NZZ Folio 11/97 - Thema: Hund und Katz   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Das vermeintliche Fossil

Von Herbert Cerutti

IN EINER VITRINE des Zürcher Paläontologischen Museums liegt eine hellgelbe Kalksteinplatte aus einem Steinbruch bei Solnhofen in Bayern. Darin eingebettet sind die versteinerten Knochen eines metergrossen Quastenflossers. Diese Fische lebten bereits in der Devonzeit vor fast 400 Millionen Jahren; mit um die 30 verschiedenen Arten gehörten die Quastenflosser zu den häufigsten Fischen des Erdaltertums. Von den vielen Fossilfunden ist aber keiner geologisch jünger als 70 Millionen Jahre. Daraus schlossen die Biologen, dass die Quastenflosser noch vor den Dinosauriern das globale Aus getroffen haben muss.

Am 22. Dezember 1938 warf eine zufällige Entdeckung das Gelehrtenwissen über den Haufen. Im Mündungsgebiet des Chalumna River vor der Ostküste Südafrikas ging Fischern ein seltsamer Geselle ins Netz: ein stahlblauer Fisch mit je einem Paar paddelartiger Flossen an Brust und Bauch. Das anderthalb Meter grosse Tier stammte offensichtlich aus der Tiefsee und verendete bald an Deck. Der Kapitän hatte noch nie ein solches Wesen gesehen. Er übergab den Fund in der Hafenstadt East London Mary Courtenay-Latimer, der jungen Kuratorin des Naturhistorischen Museums. Aber auch die Forscherin konnte das Tier nicht einordnen, also schickte sie James L. B. Smith, einem führenden Fischexperten, eine Skizze des Tieres. Als Smith die Zeichnung sah, war er wie vom Donner gerührt. «Ich wäre kaum erstaunter gewesen, wenn mir auf der Strasse ein Dinosaurier begegnet wäre», erinnerte er sich später. Denn der Fachmann wusste sofort, dass es sich beim marinen Findling um einen Vertreter der angeblich längst ausgestorbenen Quastenflosser handelt. Die neuentdeckte Art wurde zu Ehren von Kuratorin und Fangort Latimeria chalumnae getauft.

Die Kunde vom «lebenden Fossil» war eine Riesensensation. Latimeria interessierte um so mehr, als man seit Beginn dieses Jahrhunderts vermutete, die ersten landbewohnenden Vierfüsser, die Amphibien, hätten sich vor 350 Millionen Jahren aus frühen Quastenflossern entwickelt. So entspricht das Skelett der an einem kurzen Stiel hängenden Flossen der Urfische weitgehend dem Knochenbau der Glieder beim Vierfüsser. Und es gibt auch Hinweise, dass Quastenflosser bereits Lungen besassen. Nicht verwunderlich, dass man der Latimeria zutraute, sie spaziere mit ihren Flossen wie ein Hündchen auf dem Meeresgrund.

Um Näheres über Latimeria zu erfahren, suchte man intensiv nach weiteren Exemplaren. Allerdings ergebnislos. Erst als die Zoologen Flugblätter verteilten und happige Fangprämien versprachen, meldete 1952 ein Angler, er habe vor den Komoren zwischen dem Norden Madagaskars und der Küste von Moçambique einen Quastenflosser an Land gezogen - immerhin 3000 Kilometer nördlich des ersten Fangortes. Schliesslich erfuhren die nach den Komoren geeilten Forscher, dass Einheimische immer wieder mal einen solchen «Kombessa», wie man hier diesen Fisch nennt, an der langen Leine hätten. Ein solcher Fang ist für die Fischer aber wegen des tranigen Geschmacks des Fleisches eher eine Enttäuschung. Die Zoologen schlossen jetzt, dass Latimeria chalumnae höchstwahrscheinlich in den Gewässern der Komoren zu Hause ist und wollten das natürliche Verhalten der Tiere in ihrem noch unbekannten Lebensraum direkt beobachten. Eine Analyse des Hämoglobins zeigte für das Latimeria-Blut die beste Sauerstoffsättigung bei einer Temperatur zwischen 15 und 17 Grad Celsius, was auf eine bevorzugte Wassertiefe von etwa 200 Metern schliessen lässt. Hans Fricke vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen tauchte mit einem Miniaturunterseeboot entlang der steil abfallenden Lavafelsen an den Westküsten der Vulkaninseln Grande Comore und Anjouan. 1987 bekam er die ersten lebenden Quastenflosser vor die Scheinwerfer und Kameras - eine Gruppe von sechs Tieren, alle um die zwei Meter lang und schätzungsweise 80 Kilogramm schwer.

Mittlerweile haben Fricke und sein Team um die 70 verschiedene Individuen auf Grund der persönlichen Muster weisser Hautflecken registriert. Fünf Quastenflossern ist vom Tauchboot aus mit einer Harpune ein Ultraschallsender in die Körperhaut eingepflanzt worden, was ein laufendes Erfassen von Aufenthaltsort und Tauchtiefe ermöglicht. Die so in den letzten 10 Jahren gesammelten Erkenntnisse lassen Latimeria auch in seinem Verhalten als einen höchst ungewöhnlichen Fisch erscheinen.

