NZZ Folio 08/02 - Thema: Schule   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Nicos Offshore-Atelier an der Côte d'Azur

Von Lilli Binzegger
«AUF DIESES APPARTEMENT im prächtigen Haus im Park Vallombrosa in Cannes hat uns, meine Frau und mich, Gottfried Honegger gebracht, der zwei Stockwerke höher und auf 100 Quadratmetern mehr residiert. Unseres hat ungefähr 200 Quadratmeter. Es ist ein wunderbarer Lebensraum, mit freier Sicht aufs Meer, das ich liebe. Vielleicht hat das mit meiner Herkunft zu tun, ich bin in Hannover aufgewachsen, und unsere Schulreisen führten uns immer ans Meer. Berge mag ich weniger. Der einzige Berg, den ich aus eigener Kraft bestiegen habe, ist der Pilatus, schätzungsweise 1960. Wir mussten einen von uns von oben heraufziehen und von unten hinaufschieben, sonst wäre uns der vor Angst vom Berg gefallen.

Wir haben sieben Monate renoviert. Als wir die Wohnung kauften, hatte es hier olivgrüne Tapeten, und auch sonst war während etwa 100 Jahren nichts gemacht worden. Ein Boden aus schmürzeligen sechseckigen Plättli, total kaputt und zum Teil angemalt. Vier Bäder, und im einzigen, das zu gebrauchen war, landete das ganze Wasser bei Madame Février im Stock unter uns, als unsre Tochter nach dem ersten Bad den Stöpsel herauszog. Da hatte Madame Février aber schön November! Kam herauf und rief: Hört sofort auf! Ausnahmsweise hatten einmal wir einen Wasserschaden verursacht. Nun gibt es doch so wenig Wasser an der Côte, und wir sind hier schon dreimal umgezogen, weil wir überall das Opfer von Wasserschäden wurden.

Im Château Vallombrosa wohnen können wir seit letztem Oktober. Ich habe vor, etwa 70 Prozent meiner Zeit hier zu sein: drei Wochen in Cannes, eine Woche in Zürich oder im schönen grossen Elternhaus meiner Frau, an dem sie halt immer noch sehr hängt. Die Karikaturen kann ich von überall her machen. Ich stehe um halb acht auf und lese zwei Stunden zum Kaffee Zeitung, "Libération", "Le Monde", dann auch "USA Today" oder die "Financial Times". Unten am Kiosk hat es immer auch zwei, drei NZZ. Manchmal bin ich zu spät dort, und die Kioskfrau ruft: Der Gottfried war schon da. Dann ist für mich bis am Nachmittag Ruhezeit. Gegen vier Uhr fängt es in mir an zu kribbeln, da formen sich die ersten Ideen, ich weiss aus den Zeitungen und dem TV ja, was passiert ist. Um viertel nach sechs ist in der Redaktion in Zürich Abendsitzung, danach steht fest, was tags darauf in der Zeitung steht. Ich rufe den Tagesleiter an, und wir besprechen, zu welchem Thema es eine Karikatur geben soll.

Dann beginne ich zu zeichnen und schicke die Zeichnung, manchmal sind es auch mehrere, per Fax in die Redaktion. Es kommt mir immer etwas in den Sinn, aber ich will nichts beschönigen: es kommt nicht immer gleich leicht, und es ist nicht immer gleich gut. Ich reagiere reflexartig auf Ereignisse, sehe rasch, wo das Lächerliche, wo der Widerspruch steckt.

Ich erhalte sehr viele Reaktionen, die negativen per Post oder per Mail, die positiven bekomme ich eher in Begegnungen zu spüren. Einer sagte mir einmal, ich mache ihm wahnsinnig viel Arbeit, weil sein fünfjähriger Sohn jeden Morgen wissen wolle, was die Zeichnung im "Tagi" bedeute. Angst, dass mich Blocher einmal vermöble? Nein. Ich bin sowieso stärker als er.

