LORENZ OKEN, als deutscher Naturphilosoph 1833 zum ersten Rektor der Universität Zürich berufen, empfand zeit seines Lebens «vor aller Regellosigkeit einen Abscheu». Die Verhältnisse hatten es dem Bauernsohn nicht erlaubt, sein Leben der Wehrkunst zu widmen. Doch auf dem Katheder behauptete er sich als ein Feldherr im Reich der Pflanzen und der Tiere, das zu ordnen er sich anschickte ganz nach Kasernenart.
Hatte er in seiner «Rede über das Zahlengesetz in den Wirbeln des Menschen» die 34 menschlichen Wirbel so lange durcheinandergewürfelt und ergänzt, bis sie vollständig in Fünfergruppen - gemäss einer seiner Lieblingszahlen - sortiert waren, so gab er in seinem «Lehrbuch der Naturgeschichte» 1825 einen Begriff davon, wie weit man es bringen konnte, war man nur von der «Gesetzmässigkeit der Zahl in der Natur» überzeugt.
Die Einteilung der Tiere nach ihren fünf Sinnesorganen, wie er sie früher schon vorgenommen hatte, gab ihm das Vorbild für die Einteilung der Welt der Pflanzen. In dieser machte er dreizehn Organe aus, die in der vollkommenen Pflanze alle zusammen zu finden sind, in weniger vollkommenen aber nur vereinzelt vorkommen, so dass «das gesammte Pflanzenreich nichts anderes ist als eine einzige Pflanze in ihre Theile zerlegt» - nämlich Zellen, Adern, Drosseln, Wurzel, Stengel, Laub, Samen, Gröps, Blume, Nuss, Pflaume, Beere und Apfel.
Zwei Länder bilden nach Oken das Pflanzenreich, Stocker und Bluster, die ihrerseits in zwei Gaue gegliedert sind, Marker und Stammer beziehungsweise Blüher und Fruchter; Klassen, Stufen, Ordnungen, Zünfte, Sippschaften und Sippen verfeinern die Unterteilung. Da an den herkömmlichen und noch heute gültigen Pflanzennamen, die der grosse Taxonome Carl von Linné eingeführt hatte, die Systematik der Ordnung nicht ablesbar ist, ersann Oken eine kombinatorische Nomenklatur, als deren Ordnungszahl er die Dreizehn nahm. Aus 13 Klassen ergaben sich 13×13 Zünfte und 13×13×13 Sippen, und da die Zahl der Pflanzenorgane ebenfalls dreizehn war, liessen sich aus deren Namen sämtliche Namen kombinieren. Waren zweigliedrige Komposita für die 169 Zünfte durchaus angebracht, erschienen dreigliedrige für die 2197 Sippen aber zu schwerfällig - Wörter wie Zellendrossler oder Laubgröpser mochten angehen, Gröpslaubzeller oder Drosselzellengröpser indes widerstrebten Okens Sprachgefühl. Also prägte er für jede der 169 Zünfte ein nomen simplex, das er dem Kompositum zur Seite stellte. So wurden beispielsweise im Land der Stocker die Ader-Ader zu Schlinken und die Ader-Lauber zu Dusen, die Ader-Zeller zu Matzen und die Gröps-Aderer zu Stuppen, die Drossel-Stengler zu Schwaden und die Drossel-Lauber zu Schwideln; im Land der Bluster, nicht minder voller Wunder, treffen wir auf Gewächse wie Schraden, Schlutten und Schrallen, Grampen, Gulpen und Glahnen oder Ramseln, Rodeln und Pimpeln.
Nun wuchs nicht nur kein Kraut mehr, das nicht gezählt und getauft gewesen wäre, nein, der Name der Pflanze selbst verwies auf ihren Platz in der Hierarchie so gut wie ein Adelstitel. Die Apfel-Stengler etwa, als Mummeln die 13. Zunft in der vierten Ordnung der zweiten Stufe im ersten Land des Reiches, zählen 13 Sippen, als da sind: Zellen-Mummeln, Ader-Mummeln, Drossel-Mummeln, Wurzel-Mummeln, Nuss-Mummeln, Laub-Mummeln, Samen-Mummeln, Gröps-Mummeln, Blumen-Mummeln, Stengel-Mummeln, Pflaumen-Mummeln, Beeren-Mummeln und Apfel-Mummeln. «Diese Überzeugung, dass selbst in dem fast gränzenlosen und scheinbar gänzlich verwirrten Reiche dennoch alles an seinem gehörigen Orte steht und nach Zahl und Gestalt berechnet ist», schrieb Oken im Rückblick auf sein Werk, «gibt Trost in den Untersuchungen, Freude in der Beschauung dieses schönen und ungeheuren Gebäudes, Lust, dasselbe nach allen Seiten rastlos und aufmerksam zu durchwandern und zu besteigen.»
Der Schweizer Naturforscher Louis Agassiz, der in München zu Okens Hörern gezählt hatte, erinnerte sich seines Lehrmeisters als eines der «anziehendsten Professoren», der «das ganze Universum aus seinem eigenen Gehirn aufbaute» und dem Publikum den Eindruck vermittelte, «als ob der langwierige, mühsame Prozess des Anhäufens genauer eingehender Kenntnisse nur die Arbeit von Pedanten sein könne». Klein, hager, von dunklem Teint und ein fesselnder Redner, war Oken den Zeitgenossen lebhaft im Gedächtnis, und etwas verwundert nimmt man zur Kenntnis, seine Mitarbeiter hätten unter seinem wenig entwickelten Ordnungssinn gelitten.
Okens Sprachschöpfungen haben grösstenteils nicht überlebt. Einige aber sind in den Wortschatz eingegangen - so Quallen, Kerfe, Lurche, Schleiche, Echse, Falter, Nesthocker, Nestflüchter oder Zelle.
An Oken erinnert in Zürich nebst dem Grab auf dem Friedhof Sihlfeld und einer Büste in der Universität die Okenstrasse; auf dem Pfannenstiel, seinem bevorzugten Ausflugsziel, der zu seinen Ehren «Okenstein» getaufte Findling. Darauf ist das Geburtsdatum des Zahlenmagiers mit 2. August 1779 angegeben - in Wahrheit war es der 1. des Monats.
In Zürich war es auch, wo Oken seine grosse «Allgemeine Naturgeschichte für alle Stände» (1833?1841) schrieb. Es ist das letzte Werk, in dem ein und derselbe Verfasser die ganze Naturgeschichte erschöpfend behandelt. Es zählt dreizehn Bände.