ist das Geschwisterpaar überzeugt, mit schönen Latex-Damen aus dem Billiglohnland Ungarn den Billigpuppen aus Fernost die Stirn bieten zu können. «Wir konzentrieren uns auf das mittlere Preissegment», sagt Johann Basso, Selfmademan und ein alter Hase im Geschäft mit Latexdessous und frivolen Lederaccessoires. Und das Ziel ist klar: «Wir wollen in Europa und in den USA Hunderttausende solcher Puppen verkaufen.» Nach drei Jahren der Vorbereitung und des Experimentierens sieht die Werkhalle der Transex allerdings immer noch aus wie Frankensteins Labor und weniger wie eine Massenproduktionsstätte.
Gummipuppen sind hochkomplexe Wesen. Als in den siebziger Jahren die ersten aufblasbaren Plasticpuppen geschaffen wurden, war die Kundschaft noch verschämt und genügsam. Sie mochte über die etwas rudimentäre Eleganz der ersten Grazien nicht klagen, über die scharfen Schweissnähte an Armen und Beinen und darüber, dass nur einige synthetische Löckchen die Stirn der Damen zierten. Die Hingabe, mit der sich eine doch ansehnliche Zahl von Männern den ersten Damen aus Plastic widmete, hatte aber einen schnellen Evolutionsprozess zur Folge. Bald gab es Bangkok-Ladies mit Schlafaugen, Teenie-Dolls mit Zungenpneumatik, Boy-Puppen mit auswechselbaren Geschlechtsteilen. Latexhaut, Echthaarperücken und lackierte Zehennägel vermittelten Authentizität. Und auf Knopfdruck konnten die Puppen jetzt auch stöhnen und Gebrauch von einem in jeder Hinsicht beschränkten Vokabular machen. Die handgearbeiteten Gespielinnen «made in Europe» waren mit bis zu 3000 Franken zu teuer für den Durchschnittsverdiener, der sich bald an Puppen aus Fernost schadlos hielt, die ähnlich raffiniert, aber viel billiger waren. Die europäische Präzisionsware verschwand aus den Regalen der Sex-Shops, die europäischen Gummipuppenfabriken mussten ihre Tore schliessen.
Eigentlich hatte Johann Basso bei seinem Projekt auf die Unterstützung der einstigen Pioniere gehofft. Doch die gaben ihr Wissen um genaue Mischverhältnisse, Latexdicke, Farbtongestaltung und dergleichen nicht preis. So mussten er und seine Schwester sich das Know-how weitgehend selber erarbeiten. An den bestehenden Produkten hatten sie festgestellt, dass das Grundmaterial oft zu wünschen übrig liess; da gab es Latex mit hässlichen Pickeln, anderes Material war klebrig. Also begann die Firma Transex als eigentliches Entwicklungslabor. Unerwünschte Feuchtigkeit, Kautschukviren, unerklärbare Farbveränderungen und Risse im Material raubten dem ungarischen Betriebsleiter, Endre Talabèr, den Schlaf und die Nerven und liessen die Bassos einige Male fast resignieren.
Doch jetzt sind die Anlaufschwierigkeiten überwunden. 42 ungarische Arbeiter und Arbeiterinnen sind derzeit mit der Fabrikation zweier Puppentypen beschäftigt, einer blonden und einer dunkelhaarigen Frau. Seit Monaten tüftelt die Crew ausserdem an einem dritten Modell, dem Replikat des deutschen Busenwunders Dolly Buster. Die Idee dazu hatte ein holländischer Sexartikelhändler, der die deutsche Porno-Queen als «geklonte Dolly» in einer Auflage von 10 000 Stück unter die Männer bringen möchte, zum Preis von 650 Franken pro Stück, Pneumatikpumpe und Latexöl inbegriffen. «Hautfreundliches, lebensechtes Material, reiss- und dehnfest. Belastbar bis 100 Kilogramm Körpergewicht», wird später auf der Verpackung der Puppe stehen sowie der Zusatzvermerk «Raffinierte Spiele in allen Lagen erwünscht». Pro Tag werden in Börcs zurzeit 24 handgearbeitete Latex-Ladies hergestellt. Eine Frau pro Stunde, denn gearbeitet wird in drei Schichten und rund um die Uhr.
In der Schlosserei, wo die Kreationen ihren Anfang nehmen, ruht man nicht, bis man die perfekte Form gefunden hat. Nach den gezeichneten Massen einer lebendigen Traumfrau - natürlich stand Dolly nicht selbst Modell, denn die weiss nichts von ihrem Glück, bald einmal als Artikelnummer 300076 über die Ladentische zu gehen - werden in der Werkstatt wohlgerundete Frauenkörper aus Metall erschaffen, die dann als Tauchvorlage für die Latexkörper dienen. Zwei Wochen lang schweissen und schleifen mehrere Männer an den Eisenskulpturen, zu denen eine Giesserei im Dorf die Einzelteile anliefert. Arme, Beine und Torsi sind immer gleich, nur die Grösse der Brüste variiert.