Alte Lavaflüsse haben an den steilen Vulkanküsten zwischen 180 und 210 Meter Wassertiefe eine lange Kette zerklüfteter Unterwasserhöhlen hinterlassen. Hier verstecken sich tagsüber die Quastenflosser in Gruppen von über einem Dutzend Tieren und dümpeln fast bewegungslos. Mit ihrem weissen Fleckenmuster sind sie vor den mit hellen Muschelschalen tapezierten Höhlenwänden kaum erkennbar. Nachts aber geht Latimeria auf Jagd. Sie lässt sich von lokalen Strömungen praktisch ohne eigene Schwimmbewegungen treiben, die Flossen wie Tragflügel ausgestreckt. Will der Fisch aktiv schwimmen, schlägt er synchron mit rechter Brust- und linker Bauchflosse und dann mit linker Brust- und rechter Bauchflosse, was dem Kreuzgang eines trabenden Vierbeiners verblüffend ähnlich sieht. Solche Schlagabfolge der vier Paddelflossen verhindert ein Rollen des rundlichen Fischkörpers um die Längsachse. Obwohl zu hydrodynamischem Nutzen entwickelt, könnte dieses Bewegungsmuster sehr wohl den Landgang der Nachfahren der Quastenflosser vorgespurt haben.

Gerät Latimeria beim Driften ein Beutefisch vor die Schnauze, zeigt der behäbige Gleiter plötzlich Temperament. Unterstützt durch zusätzliche Einzelflossen an Bauch und Rücken, beschleunigt der mächtige Fisch in einer halben Sekunde auf gegen 50 Kilometer pro Stunde, was der Beute kaum eine Chance lässt. So durchstreift der Quastenflosser die nächtliche See bis zu Tiefen von 500 Metern. Da aber in solch grosser Tiefe Beutefische rar sind, braucht Latimeria etliche Tricks, um zu überleben. Zum Orten der Beute im Dunkeln besitzt sie an der Schnauze Elektrosensoren. Und das träge Leben mit nur sehr kurzen Jagdsprints spart wertvolle Energie. Berechnungen zeigen, dass der Quastenflosser im Tag pro Kilogramm Körpergewicht lediglich 90 Milliliter Sauerstoff verbraucht, 130mal weniger als der agile Thunfisch. Bei solch reduziertem Stoffwechsel benötigt die doch menschengrosse Latimeria pro Tag nur 20 Gramm Beute. Es war wohl dieses Trimmen auf extreme Genügsamkeit, was der letzten Spezies der Quastenflosser ermöglichte, im kargen Tiefseehabitat zu überleben und so der Konkurrenz der «modernen» Fische jahrmillionenlang ein Schnippchen zu schlagen.

Trotz scheinbar passivem Driften kennt Latimeria eine Vielzahl verschiedener Bewegungsmuster. Der Fisch schwimmt vorwärts und rückwärts, legt sich auf den Rücken oder steht minutenlang auf dem Kopf. Nur eines tut er nicht: mit seinen Flossen am Boden kriechen. Deshalb hat sich heute unter Paläontologen doch die Meinung durchgesetzt, die ersten an Land gekrochenen Wesen stammten nicht direkt von Latimerias Vorfahren, der Quastenflossergruppe der Actinistia, ab. Vielmehr hätten sich die Vierfüsser aus im Süsswasser lebenden Quastenflossern der längst ausgestorbenen Gruppe der Rhipidistia entwickelt.

Selbst nach 200 Tauchfahrten in Tiefen bis zu 400 Meter haben Hans Fricke und sein Team noch kein Jungtier gesehen. Ein trächtiges und mit einem Ultraschallsender markiertes Weibchen tauchte auf 700 Meter ab und blieb dort während mehrerer Tage. Die Forscher vermuten, es habe in der grossen Tiefe seine Jungen geboren. Ein von Fischern gefangenes Weibchen hatte 19 tennisballgrosse Eier im Eileiter; ein 1991 ins Netz gegangenes 98 Kilogramm schweres Weibchen trug 26 fast fertig entwickelte, pfundschwere Jungtiere im Bauch. Der Quastenflosser ist also ein Lebendgebärer; als Tragzeit vermutet man 13 Monate.

Grosse Sorge bereitet die Beobachtung, dass in jüngster Zeit die Zahl der Quastenflosser drastisch abnimmt. Hat Fricke 1991 vor Grande Comore pro Höhle durchschnittlich 20 Tiere gezählt, waren es 1994 nur noch 6. Insgesamt dürften heute entlang der Küste von Grande Comore kaum mehr als 200 Quastenflosser leben. Als Ursache für den dramatischen Schwund nennt Fricke das Befischen der Tiefwasserzonen nahe der Küste. Zwar hatte die Europäische Gemeinschaft Ende der achtziger Jahre den Bewohnern der Komoren Boote mit Aussenbordmotoren spendiert, damit sie weiter von der Küste entfernt fischen können. Nach wenigen Jahren sind die Motoren nun aber schrottreif. So rudern die Fischer wieder mit den alten Holzkanus dem Steilufer entlang und lassen die Leinen bis in die dunkle Welt der Quastenflosser sinken.

Als rettende Alternative schlägt Fricke vor, für die Fischer spezielle Einrichtungen zum Anlocken guter Speisefische weit oberhalb der Lebenszone der Quastenflosser zu installieren. Und die Einheimischen sollten vom Quastenflosser sogar profitieren: Eine vor einer Unterwasserhöhle montierte Fernsehkamera könnte das seltsame Treiben der berühmten Fische live in ein nahes Tourismuszentrum übertragen.


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