NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Kosovo - Eine Chronologie

Von Cyrill Stieger

KERNLAND DES SERBISCHEN REICHES. Am 28. Juni 1389 unterlag das serbische Heer mit seinen Verbündeten in der Schlacht auf dem Amselfeld den osmanischen Truppen. Die Niederlage besiegelte den Niedergang des mittelalterlichen serbischen Reiches, das in der Zeit der Herrschaft von Zar Stefan Dusan (1331-1355) seinen politischen Höhepunkt erlebt hatte. Kosovo war zu jener Zeit aber auch das kirchliche Zentrum des serbischen Reiches. Das Oberhaupt der autokephalen serbisch-orthodoxen Kirche hatte seinen Sitz in Pec. Nach der Schlacht auf dem Amselfeld begann die Herrschaft der Osmanen, die in Kosovo bis 1912 dauerte.

Im Jahre 1690 kam es zum Exodus eines Teils der serbischen Bevölkerung aus Kosovo unter der Führung des Patriarchen der serbisch-orthodoxen Kirche. Nach dem Rückzug der Habsburger, die weit in den Balkan vorgestossen waren, richtete sich der Hass der Türken gegen die orthodoxen Serben, welche die Österreicher als Befreier begrüsst hatten.

Der serbische Exodus in das Gebiet der heutigen Vojvodina, damals Teil des Habsburgerreichs, hatte weitreichende Folgen. Einmal verlagerte sich der politische und kirchliche Schwerpunkt der Serben nach Norden. Zum andern begann sich die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Kosovos zugunsten der Albaner zu verschieben, die sich vermehrt in den Ebenen niederliessen.

Am 10. Juni 1878 wurde die Liga von Prizren gegründet. Es war die erste nationale Regung der Albaner, die der drohenden Aufteilung ihrer Siedlungsgebiete durch die Grossmächte entgegenwirken wollten. Sie forderten Autonomie innerhalb des Osmanischen Reiches.

TEIL JUGOSLAWIENS. Als am 28. November 1912 in Vlore, in den Wirren der Balkankriege, ein unabhängiges Albanien ausgerufen wurde, blieb das mehrheitlich von Albanern bewohnte Kosovo ausserhalb der Grenzen des neuen Staates. Das Gebiet wurde von den Grossmächten Serbien zugesprochen. Damit begann die serbische Herrschaft über die Albaner Kosovos, die - ausgenommen die Jahre 1974 bis 1989 - bis heute andauert. Im Frühjahr 1941 wurde ein grosser Teil Kosovos sowie der ebenfalls mehrheitlich von Albanern bewohnte Westen Mazedoniens politisch und administrativ mit Albanien vereinigt, das 1939 von Italien besetzt worden war. Es entstand ein Grossalbanien von Mussolinis Gnaden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten Kosovo und die Vojvodina einen autonomen Status innerhalb Serbiens, der grössten Teilrepublik der von Tito geschaffenen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Kosovo wurde 1945 zu einem autonomen Gebiet, die Vojvodina zu einer autonomen Provinz. Die offizielle serbische Bezeichnung für die Region lautet Kosovo und Metohija (zusammengezogen Kosmet). Mit dem byzantinisch-griechischen Wort Metohija - es bedeutet klösterlicher Grundbesitz - bezeichnen die Serben den Westen Kosovos. Allein durch die Verwendung dieses Begriffs soll der serbische Herrschaftsanspruch auf das Gebiet zum Ausdruck gebracht werden. In der Verfassung von 1963 wird Kosovo als eine autonome Provinz definiert und damit der Vojvodina rechtlich gleichgestellt.

Im Zuge der fortschreitenden Föderalisierung erhielt Kosovo in der Verfassung von 1974 ein sehr hohes Mass an Autonomie. Die Kosovo-Albaner verbinden mit ihr das Ende der serbischen Willkürherrschaft und der nationalen Diskriminierung. Kosovo erhielt de facto den Status einer Republik mit Stimmrecht im Staatspräsidium. Die autonome Provinz war nicht mehr nur ein Teil Serbiens, sondern zugleich auch ein Teil der jugoslawischen Föderation. Aus diesem Doppelstatus leiten die Albaner das Recht auf Sezession ab.

Die Serben empfanden die Verfassung von 1974 als Schwächung des serbischen Staates und damit als ein grosses Unrecht. Mit dem Aufstieg des heutigen jugoslawischen Präsidenten Milosevic, der erstmals im April 1987 in der Rolle eines Beschützers des angeblich bedrohten serbischen Volkes auftrat, begann der Kampf um die Wiederherstellung der territorialen Einheit Serbiens und damit um die Wiedererlangung der vollständigen politischen Herrschaft über Kosovo. Mit der Änderung der Verfassung Serbiens im März 1989 wurde die Autonomie Kosovos - und jene der Vojvodina - faktisch abgeschafft.

Am 2. Juli 1990 riefen die albanischen Abgeordneten des Parlaments Kosovos die Selbständigkeit der Provinz innerhalb der jugoslawischen Föderation aus, worauf Belgrad das Parlament am 5. Juli auflöste, die Provinzregierung absetzte und eine Zwangsverwaltung einführte. Die Albaner begannen mit dem Aufbau eines parallelen Untergrundstaates mit eigenen politischen Institutionen, Schulen und Spitälern. Ende September 1991 sprach sich die überwältigende Mehrheit der albanischen Bevölkerung in einem Referendum für die Unabhängigkeit aus. Im Anschluss daran wurde die Republik Kosovo ausgerufen. Im Mai 1992 fanden Parlamentswahlen statt. Der Vorsitzende des im Dezember 1989 gegründeten Demokratischen Bundes Kosovos, Ibrahim Rugova, wurde zum Präsidenten gewählt und im März 1998 in seinem Amt bestätigt.

DER WEG IN DEN KRIEG. Entscheidend für die weitere Entwicklung war der Umstand, dass das Kosovo-Problem in dem am 21. November 1995 in Dayton abgeschlossenen Friedensabkommen für Bosnien ausgeklammert wurde. Die radikalen Kräfte unter den Albanern Kosovos gewannen danach an Einfluss und drängten die Befürworter des gewaltlosen Widerstands gegen die serbische Herrschaft immer mehr in den Hintergrund. Im Frühjahr 1996 kam es zu den ersten Anschlägen auf serbische Polizisten, zu denen sich die UCK (Ushtria Clirimtare e Kosoves), die Befreiungsarmee Kosovo, bekannte. Am 28. November 1997 zeigten sich erstmals bewaffnete und maskierte UCK-Kämpfer in der Öffentlichkeit. Zu Beginn des Jahres 1998 weiteten sich die Kämpfe in Kosovo aus. Am 12. Oktober gab Milosevic dem Druck der Nato nach und stimmte bei den Gesprächen mit dem amerikanischen Vermittler Holbrooke dem Abzug der serbischen Truppen aus Kosovo und der Stationierung von OSZE-Beobachtern zu. Die westlichen Vermittler erarbeiteten eine politische Übergangslösung, die den Konfliktparteien aufgezwungen werden sollte. Doch die Friedensverhandlungen in Rambouillet vom 6. bis 23. Februar 1999 sowie die Folgekonferenz in Paris von Mitte März scheiterten. Belgrad verweigerte die Unterschrift unter die Vereinbarung über eine weitgehende Autonomie Kosovos. Am 24. März 1999 begann die Nato mit den Luftangriffen.

Cyrill Stieger ist Auslandredaktor der NZZ.


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