«MEIN GELD WÜRDE ICH GERN an der Börse investieren. Das ist zwar ein Risiko, aber man kann dort zurzeit gute Geschäfte machen. Wir sind ein paar Kollegen, die sicher 10 000 Franken zusammenbringen würden. Ich selber besitze etwa 2000 Franken, die ich mir bei meinem Vater, der leitender Angestellter ist, im Büro erarbeitet habe.
Dieses Zimmer ist seit sieben Jahren meines. Zur einen Seite sehe ich auf den Zürichsee, zur anderen zum Üetliberg und zum Hans-Asper-Sekundarschulhaus. Als Primarschüler dachte ich immer, ich könne dann einmal von meinem Zimmer direkt zu meinem Schulhaus sehen. Nun gehe ich aber ins Gymnasium, in den Freudenberg. Was ich studieren werde, weiss ich noch nicht. Vielleicht Medizin oder etwas in Richtung Wirtschaft. Mein Traumberuf wäre aber Diplomat.
Auf den See schaue ich gern. Seit kurzem besitze ich ein Fernrohr, damit kann ich die Leute im Zürichhorn und im Tiefenbrunnen sehen. Die auf den Schiffen könnte man sogar erkennen. Man sieht alles super, das Fernrohr vergrössert 60mal. Beim Hale-Bopp hatte ich es noch nicht, aber der Mond ist auch spannend. Das Fernrohr stammt vom Flohmarkt, dort haben wir einen Stand. Leider kaufen wir dort immer mehr, als wir verkaufen, das häuft sich dann alles hier an. Ich bin der Meinung, dass mein Zimmer das aufgeräumteste der Wohnung ist. Die anderen haben überall immer ein Puff, das nervt mich manchmal.
Zuerst hatte ich ein grösseres Zimmer. Als dann zuerst ein Bruder und dann noch ein zweiter dazukam, wünschte ich mir ein eigenes. Im Laufe der Zeit habe ich ab und zu die Möbel umgestellt. Der Ledersessel steht noch nicht sehr lang hier, der war verstossen, und ich habe mich seiner erbarmt. Früher hatte ich an der Wand «Bravo»-Plakate, Ansichten von New York und dergleichen. Heute eher Fotos, die mein Vater oder ich gemacht haben. Als Fotograf stehe ich noch in seinem Schatten. Der Computer gehört der ganzen Familie. Er hat Internet-Anschluss, aber ich surfe nicht oft. Sicher ist es spannend, was es da alles gibt, aber ich muss es nicht haben.
Eigentlich hätte ich den Computer sowieso gerne draussen. Meine Brüder - sie sind neun und zehn - benutzen ihn als Vorwand, in mein Zimmer kommen zu dürfen. Dann gehen sie auch an meine Sachen, oder sie kämpfen, bis die Plakate von den Wänden kommen. Oder sie bringen Kollegen mit. Am meisten stört es mich, wenn ich selber hier bin und die zu fünft am Computer hängen. Dann werfe ich sie hinaus. Anatol, der Kleine, gehorcht mir, wenn ich es sage. Bei Yannick muss ich meistens etwas grob werden. Er ist eher der Rebellische in der Familie.
Dieses Haus, ein 400jähriges Riegelhaus, steht an der Hoffnungsstrasse in Wollishofen. Unsere Wohnung hat fünf oder sechs Wohnräume, je nachdem, wie man zählt, und einen Garten, in dem ich im Sommer öfter bin als hier drin. Mein Zimmer teile ich mit einer Schlange und einem Gecko. Die Schlange, eine Kornnatter ist anderthalb Meter lang und harmlos. Ich hatte sie mir vor fünf Jahren gewünscht, und wir fanden sie über ein Inserat. Einmal war sie für drei Monate weg. Sie hatte sich unter dem Holzboden verkrochen und kehrte dann von allein in den Käfig zurück. Unterdessen hat sie für mich an Bedeutung etwas verloren. In die Betreuung teile ich mich mit meiner Mutter. Sie gibt das Futter, also die Mäuse, und ich das Wasser. Die Mäuse züchten wir selber. Weil meine Brüder Freude an Mäusen haben, sind diese Futter und Spielzeug in einem. Den Gecko mussten wir mit der Schlange nehmen, er war im selben Angebot.
Wichtiger hier drin ist mir aber das Nageltotem, ein Holzbock, in den wir Nägel eingeschlagen haben, sicher etwa 20 Kilogramm. Eigentlich hat mein Bruder es zum Geburtstag bekommen, aber ich habe es annektiert. Die Kugeln, die von der Decke hängen, hat Pierre, mein Vater, vor Jahren aus Madrid mitgebracht, im Handgepäck, fünf Stück zu je etwa fünf Kilogramm! Sie stammen aus einem grossen Kugellager. Hanni, das ist meine Mutter, wollte erst nicht, dass wir sie aufhängen, weil die Kleinen den Kopf hätten anschlagen oder einklemmen können. Aber unterdessen sind die beiden ja grösser.
Unten haben wir noch einen Beo, der das Telefon nachmachen, pfeifen und etwas sprechen kann, dann noch zwei Schildkröten sowie Stabheuschrecken und lebende Blätter, eine Insektenart. Gefüttert werden die Tiere vor allem von meiner Mutter. Im Moment hat Fuego, die Katze, drei Junge. Momo, der Kater, ist aber schon wieder brünstig. Seine Brunstrufe schallen durchs ganze Haus. Oft ist er auch auf dem Dach und schreit dort vor dem Fenster einer Nachbarskatze das halbe Quartier zusammen.
Mein Traumhaus wäre ein Erdhaus, eines von jenen, die mit Gras bewachsen sind und in denen innen alles abgerundet ist. Aber dieses hier ist auch nicht schlecht.
Ich lese viel lieber als früher, im Augenblick für die Schule Wilde und Federspiel. In der Freizeit pokere ich manchmal, um Geld. Pro Runde habe ich schon bis zu zehn Franken gewonnen - oder verloren. Politik finde ich auch spannend. Mich hat schon früh interessiert, was in der Schweiz politisch abläuft. Ich tendiere da eher nach links. In die Disco gehe ich nur am Wochenende. Ich komme jeweils so um zwei Uhr nach Hause. Meine Eltern lassen mir da viel Freiheit. Solange ich in der Schule mitkomme, sagen sie nichts.
Eine Freundin habe ich nicht. Ob mich die Mädchen nicht interessieren? Doch, doch! Ich sie, glaube ich, auch.»