Der zusammengesetzte Körper wurde nach den Testbädern unzählige Male revidiert, die fünf Kilogramm Latexmasse, die die Form umgaben, hatten einen inakzeptablen Formenverlust ergeben. «Dollys» Hüften waren zu breit, die Beine plump, und das schlimmste: die Brüste zu klein. Es musste gefeilt und poliert werden, und heute schweissen die Arbeiter mit entrücktem Blick fussballgrosse Metallkugeln auf die kopflosen Traumfrauen mit den Massen 130 - 50 - 60.
Die Latexmasse, es ist Kautschukmilch, importieren die Bassos aus Malaysia. Der Bewilligung gingen monatelange Verhandlungen mit den ungarischen Behörden voraus, zudem musste die umweltgerechte Entsorgung der chemikalienhaltigen Fabrikationsabfälle gewährleistet sein. Mit Ammoniak verdünnt und in sattes Rosarot eingefärbt, sollten aus dem exotischen Gummi seidenweiche und dennoch stabile Frauenkörper entstehen. Die ersten Versuche führten aber zu bakterienverseuchten Wesen mit brüchiger Haut, die auch noch mit Lichtgeschwindigkeit alterte. Man hatte vergessen, destilliertes Wasser beizumischen, das den Latex nach der Trocknung elastisch hält. Ebenso wusste keiner, dass Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit überwacht werden müssen, weil sich in der Kautschukmilch sonst Viren bilden, und dass man dem Kautschuk, um ihn vor dem Altern zu schützen, verschiedene Stabilisatoren beifügen muss.
Die Tauchbecken für die Latexbäder hatte Basso zusammen mit Talabèr ausgetüftelt. Darin werden die 70 Kilogramm schweren Eisenskulpturen, nachdem sie sandgestrahlt und mit Kalziumnitrat geduscht wurden, in die Kautschukmilch getaucht und während zweieinhalb Stunden in der Masse gelassen. Dann hebt ein Kran den ertränkten Rumpf langsam aus dem rosaroten Bad und stellt ihn vor die Trocknungsöfen, wo sie eine Stunde lang stehenbleiben. Das Trocknen der Puppen ist eine tägliche Zitterpartie. Wird die Vortrocknungszeit nicht eingehalten, reissen die Latexkörper, und es kommt zu hässlichen Verfärbungen. Bei 120 Grad fahren die latexüberzogenen Figuren dann im Schneckentempo dreieinhalb Stunden lang durch die Umluftheizung, die automatisch siebenmal pausiert, damit sich die Hitze gleichmässig verteilt. Geht bei diesem komplizierten Prozedere alles gut, wandern die kopflosen Mädchen anschliessend ins Schaumbad. Dort wird ihnen von den Männern die Haut vom Leib gezogen. Sorgfältig ausgeschäumt liegen die verrenkten Frauenleiber später in einem neutralisierenden Chlorbad, damit die Haut nach dem Trocknen weich wird und später nicht etwa am Liebhaber kleben bleibt.
«Mist!» Endre Talabèr bringt den Tumbler zum Stillstand, in dem eben noch fröhlich Gummiköpfe durcheinanderwirbelten. Er holt ein Exemplar aus der Trommel und hält es verdrossen in die Höhe. Der Kopf hat einen ungesunden Gelbstich. Endre Talabèr wirft ihn in den nächstbesten Abfalleimer. «Welcher Trottel hat den Tumbler zu heiss eingestellt!» brüllt der Betriebsleiter. Seine Worte gehen unter im Gelächter der Arbeiter, im Maschinenlärm und in der amerikanischen Schlagermusik.
Allein für die Entwicklung des Dolly-Kopfes hat Talabèr Wochen gebraucht. Er entwickelte eine Gipsgussform sowie eine Fettsubstanz, mit der diese behandelt werden muss. Er fand heraus, dass sich die Farbe der für den Kopf verwendeten Kautschukmilch nach dem Trocknungsprozess anders verändert als jene der Puppenkörper und dass für den Kopf eine stärkere Hautdicke nötig war, damit er, wenn die Puppe aufgepumpt wird, nicht platzt.
Nun liegen die Köpfe aufgepumpt und bereit für den letzten Schliff auf den Werkbänken in der Lagerhalle. «Dolly ist hübscher als unsere beiden Standardmodelle», sagt Susanne Basso, und ihr Bruder nickt. «Von erster Qualität, das Mädchen.» Eine ungarische Arbeiterin färbt mit der Spritzpistole Dollys geöffnete Lippen erdbeerrot und verpasst den bleichen Wangen ein bisschen Rouge. Blauer oder grüner Lidschatten wird angebracht, mit Filzstift ein wasserfester Eyeliner gezogen. Die Augen, selbstklebend, werden leicht schielend angebracht und mit dichten Wimpernkränzen versehen. Ganz zuletzt bekommen die Köpfe die Dolly-typische Haarpracht aufgestülpt: wallende Goldlocken, die das Pumpventil am Hals verdecken. Nun wird der Kopf mit extrastarkem Leim an der Körperhülse befestigt. Aufgepumpt an der Decke hängend, mangelt es Dolly noch immer ein wenig an Taille und Hintern, dafür beeindruckt ihre ungemeine Oberweite. Die Haut ist glatt, seidig weich und von jenem feinen Porzellanton, um den lebendige Frauen sie beneiden könnten. Anstelle eines Herzens hat Dolly nur Luft. Und das ist gut so.
Franziska Müller, freie Journalistin, wohnt in Zürich.