WER IST EIN JUGENDLICHER? Schon das ist eine heikle Frage, über die sich Statistiker und Marktforscher alles andere als einig sind. So wird denn bei Erhebungen über die Jugendlichen je nachdem mit ganz verschiedenen Kategorien hantiert: Einmal wird das Augenmerk auf die 14- bis 19jährigen gerichtet, ein andermal auf die 15- bis 25jährigen, und bisweilen werden auch noch die 26- bis 29jährigen zur Jugend gezählt. «Die Jugend» ist somit statistisch eine relativ amorphe Grösse, was nicht heissen will, dass sie nicht mit akribischer Genauigkeit erforscht würde, um die Frage beantworten zu können: was ist und will sie denn?
Das Ausgangsmaterial. 1995 lebten in der Schweiz 399 800 15- bis 19jährige, was einem Bevölkerungsanteil von 5,7 Prozent entspricht. 20- bis 24jährige wurden 443 800 gezählt, ein Anteil von 6,4 Prozent. Es gibt also mehr ältere als jüngere Jugendliche, was dem Trend zur allgemeinen Vergreisung unserer Gesellschaft entspricht. 1970 kamen die 15- bis 19jährigen noch auf einen Anteil von 7,2 Prozent und die 20- bis 24jährigen auf einen solchen von 7,9 Prozent. Und 1900 betrug der Anteil der 15- bis 19jährigen an der Gesamtbevölkerung stolze 9,5 Prozent.
Längere Ausbildung. Immer noch zur Schule gingen im Jahr 1995 59,9 Prozent der 19jährigen, was einem Zuwachs von 9,6 Prozent gegenüber 1980 entspricht. 1995 besuchten 61 833 Schüler eine Maturitätsschule, 192 656 machten eine Berufslehre. Die Zahl der Maturitätsabschlüsse betrug 12 932, die der Fähigkeitszeugnisse für Berufslehren 44 911. Auffallend ist dabei der steigende Anteil der Frauen unter den Maturanden: 1980 waren es noch 42,5 Prozent, 1995 stellten sie mit 53,3 Prozent die Mehrheit.
Mehr Arbeitslose. 35 578 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren waren im Dezember 1996 als Arbeitslose registriert, 30 952 mehr als im Dezember 1990, was einer Steigerung von 770 Prozent entspricht.
Hotel Mama. Umfragen zeigen, dass vor allem zwischen 1990 und 1994 - bedingt durch den erschwerten Einstieg ins Berufsleben - unter den Jugendlichen ein Hinauszögern des Wegzugs von zu Hause festzustellen ist. 59 Prozent der 20- bis 24jährigen Frauen und 31 Prozent der jungen Männer geben an, das Elternhaus mit 20 verlassen zu haben; bei den heute 45- bis 59jährigen waren es 71 beziehungsweise 56 Prozent.
Erster Sex. Eine Mehrheit der Jugendlichen ist im Alter von 18 Jahren sexuell erfahren. 9 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer hatten vor dem 15. Geburtstag zum erstenmal Geschlechtsverkehr. Bei den 15jährigen sind es bei beiden Geschlechtern 20 Prozent, mit 16 Jahren 32 Prozent der Frauen und 35 Prozent der Männer; 13 Prozent beziehungsweise 6 Prozent geben an, sie hätten regelmässig Geschlechtsverkehr.
Heiraten kann warten. Das mittlere Alter bei der ersten Heirat ist zwischen 1970 und 1994 bei den Frauen von 24,2 auf 27,8 Jahre gestiegen und bei den Männern von 26,5 auf 30,1. Wenig verwunderlich, dass immer weniger Teenager vor den Traualtar treten: 118 Männer und 871 Frauen unter 20 heirateten im Jahr 1995. 1970 waren es noch 534 beziehungsweise 5019 gewesen. Zurückgegangen ist ebenfalls die Zahl der Kinder von unverheirateten Müttern unter 20: von 726 im Jahr 1970 auf 333 im Jahr 1995.
Lob der Familie. Der längeren Bedenkzeit zum Trotz ist die Institution der Familie bei den Jugendlichen kaum bestritten. Für 78 Prozent der 15- bis 25jährigen ist die Familie ein vorrangiger Wert. Und die Zweikindfamilie weiterhin das Ideal: 57,6 Prozent der 20- bis 24jährigen Frauen wünschen sich zwei Kinder, 20,2 Prozent drei und 6,9 Prozent keines. Bei den Männern sind es 63,5 Prozent, 15,1 und 5,7. Wenig beliebt ist die Einkindfamilie, die heute mit 43,3 Prozent die häufigste und damit typische Familiensituation der Jugendlichen ist.
Musik und TV. In ihrer Freizeit hören die 14- bis 24jährigen am liebsten Musik. 86,6 Prozent tun dies regelmässig. An zweiter Stelle folgt Fernsehen mit 76,5 Prozent, dann Zeitschriften lesen mit 69,8 Prozent. 58,3 Prozent geben an, sie würden regelmässig Bücher lesen, während 48,3 Prozent lieber in die Disco gehen. Nur gerade 6,9 Prozent vertreiben sich die freie Zeit mit Stricken, 22,7 Prozent der Jugendlichen widmen sich dem Vereinsleben.
Die Jugend als Marktmacht. Die 16- bis 18jährigen erhalten im Durchschnitt von ihren Eltern ein monatliches Taschengeld von 78.50 Franken, und wenn das erste selber verdiente Geld hinzukommt, rollt der Rubel erst recht. Schätzungen zufolge geben die 12- bis 20jährigen im Jahr gut und gerne 3,5 Milliarden Franken aus. Allein für Jeans schieben die Jugendlichen rund 106 Millionen über den Ladentisch. 72 Prozent der 15- bis 25jährigen bezeichnen sich als materialistisch.
