NZZ Folio 08/09 - Thema: Flug LX 14   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Im Drachenzoo

© Fabienne Boldt
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Flugzeuge sind gross und laut wie mächtige Drachen. Und weil man Erdölnicht perfekt destillieren kann, riechen sie auch unvergleichlich.

Von Luca Turin

Ein Flughafen ist ein Zoo, in dem feuerspeiende Drachen gefüttert und getränkt werden. Man kann die furchterregenden Bestien hören und riechen, lange bevor man sie sieht. Wenn man sich nähert, vernimmt man zunächst das Pfeifen ihrer Düsen und riecht den heissen, aromatischen Atem ihres Kerosins.

Ein Kolbenmotor verbrennt den ganzen Treibstoff, den man ihm füttert, und riecht einfach nur nach Rauch. Düsentriebwerke hingegen schlabbern, solange sie noch nicht warm sind, und spucken im Leerlauf jede Menge unverbranntes Kerosin aus, daher der Geruch. Würde das Petroleum vollkommen destilliert, bestünde Kerosin nur aus schweren Molekülen und wäre fast geruchlos. Aber da es sich niemand leisten kann, parfumeriereines Destillat in seinen Tank zu füllen, entspricht das Kerosin einem Petroleum-Cognac: es enthält eine Mischung aus Indenen, Tetralinen und Alkylbenzolen.

Diejenigen unter Ihnen, die kurz nach dem Krieg geboren wurden, dürften sich an die heroische Zeit um das Jahr 1959 erinnern, als die Drachen endlich gezähmt und als Lasttiere eingesetzt wurden: die schwachbrüstige Comet, die mannhafte 707, die hinreissende Caravelle. Falls Sie ein Faible für Drachenzoos haben, halten Sie sich an kleine: Sie kommen dort näher an die Tiere heran, können sie fast durch den Zaun hindurch streicheln. Mein Liebling ist das wunderbare, sehr herunter­gekommene Museum der Fuerza Aerea ­Argentina. Es fristete auf einer kleinen dreieckigen Landparzelle am Südende des Jorge Newbery Airports in Buenos ­Aires sein Dasein, eingekeilt zwischen einer Rollbahn und der Hauptküstenstrasse. Riesenjets auf dem Weg zum Takeoff rollten so nahe an einem vorbei, dass man die Schrift auf den Pneus lesen konnte.

In den Büschen verstreut, standen ausrangierte Flugzeuge, die aussahen wie zerbeulte alte Pfannen. In einem kleinen, niedrigen Gebäude waren die Relikte der Luftwaffe untergebracht. Ein Raum war mit blauweissblauen argentinischen Flaggen ausstaffiert, jede in der Mitte mit einer Sonne aus Goldfaden bestickt. Jede der Sonnen hatte ein anderes Gesicht, die meisten melancholisch, manche wütend, als sei das Land selbst ein launenhaftes Wesen. Im zweiten Raum befanden sich Flugzeugmotoren, manche davon aufgeschnitten, damit man einen Blick auf ihre glänzenden Innereien werfen konnte; die rot angepinselten Schnittstellen des Metalls wirkten wie lebendes Fleisch.

Im dritten Raum das Prunkstück: eine Vitrine in der Form eines Sarges. Hinter dem Glas sah man einen wirren Haufen von Holzstreben, Messingrohren und Lederriemen, dessen erreichbare Teile auf Hochglanz poliert worden waren. Bänder in den Nationalfarben verknüpften die Teile des unidentifizierbaren Objekts mit kleinen, an der Innenseite des Glases befestigten Täfelchen. Auf einem stand «carburetor» zu lesen, ein anderes besagte «altimeter».

Es handelte sich um die Überreste eines Flugzeugs, das zu Beginn der 1920er beim Versuch, die Anden an ihrem tiefsten Punkt zu überqueren, hatte feststellen müssen, dass der tiefste Punkt noch immer zu hoch lag. Die Passion, die Tragik und die Einsamkeit der frühen Flugpioniere verschlug mir den Atem. Als ich wieder in die Sonne hinaustrat, wurde ich mit voller Wucht von der Duftwolke einer 737 ergriffen, die sich auf der Rollbahn zum Takeoff einfädelte. Ich habe soeben bei Google Earth nachgesehen: Das Museum ist verschwunden, aber Sie können dort immer noch die Flugzeugschatten im Gras sehen, das sich artig vor den knurrenden Drachen verneigt.

Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.



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