Vincent Younis, Roseau, Dominica, ist 56 Jahre alt, verheiratet und hat neun Kinder, die zum Teil bereits erwachsen sind. Sein Hobby ist Kochen. Bis jetzt hat er einen Hyundai 100 gefahren, Zählerstand 338 000 Kilometer, der nun durch einen neuen Mitsu-bishi 12-Sitzer-Minibus ersetzt wird. Roseau ist die Hauptstadt des karibischen Inselstaates Dominica und hat 1 4500 Einwohner. Dominica ist etwas kleiner als der Kanton Solothurn.
Vincent Younis verdient 6000 EC-$ (East Caribbean Dollar) im Monat, das entspricht 2700 Franken. Der monatliche Hypothekarzins für sein 3-Zimmer-Haus beträgt 720 Franken.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Schätzungsweise 30 Stunden die Woche, und nochmals 60 Stunden warte ich. Als Flughafentaxifahrer muss ich oft warten, weil die Flugzeuge Verspätung haben. Der Flughafen Melville Hall liegt 47 Kilometer von Roseau entfernt, doch die Strassen sind so eng und kurvenreich, dass eine Tour zwei Stunden dauert.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Ich zahle Sozialbeiträge, ab 65 beziehe ich dann eine kleine Rente. Davon kann man aber nicht leben, so dass ich den Rest ansparen muss.
Wann haben Sie zum letzten Mal Ferien gemacht und wo?
Als eine meiner Töchter 2001 ihren Studienabschluss machte, verbrachte ich einen Monat bei ihr in New York.
Warum sind Sie Taxifahrer geworden?
Mein älterer Bruder hatte ein Taxiunternehmen, ich habe bei ihm ausgeholfen. Da er mich nicht bezahlen konnte, durfte ich mit dem Auto herumfahren. Das habe ich geliebt. Auf meiner ersten Taxifahrt habe ich eine Mutter und ihr totes Kind in ihr Heimatdorf zurückgebracht. Das Kind war gerade im Hospital gestorben.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Zeitung lesen, Nachrichten hören, mit den Kollegen Domino spielen.
Wer war Ihr prominentester Gast?
Der Generalstaatsanwalt von Griechenland. Er war sehr gesprächig, und als wir feststellten, dass wir beide gern kochen, kam es zu einer richtig schönen Unterhaltung. Er hat mir die Zypern-Frage erklärt.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
85 Franken. Es stammte nicht etwa von einem wohlhabenden Gast, sondern von einem einfachen Wachmann, der mit dem Service zufrieden war. In der Regel gibt es so um die 10 Franken.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Eine Digicam samt Laptop. Ich bewahrte beides zu Hause auf. Der Besitzer, ein Jamaikaner, hat sich erst zwei Wochen später bei mir gemeldet und seine Ausrüstung abgeholt.
Wie reagieren Sie im Stau?
Staus schrecken mich nicht. Brenzlig wird’s bei einem Erdrutsch, denn dann muss ich sofort ein Fahrzeug organisieren, das zur anderen Seite des verschütteten Strassenabschnitts kommt, damit der Gast seinen Flug nicht verpasst. Mein schlimmstes Fahrerlebnis hatte ich am Mittwoch, dem 29. August 1979, als der Hurrikan David die Insel verwüstete. Ich war unterwegs vom Flughafen nach Roseau. Es mag unglaublich klingen, aber an einer Stelle sind meine vier Passagiere ausgestiegen und haben das Taxi über einen Baumstamm gehoben.
Reden Sie mit den Fahrgästen?
Immer. Als erstes frage ich, ob sie Pass, Tickets usw. dabeihaben, denn ich habe schon erlebt, dass Gäste am Flughafen wieder umkehren mussten. Sichere Gesprächsthemen sind die neusten Weltereignisse und Sport.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt?
Das Gelände der ehemaligen Limettenplantage Elmshall hinter dem Botanischen Garten in Roseau, da wohne ich.
Was kostet die Fahrt vom Flughafen aus dorthin?
20 Franken pro Person oder 60 Franken, wenn jemand das Taxi für sich allein haben will.
Was war die bedrohlichste Situation, die Sie erlebt haben?
Eine deutsche Dame hatte mich zu spät bestellt und war entsprechend in Eile. Ich war der ideale Sündenbock, und so schimpfte sie und weigerte sich gar zu zahlen und drohte, mich zu schlagen. Erst das Eingreifen eines Polizisten hat sie schliesslich zur Vernunft gebracht.
Womit verwöhnen Sie sich?
Ich liebe alles Süsse, und auch das Fernsehen ist eine grosse Versuchung.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich würde das Leben meiner Familie auf eine solide Basis stellen. Ich könnte meinen Kindern eine optimale Ausbildung bieten und würde mit meiner Frau öfter auf Reisen gehen.
Wie gehen Sie mit den unzähligen Schlaglöchern auf den Strassen um?
Ich kenne jedes einzelne Schlagloch in Dominica, und wir haben immerhin 390 Kilometer asphaltierte Strassen. Übrigens: Immer wenn Wahlen anstehen, versprechen alle Parteien das Beseitigen der Schlaglöcher.
Taxameter
Taxis haben hier keinen Zähler, es gelten Streckentarife.
Dominica
Einwohner: 69 600
BIP pro Kopf: CHF 4277
Benzin: 1 l CHF 0.90
Milch: 1 l CHF 2.15
Coca-Cola: 1 l CHF 1.80
Brot: 1 kg CHF 1.55
Reis: 1 kg CHF 0.95
Kinobillett: CHF 5.85
Zigaretten: CHF 1.45
Bananen: 1 kg CHF 0.80