Dieser Teil der Côte d’Azur ist politisch wohl etwa der schlimmste Streifen von Europa. Es hat ganz grässliche Leute hier, Le-Pen-Anhänger und Gauner, die kommen alle wegen des wunderbaren Klimas. Etwa Mobutu mit seiner Entourage. Gott sei Dank ist er gestorben, so musste man ihn nicht umbringen. Oder Jacques Médecin, der ehemalige Maire von Nizza, der mit der Stadtkasse durchbrannte und später aus dem Knast in Grenoble seine neuerliche Kandidatur bekanntgab. Ich würde sagen, in jeder zweiten Villa mit Meeranstoss ist ein Gauner. Dennoch kann ich hier gut leben. Ich vermag ja nichts beizutragen und nichts zu verändern, ich bin ein Gast wie jeder andere Gauner.

Die Schweiz kann ich auf Distanz besser betrachten, die Adrenalinstösse über politische Vorgänge nehmen ab, und ich rege mich nicht mehr so auf. Zudem bekam ich vor zehn Jahren in meiner rechten Hand Gicht, die so schlimm war, dass ich mir ein besseres Klima suchen musste. Olten ist sechs Monate im Jahr vernebelt, das geht dir in Knochen und Hände.

In die Schweiz kam ich 1956 mit 19, ich war aus Deutschland geflüchtet, weil ich zum Militär eingezogen werden sollte. Eine Woche nach der Musterung war ich in Luzern. Ich bin Schweizer. Sag mir bloss nie, ich sei ein Sauschwab! Ich bin 1967 eingebürgert worden, in Opfikon!

Ein Raum, in dem ich nicht leben könnte? Zum Arbeiten brauche ich, wie mein Kollege Michelangelo, keine Aussicht. Im "Tagi" sagte ich jeweils, wenn sie mich mit fünf anderen in einem Raum zusammentun wollten: Gebt mir meinetwegen die Toilette. Verstehst du - Einzelhaft. Zum Leben möchte ich schon eine schöne Landschaft um mich herum haben.

Aber ich habe schon total beschissen gewohnt, und es hat mir auch nicht so viel ausgemacht. Nach dem Krieg, als die Engländer unsere Wohnung besetzten, mussten wir, Mutter und wir drei Buben, in den Estrich. Da lebten wir während Jahren in einem Lattenverschlag. Ich habe meine Hausaufgaben praktisch ohne Licht gemacht. Man sah zwischen den Dachziegeln hindurch etwas Himmel. Im Winter haben wir diese Lücken mit Zeitungen und Jutesäcken zugestopft. Ich kann auch so leben. Der Drang ist aber natürlich nach Sonne, nach blauem Himmel. Ich sollte hier eigentlich sehr glücklich sein.

Wenn meine Frau da ist, kochen wir oft selbst. Das Einkaufen auf dem Markt ist mir ein grosses Vergnügen, und dann kaufe ich immer zu viel. Ich nehme von allem immer zwei. Ich kaufe zwei Brote, zwei Mödeli Butter, weil ich immer denke: Eins geht ja aus, dann hast du noch eins. Da bin ich immer noch der kriegsgeschädigte Bub. Wenn ich allein da bin, verdrücke ich abends während der Arbeit ein Stück Brot und gehe um elf an den Strand etwas essen. Der Strand ist 100 Meter entfernt.

Eine Karikatur über mich, wie die aussähe? Kürzlich habe ich einen Freund in Nizza vom Flughafen abgeholt. Wie ich aussteige, ist da eine kleine Betonschwelle. Ich mache einen langen Schritt drüber, rutsche aus, mache den Spagat, fliege um und breche mir die Rippen. Ich rapple mich auf und stelle fest: Ich bin auf einer Bananenschale ausgerutscht.

Ich blieb minutenlang laut lachend sitzen und fasste es nicht. Da passiert mir, was jeder Karikaturistenlehrling sich zu zeichnen schämen würde. Die Bananenschale, das war mal, das zeichnet kein Schwein mehr. Und ich falle wegen einer Bananenschale auf den Arsch und breche mir die Rippen, mit über sechzig.»

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