Am liebsten die Schweiz. 36,5 Prozent der 14- bis 24jährigen verbringen die Winterferien in der Schweiz, 3,2 in Österreich, 2,8 in Frankreich. In den Sommerferien bleiben 26,2 Prozent in der Schweiz, 12,7 reisen nach Frankreich, 11,5 nach Italien, 9,5 nach Spanien oder Portugal.
Mässig gesund. 36 Prozent der 15- bis 20jährigen Frauen und 15 Prozent der Männer leiden häufig an Kopfschmerzen, 31 bzw. 24 Prozent haben Hautprobleme, 31 bzw. 24 Prozent klagen über Rückenweh. 11 Prozent der 11- bis 16jährigen geben an, sie hätten in den letzten 30 Tagen mehrmals Schmerzmittel genommen.
Schlank ist schön. 59 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 19 möchten ihr Gewicht ändern, davon möchten 95 Prozent abnehmen. Bei den jungen Männern möchten nur 27 Prozent ihr Gewicht ändern, und zwar zu gleichen Teilen zu- und abnehmen. Bei 4 Prozent der Mädchen besteht ein hohes Risiko einer Essstörung.
Vivere pericolosamente. Wie in den meisten Industrieländern sind in der Schweiz Unfälle die häufigste Todesursache von Jugendlichen. Insgesamt starben 1994 in der Alterskategorie der 15- bis 29jährigen 113 Frauen und 592 Männer bei Unfällen, 47 Frauen und 155 Männer allein bei Motorfahrzeugunfällen.
Suizid. Die zweithäufigste Todesursache unter Jugendlichen sind Suizide. Von den 15- bis 29jährigen nahmen sich 1994 45 Frauen und 225 Männer das Leben. Von den Industrieländern weist die Schweiz damit die höchste Suizidrate bei Jugendlichen auf.
Aidstote. An Aids starben 1994 37 Frauen und 56 Männer in der Altersgruppe der 15- bis 29jährigen.
Haschisch, Alkohol und Nikotin. 5 Prozent der 15- bis 24jährigen trinken täglich ein- oder mehrmals Alkohol, 25 Prozent nie. 15,4 Prozent der 15- bis 17jährigen bezeichnen sich als Raucher, bei den 20- bis 24jährigen sind es 44,7 Prozent. 20 Prozent der 14- bis 16jährigen haben schon einmal einen Joint geraucht.
Keine Zeit fürs Frühstück. 34 Prozent der 14- bis 19jährigen lassen in der Regel das Frühstück aus. Alle Hauptmahlzeiten nehmen nur 12,8 Prozent ein. Die Jugendlichen verpflegen sich lieber fliegend.
Mit dem Gesetz in Konflikt. Wegen Handels, Konsums und Schmuggels von Betäubungsmitteln wurden im letzten Jahr 1969 18- bis 24jährige verurteilt. In gleicher Sache verzeigt wurden 12 132. Im Jahr 1994 wurden wegen Verstössen gegen verschiedene Gesetze 17 185 18- bis 24jährige verurteilt, was 25 Prozent aller Verurteilungen ausmacht.
Ohne Moral. 54 Prozent der Jungen sagen, sie hätten keine Bindung an moralische Werte.
Und politisch eher links. 49 Prozent der 15- bis 22jährigen behaupten, dass sie sich für Politik interessieren. 34 ordnen sich der politischen Mitte zu, 37 bezeichnen sich als eher links, 16 als eher rechts, während sich 13 nicht einordnen wollen oder können. Für 48 Prozent gehören ökologische Fragen zu den dringlichsten politischen Problemen, für 35 Prozent ist es die Ausländerpolitik. In einer politischen Partei mitzuarbeiten, können sich hingegen bloss 27 Prozent vorstellen, Jugendparlamente halten lediglich 37 Prozent für sinnvoll.
Verlierer an der Urne. Bei eidgenössischen Abstimmungen gehört die Gruppe der 18- bis 29jährigen regelmässig zu den Verlierern. 61 Prozent stimmten für eine Schweizer Blauhelm-Truppe, 65 Prozent für die Initiative «Weg vom Tierversuch», 64 Prozent waren für einen Ausstieg aus der Atomenergie ? Vorlagen, die allesamt verworfen wurden. Widersprüchlich ist das Stimmverhalten der Jungen bei der EWR-Abstimmung: Eine Mehrheit von 60 Prozent der 25- bis 29jährigen votierte für einen Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum, eine Mehrheit von 51 Prozent der 18- bis 24jährigen war dagegen.
Mittlere (Un-)Zufriedenheit. 78 Prozent der Jungen unter 20 bezeichnen sich als Protestler, und eine überwiegende Mehrheit findet, dass die Politiker versagen. Andererseits sind 44 Prozent der 15- bis 25jährigen der Meinung, dass die Kluft zwischen den Generationen heute weniger gross ist als früher, während sie für 31 Prozent grösser geworden ist. 80 Prozent glauben, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kinder heute besser ist als früher.
Zur Jugendkultur. 48 Prozent der 15- bis 25jährigen halten die Kultur der Jungen für echt und 43 Prozent für eine Modeerscheinung. Für 9 Prozent ist alles blosse Manipulation.
Quellen: Bundesamt für Statistik, Biga, Vox-Analysen, Bundesamt für Gesundheitswesen sowie diverse Marktstudien.